Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2

Part 10

Chapter 103,431 wordsPublic domain

Also: jener prosaische -- nicht Krieg, denn der war poetisch und schön -- aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die großen Eingang in Europa fand. Als die guten Bürger sich eine freie Existenz geschafft hatten, mußten sie daran denken, die Wälder zu lichten, die Sümpfe auszutrocknen, ihre Häuser und Schiffe zu bauen, Mühlen und Schleusen anzulegen, kurz sich ökonomisch einzurichten. Ein großes Genie und ein großer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin, gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen Einfluß auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, daß andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten -- aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz ökonomisches Gepräge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreißigjährige Krieg wie ein Scirocco fast jedes poetische Hälmchen ausgedürrt und verbrannt hatte -- so daß das ganze geistige Norddeutschland der lüneburger Haide gleich -- vollendete der siebenjährige Krieg das Werk, in welchem Werberei, militärischer Despotismus, die Fuchtel, Spießruthen, das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollständig abriß, den dreieckigen Filzhut tief in die Augen drückte, und ihm den Haselstock in die Hand gab. Statt daß Held und Dichter früher Bruder und Freund gewesen waren, kämpfte nun Jakob von Thybo lächerlicherweise mit Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geißel danken, daß jene Tollheit früher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich in Deutschland, aufhörte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht, um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die französische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch edel und poetisch. Nun hatte ein mächtiger Genius die verwirrten Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht, die Kräfte zu mächtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der ungeheuren jährlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester trafen) Etwas gedeihen und blühen. Diese letzten Kriege, in denen Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankämpften, waren poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz für Alles war, was es Wichtiges und Großes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der Gegenwart Hof hielt. Karl der Große lebte wieder in Paris. Paris fühlte seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergnügungen, die hier stets geblüht hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; -- und war es also ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptsächlich hingekommen war, um sich zu =vergnügen=?

[Sidenote: Apologie des Vergnügens.]

Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, muß der Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wände schmücken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste höhern Werth; das edle Gebäude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum Werth. -- Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein Wunder, daß diese schöne, in Paris stets zur höchsten Vollkommenheit gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, daß ich hauptsächlich nach Paris gekommen war, um mich zu amüsiren, so meinte ich, daß ich jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, daß ich meine Kunst studiren, und mein Vergnügen mit einer ernsten Arbeit vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergnügen giebt, da jedes Vergnügen ohne Arbeit bald eine matte, ermüdende Langeweile wird.

[Sidenote: Künstlerische Befähigung der Franzosen.]

Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als Dichter gewesen. Zu einem großen Dichter gehört eine ruhige, einsam wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfänglichkeit, Aufmerksamkeit, Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur Schauspielkunst, die zwar auch selbstständig ist, aber doch nicht so wie die andern Künste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemälden auszuführen, als von Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in längerer Zeit ruhig gedacht, gefühlt und ausgeführt hat. -- Bereits der Roscius der Römer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique) war von französischer Familie, und nun stand Talma -- als der große Schauspieler und -- als Napoleon's Freund da.

[Sidenote: Napoleon und Talma.]

