Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 11

Chapter 112,989 wordsPublic domain

So überzeugte ich mich also, daß das =Aesthetische= nicht des =Ethischen= entbehren könne, weil das Product des vernünftigen Willens Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus, entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befördern oder zu zerstören: da nun das Drama die ideelle Darstellung menschlicher Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhältnisse einen großen Theil des Ganzen. Der Dichter muß für die geistige Ordnung begeistert sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwören, um sie wieder verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschüttern und spannen; denn in der bloßen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles Gefühl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.

Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntniß jener Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit gehuldigt. Große Verbrechen verwechselte man mit großen Verbrechern und achtete sie mehr als eine einfältige Tugend. Die Wollust wurde sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natürliche freie Gefühl vom Parnaß wegzutreiben.

Ich sah wohl ein, daß ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verächter finden würde; aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe für das Gute und Wahre, oder meine Ueberzeugung nicht umstoßen.

Welche Heldenzeit konnte ich nun besser wählen, als die meines eignen Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und doch so viel herrlichen Stoff für die Dichtung darbot? Auch für Fremde mußte dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen zu lernen; wir freuen uns über die Dampfschiffe, die so schnell Nationen mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Beförderung, die weniger Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott hat auf eine höchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten verdienen die alten Skandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze Europa überschwemmten, und von denen die großen südlichen Nationen zum Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der Tragödie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen genau gezeichnete =Portraits= unserer Vorfahren zu geben; nur die großen Thaten, die großen Characterzüge habe ich mit dem allgemein Menschlichen verbunden.

Ich habe bereits davon gesprochen, daß Schiller in der Braut von Messina den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, daß er ungeachtet unzähliger Schönheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. In =Baldur dem Guten= gebrauchte ich alle griechischen Formen, und es schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natürlich mit den alten nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stück dichtete ich auf meiner Reise in Weimar und Dresden.

[Sidenote: Ueber meine eigenen Tragödien.]

In Paris verschaffte mir Bröndsted Suhm's Geschichte von Dänemark aus der großen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische Tragödie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dänische schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich wählte ihn um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschloß, das ich in Halle ziemlich gründlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade für das Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfänglich. Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dänen für die Poesie begeistert -- ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter der Königin Elisabeth. Es gehört eine vorhergehende Kraftanstrengung dazu, das Spießbürgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen -- und eine Nation für das Große, das Schöne zu stimmen. In der glücklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am besten. Mein Hakon hatte, obwohl die Hauptrolle von Frydendahl gespielt wurde, großes Glück gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die Originalität, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen streben soll, ganz verschwinden muß, wenn ein Schauspieler als Modell dasteht. Von der eigenen Subjectivität des Dichters kann er, =soll= er sich nie ganz losreißen. Die subjective Anschauung und die Begeisterung des Dichters ist der Stoff für das Ideale in seinen Werken, sowie das Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persönlichkeiten suchen. Wenn er nur für den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn er solche Persönlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine Tragödie dichtete. Dies war nämlich der Norweger Rosing, ganz für diese Rolle geschaffen, nun aber -- gelähmt, für mich, für die Kunst, für die Welt verloren.

Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines größern poetischen und politischen Lebens untergehen mußte. In Palnatoke wollte ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mönchswesen, dem verbrecherischen Mönchskönig. Deshalb siegt das Heidenthum und blüht noch einmal in dem kräftigen Jomsburger Bunde auf.

Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so befürchtete ich doch nicht, daß die ähnliche Scene in beiden Stücken mit dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil mißverstanden werden würde. Diese Scene ist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung. Sie zeigt, wie so Vieles, daß oft Dasselbe in der Welt, jedoch höchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragödie rührend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod täglich gewöhnten Heiden behandelt; doch handelt das =Vaterherz= in beiden Scenen und die Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit würde eine solche Verwegenheit -- wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben gehabt hat -- nur empörende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Hätte ich Thorvald Bidförle's Sage in Paris gehabt, so würde ich diesem Character mehr von dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.

Etwas Komisches traf ein, als ich das Stück dichtete. Ich arbeitete eines Abends spät (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewöhnlich am Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, daß er in den Leichenkleidern eintritt und sagt: »Hier stehe ich in meiner wahren Tracht,« u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so lebhaft vor der Seele, daß ich selbst erschrak, zu Bröndsted hineinlief, nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem Fortepiano vorzuspielen.

Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es glückte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht, den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre später erst ihren meisterhaften Darsteller in Ryge.

Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so ließ ich sie auch nicht darin auftreten. Im nächsten Winter schrieb ich =Axel= und =Walborg=, worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich die =Treue der Liebe=, sowie ich ein paar Jahre darauf in =Hagbart und Signe= die Leidenschaft des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch und mit nordischem Gefühl. Mit der sinnlich glühenden südlichen Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde Septembermond über dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.

Ich habe bereits erzählt, daß ich den Aladdin wieder von Neuem übersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder! Wenn man bedenkt, daß ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte, Deutsch zu dichten. Ich übersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf übersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere andere Stücke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: der =irrende Ritter=. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich keins, doch habe ich es später gekürzt in meine deutsche Sammlung der poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von Sachverständigen nicht entbehrt.

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Ich habe erzählt, wie sehr ich Talma in der Tragödie bewunderte; obgleich ich der französischen Tragödie nicht Geschmack abgewinnen konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm conventionell fand, zwang er mich doch, viel große Schönheiten darin zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er nämlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schluß bei den großen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, übertriebene Weise, streckte die Hände in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann einen furchtbaren Applaus. In einem Gespräch mit einem meiner Bekannten, der Talma auch kannte, sagte ich: »Wenn ich mit Talma spräche, würde ich es ihm rein heraus sagen.« -- »»Das brauchen Sie nicht«« -- entgegnete der Andere -- »»denn Talma weiß es selbst sehr gut.«« -- »Und was sagt er darüber?« »»Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine Landsleute bereits an so viel Natur gewöhnt; in =Etwas= muß ich mich nach ihren Gebräuchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht ausüben.««

[Sidenote: Die Kunst und die Mode.]

Es ist rührend und hart, wenn ein großer Künstler sich so nach dem Modegeschmack der Menge richten muß. Etwas Aehnliches hörte ich später von Spontini, als er seinen »Ferdinand Cortez« componirt hatte, und ein guter Freund, der ihn außerordentlich lobte, zugleich die bescheidene Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas viel =Lärm= in dieser sonst so herrlichen Musik sei? »Ja gewiß,« soll Spontini geantwortet haben; »aber nicht wahr, sie ist doch hübsch, obgleich sie lärmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums zu gewinnen.«

Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem Pianoforte gehört, der mir erzählte: »Am Sonntag komme ich mit einigen meiner musikalischen Freunde und Künstler zusammen; dann spielen wir Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen Vergnügen; denn in Concerten und Assemblée'n will man jetzt nicht mehr schöne Musik hören, sondern nur =sehen=, wie die Finger mit Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten überwinden.«

Nachdem ich mir etwas Uebung in der französischen Sprache erworben hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser über die Unnatur und Monotonie der französischen Tragödie; denn ich lernte es viel früher, mich erträglich in einem wissenschaftlichen Gespräche über die Kunst auszudrücken, als richtig Französisch von all' den vorkommenden Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu sprechen. Diese Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Staël-Holstein hatte damals noch nicht ihr Buch über die deutsche Literatur herausgegeben. Man sah mich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten, wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, daß ein Franzose mir sagte: »Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie überzeugen mich nicht!«

[Sidenote: Die neuen französischen und deutschen Dramatiker.]

Später haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr überzeugt. Man stürzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man sein Schiff durch Sandbänke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen. Man kann ein Gericht zu wässrig und ungewürzt zubereiten, und man kann auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun. Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur süße Limonade und wenn man nur Branntwein trinkt. Das _juste-milieu_ ist hier wieder das Beste; aber der Zeitgeist verachtet diese Mäßigung und gebraucht die Bezeichnung als ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man übrigens den Franzosen jetzt nichts zu hören geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner pedantischen verschrobenen Begriffsästhetik.

Die geniale anmuthige Demoiselle =Mars= haben Andere bereits hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schönsten Blüthe gesehen. So sah ich auch =Eliviou=, einen eben so großen Sänger, als Schauspieler voller Feinheit und Gefühl im Theater Feydeau. Nie werde ich den =Deserteur= von =Sédaine= und =Monsigny= vergessen, der mir bereits aus meiner frühesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater Stücke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dänischen Theater, wo sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stück bereits lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die Thorheit über ein Meisterstück hörte, »=daß es blos ein altes Stück sei=«, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere gute, alte französische Singspiele bis zur Vollkommenheit gut und zur größten Zufriedenheit des Publikums darstellen.

