Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 14
Kalte Menschen klagen darüber, daß Werther's Leiden einige schwärmerische Jünglinge zum Selbstmorde verführt haben. Und darum sollte Göthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann dürfte man auch keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk, eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht an dieser schönen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie verhalten sich zu den Selbstmorden einer überspannten Begeisterung, wie tausend zu eins! -- Denn daß auch mit gefühlvoller Begeisterung coquettirt werden kann, daß kindische Affectation und Narrheit zuweilen einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewiß. Ich nehme auch nicht den Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine Schwäche, eine Sünde. Meine Ansicht ist nur, daß Werther liebenswürdig, edel und rührend selbst als Sünder ist; und daß viele Sünder, ohne seine Liebenswürdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel gröberen Sünden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thöricht tadeln.
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Daß übrigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr gerathen können, indem sie mit solchen Gefühlen zu leicht =spielen=, ist ebenso gewiß. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr schön, daß Werther sich todt schoß, wir waren darüber einig, daß wir an seiner Stelle ebenso gehandelt haben würden. Einige Zeit darauf kam er finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel aus der Tasche und erzählte mir, daß er nun auf den Assistenzkirchhof ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schieße, da er sich verliebt habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies würde er nun zwar ertragen haben, aber daß sie ihn verachte, das könne er nicht überleben. Mir blieb der Verstand stehen. »Bist Du toll?« rief ich, »das wird nie geschehen.« -- »»Willst =Du= mich daran verhindern?«« fragte er erstaunt. »»Das hätte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir Unterstützung zu finden, und deßhalb bist Du der einzige Mensch, dem ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz haben muß, vor dem ich mich ausschütten kann.«« Ich machte ihm alle möglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrückten in seinem Unternehmen zu überzeugen. »Werther«, sagte ich, »schoß sich gerade todt, weil Lotte ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tödten, weil man von einem Mädchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt, muß ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele wecken.« -- Es half Alles nichts; er wollte sich erschießen, weil sie ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und sagte: »Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben.« Das gab er. -- »Es muß ein Mißverständniß sein«, sagte ich. »Nun werde ich gleich zu dem Mädchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen.« Damit ging ich. Ich kannte sie gar nicht, ließ mich melden, und bat, einen Augenblick allein mit ihr sprechen zu dürfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche, hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: »Mit dieser Pistole wollte mein Freund sich eben erschießen, weil er glaubt, daß Sie ihn verachten.« Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe, und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wäre, und hätte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit einer Pistole in der Hand gesehen, so hätten sie mich vermuthlich als einen Mörder gefaßt. Glücklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, daß sie die größte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, daß sie ihn nicht lieben könne. »Ja, das ist schon gut«, sagte ich, »mehr verlangt er nicht.« Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte dem Unglücklichen die Achtung seiner Schönen; er athmete wieder leicht, beschloß zu leben und lebte noch viele Jahre. -- Es waren Narrheiten! wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flüchtige Thorheit den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr möglich, daß ich das Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir später oft selbst, daß es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.
[Sidenote: Tod meiner Mutter.]
Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glücklicher, als mein Freund, werde ich bald erzählen. Zuerst aber traf eine traurige Begebenheit ein, nämlich meiner geliebten Mutter Tod.
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Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefühl, das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwärmerei näherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und den alten deutschen Psalmen. Besonders war »Jesus, meine Zuversicht« ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleißig Predigten, wenn sie nicht in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemüht, die Herzen ihrer Kinder frühzeitig für fromme Gefühle zu stimmen. Wir setzten in unserer Kindheit am Weihnachtsabend große Zinnteller auf den Tisch im Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hörten wir den Engel drinnen im verschlossenen Zimmer die Teller mit Nüssen, Aepfeln und Confect füllen. Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, daß ein schön geflügelter Engel vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft zu sehen. »Siehst Du«, sagte ich, »da ist das Loch! da kommt er gewiß durch.«
Während nun vierschrötige, lustige Holsteiner, die mit Grützwaaren und Käse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine Mutter schwächer geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den sogenannten Heiligen, sie für ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten Gebetbücher mit, und ich hörte sie viel von »des Lammes Blut« sprechen. In den Gebetbüchern waren auch Kupferstiche, mit Lämmern darauf, welche Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen zogen die Frommen sich doch zurück und sollen gesagt haben: Bei der Frau wäre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei kein Auskommen. Sie kränkelte nun mehr und mehr und näherte sich dem Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen, hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch mütterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefühl der Wehmuth und einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr für das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte sie keine Früchte meiner Muse sehen und sich darüber freuen! Kein Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr Grab konnte ich es legen. Und wie groß wäre ihre Freude gewesen, wenn sie nur eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ihr Sohn etwas mehr, als das ganz Gewöhnliche werden würde. -- Aber die hatte sie doch! Ich theilte ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.
