Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 3
Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen. Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector zu uns, der =Schiött= hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später Prof. =Schmidt=. Sein Buch über die »Bestimmung der Thiere« las ich mit großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam. Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn =Bruun= gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:
Ich wollt' um tausend Thaler nicht, Daß mir der Kopf ab wär'; So lief ich mit dem Rumpf herum, Säh' Niemand, wer ich wär'. Wenn ich kein Geld zum Saufen hab', So geh ich und schneid' Besen ab; Und lauf' die Straße auf und ab, Und rufe, kauft mir Besen ab! Damit ich Geld zum Saufen hab'.
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Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas Possirliches zu sagen. -- Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: »Ei was, Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in den Halbstiefeln.« »»Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,«« -- rief Schiött -- »»es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den Schäften.««
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[Sidenote: Sommergenüsse.]
Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit auf den sogenannten =Entenhügel= im Friedrichsberger Garten nahm, um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein, welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse. Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der Hofgärtner =Petersen= vorbei und sagte: »Adam, willst Du Stachelbeeren haben?« -- »»Ja, gern.«« -- »Dann komme mit!« Ich folgte ihm den Berg hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von den Zweigen, so lange noch eine daran war.
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[Sidenote: Vogelschießen.]
Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit, wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei, da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß, im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen. Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe hätte ich vergessen -- der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im Wallenstein:
Ging es nicht aus seinen Kassen, Sein Spruch war leben und leben lassen.
In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug aus -- und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen, welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester in einen Winkel und sagte: »Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.« »»Ja««, sagte sie, »»das ist wohl nicht anders möglich.«« Indessen nahmen wir uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste. »Herr Jesus, mein Kind!« schrie meine Mutter, welche auf einer Bank in der Nähe bei einem Zelte saß. -- Mich hatte es nicht erschreckt, ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht begreifen, worüber sie so gerührt war.
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[Sidenote: Ein Volksfest.]
Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. -- Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine dunkle Idee von der Kunst.
Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der Baumeister Professor =Harsdorf=. Ich sehe ihn noch, den freundlichen Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit französischen Versen darunter, und _la bonne femme de Normandie_ von Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. --
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[Sidenote: Eine Räubergeschichte.]
Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs, je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein. In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte -- hörten wir, daß fern im Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen, um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört hatte, und -- wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin, um einzuschlafen. -- Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen. Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem andern in Verwahrung gebracht.
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[Sidenote: Kindlicher Stolz.]
Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre, ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu lesen.
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Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich, Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu begegnen lernte.
Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal spielen, wenn sie es wollten. »Kann ich denn auch =Du= zu ihnen sagen?« fragte ich. »Nein, das geht nicht.« -- »Dann will ich auch nicht mit ihnen spielen.« --
Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen, und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz, als mein Vater sagte: »Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer Unrecht gehabt hat.« Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.
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Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter =Samsöe=; aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm Tragödien schreiben würde.
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[Sidenote: Bernd Winckler.]
Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war =Bernt Winckler=, aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich hitzig wurde -- so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der Kritik zu finden glaubte, -- so wurde ich auffahrend und wägte nicht länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe. Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: »G. oder F.?« (Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: »F.«, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. -- Wir haben gewiß einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen; denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.
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[Sidenote: Meines Vaters Umgang.]
Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater, dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen, stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich, daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging, wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen; Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: »Wenn ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann zum Grabe geleiten.« Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den Jüngeren zum Grabe.
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[Sidenote: Ideosynkratie.]
Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler. Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer; er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger, humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens. Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt gewesen.
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Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen, da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner Petersen »Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger und Holsteiner« geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen, theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe der innere Geruch des Kinderpulvers aus »Malling's großen und guten Handlungen« verging.
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[Sidenote: Ewald und Wessel.]
Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften. Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. -- Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daß =Chodowiecki= das Stück mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot, welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische Mythe, kein natürlicher Charakter ist, -- ein solches Stück gewinnt gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten italienischen Komödien behält.
In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlich Geheimnißvolle in dem Walde mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit dem Gefühlvollen in den Gesichtern.
Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen, die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen Gesicht gemildert.
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