[Sidenote: Französische Schauspieler. -- Eliviou.]

Eliviou war ein schöner Mann, groß, schlank und blond. Er hatte eine reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte, erzählte folgende amüsante und characteristische Anekdote über ihn: In seiner schönsten Blüthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne sahen, sagte Eliviou: »Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all' ihren jungen schönen Mädchen. Und ich will wetten, daß nicht Eine unter ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will.« Der Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, daß sich dies doch nicht mit allen thun ließe, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen Dame gegenüber durchzuführen, die sein Freund selbst wählen würde. Am ersten Abend sahen sie ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines reichen Mannes, im Schauspielhause. »»Wenn Du sie gewinnen kannst,«« sagte der Freund, »»so hast Du gewonnen.«« Und Eliviou gewann; denn wenige Wochen darauf war das schöne reiche Mädchen seine Braut. -- Und da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzählte, daß Napoleon, der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: »Wenn er nicht Sänger beim Theater Feydeau sein wollte, so könne er die Muskete über die Schulter nehmen und nach Spanien gehen.« Eliviou zog vor, für's Erste zu bleiben, wo er war. Später hat er viele Jahre lang als ein bemittelter Privatmann im südlichen Frankreich gelebt. Im Richard Löwenherz sang er vorzüglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr beliebte Arie: »_O Richard, o mon roi!_« vortrefflich. Man weiß, daß diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trällerte es noch oft nach seinem Falle auf St. Helena.

[Sidenote: Berühmte französische Schauspieler.]

Auch =Chenard=, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir sehr; besonders in =Felix=, wo er den Vater spielte und einen mir unvergeßlichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als er seine Pflicht gethan und ein Geheimniß entdeckt hatte, das vielleicht ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. Dieser =Blick= wurde dreimal von dem gefühlvollen und feinen Pariser Publikum applaudirt.

Auch von Chenard, einem großen, schönen und starken Manne, der aber älter als Eliviou war, hörte ich eine characteristische Anecdote. In der Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum hörte Chenard dies, als er mit der rothen Mütze auf dem Kopfe in den Jakobinerclub eilte, auf die Tribüne hinaufstürzte und rief: »Mitbürger! Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ich =bin= Aristokrat!« Hier schwieg er einen Augenblick, während Aller Augen mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribüne der Jakobiner ertönte, -- aber ehe man sich vor Verwunderung gefaßt hatte, fuhr er in einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: »Ich bin Aristokrat! ich bin Demokrat! ich bin König, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin Alles, was Ihr wollt, -- ich bin =Comödiant=!« »»_Ah, le brave Chenard! ah le franc coquin!_«« ertönte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er von seinen wärmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und sein Leben war gerettet.

Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen Narrheit soviel feine Züge abzulocken, wie unser Winslöw; der monotonere, aber bei alle Dem doch originelle =Brunet=, der Rosenkilde der Franzosen, der die Dummköpfe stets so witzig und naiv spielte, daß man ihrer nicht müde werden konnte, erfreuten mich sehr im _théâtre des variétés_ ebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville. Im _théâtre français_ hatte ich das Glück, Dacincourt, Dugazon, Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stücken Molière's und anderer guten Dichter zu sehen.

[Sidenote: Napoleon's Mangel an Kunstsinn.]

Die Werke zweier großen Meister, die ich wiederholt hörte und sah, wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als von manchem Dichter. Dies waren =Mozart= und =Raphael=. Die meisten von Raphael's Bildern hingen in der großen Rumpelkammer, wohin man den Raub aus so verschiedenen Ländern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhäufen machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt war, Napoleon's Größe gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so fand ich doch hier wie überall, daß er ungeachtet seines ungeheuren Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn für Völkerrecht hatte; ein wirklich humaner Held führt niemals Krieg gegen die Künste und Wissenschaften; es paßt nur für morgenländische Despoten, sich gleich der Krähe mit fremden Federn zu schmücken, um groß zu erscheinen. Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und hatten die Hälfte ihrer Wirkung dadurch verloren, daß sie von dem ihnen bestimmten, für sie passenden Platze weggenommen waren. Welch ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schönen Kirche, -- oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem Unbedeutenden zu finden!

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[Sidenote: Bekanntschaft mit Malthe Bruun.]