»Als Napoleons Freund?« fragt mancher vornehme Herr und rümpft die Nase. »Sie glauben wohl auch das lächerliche Märchen, daß Napoleon von einem Komödianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c.« Ich zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines Gerücht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen ihnen nicht groß, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte als Held Sinn und Liebe für das Tragische. Es war nicht Affectation von ihm, daß er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie Napoleon Menschen lieben konnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch Talma's Kunst; und als die Umstände es mit sich geführt hatten, daß Napoleon repräsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persönlichkeit gerichtet waren, hat dieser reelle klare Mann gewiß nichts gegen eine bescheidene Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen Körperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn außerdem häufig beim Frühstück. Merkwürdig ist es, daß Napoleon, dem es sonst nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das beweist neben vielem Andern, daß er, was die Kunst betrifft, nur in ihre Vorhallen eingetreten war; -- und wie konnte auch eine so egoistische, herrschsüchtige Natur wahres Gefühl für das Schöne, für das tugendhaft Große haben? Aber einen bedeutenden Theil das ästhetisch Großen faßte Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfaßte er auch Talma. -- Es wäre diesem gewiß eine leichte Sache gewesen, auf eine glänzendere Weise sein Glück zu machen, wenn er das Theater verlassen hätte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; deßhalb blieb er Komödiant, während viele Andere Herzöge und Grafen wurden. Ja selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern ließ den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begräbniß gestatten zu können, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie der Bischof wohl fühlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde erkannte der Künstler das Lächerliche und Schmähliche, die schöne Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemüthig für eine Sünde und Verirrung zu erklären, nur damit man -- ohne gegen die religiöse Etiquette zu verstoßen -- ihn dafür ehren könne. Talma lebte und starb als Komödiant; aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher Ehre dastehen, wenn viele Herzöge und Grafen vergessen sein werden.

* * * * *

[Sidenote: Ueber das Wesen der Tragödie.]

Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, daß meine Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so großer Aufmerksamkeit werth sein muß, wie die Erzählung meiner Erlebnisse, hier gern die Grundsätze und Ansichten hören werden, nach denen ich dichtete.

Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente über die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, daß der Erstere mit klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragödie seiner Nation erfaßt; daß er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprüchen fand ich beim Aristoteles. Er meint nicht: »So habe ich ausspeculirt, daß man es machen muß, um ein tragischer Dichter zu werden;« er meint: »So haben große Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das muß wohl also die Natur der Kunst sein,« die er dann geistreich beobachtet und deutlich mittheilt.

Seine wichtigsten Ansichten sind: daß die Tragödie hauptsächlich durch =Handlungen= und =Charactere= wirken müsse. Doch hält er die Handlung für das Wesentlichste, weil eine Tragödie selbst ohne Characterzeichnung durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt. Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem Colorit in einem Gemälde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schön sein, nicht aber die Farbe ohne Umriß. Aber nach der Fabel sind die Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter, weil sie characterlose Tragödien geschrieben haben. Die Handlung, meint er weiter, muß ganz und vollständig sein, muß eine gewisse =Größe= besitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Größe. Ein Ganzes muß Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen muß; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schluß folgt auf Etwas ohne Folge.

Hier ist das Feld für die Composition liberal und frei geöffnet, indem der Denker doch zugleich zeigt, daß man sich nicht der Willkür überlassen darf, sondern daß eine natürliche Selbstständigkeit des Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nöthig sei.

Nachdem er bemerkt hat, daß die Größe auch nicht zu groß, =unüberschaulich= sein dürfe, macht er darauf aufmerksam, daß es nicht so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen, die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit nach, geschehen sein =könnten= oder möglich wären; daß nicht bloße =Metrik= den Dichter ausmache und ihn vom Geschichtsschreiber trenne; sondern, daß dieser eine wirklich geschehene Begebenheit erzählt, jener eine =mögliche= darstellt; und daß deshalb die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte sei.

Von allen Fabeln erklärt Aristoteles die =episodische= für die schlechteste. Aber hier ist er oft mißverstanden und seine Autorität gemißbraucht worden; denn er fügt ausdrücklich hinzu: »Wenn die Episoden weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander verbunden sind.« Seine Ansicht ist also nicht, daß in einer guten Tragödie gar keine Episoden sein dürften; einige der besten griechischen Stücke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar großartig und feierlich mit Episoden. Und der Glaube, daß eine Tragödie nothwendig mit dem Culminationspunkte der Handlung endigen müsse, ist ganz schief und falsch. Eine Tragödie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen muß; oft ist die =Folge= einer Handlung höchst rührend, interessant, erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragödie ist nicht allein, zu spannen, zu überraschen; sondern den Geist durch eine vollständig schöne Darstellung des menschlich Großen zu befriedigen.

