Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 15

Chapter 153,520 wordsPublic domain

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nähe betrachten, ehe er sich ins Wasser verlor, und vielleicht für ewig unser Eiland verließ. Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director in seinem großen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das Steuern nicht versteht und den Nächstkommandirenden schalten und walten läßt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu groß, und ich mochte mich ihm nicht nähern, aus Furcht, daß er zu stolz sein würde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, daß mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets häuslich mit Nähnadel und Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um ihm einen Riß zuzunähen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr höflich, aber auch etwas passiv. --

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte gesagt, daß er in der Zukunft nicht mehr dänisch schreiben wolle. Dies Alles betrübte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrühen, nationalen Tod eines schönen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefühle faßten Hans Christian Oersted und ich den Entschluß, ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu veranstalten. Wir ließen eine Einladung umhergehen, und, obgleich Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Männer gegen sich hatte, welche gerade heraus sagten, daß er es nicht verdiene, so setzten wir es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfaßt hatte, das die Gesellschaft für ihn begeisterte:

Der mit Geistes Waffen schweigen machte Dummheit, der die Lüge kühn bezwang, Der ins Auge frohes Lächeln brachte, Aus dem eben noch die Thräne drang; Der Gefühl und Wärme hat gegossen In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt, Sei von unserm Bruderarm umschlossen, Eh' von Dänemark er nun enteilt.

Darum hörst Du, seltner Dichter, klingen Unsre Stimme, die im Chor sich hebt, Darum, edler Dichter, wir Dir bringen Was für Dich in unserm Herzen lebt. Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor, Voller Wehmuth nun wir uns vereinen, Rufen Lebewohl Dir zu im Chor.

Habe Dank für jedes Deiner Lieder, Das bei frohem Mahle hier erklang! Oft wohl singen wir sie freudig wieder, Denken stets des Dichters beim Gesang. Wenn die Stimmen dann sich laut erheben, Wenn sie tönen an dem dän'schen Strand, Möge ahnend dann Dein Herz erbeben, Wenn Du denkst ans theure Vaterland.

Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen, Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurück. Sahst ja hier die ersten Tage fliehen, Hier verlebtest Du der Jugend Glück. Nirgends blühen ja die Rosen reicher, Nirgends sind die Dornen ja so klein, Nirgends, nirgends ist das Lager weicher, Als, wo unsre Wiege stand, allein.

Aber mußt Du =Sein= Gebot erfüllen, Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab, Soll die fremde Erde Dich umhüllen -- Blick' von =dort= auf Dän'mark dann herab! Jedes Auge wird die Thräne feuchten, Jede Lippe flüstert weh und bang: Möge Freud' für jede Freud' Dir leuchten, Die den Dänen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er während des Absingens in der Hand gehalten hatte, gab er mir von Thränen durchnäßt zurück, indem er mich umarmte, mich küßte und mir seine »dänische Lyra« vermachte, die er nun nicht mehr zu schlagen gedachte. -- Einige Tage darauf reiste er fort und ich übernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf eifrig meine Freundschaft suchte und später, ohne Grund, mein bitterster Feind wurde.

* * * * *

War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und Idun mit ihren Aepfeln der Verjüngung, die mich immer, wenn ich recht fleißig Jura studiren wollte, störten? -- Ich weiß es nicht. Aber gestört wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hülfe; ja wir werden sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine Jurisprudenz verbinden.

[Sidenote: Der zweite April 1801.]

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine große englische Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der europäischen Seemächte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen Haufen dänischer Seeoffiziere überstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein Factum! Darum achtete Napoleon die dänischen Seeleute hoch und hat von dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefühl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation, und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der Zeit: Mißgunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten überall Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hülfe und Beistand hervor. Fremde Menschen, die sich nie früher gesehn hatten, drückten einander begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Eine unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich über die ganze Stadt. Der alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und es regneten Einfälle und Spöttereien über die Engländer.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde näherte, mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und bildeten unter dem Commando des berühmten Physikers, Oberhofmarschalls Hauch, zwei Bataillone.

