Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 5
Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach Kopenhagen zum Packhausverwalter =Gosch= kam. Dieser Mann war in seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt, und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht der Erwartung. -- Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte, sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles, was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben, Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin, der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem seiner Freunde durch das Zimmer. »Können Sie meinen Namen schreiben?« fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. »Das ist ganz richtig«, sagte er, »wenn Sie nur ein R hinzusetzen.« Es war dies der verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit, um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten, sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: »Ich glaube, ich gehe heute in die Komödie, Adieu!« Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten; er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale schimmern sah. »Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude mußt du entbehren.« -- Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach Hause.
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[Sidenote: Eintritt in die Schule.]
Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: »Nun kommen wir zu =meinem= Vaterland, mein Kind!« Es währte nun nicht lange, so kam ich in die Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher. Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben, was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.
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[Sidenote: Naschlust.]
Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit, welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. -- Ich war besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu laufen, und ziemlich laut zu rufen: »O, glücklich' Land, das solche Feigen hat!«
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[Sidenote: Geheilte Verwegenheit.]
Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch -- damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich aus. »Ja, das will noch gar nichts heißen«, -- sagte einer der Jungen zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; -- »aber er geht nie die Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das Geländer hinab.«
Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem Geländer.
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[Sidenote: Sonderbare Garderobe.]
Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er, im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben glaubte, antwortete ihnen barsch: »Das ist gelogen!« Ich erröthete, denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen. Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro, weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte. Ich bekam ein »_clamamus_«, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich, daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung in meinem neuen Buche davon, »ich solle es besser in Acht nehmen«. -- Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem Verdacht der Unredlichkeit haben könne.
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[Sidenote: Der Lehrer Dickmann.]
In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, =Spleth=, ein ausgezeichneter Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen =Dickmann= in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse. Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen, daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs, aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst aus. -- Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber -- obgleich sie Beide Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war. Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; -- all' dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt hatte, sie wie eine _licentia poetica_ zu betrachten, die sich nicht allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. -- Aber sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte, daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: »Es ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge, sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen, die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich, so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen nicht beleidigen läßt.« -- »Habt Ihr's gehört«, sagte Dickmann -- und wir hörten Alle sehr gut.
Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. -- Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. -- Er kam einmal in übler Laune in die Schule: »Setzt Euch auf Eure Plätze«, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.
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[Sidenote: Knabenstreiche.]
Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte =Jürgensen=, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel -- und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. »Ja«, sagte er, »hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.« Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: »»Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.««
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Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, der =Svendsen= hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät -- war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: »Was ist das?« Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. »O, ich bitte um Verzeihung!« rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischen =Druck= und =Stoß= fragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles »Ja« zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.
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Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. -- Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: »Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.« (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.
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Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: »Wo sondert sich der Speichel ab?« »»In den Nieren,«« antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.
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Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagte ganz ernst: »Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.« Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.
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Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.
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[Sidenote: Der König von Island.]
Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten können.
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[Sidenote: Poetische Versuche.]
Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften heraus, die »Mittwochspost« in der dritten, und »Balder« in der zweiten Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.
Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen. Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, -- wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler, um die Illusion nicht zu stören: »Ach entschuldigen Sie, ich habe noch einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.« Damit nahm er einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.
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[Sidenote: Theaterspiel.]
So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte, mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.
Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt, sagt er ganz ruhig: »Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie wieder zu sich.« Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte. Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.