Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 21
Es war einmal ein Junggesell Voll Eigensinn; Der wollte, wie ein flücht'ger Quell, Ins Weite hin; Es ward ihm gar zu eng und weh Im alten Haus, Drum sagt der wilde Bursch Ade, Und zog hinaus, Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg.
Der Herr Gott ließ die Winde los, Beim Strafgericht:[2] Der Jüngling fiel in Meeresschoos; Doch starb er nicht. Ganz trocken bald -- ich weiß nicht wie -- Und wieder flott Stand er -- und war ein Kraftgenie! Du lieber Gott! Zur Sünde nur war er gerettet!
Drauf streift er weit, im röm'schen Reich, Und sucht Natur; Vertiefte sich in Wald und Teich, Und Blumenflur; In Schachten nach dem Urgestein Er suchend kroch; Sah nach den süßen Mägdelein, Durchs Fensterloch, Und Alles der Wissenschaften wegen.
Da fügt's sein Schicksal, immer gut, Solchergestalt; Er macht, mit liebevollem Muth In Halle Halt. Was einzeln erst im Bergrevier Und Flur er sah, Vereinigt in dem Mädchen hier Stand Alles da. Da ward's ihm gar freudig zu Muthe!
Nun braucht' er gar nicht suchen gehn Lazurgestein; Ins Auge braucht er nur zu sehn Dem Mägdelein; Und wenn die Rosenlippen süß Er lächeln sah, War gar nichts auf der Blumenwies' Von Rosen da; Sie welkten, vor Neid, und erbleichten.
Des Dichters goldner Leierklang Er auch vermied, Wenn sie mit süßer Stimme sang Des Vaters Lied. Der Vogel saß so andachtsvoll Am grünen Ort, Wenn über ihre Lippen quoll Das holde Wort; Es rieselte leiser die Quelle.
Nun lieber Heinrich bist Du hier Mit ihr im Bund'; Drum singen und drum jauchzen wir Aus Herzensgrund; Drum zechen wir, mit großer Lust, Den guten Wein, Und drücken Dich an unsre Brust, Und singen drein: Willkommen uns, =Heinrich= und =Hanna=!
[2] Steffens litt auf dieser Reise Schiffbruch.
Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nähe zu haben, währte nicht lange, im folgenden Jahre verließen sie uns leider wieder, da Steffens als Professor nach Halle berufen wurde.
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[Sidenote: Ein Symposion.]
Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders auf ein Trinken losgehen sollte, weßhalb sie auf ihren Einladungskarten das Fest auch ein =Symposion= nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann man wohl sagen, daß es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein »Jeppe vom Berge« mehr und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es häufiger, weil es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehöre. Aber im Ganzen genommen paßte Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:
»_This heavy-headed revel, ease and west, Makes us traduc'd, and tax'd of others nations; They clepe us drunkards._«
Dagegen hatte man eine Menge Erzählungen von lustigen Trinkgelagen in alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder bereiten wollten. Zum Ort für das Fest wählte man das Ermelundhaus im Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt. Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus für den Abend, und kein Fremder wurde eingelassen. Man hatte dafür gesorgt, daß sich nichts Plumpes und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die große Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Künstlern. -- Nun ging es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so übermüthig als möglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, übertreten; das wünschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit übelnehmen. Das Haus wurde den Gästen von den Wirthen Preis gegeben, und die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stücke zu schlagen (welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem Zustande gern seine flüchtige Phantasie mit der einen oder der andern plötzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhält) stand Jedem frei, und wurde auch zuweilen ausgeübt; obgleich mit Bescheidenheit und ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem ernsten Gespräche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Männer bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe in Stücke schlagen, ohne daß dies die geringste Stockung im Gespräche hervorrief. Einer der Gäste goß etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas Schwieriges in der Physik zu erklären. Er bat Oersted, es um Gottes Willen nicht übel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: »Da müßte ich doch ein großes Kameel sein, wenn ich darüber böse werden wollte.« -- Ein vorzüglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war, hatte gerade einen rührenden Vater in einem von Kotzebue's Stücken gespielt, und kam etwas spät, als wir Andere bereits die Gläser tüchtig geleert hatten. Da er noch nüchtern war, wollte er satyrisch sein, aber ich sagte: »Lieber Freund, wir sind bereits lange über die Satyre hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.« Kaum hörte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und wurde der gemüthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm zu heiß, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anständigen Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der Anwesenden wollten ihn entführen, aber seine Abwesenheit wurde bald bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurück. Wir standen Alle in der Thür, als er ankam; und während er in bloßen Strümpfen aus dem Wagen stieg, grüßte er voller Huld und sagte: »Es war ein Mißverständniß, meine Herren! es war ein Mißverständniß!« Man hatte ihm nämlich gesagt, daß das Fest in einem anderen Wirthshause fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.