Man wußte nicht, ob die Engländer die Stadt bombardiren würden. Die Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefährliche Aufgabe das Zündrohr aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir lachten, verstanden die Gefahr nicht, und ließen das Schicksal walten. Bald bemerkten wir, daß die englischen Bomben uns nicht erreichen konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie, und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor unseren Augen gekämpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen geschossen wurde, so hörten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen donnern. Oft flog eine glühende Kugel von der Quintusbatterie empor. Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder sich matt in den Sand der Küste bohren. Ueber unsere Häupter flogen die Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorüber, und Nelson sandte einen Parlamentair ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Gründonnerstags-Kohl zu essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Bürger. Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Säbel an der Seite, der Patrontasche auf dem Rücken und dem Gewehr auf der Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan hinunterkam und vorüber ging: »Nun, wie ist es abgelaufen?« »»Ach, mein lieber Landsmann!«« rief ich, und drückte ihm die Hände, »»Gott beschützt uns, unsere Brüder haben wie Löwen gekämpft!«« Ich würde mehr mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flüsterte mir in's Ohr: »Bist Du von Sinnen, daß Du auf offner Straße mit dem Kerl sprichst? das ist ja der berüchtigte Wirth, Prinz Kehraus!« -- »»Ich kenne ihn nicht,«« antwortete ich lachend, »»aber mag er sein, wer er wolle, in diesem Augenblick sind wir Alle Dänen und Alle Soldaten.««

Was weiter kommen würde, wußten wir nicht; aber fürs Erste konnte man nichts Besseres thun, als die Waffenübungen fortzusetzen, da in diesem Lärm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschäftigung war. Das Studentencorps wurde unter dem Namen »Leibcorps des Kronprinzen« organisirt, wir bekamen hübsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weißen Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hüten mit weißen Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne Epaulettes.

Es wurden verschiedene Feste nach der Schlacht zu Ehren der Seehelden veranstaltet. Die Gefallenen wurden zusammen in einem großen Grabe beerdigt, und Ein Hügel wurde über sie, wie über die Helden des Alterthums, aufgeworfen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich einige Gedichte. Es wurden viel gute Lieder gedichtet, aber auch unendlich viel schlechte und trivielle, was bei der eiteln Wiederholung des Abgenutzten nur die Begeisterung travestirte.

Nun wurden auch Unteroffiziere und Sergeanten für die Studenten gewählt. Offiziere konnten damals nur wirkliche Militairs werden; nur ein Paar Veteranen, =Rahbek= und =Thomas Christoffer Bruun=, die aus alter Studentenliebe in das Corps eingetreten waren, wurden als Lieutenants _à la suite_ angestellt. Bei dieser Gelegenheit zeichnete Rahbek sich sowohl durch seinen außerordentlichen Eifer für den Dienst, wie durch seine Unbeholfenheit aus, die sich besonders beim Marschiren zeigte, wenn er bei feierlichen Gelegenheiten als Lieutenant mit dem Säbel in der Hand marschirte.

* * * * *

Ich wurde gleich Unteroffizier, und kurze Zeit darauf Sergeant und Fahnenjunker beim ersten Bataillon. Meine ästhetische Preisabhandlung und einige im »Zuschauer« und in der »Charis« abgedruckte Gedichte verschafften mir vielleicht die Stimmen zu dieser Wahl; denn ich hatte nur wenige persönliche Bekanntschaften unter den Studenten gemacht.

[Sidenote: Das Lied vom braven Manne.]

