Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 16

Chapter 163,602 wordsPublic domain

Eines Nachmittags übten wir uns auf dem Felde im Schießen. Ein junges Blut hatte sein Gewehr geladen, aber es vergessen, den Ladestock wieder aus dem Lauf zu ziehen, und stand nun, mit der freundlichsten Miene von der Welt, und zielt auf den Marschall. Glücklicherweise bemerkte dieser es bei Zeiten, schlug das Gewehr bei Seite und rief: »Mein Herr! Wenn Sie Ihr Gewehr geladen haben, sollen Sie den Ladestock herausziehen. =Ich will Ihnen den Grund sagen=: Weil Sie sonst den Anführer durch den Leib schießen!«

Diese geniale Gedankenlosigkeit, die sich, wie man behauptet, besonders der Künstler und Gelehrten bemächtigt, und zu deren Ehre Baggesen eine Ode geschrieben hat, hatte sich auch einige Mal meiner bemächtigt. Wir sollten Carré formiren; der Anführer ruft dann: »Bataillon«; der Fahnenjunker läuft acht Schritte vor, und nach ihm bildet sich die Colonne. Der Marschall rief also: »Bataillon«! Aber ich stand in Betrachtungen vertieft, und rührte mich nicht von der Stelle. Plötzlich hörte ich ihn rufen: »Oehlenschläger!« Erschreckt erwache ich, laufe zwölf, vierzehn Schritte vor, um das Versäumte wieder gut zu machen, und das ganze Bataillon hinter mir her.

Ein andres Mal hatte ich den Fahnengurt umzuhängen vergessen; ich mußte die Fahne die ganze Zeit hindurch nur mit den Händen tragen; gerade deßhalb, glaube ich, blies ein heimtückischer Sturm den ganzen Nachmittag, und der noch schwächliche Fahnenjunker wäre fast umgeworfen worden.

Zu unseren Märschen und Uebungen hörten wir immer schöne Musik. Die Mitglieder der königlichen Kapelle hatten sich selbst angeboten, unsere Hautboisten für das erste Bataillon zu sein. Das zweite Bataillon bekam die Hautboisten der Leibgarde. Komisch war es im Anfange, wie die Virtuosen der Kapelle es diesen nicht gleich machen konnten, weil sie nicht darin geübt waren, unter freiem Himmel im Gehen zu blasen; vielleicht auch, weil Einige, die gewöhnt waren, Violine und Baß zu spielen, sich auf Blaseinstrumenten versuchten. Aber es währte nicht lange, so hatten sie den Handgriff weg.

An einem schönen Sommertage, als das Vaterland wieder Frieden hatte, wurden wir Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen vorgestellt. Er war mit unseren Fortschritten zufrieden, und lobte uns. Wir wurden auf dem Felde mit Wein und Backwerk tractirt. Junge Damen aus der Stadt kamen heraus und tanzten auf dem Felde mit den Studenten. Die Alten standen in großen Kreisen als frohe Zuschauer umher. Alles war nun Lust und Freude!

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[Sidenote: Friedliche Beschäftigungen.]

Nun kehrten wir zu unseren friedlichen Beschäftigungen zurück. Ich kam jeden Tag zu meinem Freunde und Leiter A. S. Oersted; das dänische Recht hatte ich repetirt, das Naturrecht ebenso, aber das römische Recht war noch durchzumachen. Collegien besuchte ich nicht mehr viel, doch hörte ich einige Mal Schlegel. Mit Oersted's aß ich Mittags bei ihrer Tante, Madame Möller; dort saßen die jungen Gelehrten und Schöngeister von einem Haufen Bürgersleuten umringt, die uns oft lebhaft an die Personen in Holberg's Comödien erinnerten. Oft las -- oder richtiger gesagt -- spielte ich fast ein ganzes Stück von Holberg mit veränderter Stimme zur Unterhaltung vor dieser gemischten Gesellschaft. Besonders amüsirte mich in diesem Kreise der alte pedantische Schullehrer, der Erste, der mich davon überzeugte, daß eingewurzelte Lächerlichkeit nicht durch Comödien geheilt werden könne. Wir führten nämlich einmal wirklich den Erasmus Montanus auf; ich gab den Küster Peer und copirte den Schulmeister so gut, daß die ganze Gesellschaft ihn wieder erkannte. Er war auch gegenwärtig, erkannte aber meine Copie nicht, da er sein eignes Original nicht kannte. Er war sehr zufrieden mit meinem Spiel, als das Stück beendet war, und lobte Holberg, der so gut unwissende, bornirte Pedanten geschildert habe.

