Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 17

Chapter 173,593 wordsPublic domain

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: =Erik und Roller=, geschrieben und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript mitzubringen. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen sei, ihn aber nicht getroffen habe. -- »Was?« rief er aufgebracht, -- »willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh' wieder und fahr' zur Hölle!« -- Ich bedachte mich einen Moment, was ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. »»Nein,«« -- antwortete ich nun ruhig, -- »»ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier und trinke Kaffee mit Dir!«« -- »Das kannst Du auch!« -- antwortete er gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung reichte; und zum Mädchen sagte er: »Bring' dem Herrn da auch eine Tasse!« So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse, die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen; dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen Vorlesungen beizuwohnen.

[Sidenote: Deutsche Schriftsteller in Dänemark.]

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche! Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram, konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den =ersten= Göthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er rasend und ich hitzig wurde. -- »Höre,« sagte er einmal, als wir von Schiller sprachen, »wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient!« Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »»Lieber Pram, und wenn man Dich todt schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.«« -- »Das ist, meiner Treu, sehr möglich,« sagte er nun ganz freundlich; »ich habe auch nicht von mir gesprochen.« Er brach auch eigentlich nicht in Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn, den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

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[Sidenote: O. H. Mynster.]

Mein einziger Trost bei all' diesen ästhetischen Anfechtungen waren Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Göthe und Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre zartesten Schönheiten zu fühlen.

Hieronymus Mynster hörte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz ließ ich sie ihn corrigiren, es amüsirte ihn und seine Bemerkungen waren größtentheils richtig. -- Wenn ich ihn des Morgens auf dem Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur, einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft sagte Mynster =Ihr= zu ihm, bloß weil er wußte, daß der Andere aus honnetter Ambition auch Ihr sagen würde; denn trotz seiner Ehrerbietung vor Mynster glaubte er doch, daß er seiner Ehre solche Repressalien schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse verrathen, wo er deren nicht besaß, und das amüsirte Mynster am Meisten. Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht gefroren habe. »Herr Doctor,« fiel nun der Friseur Mynster in's Wort, -- »Grad -- sind das nicht fünfzehn Meilen?« »»Ja, sehr richtig,«« antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide sehr hübsche Verse, sowohl dänische wie deutsche, in denen immer etwas Originelles und Geschmackvolles war; aber sie ließen Nichts drucken. -- »Oehlenschläger!« sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn besuchte, »ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie hören?« -- »»Ja, mit dem größten Vergnügen!«« -- »Nun dann setze Dich! ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschütternd!« -- »»Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr!«« -- Er las:

»Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die Marmorbrücke; die eingehüllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte nicht weiter gehen. Sie setzte den Korb auf den Rand der Brücke und schaute mit ängstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nähe sei. Nur der Mond blickte mitleidig auf das schöne todte Kind« -- --

»Ja, weiter bin ich nicht gekommen,« sagte Mynster ganz phlegmatisch, indem er sich erhob, legte das Blatt fort und ließ mich voller Erwartung mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spaß.

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[Sidenote: Der Componist Weyse.]

Wer damals nie meine Erwartung täuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war der Componist =Weyse=. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid, wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich mit großen Kreidebuchstaben an die Thür geschrieben:

Oehlenschläger ist nicht zu Hause, Sitzt vielleicht bei einem Schmause. Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'! Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: »Der Eichwald brauset,« riß mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die dänische Bühne umzuarbeiten.

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[Sidenote: Schriftstellerische Versuche.]

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las, beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte. Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt, um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte. Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte einen Musenalmanach =Siofna= herausgegeben, in dem eine Uebersetzung von Wieland's komischer Erzählung »der Fischer« den größten Theil ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: »die Räuberburg.« Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die letztere übersetzte ich.

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[Sidenote: Der Alterthumsforscher Arndt.]

Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal =Arndt=, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war, so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse. Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel, daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge, um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen er etwas Dänisches aus der Zeit der =Wäringer= zu finden glaubte. -- Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus. »Lasse sie,« sagte er, »ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.« -- Oft bekam er Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er sie, -- nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab es keine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe, jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

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[Sidenote: A. S. Oersted wird mein Schwager.]

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof- und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung. Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.

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[Sidenote: Die Dichterin Frau Koren.]

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen Gefühls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam, einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen, selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie Deiner liebevoll gedenken!

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Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.

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[Sidenote: Nächtliches Abenteuer.]

Ehe mein Freund =Bull= mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb, disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich dachte: »Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach zu kommen; er kommt gewiß wieder.« Ich legte mich zu Bett, verschloß die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da. Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. »Guten Morgen, Oehlenschläger!« -- »»Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du denn heute Nacht?«« -- »Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in einem Winkel desselben Gartenhauses.« Ich glaubte erst, es sei Satyre, weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. -- Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht ganz verstört im Kopfe erwachte. -- Damals schlief er nicht mehr bei mir. -- Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte er: »Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.« -- »Ach, lieber gar,« antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in seiner Nachtruhe gestört war; »'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.« Der Doctor hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.

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[Sidenote: Erste Bekanntschaft mit Steffens.]

Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O. H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. »Darf ich Dich,« sagte Mynster zu dem Fremden, »mit einem jungen Manne bekannt machen, der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?« »»Ich habe bereits einige davon gelesen,«« sagte der Fremde höflich. »Du sprichst mit Dr. Steffens,« sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.

Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mir _ad notam_.

Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel, äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen des Küsters und des Voigts Rollen und »fand in meinem Gewissen,« daß Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm, daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte, suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. -- Als Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten, daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. -- Ich sagte: »Hört Kinder, Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit, welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!« -- Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald auf.

Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische. Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht »=die Goldhörner=,« um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin er nach den »einigen Gedichten, die er bereits gelesen,« noch Zweifel zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen, zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll, nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.

Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie andere Curiositäten begafft hätte.

»Ei mein Bester,« sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen hatte, »Sie sind ja wirklich ein Dichter.« Ich antwortete ihm, daß ich es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und wir waren von dem Tage an unzertrennlich.

Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu gehen, theils seiner feurigen Jugend.

Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.