Ein seltsames Ereigniß muß ich erzählen, das zu dieser Zeit eintraf. Ich hatte Bürgers »Lied vom braven Manne« gelesen, es begeisterte mich, und ich übersetzte es in's Dänische. Gerade als ich es beendigt hatte, trat L. Kruse in mein Zimmer. Ich frage: »Was giebt's Neues?« -- »»Hast Du nichts von dem heftigen Sturme heute Nacht gemerkt?«« -- »Nein, ich habe ruhig geschlafen.« -- »»Es ist gewiß viel Unglück auf dem Meere geschehen,«« fuhr Kruse fort -- »»aber ein Unglück wenigstens ist durch den Heldenmuth eines Seemanns verhindert worden. Die Leute auf einem gestrandeten Schiffe, weit draußen auf der Rhede, konnten sich nicht retten; tausend Menschen standen auf der Zollbude, keiner wagte sich hinaus. Da kam der Grossirer =Staal Hagen=, und versprach Demjenigen eine bedeutende Summe, welcher sie retten würde. Der Fischer =Lars Bagge= springt in ein Boot, rettet die Schiffbrüchigen mit Lebensgefahr, und bittet den Kaufmann, diesen das Geld zu geben; selbst wolle er nichts haben.«« -- »Nein!« -- rief ich aus -- »das ist zu seltsam!« -- »»Was meinst Du?«« -- »Da liegt die ganze Geschichte poetisch beschrieben auf dem Tische! Ich brauche nur die Namen und einige Nebenumstände zu verändern.« Ich erzählte nun Kruse den Zusammenhang, und er war eben so erstaunt wie ich. Das Gedicht wurde gedruckt und gefiel; aber den wunderbaren Zufall verschwieg ich, aus Furcht, daß man ihn für erdichtet halten würde. Viele Jahre später habe ich das Ereigniß in meinen gesammelten Gedichten, in dem kleinen Gedichte »die Vorahnung,« welches der Romanze =Lars Bagge= folgt, erzählt.

* * * * *

Der ehrwürdige alte Tode war Rector in dem Jahre, wo ich Student wurde; er hatte meine kleinen Gedichte gelesen, und besonders hatte Lars Bagge ihm gefallen. In einem kleinen Gedichte, das er mir für mein Siofna gab, hat er mir zuviel Lob gespendet; unter Anderm stand da:

»Das Volk wird Dich preisen Als Schöpfer so herrlicher Weisen! Lars Bagge besangst Du, die That die ihn ehrt, Dein Lied ist des Retters, des trefflichen, werth.«

Ich fand das Lob übertrieben, ließ diese Verse weg, und bat den Verfasser, mir das Streichen derselben zu verzeihen. Aber dies war erst im Jahre 1802, und bereits im Jahre 1800 zeigte er mir väterliche Aufmerksamkeit. -- Doch -- ich habe ein Lied zu seiner Ehre in Dreier's Klub geschrieben. Als ich ihm nun die zehn Reichsthaler für meinen akademischen Bürgerbrief zahlen wollte, gab er mir dieselben mit den Worten zurück: »_Clericus clericum non decimat._« Dies rührte mich ungemein und gab mir Muth; es war die größte Ehre, die ich bis dahin genossen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Brief von Baggesen.]

Baggesen sandte mir kurz nach der Schlacht vom 2. April einen Brief, angeblich mit Liedern, die jedoch nicht beigefügt waren, welche er mich dem Volke vorzusingen bat. Der Brief lautet folgendermaßen:

Paris, den 13. April.

Mein Freund!

Dir, dem ich meine dänische Lyra hinterließ, sende ich, dem Rachen des Todes entflohen, meinen ersten Seufzer an das Leben in beifolgenden drei Kriegsgesängen für die Vertheidiger Dänemarks.

Mein Herz glüht vor Sehnsucht darnach, mit meinen Brüdern zu stehen und zu fallen; aber ich bin gefesselt und krank mit meiner kranken Geliebten.

Laß die Kraft und das Feuer Deiner Jugend in die Seele der Dich umgebenden Brüder flammen! Singe ihnen zugleich mit den Deinigen meine Lieder! Laß sie fühlen, daß Baggesen's Geist mitten unter den Flammen bei ihnen ist!

Zehn Männer mit Dichtermuth sind in den Augenblicken des Schreckens mehr werth, als hundert Fehde-Prosaisten; hundert todestrotzende Helden dem Feinde gefährlicher, als zehntausend Söldlinge!

Laß eine Menge Exemplare, so wie die »Matrosenlieder gedruckt in diesem Jahre«, drucken.