[Sidenote: Privat-Theater.]

Ein norwegischer Student Bull, später Justitiarius in Norwegen, sollte im Hause mit mir zusammen wohnen; wir vereinigten uns, und Madame Möller überließ uns noch den Saal neben meiner Kammer. Sie fand sich gern darein, daß wir zuweilen Comödie spielten, und gab mir selbst die Bettlaken, die ich dann mit kleinen Nägeln an den Fenstern festmachte, um gegen das Frühjahr hin ein künstliches Dunkel aus dem Theater hervorzubringen. Nur ein Mal, als wir »Liebe ohne Strümpfe« spielten und das Stück etwas stockte, weil Jesper seine Rolle nicht konnte, und ich, als Mads, in der Verzweiflung, um die Pause auszufüllen, das neue Psalmenbuch hervornahm und in meinem jugendlichen Uebermuthe zu singen anfing: »Wenn uns die höchste Trübsal naht!« tadelte sie uns auf eine gutmüthige, mütterliche Weise, indem sie zu den Anderen sagte: »Sie lachen selbst darüber!«

Während einer der Proben zu diesen Vorstellungen wurde ein Glasarm von einem Kronleuchter abgeschlagen. Eine alte Frau, die im Hause wohnte, bezahlte einen Thaler, um einen neuen anzuschaffen, wollte aber, daß ich als Director ihr dieses Geld wiedergeben solle. Da ich nun nicht das Unglück angerichtet und niemals einen Schilling übrig hatte, ließ ich sie mich vergebens mahnen; und es amüsirte uns Alle, wenn sie täglich über Tisch auf mich wegen des Thalers stichelte, den sie gut zu haben glaubte. Die arme Frau hatte viele Jahre darauf ein trauriges Schicksal; denn sie fiel eines Tages vom Stuhl, als sie ihr Mittagsschläfchen halten wollte, und dies wurde ihr Tod.

Oersted's assistirten auch, wenn wir Comödie spielten, aber das ist nicht ihr Fach; besonders hatte A. S. Oersted kein Geschick dazu, selbst zu kleinen Rollen konnte ich ihn nicht gebrauchen; und als ich ihm einmal den Mathias in den Jägern einstudirt und gesagt hatte: »Nun kommst Du, die Hände nachlässig auf dem Rücken, herein«, hatte er sie so in einander verschlungen, daß er sie beinahe nicht wieder auseinander gebracht hätte.

In Madame Möller's Hause wohnte eine alte taube Frau, die ihre ganze Liebe auf einen Schooshund geworfen hatte. An einem warmen Sommertage sperrte ich den Hund in den kühlen Ofen ein. Sie konnte ihn nicht bellen hören, ging umher und suchte vergebens. Endlich befreite ich den Hund in ihrer Gegenwart aus seinem Gefängnisse. Die alte Frau wurde sehr böse, obgleich wir sonst die besten Freunde waren, und sagte: »Das rathe ich Ihnen, daß Sie mir nicht wieder den Hund zum Narren halten!«

Man sieht, daß die Lust, Comödie zu spielen, bei mir von Neuem erwachte, als ich mein eigner Herr geworden war und ich es zu meinem Vergnügen thun konnte; ich trat auch in Borup's Gesellschaft ein, spielte aber nicht oft dort, sondern größtentheils nur in häuslichen Kreisen, wo ich selbst der Geist des Ganzen sein konnte.

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[Sidenote: Die Gebrüder Mynster.]