Die Tragödie -- sagt Aristoteles sehr richtig -- wirke besonders, wenn die Handlung uns durch =Schrecken oder Mitleid= rührt. -- Er hat gewiß Recht darin, daß diese Gefühle die Springfedern und Triebräder des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des Interesses für die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen zurückwirken: Schreck oder Furcht für ihr Schicksal, =bevor= es sie getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der Tragödie ist =Kampf mit dem Unglücke=, ein kräftiger Kampf; und der eigentliche =Trost= besteht darin, daß das Ewige siegt, wenn auch das Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage für die wahre Tragödie eine höhere, gesunde =Heiterkeit=. Melancholie und Hypochondrie haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und der, welcher sich durch eine gute Tragödie =niedergeschlagen= fühlt, ist gar nicht im Stande, sie oder ihre Schönheiten zu fassen; denn gerade im Gegentheile, sie stärkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der Aeltere selbst dem Grabe nähert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich mit der Bildung des Todes zu beschäftigen, ihm in die Augen zu schauen; er bedarf der Zerstreuung und will von dem =Komischen= aufgeheitert werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntniß, der ruhigere Sinn für die feinen Mischungen des Characteristischen in allen Verhältnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel; während sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen erfreut. -- Aristoteles sagt vom tragischen Helden, daß er nicht ganz unschuldig sein dürfe -- denn dann zürnen wir über sein grausames, ungerechtes Schicksal -- er dürfe auch kein vollständiger Bösewicht sein -- denn dann haben wir kein Mitleiden mit ihm; -- sondern ein Mensch von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich; nur müssen wir die Bemerkung machen, daß wir es jetzt, als =Christen=, ertragen können, auch das Unglück eines ganz =Unschuldigen= zu sehen, da wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht keiner Christin an Seelenadel.

Aristoteles sagt von der Katastrophe, daß sie sich nach Nothwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, daß die Tragödie eine Verwickelung und eine Auflösung haben müsse. Nur solche Handlungen geben einen Stoff für Tragödien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus vorhergegangenen freundlichen Verhältnissen entspringen, denn daß der erklärte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwürdiges oder Rührendes. Die Charactere, sagt er weiter, müssen =edel geschildert= sein, deshalb muß man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen Muster, als der Rohheit nähern. Er muß sich so viel, als möglich die Handlung vergegenwärtigen, um das Eigenthümliche zu wählen, das Unnütze zu verwerfen; er muß sich selbst in die Handlung versetzen; denn der natürlichen Sympathie zufolge rührt der am meisten, der die Leidenschaft selbst zuerst empfindet.

Dies drückt Horaz hübsch in seiner _ars poëtica_ so aus:

»_Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto et quocumque volent, animum auditoris agunto.« -- -- »Si vis me flere, dolendum est primum ipsi tibi._«

Und Claudius in seinem Epigramm über Voltaire und Shakespeare, drückt es eben so hübsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:

»Der Meister Arouet =schreibt=: er weine, -- Und Shakespeare =weint=!«

Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, daß das tragische Unglück sich aus Fehlern entwickeln müsse, denen Personen von hohem Range und blühendem Glücke unterworfen seien, nicht buchstäblich zu nehmen, sondern sie nur mit Beschränkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt:

»Die Namen der Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere Empfindungen.«

In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem später (1809) erschienenen Buche über dramatische Kunst und Literatur so:

»Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrüttung der Königshäuser wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Völker; sie zeigen uns im Könige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften zerrissenen Busen schauen.«

Das Obenangeführte ist ungefähr der Hauptinhalt der Aristotelischen Abhandlung über die Tragödie. Ich bemühte mich stets, mir diesen Katechismus des gesunden Menschenverstandes gut ins Gedächtniß einzuprägen; denn so geradezu er auch ist, enthält er doch die wichtigsten Ideen über die Natur des tragischen Gedichtes.

