Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 18

Chapter 183,244 wordsPublic domain

Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte, mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war unnütz, das Nützliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem bestimmt habe. Oft dachte ich: »Es ist doch seltsam! Um die Kunst auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte, weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.«

Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.

Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischen Vergötterung der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen einen phantastischen Werth beizulegen.

[Sidenote: Die neue Schule.]

Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte Uebertreibungen.

Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule, welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren zu werden.

Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character, das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel Schönes war, verkannte und verurtheilte.

Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie stärkt. Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin, von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das Poetische, das =Heiter-Schöne= in dem katholischen Gottesdienste, und daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.

So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten, Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig, wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen ließ.

Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete, gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher nur die schöne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die Hauptsache der Dichtkunst.

Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens' Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen Systeme der =reinen Vernunft=, der =ästhetischen Urtheilskraft=, der =Wissenschaftslehre= und des =Idealismus= hindurchzuarbeiten. Ich verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu einem anderen Ziele zu kommen.

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[Sidenote: Novalis und Tieck.]

Steffens Lieblingsdichter, =Novalis= und =Tieck=, las ich gern und oft. Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität, und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne, Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die »blaue Blume« winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte. =Tieck= war nun ganz anders! Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes »gestiefelter Kater«, seine »verkehrte Welt« und »Zerbino«. Seine Märchen amüsirten mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines: _Deus ex machina_ einen: _Diabolus ex machina_, den er, um die poetische Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall triumphiren läßt. Durch diese neu erfundne =poetische Ungerechtigkeit= wirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. =Hoffmann= hatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche alte Bilder hat er uns nicht in seinem »getreuen Eckart«, den »Haimonskindern«, der frommen katholischen »Genovefa« gegeben. In seinem »Octavian« sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.

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[Sidenote: Neue Dichtungen.]

Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte. Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für empfangnes Honorar zurückbezahlen.

Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß. Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung; aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort davon zu sagen.

Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet. Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den dänischen Dichtern.

Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct. Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das Nützliche und die Aufklärung ungerecht, und die Huldigung der alten Phantasieen gefährlich und unvernünftig.

Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm, der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte, -- sagte Holm lächelnd: »Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis fünf zählen könnte.«

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[Sidenote: Baggesen's deutsche Gedichte.]

In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet. Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen, hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kümmern, zu Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: »Ich gehe ins Wasser.« Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.

»Weißt Du was,« sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; »magst Du nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das Licht aus, wenn Du gehst!« Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.

[Sidenote: Polemik gegen Baggesen.]

Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte; dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte, auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich genug war, herauszugeben) _à la_ Baggesen behandelte. -- In Baggesen's gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige, in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift neutralisirt werde.

Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird als =Geschmacksrichter= und als =sublimer= Dichter behandelt.

=An Baggesen.= (Als er Göthe heruntergerissen hatte.)

In Corsöer auferzogen, Kamst Du zur Stadt geflogen, Du warst ein muntres Kind. Wie Holberg Wessel färbte, So dieser Dir vererbte Die Farbe ganz geschwind. Mit Kallundborg, Corsöer Du Hast leer die Mus' gemacht; Doch hast zu großer Ehr' Du Es durch dies Werk gebracht.

Dann satt den fränk'schen Wust -- Schriebst »Holger« Du mit Lust, -- Nicht allzu dänisch just; Ich hörte gar vermuthen Daß »Erik« auch »dem Guten« Ganz fehlt die dän'sche Brust. Den Ersten parodirt man, -- Das war ein bitt'rer Trank, Den Zweiten pardonnirt man, Weil gut war der Gesang.

Zu Zeiten Thränen rinnen, Wir Stellen lieb gewinnen, Wo's viel des Wassers giebt. -- Ja, ich gesteh's mit Schmerze, Dich, guter Mann, mein Herze Hat einstens sehr geliebt. Mußt' Deine Triller schlagen, Ich summte Deinen Sang, Doch vom Verstand zu sagen -- Der war kaum Ellen lang. --

Oft möchte man entweichen Nach Sirius' fernen Reichen Und zu den Sonnen weit; Man liebt die Eminenzen, Das sind Reminiscenzen Noch aus der Kinderzeit. Sah ich Dich aufwärts fliegen, Da dacht' ich: Gott der Welt, Wie hoch ist der gestiegen, Ohn' daß er niederfällt?

Du schenkt'st mir Deine Leyer, Als Zucker, Rum und Eier Die Herzen uns erweicht. Ich klimperte so schüchtern -- Doch bald ward mir's zu nüchtern, Bald ward es mir zu seicht. Der Herr zu meinem Glücke Schenkt' mir Barmherzigkeit, Er öffnet' mir die Blicke, -- Ich warf die Lyra weit.

Das konnt'st Du nicht vertragen, Die Gab', hört' ich Dich sagen, Hätt' schlecht ich angewandt. Wie Götz von Berlichingen Hätt' ich mit ihrem Klingen Dir fast sie heimgesandt, Gleich ihm gesagt: »Im Leben Hast Du mich nicht gekannt; Drum will zurück ich geben, Die Du mir gabst, die Hand.«

Doch dacht' ich, alle Teufel, Der Mann hat ohne Zweifel Doch sicherlich Talent. Er geht als Scheerenschleifer Umher mit vielem Eifer Und singt dann excellent. Doch wie den Schmerz ich tödte, Als ich die Wund' vergaß -- Sah ich Dein Lied an Göthe Und staunte, da ich's las.

Was? =Er= singt »für den Pöbel«? Solch wurmzerfress'nes Möbel Wagt an den Helden sich? Du, =Jens= für Weib und Dirne, Tief in den Staub die Stirne Vor Göthe, paßt für Dich, Der gleich dem Fisch sich windet Im salz'gen Thränenmeer! Jens Baggesen verschwindet! Jens lebt jetzt gar nicht mehr!

Da sah in einem Zimmer So fern vom Tagesschimmer Ich eine Frau allein. Sie konnte nicht vertragen Des Morgens schönes Tagen, Und nicht den Sonnenschein. Mit ihrem Blick, dem matten, Und ohne Lebensspur Saß sie im dunkeln Schatten Und liebt das Dämmern nur.

Da schwand mein ganzes Grollen. Gott möge helfen wollen! So sehr beklagt ich dies. Laßt ihn in Frankreich bleiben Und deutsche Lieder schreiben Auf Holstein'sch in Paris. Denn schon als kleiner Schlingel Hast Du vor Freud' gelacht, Aß'st Du »Pariser Kringel«, Die hier zu Haus gemacht!

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=An Baggesen= (1804).

Als lust'ger Slaglosianischer Student Warst Du excellent, Und wirklich ein kom'scher Scribent. Da fielst Du -- Gott helf' in der Noth -- In Vierländ'schen Koth. Strecktest aus dem Mist empor die Glieder, Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder; Nanntest Voß, Virgil, Racine -- -- Gott schütz' ihn! -- Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen, Klopstockst Du umher auf Stelzen; Dünkst Dich 'nen Homer von Profession, Statt, lieber Mann, Was Du bist, was man Dir lassen kann, Einen lust'gen Patron! Schreib vom Jeppe doch immer! Homer wirst Du nimmer. Soll wieder blühen des Alterthums Kranz In seinem vollen Glanz Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie, Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

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[Sidenote: Satyre gegen Pavels.]

Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter, einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund, =Pavels= (als Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik über meine Gedichte. Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und Literatoren jener Zeit stand.

Daß in den Liedern Du die Spur Nicht fand'st von Mythen der Natur, Das kann ich allenfalls begreifen. Auch will ich die Erklärung sparen, Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren, Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.

Daß Shakespeare, voll Verstand, doch »keinen Geschmack gezeigt«, -- das will ich meinen; Nie schrieb er solche Recension! Nicht =der= Geschmack würd' ihm behagen, Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen, Der ungehobelte Patron.