Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Part 1
Meine Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.
* * * * *
[Sidenote: Fahrt nach Kiel.]
Hamburg, den 12. August 1805.
Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im römischen Kaiser in der Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzählen, was ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir mußten den ganzen Tag still liegen, da nur ungünstige Winde wehten. Meine Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam, einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem jungen zukünftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemüth von 70, und dem lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die französischen Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder, verzogener, zwölfjähriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Außerdem war noch ein fader Hamburger Commis da, ein Engländer, ein Pole und eine kranke verdrießliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajüte. Außerdem war das Deck voll von jüdischen und christlichen Landstreichern; im Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nächsten Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern mußten langsam kreuzen. Nun zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mußte die Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen, die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. Die Kähne hatten volle Ladung und ein großer Theil der Passagiere nicht minder. -- Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5-1/2 Tage unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schön; der Mond schien in der stillen Sommernacht über die große Wasserfläche dahin, während ich auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich verspätete mich; die Andern waren fort, als ich kam. Ich ließ mich nach Dorfgarten übersetzen, wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergänge der Stadt zeigten, die Universität bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum Souvenir. Nun reiste ich durch den schönen Theil von Holstein und kam an ein hübsches Städtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte, sagte er: »Unser Fleckchen wird Preetz genannt,« also der Geburtsort der lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist. Sonntag Vormittag kamen wir nach Lübeck, frühstückten etwas und reisten gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.
[Sidenote: Brief aus Halle.]
Halle, den 17. September 1805.
Beste Christiane!
Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen muß, was ich bisher verschweigen zu müssen glaubte. Wozu ein langes Präludium zwischen uns, die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mädchen! bei aller Liebe und allem Eifer für meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden -- keiner von uns wollte, daß ich das thäte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl Freunde wie Feinde als einen schönen Traum, aber zuweilen steckt doch Etwas in den Träumen. Ich weiß nun mit Bestimmtheit, daß die Regierung Etwas für mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck auf Schimmelmann gemacht; nun mußte das Eisen geschmiedet werden, so lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten? welche? Ich wollte ja unterstützt, als Dichter belohnt sein, und dieses konnte nur auf =eine= Art geschehen, indem ich um ein Reisestipendium nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es Dir nicht sagen, weil ich fürchtete, es würde einen zu heftigen Eindruck auf Dich machen. Dazu kam, daß ich ja nicht wußte, ob meine Bitte erfüllt werden würde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglückten Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wußten es, nur Du nicht, nun weißt Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der Direction des Fonds _ad usus publicos_:
»Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt, hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen wissen wird.
_Schimmelmann. Reventlow._«
Ich kenne Deine uneigennützige und reine Liebe, meine gute Christiane, so genau, daß ich überzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich der Gedanke an eine längere Abwesenheit Deinen Augen Thränen entlocken wird.
Springforbi[1], den 13. September 1805.
Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war: »Oehlenschläger hat ein Reisestipendium bekommen.« Ehe ich weiter gehe, muß ich Dir recht innig für die Vorsicht danken, mit der Du die längere Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer überwunden hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden, außer ***, welcher fürchtet, daß Du Dir unterwegs den Hals brechen werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht möglich ist. Du weißt, er liebt es oft, an verkehrte traurige Möglichkeiten zu denken. Die Ueberzeugung, daß Deine Reise Dir ebenso angenehm wie nützlich sein wird, und die Hoffnung, daß sie Deine Gesinnung gegen Deine Christiane nicht ändern werde, soll mich während Deiner Abwesenheit aufrecht erhalten und trösten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen Entschluß faßtest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausführung beitrug. -- --
=Deine Christiane.=
[1] Ein Gut zwei Meilen nördlich von Kopenhagen am Oeresund.
[Sidenote: Braunschweig.]
Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich in =Braunschweig= einigen Akten von Cherubini's herrlichem »=Wasserträger=« bei, welcher daselbst französisch aufgeführt wurde. In =Halberstadt= sah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher Mönch führte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuern Schule für mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte mich bisher damit begnügen müssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine längst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch. Ich vergaß den Postwagen vollständig. Glücklicherweise hörte ich das Posthorn vor der Kirche schallen und mußte die kühlen Hallen verlassen, die hübschen Bilder und den freundlichen Mönch, um wieder in der heißen Sonnengluth auf der staubigen Landstraße dahinzufahren.