An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bühne auftrat, war mein Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem Augenblicke, wo das Stück anfangen sollte, wurde meine Mutter so unruhig, daß sie es nicht länger im Zimmer aushalten konnte; sie ging in den Bogengang hinaus, weinte und betete für mich zu Gott. Hier traf sie die Frau des Wächters, die ihre Gefühle mißverstand. »Ach, Madame«, sagte sie, »weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.«
Von dieser Bekehrung, welche die gute Wächtersfrau prophezeihte, war meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein veränderter Lebensplan sie doch nichts destoweniger, weil sie fühlte, daß mein schüchternes, empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedürfe, wenn es sich recht entwickeln solle.
Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zärtlichen Abschied von uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr glichen, erlöschen und brechen. Die Hände, die mich so oft gehegt und gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten Fingerspitzen berührten einander in dem gewöhnlichen Todesspiele. Und so schlummerte sie ein; mein Vater drückte ihr die Augen zu, und Gellert's Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch ich einmal zu ruhen wünsche.
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[Sidenote: Christiane Heger.]
Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hügelhause die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des Justizraths, späteren Etats- und Conferenzraths Heger; =Christiane Georgine Elisabeth Heger=: ein sehr hübsches Mädchen von siebzehn Jahren, gesund und kräftig, mit großen, blauen Augen, schneeweißer Haut, Rosenwangen und mit einer Haarfülle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen ließ, so konnte sie sich ganz darin einhüllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und einige der abgefallenen Blätter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! --
Wie gern ich also zu Rahbek's »Hügelhause« ging, begreift man leicht. Nach einem schönen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter, eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein schönes Mädchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit saß, in deren Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse Aufmerksamkeit für mich zu lesen glaubte.
Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzählungen und Gesprächen den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und Anhänger zu erwerben: sie neckte sie unaufhörlich, lauschte ihnen ihre Eigenheiten und kleinen Schwächen ab, hatte sie auf die liebenswürdigste Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre Persönlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent, die Stimme und Bewegung anderer Menschen höchst treffend nachzuahmen), und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den =Adagiospieler=, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie =Atair=, weil Christiane einmal diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie für ein so junges Mädchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mußte sich als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester nannte sie =Oder so was=, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft wiederholte. Mein Vater hieß =Pole=, weil er mit seiner weichen, raschen Zunge größtentheils Polekum, statt Publikum sagte.
Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, daß die Satyre etwas geißelte. Uebrigens wußte sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so daß sich Jeder sogar einen solchen Beinamen von ihr wünschte.
Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem Hügelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mußte, um die Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genießen, zu der wir Anderen auch unser Schärflein beitrugen. Ein Fremder hätte nicht ein Wort von unseren täglichen Scherzen verstanden.
[Sidenote: Meine Verlobung.]
Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im schönen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so verstummte plötzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und ernst, und sie gleichfalls. Größtentheils gingen wir Arm in Arm in unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklärung hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir nicht sofort entgegenkam, ließ sie mich doch ohne Verzweiflung nach Hause gehen.
[Sidenote: Mein Schwiegervater.]
Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Das war ein merkwürdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei verwalten, da er ein entschiedenes Talent für alle mechanischen Arbeiten und Künste besaß. Er stand sich gut und übte deßhalb viele Dinge nur zu seinem Vergnügen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft brachte, so kam er doch in vielen Dingen außerordentlich weit.
