Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 2

Chapter 23,544 wordsPublic domain

Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief, wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe; die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam einen -- meiner Ansicht nach -- köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen, mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken. Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte, ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das Lustige der Situation bestechen zu lassen.

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[Sidenote: Die Schule.]

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz, wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden. Unsere Lehrerin hieß =Madame Bergau=, ihr Mann war Maler gewesen; in dem Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß; dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit. Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben, den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.

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Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe, von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. -- Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken, und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon u. s. w., u. s. w. heraus.

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Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame Bergau selbst nicht konnte.

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[Sidenote: Tragische Geschichte.]

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte. Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee, und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: »Was ist Dein Vater?« -- »»Landrichter!«« -- »Landrichter!« rief ich, »pfui!« und sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme. Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke. Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. -- Von all' Dem verstand ich nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren, bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. -- Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt hätten.

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Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden Augenblick zu meiner Mutter: »Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.« Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: »Nein, das thut Adam gewiß nicht.« Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das Schwören zu unterlassen.

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Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu kneipen und zu sagen: »Bist Du nicht meine Canaille?« -- Eines Tages, als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut: »Bist Du nicht meine Canaille?« Zuerst bekreuzte man sich über den kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man um so mehr.

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[Sidenote: Die Schule des Küsters.]

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo =Bernt Winckler=, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause. Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.

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[Sidenote: Naturgenüsse.]

In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort, schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften bei Tische sitzen sehen. -- Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel, und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen, einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in eine dicke Buche, die sie noch trägt.

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[Sidenote: Leben im Winter.]

Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten, Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. -- Mit Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer, betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.

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[Sidenote: Eine Hundegeschichte.]

Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade auf den Leib, und mit den Worten: »Ei du Canaille! hast Du meinen Hund da?« faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.

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Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen, die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum Wächter und sagte: »Er schießt mir gleich den Hund todt!« -- »»Gott bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit, ein Geschenk von einem vornehmen Herrn für das Schloß, das wage ich nicht.«« »Er schießt mir gleich den Hund todt,« fuhr meine Mutter fort, »jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden; er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme Alles auf mich!« -- Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.

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[Sidenote: Ein Meteor.]

Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte, so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen. Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in »Gottsched's Weltweisheit« gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor gesehen.

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[Sidenote: Kunsteindrücke.]

Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den Straßen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei, der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen Sinnbilder und Ehrenpforten.

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Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde, und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen, dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit den Fackeln in den Händen vor dem Frieden. Die herrliche Copie von =Lorenzen= nach einem von Rubens Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: »Wer sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,« machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen, das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit, Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aber =wer= könnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbst =Raphael=? könnte es =Thorwaldsen=? -- Ich stelle diesen Jesuskopf von =Rubens= über den strafenden Jesus des =Giovanni Bellini= in der Dresdner Galerie, von =Carlo Dolci's= süß sentimentalem Christus nicht zu reden. Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft; welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der Saducäer -- der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge, welche die Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht, hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung, eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von einem entsetzlichen Tode rettet. -- Was Wunder, daß ein solches Bild einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.

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Die herrlichen Landschaften von =Poulsen=, welche in demselben Saale hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst =Norwegen= kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang, wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. -- Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen, wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit meiner kindlichen Vorstellung verglich. -- Ein Bild in dem sogenannten Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute, und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt, obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein in der Hand, das er im Begriff ist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; -- so ging ich blos in den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der Nacken steif wurde; -- dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das prächtigste Fest angerichtet.

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Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.

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Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend, aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute Compositionen.

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[Sidenote: Unser Prediger.]