Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 20

Chapter 203,645 wordsPublic domain

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. -- Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht als =Maliciösheit= auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. »Sigersted,« sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.

In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:

»Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!« Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach. »Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!« Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. -- --

[1] Der später als Romanverfasser bekannte und beliebte Laurits Kruse hatte damals kurz vor meiner Reise ein Gedicht von Hamburg aus nach Kopenhagen geschickt, das so anfing:

»Sechzig Meilen weit von meiner Heimath, Sechzig Meilen weit von meinem Herzen.«

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[Sidenote: Aladdin.]

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: »=Jesus in der Natur=;« und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das Hauptgedicht dieser Periode war jedoch »=Aladdin=«. -- Ich ergriff mit jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schönsten Scenen aus »Tausend und Eine Nacht«; und die natürliche Aehnlichkeit, die dieses Mährchen mit meinen Lebensverhältnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht etwas Naives und Eigenthümliches, das die Wirkung verstärkte; hatte ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schätze der Welt setzte? Und die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich überall hinversetzte, wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spät aber ziemlich rasch entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thränen auf das meiner eignen Mutter. So berührte dieses Mährchen in vielen Punkten meine eigenen Lebensverhältnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir dessen während der Dichtung klar bewußt.

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[Sidenote: Caspar Bartholin.]

Einer meiner liebsten Freunde war =Caspar Bartholin=; er war Officier gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg zu suchen; und -- mehr als dieses Unglück zog ihn wohl sein eigner, ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, kürzte seine schönen Tage, und er starb in Rom -- mitten in der Bewunderung des Großen und Schönen an einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile ich hier mit.

Paris, den 26. Dec. 1804.

Verzeih, bester Oehlenschläger, daß ich Dir nicht nach Deinem Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, läßt sich so etwas leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du ja! Gott weiß es, daß ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an den schönsten Denkmälern der Kunst vorüberwandelte, oder ob ich mich über die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der großen Nation ärgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. -- Endlich traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der mir sagte, daß Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die halbe Meile zurückgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. -- Er erzählte mir, daß das einzige Nordische, was er gelesen habe, die isländischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von Dir zu erzählen, daß Du daran dächtest, sie zu bearbeiten und bereits begonnen habest. Er versicherte, daß er sehr viel Lust habe, dänisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte. Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen. Willst Du mir zu dem Ende nicht behülflich sein, und sie mir durch Oersteds herbesorgen, entweder an das dänische Ministerium oder lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir bis zu meiner Rückkehr zu creditiren. Von der »Europa« ist das vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und Freundschaft zu hören, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm sprechen. -- Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. -- Baggesen spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint über sie und versichert, daß ihm sein Dichtergenius entflohen sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wußte nicht einmal, daß der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war. Er schlug die Hände zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fünf bis sechs Exemplare Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefördert werden könne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich würde mir dann ein Vergnügen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hülfe Baggesen von dem Throne herabstoßen, den er sowohl bei den Dänen, wie auch bei den Deutschen hier usurpirt hat. -- Ich möchte Dir gern etwas von Raphael's göttlicher Transfiguration erzählen, seiner heiligen Cäcilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten lassen. Wäre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so würdest Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mußte, um nicht niederzufallen und sie anzubeten. -- Ein Stück von Dominichini (die Leiden der heiligen Agnes) hat nächstdem den größten Eindruck auf mich gemacht. Stelle Dir die schöne Leidende von ihren entmenschten Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf alle mögliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, während sie mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten, erträgt, und fast über der irdischen Sphäre erhaben zu sein scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkürlich zum Himmel, von dort muß ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe, sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlöser in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Märtyrerpalme, der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krönen. Es ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Hätte man ein solches Bild stets vor Augen, dann unterwürfe man sich diesem gewiß mit Freude. -- In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch einen unendlich schönen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswürdiger Genauigkeit von diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung im Gedächtniß zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen eines jeden Andern unterscheiden zu können. Von Albrecht Dürer sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner größten Gemälde für 400 Frcs. verkauft. -- Apoll von Belvedere hat mich von allen Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir vorstellen kannst und es ist unmöglich, ihn für etwas Anderes als den Gott der Poesie und alles Großen und Herrlichen in der Natur zu halten. Ihm gegenüber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man vergißt sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck der Liebe auch in seiner Form läge. Dicht neben ihr wird man von einem entsetzlichen Schauer überfallen -- bei dem Anblick des Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der höchsten Schönheit ausgedrückt, eine ewige Tragödie: der vergebliche Kampf des Menschen gegen das Geschick. -- Doch wohin man sieht, fällt das Auge auf etwas unbegreiflich Schönes. Hier bewundere ich den Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenüber in dem sterbenden Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlässigkeit in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majestätischen Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; -- und so sieben Säle hindurch. -- Aber ach! -- neben all' Dem vermisse ich die classische Erde, verletzt mich die Gleichgültigkeit, und zürne ich über die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit über sie hören muß. -- In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straßburg, Mainz, Frankfurt, Göttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben, unsern Steffens in Halle zu begrüßen. In drei Monaten hoffe ich Dich wieder umarmen zu können und versichere Dich der Freundschaft und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