[Sidenote: Vergleiche mit andern Dichtern.]

Wenn ich nun diese Grundsätze mit andern verband, welche ich bei Lessing, Herder, Schiller, Göthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul, Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere, klare Theorie in meinem Kopfe, die ich später durch eigene Gedanken und Erfahrungen zu bereichern strebte.

Mit den großen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre Schönheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten. Ich wußte: Jeder Mensch, selbst der größere, hat seine Fehler und Mängel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht nachahmen darf. Für das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzückte mich durch seine einfache Größe, durch seine Plastik; aber ich fand, daß die Weitläufigkeit der Redner und die zu künstliche Einmischung der Chöre seinem Zeitalter angehörten und nicht nachgeahmt werden dürften. Bei Shakespeare fand ich die tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, die vielfältigen, kräftigen Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls, die Weltkenntniß, das blühende Colorit des Schmerzes und der Freude, die naive Natürlichkeit -- göttlich und unvergleichlich. Aber ich fand, daß er in der Composition seiner meisten Stücke nicht als Muster dienen könne, wenn auch die Franzosen in unzähligen Vorwürfen Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle für das Natürliche ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet man etwas Conventionelles, das der Zeit angehört und damals Mode war: in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, häufigen Einmischung weitläuftiger Episoden. Seine Eigenthümlichkeiten als Mensch und Engländer waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigen nähert und tragisch damit spielt. -- Ich fand, daß Schlegel und Gries sich verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil von =Calderon= übersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebüsche, deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betäubte, standen Calderon's höchst poetische Figuren in schönen, richtigen Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaßen diese schönen Menschenbilder über den Blumengebüschen. Eine Menge Galanteriebuden wurden aufgerichtet, wo man die natürlichen spanischen Rosen aus deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich den =standhaften Prinzen= las, schätzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich ich nicht dieselbe Liberalität und Geistesfreiheit bei dem katholischen Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Bürger Shakespeare fand, so sah ich doch ein, daß sein schönes Genie, sein gesunder Menschenverstand ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten Dichter aus der Zeit der _Auto da fé's_ erwarten konnte. -- Ich wagte es später auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schönen Versformen in meinen Stücken anzuwenden.

Ueber Göthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen spätern zu wenig Stoff für die Bühne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen an der Leidenschaft und Kühnheit, die dazu gehören, wenn man große Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade. Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefühles, der edlen Begeisterung; aber man muß sich davor hüten, in Schiller's allzulange, rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.

Ich fühlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie die Krone auf. Kalter Verstand und ein kühnes Phantasiespiel mit den Gaukelbildern des Lebens genügt nicht; das Genie kann sich auch mit Hochmuth, Härte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden. Aber dieser Lucifer ist ein gefallener Engel. Er imponirt. Viele gute Köpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem kräftigen geistvollen =Trotz= einen Versteck für ihre Sünden, und nennen die weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nährt, und der Spiritus ihm selbst zuletzt das _Delirium tremens_ verschafft.

[Sidenote: Das Aesthetische und das Ethische.]

Wie viel Humanität athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rührend ist Sophokles! Sein unglücklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod geht; Elektra, die rächende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen Hamlet beschämt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur Raserei und aus gekränkter Ehre zum Selbstmord getrieben. -- Und nun Du Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglücklicher Eifersucht sein Weib und sein Glück mordet. Dein sentimentaler Hamlet, der, wie Jean Paul so schön sagt, ein Vater für alle Werther ist; Dein Romeo und Deine Julie, voll von süßer unglücklicher Liebesschwärmerei; Dein Macbeth, den Sünde und Gewissensqual in den Abgrund stürzen! -- Bei Schiller haben diese Gefühle stets das Uebergewicht, und selbst bei Göthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwächen und Verstöße gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den Pharisäern und Sadducäern vor Christus hingeführt wird, der da sagte: »Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!«