In Dreyer's Klub war eine große Punschbowle, die bei gewissen feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfaßt. Ich war eine Zeitlang oft Vorsänger und trank mit den Anderen, obgleich das Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nähere Bekanntschaft mit mehreren älteren, ausgezeichneten Männern, welche ich sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben würde. Unter diesen waren die =Gebrüder Mynster= und =Bentzon=. Der Doctor, später Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer in der Naturgeschichte in der Schule für die Nachwelt gewesen. Ein vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend, wenn auch für den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam, den Mynster so stark und scharf tadelte, daß mir die Thränen in die Augen kamen. Er hat mir später erzählt, daß es ihm herzlich leid that, als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen Gesicht er gleich gern mochte. -- Indessen riß er mir das Band von den Augen, und überzeugte mich, daß in den Lafontaine'schen Romanen nicht Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der kurz darauf Regierungsrath und später Generalgouverneur in Westindien wurde, war ein junger, kräftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein schönes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines Gefühl. Er war übrigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tüchtigkeit. Gegen die Mittelmäßigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit, im Ganzen genommen etwas arrogant, und in späterer Zeit etwas geizig. Was Wunder, daß er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch Schimmelmann in jungen Jahren sein Glück machte. Aber er kümmerte sich nicht sehr darum.

Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdroß es ihn, daß er hinkte; und obgleich er lächelte, wenn O. H. Mynster auf seine scherzende Weise sagte: »Da kommt der lahme Bentzon!« ärgerte es ihn doch. -- Da er aber gewöhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn auf diese Weise etwas zu demüthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor dem Thore spazieren. »Oehlenschläger!« sagte er, »sage mir aufrichtig, hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken?« -- »»Nein!«« entgegnete ich, »»wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts.«« Diesen Zug habe ich später in meinem Fragment =Knud Lavard= benutzt.

[Sidenote: Bentzon.]

Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine ästhetische Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn für das Derbe und Tüchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er verstand gut Griechisch, und liebte die Genialität in den griechischen Werken. Goethe, dessen Geist in seinen späteren Jahren eine antike Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken, in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende Goethe'sche Verse:

Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt; Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten; Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt; Daß ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe; Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt; Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verändert, Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht? Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.

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[Sidenote: Wilhelm Meister.]

J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt, und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für das Herz. -- Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt; besonders, da ich mich -- wenn nicht von der Seite des Characters, so doch von der Seite der Ereignisse -- in so naher Verwandtschaft mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron mochte ich auch sehr gern. -- Aber Jarno und Lothario waren mir zu kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort zu reden. »Die Bekenntnisse einer schönen Seele« machten mich oft an meine Mutter denken; -- deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte ich ganz den =ersten= Göthe, in ihrer Schilderung den vollendeten Meister wieder.

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[Sidenote: Jean Paul.]

Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres, in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth, in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H. Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte -- und ich seinen Hesperus, Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht; ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben, denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das Characteristische zu verlieren. -- Wie freuten mich seine komischen Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor, Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. -- Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. -- Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen; doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein Verfasser mich hinreißt.

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O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

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Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: »Wenn man nicht sowohl von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt, alles Uebrige ist nur leer und eitel.«

Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken, welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden; sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt, kritisirt eben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand, mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der geistigen Welt bei.

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[Sidenote: Erwachendes Selbstgefühl.]

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: »_Anch'io son' pittore_!« oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

»Er fühlt, daß er eine kleine Welt In seinem Gehirne brütend hält; Daß die fängt an zu wirken und leben, Daß er sie gern möchte von sich geben.«

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen Gesellschaften bin. -- Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe, und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den Tisch schlage: »Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich, hol' mich der Teufel, wieder erheben.«

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder und ein kleines Stück: »der zweite April«, eine dramatische Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem Kerl muß doch Etwas stecken; -- genug, sie schwiegen, blickten mich verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich. Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte. -- Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.

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[Sidenote: Lustige Streiche.]

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte. Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: »Meine Herren, hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!«

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platze mit Planken eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht, ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß, daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend, befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen, daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam der Wächter und fragte: »was ich da zu thun hätte?« -- Ich antwortete ruhig: »»Ich studire Astronomie!«« Nun wollte er Lärm machen; aber meine Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

[Sidenote: Der Dichter Pram.]

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters =Pram=, eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten, der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen; er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete, hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt, nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit auszudrücken. In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit Humor äußert. Sein Gedicht =Emiliens Quelle= ist mir stets als das hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat. Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem, der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder wurden im _Théâtre français_ gespielt, beweint und beklatscht; eine Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.