Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 9
Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen. Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle? -- Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: »Wir müssen die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht öffnen.« Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm unten in der Kirche. »Herr Jesus!« rief der Gärtnergehülfe, »nun geht's los!« -- »»Nein!«« antwortete mein Vater verdrießlich, -- »»nun steht's leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und von Innen kann ich sie nicht aufschließen!«« -- »Ach Du mein Heiland und Schöpfer!« rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, »was haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die ganze Nacht in der Kirche bleiben?« -- »»Das ist freilich unangenehm««, sagte mein Vater, »»aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.«« -- »Ach!« entgegnete der Gehülfe, »das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.« Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen, als er in größter Eile Fersengeld zahlte. »Verdammt!« sagte mein Vater, »nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.« Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür ging auf. Aber solch' einen Sprung -- versicherte mein Vater oft später -- habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.
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Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre zurück. Mit den =Schröder='schen und =Jünger='schen Stücken hatte ich vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. =Jünger= fiel mir schon damals recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie sie dafür galten.
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[Sidenote: Ewald und Wessel.]
Von =Ewald= spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie jetzt. »Balder's Tod« von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den dramatischen =Stoff= ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu einer Kritik über Ewald's Werke wäre.
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Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« spielte man in jenen Tagen oft. Der Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und schwerfällig in: »Harlekin, der Patriot.« Das Stück wurde immer mit Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht begriffen, und -- was merkwürdig ist -- obgleich der italienische Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte, kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre; sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen. Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit, welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit hochtrabendem Unsinn brüstet.
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[Sidenote: Thaarup.]
Zum Einzuge hatte =Thaarup= »das Erntefest« geschrieben. In einem schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von =Schulz= setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte kurz darauf auch Thaarup's »Peter's Hochzeit,« eine würdige Fortsetzung des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.
Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling, einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen, welche viel zu meiner Bildung beitrugen.
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[Sidenote: Bühnen-Repertoire.]
In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen Geist: =Der Virtuos=, =der Einzug=, einige Scenen aus den =Chinafahrern= und aus =die Herren Von's und die Herren Van's=, von P. A. Heiberg, das =Findelkind=, von Falsen, die =Golddose=, von Olufsen gehörten zu den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste, das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und Naivetät! -- Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er war kalt, schelmisch und ironisch, -- die echte witzige Satyre, aber er verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie =Frydendahl= in dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.
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Von englischen Stücken gefielen mir besonders =die Lästerschule=, und =Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken=. An den vornehmen französischen Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an =Molière's: Kranke in der Einbildung= und seinem =Geizigen=. Ganz besonders gefielen mir die reizenden Singstücke =Zemire und Azor=, =der Grobschmied=, =der Faßbinder=, =der König und der Pächter=, =die beiden Geizigen= (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), =die beiden Savoyarden= und vor Allem =der Deserteur=, ein herrlicher Stoff, von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf =der Wasserträger= von =Cherubini=, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes warmes Herz zeigte.
Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: das =Bauernmädchen= und die =verliebten Handwerker= vergessen, in denen südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.
[Sidenote: Lessing.]
Von =Lessing= spielte man =Minna von Barnhelm= und =Emilia Galotti=. In dem ersten Stücke war =Rosing= ein vortrefflicher =Tellheim=, in Emilia ein eben so guter =Marinelli=. Es war merkwürdig, wie der Mann, der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte, mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen, begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken, Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in =die Wolken= und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.
Auch =Lessing= liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst, sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack, etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte; denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.
Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben, daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.
In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.
Und Alle weinten darüber, und der Norwegische Dichter =Zetliz= hatte auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen Schiffscapitain, welcher =nicht= geweint hatte. Dieser Biedermann war ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge. Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde, brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit. -- Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen, sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: »Was zum Teufel lacht Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst keins hat.« -- Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück wurde ohne Störung zu Ende gespielt. -- Aber gerade in der Scene, wo Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm der unglückselige Gedanke ein: »Aber warum, zum Teufel, lacht denn der Holsteiner jetzt nicht?« Er wendet sich um, um die Gemüthsbewegung seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der Norweger so vergnügt waren.
[Sidenote: Das Trauerspiel.]
Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines englischen Stückes =Beverley= in meiner Jugend gegeben, und Rosing stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit erschütternder Wahrheit dar.
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Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der »Geist im Harnisch über die Bretter ging.« Der kräftige Norweger =Nordal Bruun=, Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner Jugend zwei Tragödien =Zarine= und =Einar Tambeskjälver= in gereimten Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.
Nun wurde im Jahre 1796 =Samsöe's Dyveke= zuerst aufgeführt; das Stück machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil. =Sigbrit= ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen =Knud Gyldenstjerne= hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter gezeichnet. =Christian= II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten; =der Mönch=, =Frau Mönstrup= sind interessant, =Dyveke= liebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großen Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger, als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige Aehnlichkeit mit =Göthe's Egmont=. Aber wie verschieden ist das kräftige Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche an Lafontaine's Romane erinnert.
[Sidenote: Samsöe.]
Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach langem Fasten munden.
Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer! Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; -- und Dyveke wurde von =Marie Smidt= gespielt. Und nun -- das letzte Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, -- einige Tage vor der Aufführung -- =starb der Dichter=!
Das Stück machte Furore. -- Ich hatte es gelesen, aber noch nicht gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen. Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage, wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr, daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.
Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug, um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.
Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht comfortable und noch weniger fashionable. -- Als wir eintraten, rief der Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen: »Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!« Aber die zwei Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. -- Ohne unsere Tassen zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.
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[Sidenote: Sander.]
Ein Jahr darauf wurde =Sander's= Tragödie, =Niels Ebbesen= aufgeführt. Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte, mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat eine alte Kämpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.
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[Sidenote: Abt Vogler.]
Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen Eindruck auf mich machte: Abt =Vogler=, der vortreffliche Orgelspieler. An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. -- Es erfreute mich unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten wurde.
Auch das =Malerische=, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte, machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten; aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen, gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei den Sachverständigen und Billigen. -- Einmal war er zur königlichen Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein mondklarer Abend. »Ja, Herr Abt,« sagte mein Vater, indem er ihm in den Wagen half, »noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's Bäume schien!« »Nein, mein Herr,« antwortete Vogler ziemlich langsam, indem er einstieg: »darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie -- --« Damit fuhr der Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.
=Herrmann von Unna= wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male kennen lernte!
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[Sidenote: Der Schauspieler Bech.]
Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der Schauspieler =Bech=. Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine, =Eline=, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner Schwester, und ich -- der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen, als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte) verheirathete -- ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu meinen Knabenjahren passe -- ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm Meister zu nennen, in der ich -- einige Jahre darauf, als ich diesen Roman las -- in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.
[Sidenote: Der tolle Busch.]