Die Wirthin war auch froh darüber, daß sie Alles auf die Rechnung setzen konnte; sie characterisirte den Zustand der Gäste nach den zerschlagenen Sachen, und sagte zu ihrem Mädchen: »Nun sind sie bei den Fenstern! Nun sind sie bei den Spiegeln!« u. s. w.
Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden schläfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo für ihre Bequemlichkeit gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und die medicinische Seite ein, besuchte sie fleißig und heilte sie bald. Winckler selbst, als er merkte, daß er die Augen nicht länger aufhalten könne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, für die Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und wie viel Zucker zu jeder gehöre; und als er derart gewissenhaft sein Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.
Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag waren wir zu einem großen Thee auf der Schießbahn eingeladen, wo wir zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein köstliches Abenteuer erzählt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten nämlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause zu frühstücken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen die Thür nicht öffnen wollte, kletterten sie über die Mauer. Da saßen sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wäsche, als der Wirth im bloßen Hemde mit seiner geladenen Büchse herauskam und sie, wie Spatzen, herunterschießen wollte, weil er glaubte, es seien Räuber. Erst nach vielen Eiden und Versicherungen überzeugten sie ihn, daß sie ehrliche Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wären, ihm Etwas zu verdienen zu geben.
In diesem muntern, ungewöhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seeländischen Walde. Mein Plan war gefaßt, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fühlte, daß die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, daß es thöricht und vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukämpfen. Freilich sah ich ein, daß ich, indem ich den allgemeinen Weg verließ, auch die Beamtenbahn aufgab; aber es ahnete mir, daß ein schmaler Steg, der freilich über tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich rascher zum Ziele führen würde.
[Sidenote: Der Maler Abildgaard.]
Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Isländische zu legen, und einige alte Sagen zu übersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits entworfen; ich hatte auch die Akademie der Künste gebeten, mir einen Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen über nordische Mythologie halten wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in der Universität zu halten. Ich sprach deßhalb mit Thorwaldsen's Lehrer, dem Director der Akademie, Maler =Abildgaard=. Dieser lange hagere Mann hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, große Kunstfertigkeit; aber ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen konnte er vorzüglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie ein großer Philolog seinem verständigen Rector, der dem Schüler zeitig durch fleißigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprägte. Als ich Abildgaard erzählte, daß ich für die nordische Mythologie begeistert sei, machte er mir erst die gewöhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit großer Aufmerksamkeit; sein spöttisches Lächeln verwandelte sich allmälig in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: »Ja, ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen widersetzt, weil es neu ist!« -- Wir sprachen über mehrere Gegenstände, auch über Poesie; und da bemerkte ich nun, daß er sich von dieser einen falschen Begriff machte. Er sagte: »Mit Poesie und Kunst verhält es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos da, es entsteht eine glückliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Künstler muß viel arbeiten, und gelangt erst allmälig zum Ziele!« Ich entgegnete ihm: »daß der Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden müsse, daß eine glücklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht den wahren Dichter zeige; daß auch viel Arbeit, Kunst, Studium und Nachdenken dazu gehöre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen und zu vollenden.« -- Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz darauf änderte ich meinen Beschluß und sah ihn nicht wieder.
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[Sidenote: Die Gräfin Schimmelmann.]
Man sagte mir, daß die Gräfin =Schimmelmann= meine poetischen Schriften gelesen habe, und daß sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte. Zugleich wünschte man mir Glück zu dieser Bekanntschaft; »denn«, sagte man, »Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen vorwärts, wo er könne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens früher geholfen, und es sei daher möglich, daß er auch Etwas für mich als Dichter thun würde, besonders wenn die Gräfin auf meiner Seite stehe.«
Ich ging also an einem schönen Sommertage mit pochendem Herzen nach seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an der schönen Emilienquelle vorübergegangen und gefahren. Eine Gräfin Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur Schwärmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausfloß. Diese Idee war nun zwar weniger glücklich, aber muß durch den sentimentalen Geschmack jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf, so weinten sie nicht mehr über einen Verlust, den ihm seine zweite Frau, Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.
Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, faßte Muth und beschloß, mich nicht verblüffen zu lassen -- als eine bleiche, magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grüßend sagte: »Mein Mann wird gleich kommen.« Das war also die Frau Gräfin. Sie nahm mich mit in ihren großen Gartensalon, wir wurden bald bekannt, und ich bekam Muth, als ich merkte, daß ich in ein Haus gekommen sei, wo man Poesie verstand, und sie mit zu den höheren Nothwendigkeiten des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gespräch setzte mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir früher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen. Die eigenthümlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise verbunden, daß sie sich zur Harmonie vereinigten.
[Sidenote: Der Graf Schimmelmann.]
Er war klein, mager und häßlich, er schielte mit einem der kleinen dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das mit einer Nachlässigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern zurückließ. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande und zwei großen Sternen auf der Brust, die dünnen Haare frisirt und gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast über diese Häßlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen, als sich das schönste, freundlichste Wesen über dem pockennarbigen Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lächelte, -- daß ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem Lächeln, es war bescheiden, mädchenhaft, schüchtern, gefühlvoll. Das Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich an diese edle Seele geknüpft fühlte, und die Sterne auf der Brust wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem geistvollen Auge funkelte.
Ich kehre später zu diesem edlen Manne zurück, und will diesmal nur noch bemerken: die Gräfin hatte Sinn und Geschmack für Poesie; Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun wieder der eigenthümliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung für die Gegenstände war er im höchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. -- Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlüssel zu diesem seltsamen Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wäre nicht aus ihm geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergönnt gewesen wären. Er rieth mir, Se. Königl. Hoheit den Kronprinzen (später Friedrich VI.) um ein Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte ich mich nun mit meinen Wohlthätern an eine prächtige Tafel, jener gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie Theil genommen hatte.
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[Sidenote: Friderike Brun.]
Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau Etatsräthin =Brun= auf Frederiksdal. Mein guter Freund =Rothe= (später Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person vereinigt. Wenn ein Komödiendichter den Gegensatz von übertrieben poetischer und übertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath (späterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit Leib und -- _sit venia verbo_ -- Seele; praktisch, thätig, auf Geld versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede höhere Idee; der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehälfte, als der Repräsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet. Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte, sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als eine gute große Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete. Man erzählte aber doch als eine Merkwürdigkeit, daß Brun einmal als Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschäften geschickt war, aus denen er Vortheil ziehen zu können glaubte, selbst zum Auswendiglernen der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau Brun -- (ich werde sie und ihren Mann später näher besprechen) hatte viel Geist, ein leicht bewegliches Gefühl, und war dadurch gebildet, daß sie auf ihren Reisen mit den tüchtigsten Köpfen des Zeitalters umgegangen war. Unglücklicherweise war sie schwerhörig geworden und dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, die der Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin stimmten aber doch Mann und Frau überein, daß sie Beide einen eleganten Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack verschönert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack für das Behagliche des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor, der für ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau, wenn sie nicht zugegen war -- (und wenn sie zugegen war, konnte sie es doch nicht hören) hatte etwas Amüsantes, gerade weil die komische Uebertreibung zeigte, daß es nur halb gemeint war.
Auf diesem schönen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme Tage vor meiner Abreise zu.
[Sidenote: Abreise.]
Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den König um das Reisestipendium. »Ein solches Gesuch =kann= ja nicht abgeschlagen werden!« sagte er lächelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht Zeit zu verlieren, und um -- gleich den kühnen Soldaten -- die Brücke hinter mit abzubrechen, so wie ich über den Fluß gekommen war, reiste ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und -- um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen, sagte ich ihr vorläufig, daß es nur eine kleine Lustreise auf einen Monat sei.
Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner Scheine, um die Kosten bestreiten zu können, bis das Stipendium einträfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so große Summe besessen hatte, griff ich oft ängstlich in die Tasche, um zu sehen, ob das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805 das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den zweiten Theil meiner Erinnerungen.
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=Ende des ersten Bandes.=
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
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Anmerkungen zur Transkription:
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen, und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.
Der Originaltext ist in Fraktur und fremdsprachliche Passagen sind in Antiqua gesetzt. Abkürzungen wie Dr. und römische Zahlen wie XV wurden nicht in Antiqua dargestellt.
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Die Kapitelüberschriften aus den Kopfzeilen wurden in den Text als Randnotizen eingefügt.