Theile Exemplare der »Hymne für die Alumnen« unter meinen lieben akademischen Mitbürgern aus.

Lösche meinen Durst nach Nachrichten durch die erste, zweite und dritte Post.

Dein

=Baggesen=.

Sende mir doch ein Exemplar des ersten Theils. Hiermit bezahle ich zugleich meine Liederschuld an den lieben Dreyer'schen Klub.

Grüße Rahbek und Rosing.

Später erhielt ich noch folgenden Brief:

Paris, den 11. Juli 1801.

Liebster Oehlenschläger!

Ich lebe, meine Frau und meine Kinder leben; ich liebe Sie, und werde Sie immer lieben.

Ich habe Ihren freundlichen lieben Brief mit den beigelegten Liedern erhalten; aber ich habe Ihnen seitdem zwei Mal geschrieben. Dies ist das dritte Mal.

Ich habe noch kein Exemplar vom ersten Theile, oder meinen Oden erhalten; ich wünschte ein solches doch sehr. Ich kann Brummer nicht begreifen. Er scheint mit dem Absatze zufrieden, wünscht mehr Manuscript, und macht mir doch die Fortsetzung unmöglich, indem er mir den Anfang nicht sendet. Wie soll ich die Noten ausarbeiten, wenn ich keinen Text habe?

Ich habe unaufhörlich, seitdem ich Kopenhagen verließ, bis vor wenigen Tagen unbeschreiblich schlecht gelebt. Mein geliebtes Weib war beständig bettlägerig, meine Kinder ab und zu kränkelnd und ich selbst gefährlich krank. In Bezug auf meine Existenz habe ich unersetzliche Verluste erlitten. Erst jetzt bin ich im Stande zu arbeiten.

Ich mußte vom _quai Voltaire_ wegen Mangel an frischer Luft nach dem _hôtel de l'Elisée Bourbon, Rue du Faubourg Nr. 66._ ziehen, wo ich nun schön, bequem und so gut, wie auf dem Lande, auf den elyseischen Feldern, wohne.

Meiner Frau geht es etwas besser, und ich bin also -- viel munterer. Aber --

_Dania! quid merui? quo te, mea patria, laesi?_ Noch immer seufze ich vergebens nach eigentlichen Nachrichten. Außer einigen kleinen Briefen habe ich keine Antwort auf meine letzten zwölf Schreiben erhalten.

Auch Sie, Oehlenschläger! ertheilen mir sparsam Ihre Grüße.

Ich habe mit dieser Post an Brummer geschrieben. Veranlassen Sie ihn doch, mir endlich das mir zukommende Exemplar des ersten Theiles meiner Schriften zu senden. Früher schicke ich wahrhaftig keine Fortsetzung.

Wenn es Ihnen möglich ist, so sammeln und senden Sie mir die Blätter, in denen meine Unbedeutenheit, seitdem ich Dänemark verlassen habe, erwähnt ist. Es versetzt mich doch immer ein wenig in meine alte Stellung zurück, und giebt mir eine Illusion literarischer Anwesenheit, deren ich hier, wo kein dänisches Laub oder Blatt sich bewegt, sehr bedarf.

Haben Sie meine Ihnen zugesandten Kriegsgesänge die ohne meine Schuld, -- denn sie waren vor der Katastrophe in der Mitte Mai gedichtet und hier gedruckt -- so ärgerlich zu spät kamen, erhalten?

Ich fürchte, daß sie in Kopenhagen, nach Gott weiß welchen Varianten gedruckt, von Fehlern gewimmelt haben.

Verzeihen Sie meine Kürze! Ich =schreibe= kurz, aber =antworte= desto länger. Schreiben, schreiben, schreiben Sie an

Ihren

=Baggesen=.

Meine Frau grüßt Sie tausend Mal, und ich grüße unbekannter Weise tausend Mal Ihre Freundin.

* * * * *

[Sidenote: Exercierübungen.]