Er hatte sein schönes, großes Haus nach eignem Plane gebaut und außerdem die Zeichnung zu einem andern sehr hübschen Grundstücke gemacht. Er war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die Gärtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde Käsemacher, dem Gärtner des botanischen Gartens, wer die frühesten und besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hübsch und beschäftigte einige junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete Bilder mit Bleistift für Karen Margaretha und Christiane, die noch klein war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte er Etwas von der Composition gelernt; er las fleißig in Kirnberger, componirte hübsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amüsiren, ganze Stunden lang zu phantasiren, und wir Anderen hörten ihm gern zu. Er hatte sich fleißig auf die Optik gelegt; schliff Gläser zu großen Fernröhren, machte die Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in französischer Sprache über die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er machte die schönsten Kasten, außerordentlich dauerhaft mit hübschen, selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergänglichen Lackfirniß überzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten, schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewöhnlichen um Vieles übertrafen. Aber als er eines Abends das Unglück hatte, daß eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft ließ, in eine Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzählte gern von der Zeit, wo =Sarti= Kapellmeister gewesen war, und wo =Alsani= und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgeführt hatten.
Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schüchtern und bange; ich sagte ihm Alles rein heraus, daß ich seine Tochter liebe, daß ich hoffe, wieder geliebt zu sein, daß ich Advokat werden wolle, und daß Oersted mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Höflich und ruhig hörte er meinen Wunsch, klingelte, ließ seine Tochter rufen, sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hände in einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit er mir einen großen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte man gewiß über Vieles sprechen.
[Sidenote: Mein Schwager.]
Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und satyrisch. Er ließ es bei den dramatischen Privatübungen bewenden, und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, daß er niemals fertig werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich zur Prüfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren könnten, und versicherten ihm, er könne überzeugt sein, daß er gut bestehen würde; denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der selige Bischof Münter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl Heger wohnte, einmal deßhalb, um diesen zu überreden; aber er verbarg sich vor dem Professor im Garten hinter den Bäumen, gleich Adam nach dem Sündenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesündigt hatte, sondern im Gegentheile für seine Tugenden gelobt werden sollte.
Dieser »kunstliebende Klosterbruder«, mein treuer, vieljähriger Freund, fand später als Bibliothekar bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten für seine stille literarische Neigung und für seine bescheidne, contemplative Natur eignete.
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[Sidenote: Preisfrage.]
Ich studirte nun ziemlich fleißig Jura, doch konnte ich es nicht unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schönen Literatur zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universität die Preisfrage in der Aesthetik aufgestellt: »Wäre es nützlich für die schöne Literatur des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingeführt und statt der griechischen allgemein angenommen würde?« Das war Wasser auf meine Mühle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit der nordischen Götterlehre beschäftigt. Oersteds fanden auch, daß es hübsch sein würde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewönne; und nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung, in der ich den Charakter der nordischen Götterlehre und ihre noch unbenutzten Schönheiten im besten Lichte darzustellen suchte.
Es wurden außer der meinigen noch zwei Abhandlungen eingeliefert, die eine von =Stoud Platou=, späterm Professor in Christiania, die andere von =Jens Möller=, der als Professor der Theologie in Kopenhagen starb. Stoud Platou führte die Sache der griechischen Mythologie. Das Urtheil des Professors Jakob Baden, das in dem Universitätsjournale abgedruckt wurde, lautete also:
»Ueber die ausgesetzte Preisfrage sind drei Abhandlungen eingegangen, welche alle sich durch Fleiß in der Untersuchung, durch Eifer und Wärme für die schöne Literatur im Allgemeinen, wie für die nordische ins Besondere, durch gründliche Einsicht in die Bedürfnisse dieser Literatur und Kenntniß der besten Schriften im mythologischen Fach, endlich durch einen klaren Vortrag und einen leichten und angenehmen Styl empfehlen. So viel Freude diese Gleichheit in den Verdiensten mir als Leser verursachte, so muß ich doch bekennen, daß sie mir die Lust als Richter benommen hat, irgend ein entscheidendes Urtheil über eins der eingereichten Stücke zu fällen, um so mehr, als ich nicht allein ein Urtheil fällen soll. Ich lasse es daher dabei bewenden, meine private Meinung zu sagen, die ich auf keine Weise für maßgebend und inapellabel betrachtet wissen will, da sie nur die Ansicht eines privaten Mannes ist.« Darauf erkannte er Stoud Platou's Abhandlung, als der ausführlichsten und -- nach seiner Ansicht -- wahrsten, den Preis zu. Doch erklärte er selbst den Theil der Abhandlung, der ungeachtet der Vorliebe des Verfassers für die griechische Mythologie, die geschmackvolle Anwendung der nordischen Mythologie bespricht und billigt, für das Beste und Wichtigste; und den ersten Theil, in dem der Verfasser von uns abweicht, tadelt er als zu weitläufig und die aufgegebene Frage zum großen Theile unberührend. Ueber meine Abhandlung mit dem Motto:
_Nil intentatum nostri liquere poetae, Nec minimum meruere decus, vestigia graeca Ausi deserere, et celebrare domestica facta._
sagt Baden: sie ist weniger weitläufig, scheint aber mehr die Frage Berührendes zu enthalten; ein Theil der Preisschrift ist mit Neuheit und Interesse ausgeführt, und würde den Verfasser, meiner Ansicht nach, würdig machen, den Preis mit dem Ersten zu theilen, wenn derselbe sich theilen ließe. Aber da der Preis nicht wohl der erstern Abhandlung vorenthalten werden kann, so verdient diese doch das erste Accessit. -- Das zweite Accessit kann meiner Ansicht nach der dritten Preisabhandlung nicht verweigert werden. Auch dieser Verfasser zeichnet sich durch eine wohldurchdachte Vertheidigung der nordischen Mythologie aus.
Später bekam Professor Kjerulf den Auftrag, in Verbindung mit Baden zu urtheilen und er unterschrieb dessen Ausspruch.
All' das war nun recht gut; aber ich kam doch um die schöne Goldmedaille, die ich so gern meinem Vater nach Hause gebracht hätte, der sich noch mehr darüber gefreut haben würde als ich. -- Ich ahnte damals nicht, daß diese Abhandlung mir mit der Zeit bessere Früchte, als eine Medaille tragen würde. Ihr hatte ich es ohne Zweifel zu danken, daß ich nach meiner Reise ins Ausland als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt wurde, da ich durch die Abhandlung, die einer Prämie würdig erklärt worden war, als akademischer Bürger das Recht erhalten hatte, ein Amt zu suchen, von dem mich sonst vielleicht die Form ausgeschlossen haben würde.
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[Sidenote: Baggesen's Abreise.]
Baggesen wollte abreisen, um, wie man glaubte, für immer fortzubleiben. Ich hatte oft mit großer Freude seine »komischen Erzählungen,« seine »Jugendarbeiten,« sein »Labyrinth« gelesen. Die wunderbare Mischung von Witz und Gefühl, von Begeisterung und Spott, von Vielseitigkeit und stark hervortretender Persönlichkeit bei ihm hatte etwas Aehnlichkeit mit Jean Paul, obgleich ich in Baggesen's graciösen Witzen bald das Herz und die Geistestiefe jenes unsterblichen Dichters vermißte. Aber dann konnte Baggesen wieder diese allerliebsten, leicht fließenden Verse schreiben! Daß er als ein armer Junge so Viel in der lateinischen Schule in Slagelse hatte ausstehen müssen, rührte mich auch. Trotz Armuth und Krankheit war er stets lustig geblieben; nur die Sehnsucht der Liebe konnte ihn wehmüthig und niedergeschlagen machen.
Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung für das schöne Geschlecht, eine starke Begeisterung für das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor anderen humoristischen Dichtern aus. Daß er nicht den gesunden Verstand eines Holberg's und eines Wessel's hatte; daß er wohl brillanter in seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, daß seine Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:
Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne, Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach' und ein zürnender Eber, Floß dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.