Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 8

Chapter 83,587 wordsPublic domain

Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. -- Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur und den schönen Gärten zu leben -- doch aber zwei Dinge vermißte, die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und der Buchenwald! -- Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste, Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen, Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete -- wirkte stark auf die Phantasie des Dichterknaben. -- Aber wenn ich über Casperle und Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte. Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn -- sonderbar genug -- auf Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem Tische uns erwartete -- dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. -- Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter, Schwester, Freunde sind gestorben, -- aber der große Baum steht noch da, in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der doch nicht ganz fertig wurde.

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[Sidenote: Beerdigung der Königin.]

Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war die Beerdigung der Königin-Witwe =Juliane Marie= in der Roeskilder Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte, und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren Jahren mehrfach besungen habe.

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[Sidenote: Meine Konfirmation.]

Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir ein Stück: »Der Sklave in Tunis« bei dem vortrefflichen Schauspieler und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.

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Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten. Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.

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[Sidenote: Ich soll Kaufmann werden.]

Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte, und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.

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Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik, Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich, und verstand einen leichten Autor.

So ausgerüstet sollte ich =Kaufmann= werden, ohne Geld, ohne ein Wort Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem Kaufmann Herrn =Rabe Holm= gesprochen, der mich auf sein Comptoir nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt, und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder gehen.

[Sidenote: Wiederaufnahme der Studien.]

Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können, das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn =Höisgaard=; dieser versprach, mir täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte, Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.

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[Sidenote: Herr Höisgaard.]

Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten =guten Fundamente= bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere, wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte. Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil gebildeten Menschen anwenden. -- Es war hart genug für mich, der ich ein ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen war, -- nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner Gegenwart, und nannte mich »Er.« -- Aber dieses Pronomens bediente er sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für Poesie zeigte, -- wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, -- den er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. --

Erst mußte ich den ganzen langen =Justinus= mit ihm lernen, dann aber ging es an _=Cicero de officiis=_, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch im =Virgil=.

Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen, wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; -- aber -- sonderbar genug -- daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther -- in's Lateinische übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, -- sie war mir so überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum _examen artium_ schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der ich eine große und langweilige Rolle hatte.

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So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde, im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter Unterhaltungslektüre zu -- d. h. ich machte mich mit der schönen Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.

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[Sidenote: Erste Regung der Liebe.]

Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl für das schöne =Weibliche= fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.

Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich, sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war! Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben; das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle der Dyveke und Kathinka im »Mädchen von Marienburg« spielte.

Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und jetzt nicht nothwendiger, als früher.

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[Sidenote: Kotzebue.]

So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. -- Zuvörderst hielt ich das »Mädchen von Marienburg« von =Kratter= für ein Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft werden sollten: »Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber Kratter eine Tracht Prügel.« -- Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit, der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich nicht selten in den Situationen findet. »Ein Buch kann hundert Fehler haben«, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield -- »und doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.« Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt, der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und Langweilige in denselben.

Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm zuerst einen Namen verschafft hat: =Menschenhaß und Reue=.

Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben? Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten, und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es. Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler, unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht, diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen, bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen Bittermann und Peter.

[Sidenote: Iffland.]

Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.

Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen, die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft haben, ist er es auch. Die »=Jäger=« sind und bleiben zu allen Zeiten ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte der »=Hagestolzen=«, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des alten Studenten Waller im »Herbsttag« und an vielen anderen Stellen zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet, um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt, sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann sie nie zahm und vernünftig genug bekommen. -- Er konnte mir also in jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.

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[Sidenote: Lafontaine.]

Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe -- dieser Mann, =Lafontaine=, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so leicht, daß es eine Lust war! -- und auch dies schmeichelte und erfreute.

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[Sidenote: Schreckens-Geschichte.]

Zu dieser Zeit schrieb =Spieß= seine Gespenstergeschichten, seine Reisen durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit =Veit Weber= leeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets wieder zurückkehrte.

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Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar. Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde, gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte. Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren, wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.

In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still, verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem langen Schweigen: »Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen, der hingerichtet ist?« -- »»Ja!«« rief ich, und die Wallnuß, die ich aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen, wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen, und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen. Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten. Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange; darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße, zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir selbst.

[Sidenote: Eine Spuck-Geschichte.]