C. =Bartholin=.

[Sidenote: Zusammenleben mit Steffens.]

Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte -- er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig -- schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete, daß Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei den Thierbuden heraushängen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwähnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterläden wurden an jedem Abend geschlossen, woraus folgte, daß es dann stockfinster war, bis sie wieder geöffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrücken, das oft wiederkehrte. Ich träumte nämlich, daß ich in meinem Bette lag, was wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder, obgleich es dunkel war, -- und nun entdeckte ich einen Räuber mit einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reißen. -- Kaum setzte ich den Fuß auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Füßen, zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett und schlief ruhig den übrigen Theil der Nacht. -- Erst in späteren Jahren, als ich nicht mehr meinen gewöhnlichen Abendschnaps trank und im Sommer Wasser in den Wein goß, blieb der Räuber fort. Meine Gespräche mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das Blut in stärkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den Räuber herbeizulocken. Ich habe bereits erzählt, daß ich einmal früher bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab und er merkte nichts. -- Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den Hals gestoßen worden wäre. »Mein Gott!« -- rief er -- »was giebts?« -- »»Räuber!«« -- röchelte ich. -- »»Sie ermorden mich.«« -- »Allmächtiger Gott!« rief Steffens und stürzte aus dem Bett, in dem stockfinstern Zimmer über mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte, und mir also auf mein Wort glauben mußte. Nun hatte ich mich gefaßt. »»Ach!«« -- seufzte ich langsam und ruhig -- »»es war nur ein Traum!«« Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. »Das ist, hol' mich der Teufel, gleichgültig!« -- rief er -- »ich muß Gewißheit haben; ich schlage Feuer. Ich hole meinen Säbel!« So hörte ich ihn in das andere Zimmer tappen; er zündete Licht an und es dauerte nicht lange, so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich, daß er verrückt geworden sei, und rief: »»Steffens, um Gottes Willen, sei doch vernünftig! Der Traum hat aufgehört.«« Aber da verwandelte sich seine Wuth gegen die Räuber in Aerger gegen mich. »Ja, mein Bester!« sagte er, »das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Träume zu haben, besonders wenn die Fensterläden geschlossen sind. Ich mußte Dir ja aufs Wort glauben.« »»Ich danke Dir, bester Freund!«« -- entgegnete ich, -- »»für Deine Tapferkeit und Deine Hülfe, in der Noth soll man seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht böse darüber, daß kein wirklicher Mörder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernünftigerer und wahrerer Träume befleißigen.««

[Sidenote: Eine Sonnenfinsterniß.]

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen Fensterläden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglückten schwedischen Schuhflicker zum Aufwärter, der zugleich mein Frühstück besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, öffnete die Fensterläden und weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehört, daß am nächsten Morgen um 5 Uhr eine große Sonnenfinsterniß eintreffen würde. Ich dachte: »die mußt Du auch sehen!« schwärzte ein Stück Fensterglas über dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte zum Schuhflicker, er müsse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die Fensterläden öffnen und mich wecken. Am nächsten Morgen erwachte ich von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drückte den Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: »Nun muß die Uhr doch bald fünf sein.« Ich konnte nicht länger schlafen, stand auf, öffnete die Fensterläden ein wenig, um beim Ankleiden sehen zu können und eilte dann durch die Thüre in den Garten, denn ich schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte mir entgegen, aber das störte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm mein geschwärztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne. Zwei junge Damen saßen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: »Wonach schauen Sie?« »»Ich sehe nach der Sonnenfinsterniß, mein Fräulein!«« entgegnete ich, »»aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit von Fünf sein?«« »Mein Gott!« rief sie erstaunt, »es ist ja schon Elf! Die Sonnenfinsterniß ist ja vor sechs Stunden vorüber.« »»Na,«« rief ich erbittert, »»daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren!«« Sie sahen mich verwundert an, aber als sie hörten, daß er des Morgens nicht da gewesen sei um die Fensterläden zu öffnen, verstanden sie meine Rede.

