Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 6

Chapter 63,317 wordsPublic domain

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: »Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.« -- Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. »Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,« sagte er ein Mal in übler Laune, »daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,« (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) »Solch Einer,« sagte er, »können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.« -- »»Es ist möglich,«« sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

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Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.

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Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.

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[Sidenote: Anatomische Studien.]

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

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In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. -- Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.

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[Sidenote: Besuch der Kunstakademie.]

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der »Schule für die Nachwelt«, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.

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[Sidenote: Privatstunden.]

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: »Verstehen Sie es nun Alle?« -- »Ja!« lautete die Antwort. »Sie auch, Oehlenschläger?« »Nicht ganz«, entgegnete ich, »wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?« -- »Ach«, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, »ich sehe schon, wo es fehlt.«

[Sidenote: Dickmann's Unterricht.]

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. -- Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! -- Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. -- Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. »Lieber Oehlenschläger«, sagte er, »kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.« Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: »Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!« -- Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. -- »Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte«, sagte er, und gab mir: »Ausgezeichnet gut!« eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe »ausgezeichnet gut!« bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. -- Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab -- riß mich hin.

[Sidenote: Geschichts-Unterricht.]

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte -- da war Dickmann begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme -- da riß er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium, als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren. Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, -- so daß meine Lektüre fast immer historisch gewesen, -- so fern war dagegen mein Geist der prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister, zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß Professor =Abraham Kall=, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte -- Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der Einfalt bewundert werden -- aber sie haben Nichts für das Herz und die Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren Austerschalen verschonen.

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[Sidenote: Mnemotechnische Uebungen.]

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden. Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war, wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich, und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es auszurechnen.

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Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that, als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur abwechselnd »Christoffersen« oder »Blokkus« nannte. Die Entstehung dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie »schlecht« bekommen, nur zwei Mal »mittelmäßig« und selten »Nicht gut«. -- Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: »Meine Herren und Branntweinmänner.«

[Sidenote: Der Mensch ein Lichtgießerschild.]

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn er sah, daß wir's bemerkten: »Ach ja! was sind wir Menschen doch weiter als Lichtgießerschilde und Käse!« Das erste Gleichniß hatte er von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn seufzen hörte: »Ach ja! was sind wir Menschen«, sagte: »»Ja, was sind wir wohl anders als Lichtgießerschilde!«« »Lichtgießerschilde?« fragte Dickmann verwundert. »»Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen, so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts einbilden.«« »Ich bilde mir gar Nichts ein«, sagte Dickmann, »und will sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade Lichtgießerschilde?« -- »»'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!«« Es dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: »»Was sind wir anders? Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein Lichtgießerschild?«« Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß vollständig zu machen, fügte er »Käse« hinzu, weil wir nach unserem Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.

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[Sidenote: Aufenthalt bei Gosch.]

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: »Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!« Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. »Warum hast Du Das nicht gethan?« fragte er nun in Aller Gegenwart. -- »»Ich meinte«« -- »Du sollst nicht meinen!« -- »»Ich dachte«« -- »Du sollst nicht denken!« -- »»Ich glaubte!«« -- »Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.«

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, -- lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): »Ach! ha -- ha -- hat Po -- Po -- Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe -- Per -- Perücke abreißen!« Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.

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[Sidenote: Eine neue Heimath.]

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.

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[Sidenote: Mein Pflegevater.]

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen -- der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich -- so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte _flûte douce_ mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit -- und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum _s'en aller_, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit _Marmontel's Contes moreaux_ und mit _Fénélon's Telemaque_, wie in frühern Jahren mit »Malling's großen und guten Handlungen.« -- es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.

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[Sidenote: Fortschritte in der Schule.]