Es schien nicht, daß wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu fürchten hätten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenübungen machten arge Eingriffe in meine nächtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo ich noch wuchs, zu bedürfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr mußten wir in dem kalten Märzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mußte ich meiner Compagnie mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch die Arbeit vorüber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und deßhalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen, und für den Augenblick das Zwergfell erschütterten, konnten uns doch nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.

So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, größtentheils aus lauter schlanken Jünglingen bestand, ein großer fetter Gastwirth gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern bürgerlichen Corps dienen wollte, wo er größeren Strapazen ausgesetzt zu sein fürchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun commandirt hatte: »Richt't Euch!« so hieß es oft hinterdrein zu dem corpulenten Flügelmann: »Den Bauch 'nein, lieber Freund!« Nun zog der Flügelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rückseite der Linie, und dann hieß es wieder: »den Hintern 'nein, lieber Freund!« -- Nun wurde der dicke Flügelmann ungeduldig und rief: »Aber um Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein Körper muß doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben.« Nun lachte die ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flügelmann wollten.

* * * * *

[Sidenote: Der Generalmarsch.]

Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich bald darauf in einer nächtlichen Scene als Don Quixote. Ich war eines Abends sehr früh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen Morgendienste ermüdet worden war. Wie ich gerade im süßesten Schlummer liege, werde ich plötzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in den ersten Tagen bei der Parole gesagt, daß wir uns augenblicklich, so wie Generalmarsch geschlagen würde, bewaffnen und auf der Reitbahn versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die Stadt wurde bombardirt. Kaum hörte ich also die Trommel, als ich rief: »Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den König und das Vaterland! In Gottes Namen, unverzagt!« Ich hatte bereits die Strümpfe, Beinkleider und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgürten, -- als es wieder trommelte, und ich hörte, daß es der Zapfenstreich sei, der jeden Abend durch die Straße ging. -- Ach, mit welch seligem Gefühle schlüpfte ich wieder in's Bett, und überließ mich einem ungestörten Schlummer.

[Sidenote: Erleichterungen im Dienste.]

Früher hatten wir fast Alle nüchtern den Dienst thun müssen, denn die Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so früher Stunde erhalten; aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, daß man ihn fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade viel; aber für die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war kochend heiß, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwärmen.

Ein Glück kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in die königlichen Ställe blickte, während die Compagnieen excercirten, entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo ich fand, daß wir Sergeanten vortrefflich schlafen könnten, wenn wir die Namen verlesen hätten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung mitgetheilt, als wir einen Augenblick später auf dem Strohe lagen, wie beim Homer des Proteus flossenfüßige Seehunde auf dem Sande. Von diesem Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst unsern heißen Thee getrunken hatten.

* * * * *

Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur königlichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen Nagel; Se. Königl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin, die ganze Königl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die Offiziere ihre Nägel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher Gesang nach einer schönen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.

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[Sidenote: Feldmanoeuvres.]

Die Nachmittags-Manoeuvres auf dem Felde waren amüsant, wenn das Wetter schön war. Dann zogen wir mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen durch die Straßen, während die jungen Mädchen in den Fenstern standen, um ihre Geliebten oder Brüder vorübergehen zu sehen. Wir gaben uns dann alle Mühe, um in geraden Gliedern zu marschiren. Und der Marschall ritt voran, mit seinem Stern auf der Brust, und bei feierlichen Gelegenheiten mit dem Ordensbande über der blauen Uniformjacke.

Doch Horaz und Baggesen sagen:

»_Naturam furca pellas ex_, Sie kommt doch wieder, die arge Hex'.«

Es war nicht so leicht, die lebhaften Jünglinge Alle in Ordnung zu halten. So hatten wir einmal den Verdruß, daß einige Kameraden, in den letzten Gliedern, mitten auf der Straße stehen blieben, um Aepfel von einer Fruchthändlerin zu kaufen. Noch größeren Aerger hatte man mit halbgebildeten Soldaten, welche verlangten, daß der Offizier ihnen den Grund zu alle Dem sagen solle, was commandirt wurde, und die noch nicht begreifen konnten, daß zur Kriegszucht der augenblickliche Gehorsam gehört.