Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 4
Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber, wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht gehört zu werden.
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[Sidenote: Des Küsters Schule.]
Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten. In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war, weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen, das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule ging unser Präceptor, =Lassen=, oder wenn er abwesend war, der Küster, Herr =Wiebe= selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. -- Die Evangelien, Psalmen, Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal in mein Schreibebuch: _ora et labora_, was beweist, daß sowohl er wie ich Latein verstand. Wenn der Bischof =Balle= oder der Probst =Bast= zur Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt. Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als der Probst mich einmal lächelnd fragte, was =trockenes Wasser= sei und ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht noch heute schuldig) der Küster flüsterte: »die Wolken.« Ich wiederholte dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's »Weihnachtsstube« fragen hören: »Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?« ohne mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr gut, die folgendermaßen lautete: »Drei Tugenden zeichneten diese hohe Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche Schwägerschaft.«
Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war, in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim Hinausgehen fragte: »Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark auf die Kanzel?«
Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte: »Christus sagte: =Weib=, was habe ich mit Dir zu schaffen? -- War das ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn =Weib= zu ihr? Nein keineswegs! =Weib= war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.«
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[Sidenote: Erste poetische Versuche.]
Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben, welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten; ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts einzuwenden.
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Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber, verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.
Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. -- Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit. Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel- und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.
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[Sidenote: Wintervergnügen.]
Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft war.
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Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille spielten, Nichts davon erfuhren.
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[Sidenote: Freuden in der Stadt.]
Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns kam; sie hieß Mamsell =Kjöbel=. Sie hatte eine Freundin, die mit einem Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor, zum Frühstück holt sie Brot, in Fett =getaucht= hervor. Besonders dieses »=getaucht=« bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er, würde gesagt haben: »mit Fett =belegt=, oder mit Fett =beschmiert=.« Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: »in Fett =getaucht=.« Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen. Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern, Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht! das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee, Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen, dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: »Zu ewiger Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.« Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude, als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte, »wenn wir so lange lebten,« wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.
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Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten, hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon, daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob, wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser Zeit bei.
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[Sidenote: Reinecke Fuchs.]
Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen. Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs. Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.
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Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid, daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas, den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.
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[Sidenote: Die Schule in der Stadt.]
Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler, dessen Vater reich war, kam in die Schule für »Bürgertugend« in Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann werden sollte, sagte sie spöttisch: »Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine Violine ohne Saiten.« Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam. -- Glücklicherweise traf mich der Dichter =Eduard Storm= einmal im Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole (»Schule für die Nachwelt«). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er geantwortet hätte: »Ein Bratenwender, meine Gnädigste!« So kam ich also in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr billige Bedingungen in Kost.
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[Sidenote: Krankheit meiner Mutter.]
Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister =Lange=, Major und Chef der Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung, welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen, ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes, Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: »Hat er die Slötel?« Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege, wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen kummervollen, schwermüthigen Zustand, -- es schwächte ihre Kräfte, die sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, -- und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen Aeußerungen der Ungeduld folgten: »Sie hat mehr Verstand in ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.«
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[Sidenote: Meiner Mutter Verwandtschaft.]
Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte, des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen mit Rudolf in »=Dina=« dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante, die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein, etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei Kinder -- und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie, weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen. Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten, herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.
Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte -- so gewann er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der obengenannten Schule.
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[Sidenote: Ich werde Pensionair.]