[Sidenote: Ein Universalgenie.]
Ein Reisegefährte in der Diligence amüsirte mich. Seiner eigenen Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet, und hatte Göthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Göthe hatte seine Romanze in Wilhelm Meister »der Sänger« gedichtet, als er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehört hatte. Er war auch Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je näher er seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrängten Wahrheit und natürliches Gefühl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemüthlicher Mensch. Ich reiste nach =Quedlinburg= mit einer ganzen Familie, Vater, Mutter und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit verlebt hatten. Wo aber eine glückliche Familie auf Zufriedenheit und ein hinlängliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wände hoffen darf, da fühlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser Beförderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden. Es war ein schöner Abend. »Sieh Vater,« rief der kleine Junge, als wir uns der Stadt näherten, »das sind die Thürme von Quedlinburg!« Für mich, der ich die häuslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige saß, war es natürlich sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten auf der staubigen Landstraße zu finden. Es wird es mir also Keiner verdenken, daß ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschäftigt, nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer vergaß; welchen Verlust ich erst am nächsten Sonntag Morgen in Halle entdeckte.
[Sidenote: Giebichenstein.]
[Sidenote: Stillleben bei Reichardt's.]
Ein alter Diener sagte mir, daß Steffens und seine Frau in Giebichenstein bei Reichardts seien, und daß man mich daselbst erwarte. Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mußte ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.
Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das von Halle ungefähr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen, kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. Mit =Schleiermacher= machte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt und zurückhaltend, aber sehr höflich; seine Töchter kamen mir ebenso wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt war still und sanft; sie schien sehr hübsch in ihrer Jugend gewesen zu sein. Ich fühlte mich in dem schönen Giebichenstein bald heimisch, wo Reichardt mit Geschmack einen hübschen Garten angelegt und ein nettes Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mädchen Gelegenheit mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich mit der Hand nach Etwas: »Was ist das,« fragte die Eine. »Ach --« antwortete ich, -- das ist eine =Gemse=, die mich stechen will.« -- Ich wollte sagen: »Bremse!« -- Später neckten sie mich oft damit, indem sie sagten: »Oehlenschläger! wehren Sie sich, da ist wieder eine =Gemse=!« Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen: »will Sie« statt: »wollen Sie«, und machte Peer's Worte in Jakob von Tyboe wahr, daß der Teufel in dem =Der, Die, Das= stecke; das konnte man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt führte mich selbst in seinem großen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie oft im Gebüsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die schöne einfache Melodie zu Göthe's: »Im Felde schleich ich still und wild.« Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Töchtern. Dann wurden mehrere Gesänge von Göthe mit Reichardt's Compositionen, und alte italienische Kirchengesänge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die älteste Tochter, war wehmüthig und schwärmerisch; ihr Bräutigam, ein talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von ihm besaß, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese hing über dem Pianoforte, und sie ließ oft ihre großen braunen Augen (das einzige Schöne, das ihr neben einer schönen Gestalt die Pocken gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schöner Stimme die alten katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mädchen mit Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde während ich da war, mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser kenntnißreiche, feurige Jüngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjährige Fritz, der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstädt ritt, war eigentlich der freundliche Hausgeist des Ortes.
Nach Lauchstädt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von Weimar zu sehen. Ich merkte bald, daß Göthe's und Schillers Geister über ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller übersetzt, und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit gut.
[Sidenote: Erstes Zusammentreffen mit Göthe.]
Wir besuchten an einem frühen Vormittage Göthe, der sich einige Tage in Lauchstädt aufhielt. Sein schönes, kräftiges Gesicht erfreute mich und flößte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefühl, Götz's gutherzige Kraft, Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf, eine Tochter des großen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dänisch gelernt; sie hatte Göthe Noureddin's ersten Monolog übersetzt. »Wenn ich einen Dichter rasch kennen lernen will,« sagte er zu mir, »so lese ich einen seiner Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus.« Er lobte das Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen will, der ihm mit verbundenen Augen das große Loos ziehen soll. Wie gern hätte ich länger mit diesem großen Manne gesprochen, aber die Höflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu besuchen.