[Sidenote: Seltsame Träume.]

Da ich hier von Schlaf und Träumen rede, finde ich den Ort passend, um zwei andere Träume zu erzählen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube ich, fällt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre später. Ich habe sie nie vergessen können, und ich erzähle sie ohne Ausschmückung; es wäre leicht, einen amüsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so leicht amüsant zu träumen.

Erster Traum. -- Mir träumte, ich läge als Leiche in der Roeskilder Domkirche, in der nördlichen Kapelle, wo die königlichen schwarzen sammtbeschlagenen Särge stehen. Plötzlich hörte ich die Schlüssel an der Gitterthür rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schloß hatte zeigen sehen. Sie näherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: »Dieser arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich ein daß er noch lebt, während er doch schon lange eine todte Mumie ist. Sehen Sie einmal!« Hier faßte er mich an der großen Zehe und rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schließen. Ich fühlte mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, daß ich da nun mehrere Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst stürbe. Ich strengte alle meine Kräfte an, es gelang mir, mich zu erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht; ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer. »Sehen Sie wohl?« sagte mein Vater; »lauter Einbildungen! er glaubt immer, daß er noch lebt. Aber wir könnten ihn doch in ein warmes Bett bringen, obgleich ich im Voraus weiß, daß es nichts hilft.« Kurz darauf befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrünem Damast bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefaßt war. Ich lag in einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen, gleichfalls von dunkelgrünem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte Halbdunkel. Aber dicht daran stieß ein großer Saal voller Menschen, die an einem Tische saßen. Ich hörte Musik, die Teller rasselten, es wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das Schlüsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag, um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden des Lebens zu genießen, erfüllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft, mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, öffnete die Flügelthüren zum Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei schöne Mädchen, füllte mein Glas und sang:

»Und soll ich nicht mehr leben frisch Und in die Erde sinken, Will ich doch noch an diesem Tisch Erst lieben -- und singen -- und trinken!«

Darauf stieß ich mit den Schönen an, küßte sie und leerte mein Glas. Ich fühlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern füllen und durchströmen; ich war gesund und frisch und -- erwachte. Des Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn nicht mehr vergessen konnte.

Der andere sonderbare zusammenhängende Traum, den ich mich entsinne, gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde aufgeführt, während der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war rührend und begeisternd. Alle fühlten sich dadurch bewegt. Aber es war ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam, wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor componirt hätte? Ich antwortete ängstlich: »Ich war es nicht im Stande, ehrwürdiger Herr! Solche Gefühle kann nur ein seliger Geist ausdrücken, der ganz vom Erdenstaube befreit ist.« -- Da öffnete sich eine kleine Thür in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom Altar, etwas über dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich und freundlich mit Schlafrock und Nachtmütze, eine Rolle Noten in der Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: »Ich habe es componirt!« Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich ausgeführt; ihre himmlische Milde läßt sich nicht beschreiben; sie löste meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thränen gebadet.

Man sieht hieraus, daß mich doch nicht immer Räuber- oder Mörderträume ängstigten, sondern daß ich auch schön träumen konnte; obgleich der erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten Geschichte gemein hatte, und gleich dem Räubertraume, auf Lebensgefahr und Rettung hinausläuft.

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[Sidenote: Festgedicht an Steffens.]

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle, und holte seine schöne Braut, =Hanna Reichardt=. Hierdurch wurde unser gesellschaftlicher Kreis vergrößert und belebt. Zu ihrer Ankunft veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete, mit wenigen Veränderungen, ungefähr so: