Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 7

Chapter 73,501 wordsPublic domain

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule »für Bürgertugend« war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule »für die Nachwelt« gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.

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[Sidenote: Die französische Revolution.]

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) -- »Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!«

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Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: »Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.« Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule »für Bürgertugend« aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.

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[Sidenote: Storm's Tod.]

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; -- denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches »Erast« hieß und allgemein mißfallen hatte; -- ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. -- Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: »Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: »Scheußlich!« -- »Wie, Ew. Excellenz?« fragte ich verwundert. -- »Ja!« fuhr Hauch fort, »ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete »Scheußlich!« und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.«

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Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: »Hab' Dank, mein liebes Kind!« -- Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: »Nörregaard hat uns frei gegeben!« -- »Adieu, Herr Lindrup!« rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. -- Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. »Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?« -- »Hier!« -- Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.

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Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.

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[Sidenote: Storm als Dichter.]

Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein »Erast« ist eine schlechte Komödie, sein »Bräger« ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch =Zinklar's Weise=, =Jönndalen= und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.

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[Sidenote: Abermaliger Umzug.]

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der _flûte douce_ spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von »Tausend und einer Nacht« umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, »ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?« Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. -- Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.

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[Sidenote: Erste und letzte Jagdpartie.]

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. -- Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. »Na«, rief die Frau, »wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?« Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. »Jesus, mein Herzensjunge!« rief sie, »Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.« Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.

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[Sidenote: Erster Theaterbesuch.]

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. -- Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.

Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah -- ich war sieben bis acht Jahre alt, -- hieß »die verliebten Handwerker«. Mein Vater nahm mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik, durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers, wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, -- all' Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik, welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch keine deutliche Vorstellung davon.

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[Sidenote: Der Schloßbrand.]

In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung zum Fenster hinaus: »Was ist das«, rief er, »steigt der Mond über Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?« -- Bald erfuhren wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen, die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach, schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. -- Als ich mit meinem Vater wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um zu retten, sagten Einige: »Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir Ordre haben.« »»Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre««! riefen die Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.

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[Sidenote: Große Feuersbrunst.]

Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her, welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz, die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen, wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet worden, und daß der Thurm fort sei. -- Die Feuersbrunst der Stadt brach mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher nicht weit von mir herabfiel. -- Aber obgleich diese Feuersbrunst weder poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.

Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend, um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden. Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.

Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's »fürchterliche Feuersbrunstgeschichte« in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom Schicksal auserwählte Werkzeug, -- wie =Peer Syv= sagt: »zum lustigen Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben«, -- und das Sonderbarste ist, daß man -- aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten Begebenheiten zu finden.

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[Sidenote: Der Thiergarten.]

Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen Lebens herbeiführte. --