Als wir zur Thür hinaustraten und wieder in der freien Luft standen, waren Steffens' und meine Gefühle sehr verschieden. Ich war entzückt, Göthe zum ersten Male gesehen zu haben, darüber, daß er mich als Dichter gelobt hatte; Steffens aber war entrüstet, daß er uns nicht zu Mittag eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstädt gekommen waren. Ich leugnete nicht, daß mir dies eine unendliche Freude bereitet haben würde; aber gerade weil sie so groß gewesen wäre, fand ich mich mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmälig daran gewöhnen, der irdischen Glückseligkeit zu entbehren. Aber Steffens schalt auf Göthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht, daß trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war -- das nicht der Dichternatur anzugehören schien. Es versteht sich von selbst, daß das Gefühl der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden muß, wenn ein großer Mann an einem Orte lebt, an dem er häufig von Fremden heimgesucht wird. Die Bequemlichkeit verlangt -- und die Oekonomie gebietet oft Einschränkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Göthe hatte selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der aus einem fremden und unbekannten Lande kam; -- er brachte seinen Tag in Lauchstädt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines Mundes sehnten. Nun mußten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz begnügen und wieder gehen. Glücklicherweise hatte er mich gebeten, ihn in Weimar zu besuchen. Dieß tröstete mich, aber die Höflichkeit kam nicht Steffens zu gut. -- Merkwürdig ist es übrigens als ein Zug in der Göthe'schen Characteristik, daß er mir einige Monate darauf, als ich das Glück hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen, gestand, er hätte uns damals gern eingeladen -- und er wisse selbst nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich weiß es jetzt: es war eine Art =Geiz=, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine geistige Knauserei in der geheimen Furcht: daß zu Viel drauf gehen und daß ich zu Viel von -- dem großen Göthe auf einmal bekommen würde.
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[Sidenote: »Jesus in der Natur.«]
Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht, während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein =Heimweh=.
Meine »poetischen Schriften« wurden ziemlich stark gelesen, obgleich ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden. Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: »Jesus in der Natur«, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor. Christiane schrieb mir:
Den 4. October 1805.
Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle abschreiben:
»Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung, sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf am sternlosen Lufthimmel.«
In einem: »Zuschauer« mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der, wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note »einem der eifrigsten Freunde des Christenthums« versichert, daß er den Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende Hochachtung habest.
In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurückgewiesen, die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt; doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.
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Hatte »Jesus in der Natur« dem damaligen Bischof Seelands mißfallen, so fand er einen kräftigen Fürsprecher in dem zukünftigen Bischof J. P. Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine »poetischen Schriften« zu recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:
Habe Dank für Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Daß Etwas darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn ich darüber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verständige Worte über das Gedicht »Jesus« zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. -- Was Du über unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht, so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten, aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird; aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich weiß, daß ich zu den Berufenen gehöre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und Gebet, auf daß ich auch einer der Auserwählten werde. Gott zum Gruß! -- Aus dieser Recension wurde nun freilich nichts. Mein edler Freund fühlte sich später mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von »Jesus in der Natur« hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.
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[Sidenote: Guter Humor meiner Umgebungen.]
An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gespräch und in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach, nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natürlichen Hang zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger würzte das tägliche Gespräch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek, den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger nennt sie »Hufe« nach Hufeland, dessen Buch über die Verlängerung des menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr gründlich studirt hatte. Er fürchtete stets von all' den Krankheiten angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, daß er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte. Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewöhnlich einen so komischen Anstrich gab, daß sie durchaus nicht ermüdend waren. Einmal sagte er zum Professor Mynster: »Ich befinde mich wirklich nicht wohl; willst Du mir nicht Etwas aufschreiben.« »»Ja«« -- sagte Mynster und schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene und etwas bedenklich: »Ja, ist das nun aber auch gut?« -- »»Ja«« -- entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen süffisanten Humor -- »»das ist das =Beste=; willst Du lieber das Nächstbeste haben, so kann ich Dir das auch aufschreiben.««
[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]
Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle: