Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 13

Chapter 133,599 wordsPublic domain

Einer unserer eigenen Färbergesellen sah sehr weich und wehmüthig aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit gefalteten dunkelblauen Händen. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath Prof. Börge Risbrigh, der ihn zu Madame Möller in die Lehre gebracht, »weil er« -- sagte er -- »keinen Kopf zum Studiren hat.« Hierüber wurde Madame Möller, die ihr Geschäft nicht allein als Handwerk, sondern auch als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, daß auch Kopf dazu gehöre, Färber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so daß er Mühe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Später lud er den Verwandten ein Mal auf folgende Weise zu sich: »Du kannst den ersten Osterfeiertag zu mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.«

[Sidenote: Die Gebrüder Oersted.]

Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach; denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in kühnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen -- zu denen ich selbst mich zu rechnen wage -- war einer, der vor Kurzem seinen langen hellen Schweif, -- ich meine seinen langen, blonden Zopf -- verloren hatte, der ihm den Rücken entlang hing; es war dies der Brudersohn der Madame Möller, ein junger Langeländer, der vor nicht langer Zeit Student geworden war. Sein um ein Jahr älterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso wie ich, doch nicht ganz so schwarz; -- ob er eben so schönes Haar hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.

Diese beiden Brüder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen, wir schütteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzückt darüber, so viel Weisheit in einem Färberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie hießen hörte ich auch, vergaß es aber gleich wieder, da es mir immer schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein Tagebuch am nächsten Morgen: »Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufüllen, wenn ich sie wieder hörte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche Menschen; ich bin überzeugt, daß wir die besten Freunde werden.« -- Am nächsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend, daß der Blonde fast einen ganzen Eßlöffel Salz in seine Suppe warf. Ich fragte nun meinen Nachbar flüsternd, wie denn der junge Student eigentlich heiße, und die Antwort war: =Anders Sandöe Oersted=. Der Bruder, der mit dunklem Haare, hieß =Hans Christian Oersted=. -- Nun vergaß ich sie nicht wieder. Ich wußte, daß es zu Holberg's Zeiten einen Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Großonkel gewesen war; und daher kam es vielleicht, daß Madame Möller kein Vorurtheil gegen die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel. Oersted, daß ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so früh ein Freund seiner Nachkommen geworden bin.

Es währte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete folgendes Gedicht an sie:

Freundschaft, schönste du der Himmelsgaben, Ach, den Glücklichsten erscheinst du kaum. Oftmals träumt' ich, einen Freund zu haben, Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum.

Eigennutz, ein flüchtiges Empfinden, Laune -- wurden Freundschaft oft genannt, Und da sie die Herzen nie verbinden, Löste bald sich das geknüpfte Band.

Zweifel schon erfüllt' mich, daß hienieden Uns bescheert sei diese Seligkeit, Hier, wo uns so wenig Lust beschieden, Wo uns trifft so vieles herbe Leid.

Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel kränkte Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust Fühlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte Uns, den armen Sterblichen, zur Lust.

O Ihr Edlen! Laßt mich immer fühlen Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt. Lasset bösen Neid das Band nie kühlen, Das uns warm, und fest und treu umschlingt.

Reine Freuden wollen wir genießen In des Lebens heitrer Frühlingszeit; Thränen wollen wir vereint vergießen, Thürmt in Wolken sich das trübe Leid.

Und als Männer laßt uns einig streben, Laßt uns wirken mit verschiedner That. Einigkeit wird Kraft und Stärke geben, Freundschaft leiten uns mit weisem Rath.

Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen Steigen wir hinab, sobald es Zeit, Wenn des Todes Engel uns gerufen, Lächelnd, zu der ew'gen Seligkeit.

Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, daß ich nicht zufrieden war. Aber Viel Schuld trägt auch der damalige herrschende Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales Wimmern über seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns mit einem übeln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute, alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.

* * * * *

Die Gebrüder Oersted lebten übrigens sehr einsam. Den ersten Winter, wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mänteln, die ihnen wie Schlafröcke, fast bis an die Knöchel reichten. Arm in Arm klammerten sie sich fest und hielten sich an einander, so daß sie beinahe einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ältere Gelehrte merkten bald, was in ihnen lebte. Die Früchte ihres Geistes und ihres Fleißes zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.

Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium -- und wie verschieden war diese Umgebung von meiner früheren. Das war nicht mehr das lustige Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Möller. Wie in einer dunkeln Mönchszelle saßen Oersteds hier stumm und studirten! -- Hier wurde es mir erst klar was es eigentlich hieße: mit Anstrengung, ernstlich, aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes, wehmüthiges Gefühl! Ich hatte die innere starke Empfindung, daß auch ich zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher und wurde Nichts! Rosing war zwar überzeugt, daß ich es als Schauspieler weit bringen könne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen. Und außerdem -- wenn auch Alles glückt -- war ich bereits dieses Lebens, dieser Kunst müde, die von so vielem Fremdartigen abhängig ist. Meiner Natur war es Bedürfniß, sich in höherem Schwunge auszudrücken, in selbstbewußter Ahnung der Fähigkeiten, die noch nicht entwickelt waren, weßhalb meine Bekannten mich auch zum Spott den »Mann mit den verborgenen Talenten« nannten.

[Sidenote: Wiedererwachende Lust zum Studiren.]

Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu spät. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war Bibliothekar im Collegium, das eine schöne, große Büchersammlung in dem großen Saale gerade gegenüber dem Auditorium hatte, -- wo ich zehn Jahre später als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bände, besonders auf die alten Folianten, wie auf Schätze, die mir ewig verschlossen waren. Die Thränen strömten über meine Wangen herab. In diesem Zustande fand mich der ältere Hans Christian, tröstete mich und versicherte mir, daß es durchaus noch nicht zu spät zum Studiren sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher Ansicht war. Wir wurden darüber einig, daß ich etwas mehr Latein lernen und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen gemacht hätte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die Schranken des höchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen beschloß ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zögern, bis die Saison vorüber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdruß in Strafe genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte versprochen hatte -- wurde ich ärgerlich und dachte, es ist am Besten, das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nächsten Tage der Direction schrieb:

»Gründe haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.«

[Sidenote: Abschied vom Theater.]

Es währte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man meinen Brief für eine Uebereilung, die mir bei kälterem Blute leidthun würde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu mir und sagte, daß mein Brief ihm aus zwei Gründen auffallend gewesen sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schöne Handschrift gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: daß Alles einmal zum ersten Male geschehen müsse, und daß die Direction mich selbst zu diesem Tone gestimmt habe.

Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. -- Als ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er: »Nun sollst Du Deinen Fuß nicht eher, denn als Director hieher setzen!« -- Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fuß erst zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Das Examen.]

Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleißig zu studiren, d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des _examen artium_ und _philosophicum_, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische fast Alles. -- Doch mußte ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken in ein so steifes Schnürleib spannen müsse. Indessen war der alte Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, daß der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige, dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte:

»Um nicht ein falsches Urtheil zu fällen, muß man zuweilen sein _judicium_ suspendiren.«

»=Rath=«:

»Um nicht immer sein _Judicium_ zu suspendiren, muß man sich _primo_ einen Vorrath von Kenntnissen, _secundo_ Klarheit in selbigen erwerben.«

Ich hörte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich keine öffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr anzugeben vermochte, als nothwendig war.

[Sidenote: Professor Sander.]

Kurz darauf erneuerte ich die Bekanntschaft des Verfassers von Niels Ebbesen, des Secretairs, späteren Professors Sander. In der Schule »für die Nachwelt« hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt, und immer von der Tugend gesprochen, so daß ich ihn für den größten Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefähr die Hälfte des ersten Buches der Aeneide in einer mittelmäßigen Hexameterübersetzung vor, und er lobte meinen Fleiß. Sander war ein kleiner, kränklicher Mann, tüchtiger Kopf, durch die Lectüre der besten deutschen Werke gebildet. Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren. Nach Dänemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow gekommen und nun bei der Straßenbaucommission angestellt. Er hatte gute Fortschritte in der dänischen Sprache gemacht und schrieb plötzlich den Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte großes Glück und Sander wurde gleich von Vielen als einer der größten Dichter Dänemarks angesehen. Was Wunder, wenn das den kränklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und muß man es ihm nicht verzeihen, wenn er später einen Schüler mit bitterm Haß verfolgte, weil er glaubte, daß dieser ihn mit Unrecht verdunkele? --

So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn geduldig das Eine nach dem Andern cassiren ließ, hörte er mich mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung für mich. Aber als ich selbständig werden wollte, war's mit der Freundschaft aus. --

Zu seinem Lobe muß ich übrigens sagen, daß er im Anfange ganz richtige Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Göthe. In meinem neunzehnten Jahre hatte ich -- unbegreiflich genug -- noch Nichts von diesem großen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer als einen überspannten Schwärmer genannt, der Leute dazu verführte, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Uebersetzung von Werther's Leiden war früher hier zu Land verboten gewesen und das Verbot nicht zurückgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, daß Göthe ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht lesen dürften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schönes Genie gemißbraucht habe. Doch könne man ihm Genie nicht absprechen; im Gegentheile müsse man gestehen, daß er eine ungewöhnliche Portion davon besitze. Sander lieh mir einige von Göthe's Werken mit väterlicher Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie nützen könnten; und mit großer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Götz von Berlichingen mit nach Hause. --

[Sidenote: Eindrücke von Schiller.]

Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich deutlich, daß die Räuber einen tiefen Eindruck auf mich machten, besonders Karl Moor's liebenswürdige Schwärmerei und edler Tiefsinn mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schönen Reste der verführten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niederträchtigen Spiegelberg bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten Jugendbekannten, dem französischen Cartouche, zu finden. Roller's Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte, spannte mich ganz besonders; Karl's unglückliche Liebe rührte mich; und in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit überliefert, war ich mit ihm versöhnt und fühlte ein inniges Mitleiden mit dem Unglücklichen.

Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe ich gewiß ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten, Iffland, mit dem Cothurne statt der gewöhnlichen Socken zu erblicken. Don Carlos las ich mit großer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis Posa, weil er liebenswürdig war; das Unhistorische in seinem Wesen bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II. machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche Größe betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne ich mich noch ganz deutlich. Ich fühlte tief das Wunderbare darin, das nicht in dem Uebernatürlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem, wie Lessing sagt: »das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatürliche liegt.« Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, daß es nie etwas Anderes sein konnte, und daß die Dissonanz nie aufgelöst werden durfte, wenn das Geheimniß hier -- wie in der großen Natur -- ein Geheimniß bleiben sollte!

[Sidenote: Götz von Berlichingen.]

Nun las ich Götz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich in der Kindheit meine Lieblingsbücher gelesen hatte. Das heißt, ich merkte gar nicht, daß ich las, daß es Poesie war. Es war die Begebenheit selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des Faustrechts hingezaubert, und genoß den herrlichen Anblick eines Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und übeln Gewohnheiten seiner Zeit loszureißen, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Göthe's Geist, wie der treue Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den großen Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfüllen konnte, tröstete ich mich mit Götzens Worten: »Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer.« -- Ich erquickte mit Götz den armen Mönch, besuchte den Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft; denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten Dichterwein. Ich hörte Liebetraut mit der Leier tändeln, während Göthe die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schöne, stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, daß er nicht, wie ich, Götzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser würde ihm gewiß von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weißlingen; ich haßte ihn; aber als der Tod seine kalte Stirn küßte, war ich mit ihm versöhnt und es freute mich, daß Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte. Bei Götz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem Friedrichsberger Schloß. Es freute mich, daß es dort nicht vornehmer herging, daß der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham, zwischen seinen Dienern saß. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und »es lebe die Freiheit!« füllten meine Augen mit Thränen und meine junge Brust mit großen Ahnungen. Ich habe bereits erzählt, daß ich zuweilen den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes, Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt ichs mit den Bürgern. Aber Bürgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie Adelsdummheit; und es entzückte mich, als Götz mit der Eisenhand die drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Tröstliches. Bei ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen römischen Reiche zu Götzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfältigen Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der Posaunenton des jüngsten Tages; da hörte ich wieder Vogler's Orgel. Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des sterbenden Helden sich gleich einem schönen Vogel durch die Bäume in die Wolken schwingen.

Und dieses Meisterstück -- dieses Product des herrlichen Dichtergeistes, hörte ich später herabwürdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O ihr Thoren! ihr zusammenhängenden Menschen! Ihr werdet niemals klug, lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen imponirt euch nur die äußere Form. Ein zusammenhängendes Schaffot, auf dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische Tischler euch zusammenleimen; -- aber solch einen Straßburger Münster bauen -- --!

[Sidenote: Werther's Leiden.]

Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Götz von Berlichingen, und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine gewisse Gleichheit. Dort eine schöne Darstellung politischer Verwirrung, wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den Verhältnissen unterliegt; hier eine ebenso schöne Darstellung von der Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefühl sich mitten in den wilden Leidenschaften äußert und zuletzt gleichfalls an den Verhältnissen zu Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrübte mich aber nicht; denn es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das =Schöne im Unglück=. Für diese herrlichen Gefühle, Naturanschauungen, großen Ideen, Begeisterungen, für diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen war Werther's Unglück eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein Mühlrad zu drehen; wie die sonnenverhüllenden Wolken, um das schöne Farbenspiel der Morgen- und der Abendröthe hervorzubringen.

Ich fühle wohl, daß, indem ich diese und ähnliche Gedanken ausspreche, sich die Gefühle des Jünglings mit dem reifern Urtheile des Mannes verbinden. Wie wäre es auch anders möglich? Und deßhalb hat Göthe wohl auch seine Lebenserinnerungen »Wahrheit und Dichtung« genannt. Er will nämlich nicht gerade sagen, daß man etwas Wahres und etwas Erfundenes in seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: daß jede Lebenserinnerung, die durch die Kunst zusammengedrängt, von dem Störenden befreit, und mit späteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.

Ich bin mir bewußt, daß ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich, wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt kann ich, wie als Kind, als Jüngling, genießen; mich an allen schönen Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineinträumen, daß ich für eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntniß nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der Erkenntniß genießen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurückkehren können, sonst hat unser Hochmuth gesündigt und wir erkennen zuletzt nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.

Die aus unzähligen Blumen herausgepreßte ästhetische Rosenessenz ist stark und riecht gut, oft -- fast zu gut -- nach Rosen! Aber die kräftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den Destillateur ausgenommen) zöge nicht die einfache, poetische, lebendige Rose, wenn sie wieder blüht, die zwar nicht so stark, aber süßer und himmlischer duftet, vor.

O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen ländlichen Schwärmereien zurück! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase liegst, und Pfänderspiele mit der holden Lotte spielst, während Dein Schicksal draußen donnert und droht. Tag für Tag lebe ich mehr mit Dir und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen über Natur und Liebe und sehe den schönen Frühling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian stürmt und sich als blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weiße Schnee Deinen kleinen Grabhügel bedeckt. Ach, Dein Unglück war nicht groß! Du schlummertest im süßen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so ganz vergißt, daß selbst die sonst so fürchterlichen Schrecken des Todes verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen Weg mit dem kalten Albert gehen mußte, den sie nicht liebte, und wo nur die Pflichten gleich blätterlosen Bäumen ohne Schatten am Wege stehen.