Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Part 12
Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und machte hier mit meinem zukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte, und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer der großen Papierfabrik: »die Strandmühle«, versprochen. In dieses Haus, wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war, der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem Kopfe stand -- hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, -- so nahm ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen, weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte, auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.
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Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine große Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im Gefühle seiner größeren Körperkraft zu gebieterisch. Diese Mißstimmung kam einmal eines Abends auf der Strandmühle zum Ausbruche, gerade als wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit über Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine Fäuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich doch nicht noch öfter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen. So spät es war, beschloß ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde von der Strandmühle entfernt, als die Kälte der Nacht und der Gedanke, was Frau Drewsen am nächsten Morgen sagen würde, daß ich so in der Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich, ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich; der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich übrigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg -- nahm am nächsten Morgen Abschied und sah die Strandmühle erst -- dreißig Jahre später wieder, als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.
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Die Versöhnung dürfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz darauf nach Westindien gereist wäre. Die älteren Drewsen's zogen nach Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte, daß ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin überzeugt, daß diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben würde, und daß wir wieder die besten Freunde geworden wären.
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[Sidenote: Strenge Disciplin.]
Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich früher wenig oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschäften abgegeben. Er ließ Thaarup und Baggesen, und diese ließen wieder Schwarz und Rosing walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf der Probe an ihm vorüberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und zu seinem Nachbar in seeländischem Dialecte sprach: »Hör' mal Du! der Dienst ist heuer streng!«
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Saabye war in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen, und er war noch hübsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch eine schöne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand. In gefühlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und übertrieben; in naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in »Er mengt sich in Alles«, und als Liebhaber in den kleinen französischen Singstücken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in »Herrmann von Uma«. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in »Axel und Valborg«, die er gar nicht verstand.
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Mit meinem späteren zweiten Schwager =Stephen Heger= wurde ich bald bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug auch zu meiner Verstimmung bei.
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[Sidenote: Das Inquisitionsgericht.]
Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten, wie z. B. in Falsen's »Findelkind«, wo er den armen Schuhmacher unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im »Einzuge«, und da bildete er sich ein, daß ich -- der ihn stets bewunderte, -- ihm als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er klagte mich bei der Direction an. -- Ohne das Geringste zu ahnen, wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt, daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um Verzeihung bitten solle. -- Als er fertig war, antwortete ich kurz: »Das ist nicht wahr!« -- Nun begann er wieder, mir eine moralische Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: »Das ist nicht wahr!« Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur Direction zu sprechen gewagt. -- Nun fing die Sache an bedenklich zu werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef und sagte: »Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle? Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe. Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest werfen, oder mir den Abschied geben!« -- Statt ihn zu erzürnen, gewann ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: »Sein Sie ganz ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß sich getäuscht haben.« -- Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.«
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[Sidenote: Der Schauspieler Foersom.]
Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen, wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte; denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen. Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf, ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: »David's morsche Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.« Uebrigens dachte ich nicht weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.
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[Sidenote: Laurits Kruse.]
Durch Foersom machte ich mit Laurits =Kruse= Bekanntschaft. Er gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er »Almeenläsning« (Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessen Inhalt größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen. Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten; und wenn ich -- wie Tode sagt -- meine Muse gepeinigt hatte, so plagte ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: »=Die Emigranten=«, das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen, fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt hat.
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Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend, und Foersom begann -- meiner Ansicht nach zu begeistert -- die Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft! -- Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan, um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten. Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.
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[Sidenote: Bernstorff und Suhm.]
Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan und den Janitscharen in Constantinopel gelte.
Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten. Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht. Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und die öffentliche Meinung besaß. -- Rahbek also kam lächelnd auf mich zu und fragte: »Ist das nicht Oehlenschläger?« Und als ich diese Frage bejaht hatte, sagte er: »Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!« -- Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den »verborgenen Talenten« -- erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. --
Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen Ehrerbietung.
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[Sidenote: Sommertheater.]
Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere den Plan gefaßt, ein Privattheater für die Sommermonate zu miethen, und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des öffentlichen Spielens müde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch. =Heros= und =Davus= sind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll über die Kälte seiner Geliebten erbittert sein, er beschließt auch, kalt zu erscheinen.
=Heros.=
Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen, Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn. Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen, Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn. Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren. Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß; Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren; Dann bin ich eisig ganz! -- (Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.) Mein Gott, mich quält der Schweiß.
=Davus.=
Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen, Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand. Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! -- Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand; Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassen Und alle Sinne dann verschwinden in der Gluth, Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen, So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut. Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren, Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei. Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren. Gott gebe, =die= Saison wär' glücklich erst vorbei. =Ich=, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen; Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust, Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen, Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.
Dieser Verdruß und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben uns bei näherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.
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[Sidenote: Häusliche Verhältnisse.]
Aber es ist Zeit, daß ich Etwas von meinen häuslichen Verhältnissen erzähle, die einen so großen Einfluß auf mein Leben und auf das der Meinigen ausübten.
Als ich die Studien verließ, um mich der Kunst hinzugeben, versprach mein Vater, mich jährlich mit hundert Reichsthaler zu unterstützen, bis ich seiner Hülfe nicht mehr bedürfen würde. In meinem damaligen Alter und meinen Verhältnissen mir dies Geld selbst geben, wäre dasselbe gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im höchsten Grade unglücklich machen; als guter Vater bemühte er sich also, mich für diese Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollständig war.
[Sidenote: Die Pension.]
Das Glück war mir stets günstig, wenn ich mich auf diese Weise einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye, ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Möller; und zehn Jahr später in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.
Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende Stelle für mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den Namen nach, und weil wir uns grüßten, kannte, war Herr =Hvalsöe=, der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, daß ich keine Arme hatte. Er sprach mit der Färberwitwe, Madame Möller, und diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich hatte ein hübsches Zimmer, das mein Vater möblirte, und bekam Alles so gut, wie die Familie. Daß sie bei diesem Contract nicht Seide spann, versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet, aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und ließen ihre wollenen Stoffe blau, grün, hochroth und violett färben, und die Schürzen der Bäuerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weißen Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern junge Leute um sich haben, um sich ihrer mütterlich anzunehmen. Daran fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus einem Zimmer nach der Straße, in das die Bauern häufig kamen, aus einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr, ihrer Schwester und den Gesellen aßen. Im Anfange stutzte ich freilich etwas darüber, daß diese mit dunkelblauen Händen bei Tische saßen, aber ich gewöhnte mich sehr bald daran, wie an die grünen Gräten eines gekochten Hornfisches. Der Werkführer war ein ächter Troels in Holberg's Wochenstube oder Henrik im Kannegießer, nur mit dem Unterschiede, das er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise »Mutter« und »Ihr« nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie fürchtete, daß es mißverstanden werden könne. --
Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe für die Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer für zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch, obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nämlich allzu große Haufen farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstürmten. Unter diesen stillen ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aßen und dann wieder gingen, ohne ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte nichts weniger geglaubt, als daß er als Schauspieler mir dreißig, vierzig Jahre später das Zwergfell so sehr erschüttern würde. -- Das war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der Familie gehörten oder zu ihr gezählt wurden, aßen an der eigentlichen Familientafel in den inneren Gemächern. Madame Möller stand der Färberei vor, ihre Schwester hatte das Küchendepartement übernommen, und die Köchin bereitete die Speisen unter ihrer -- Aufsicht -- kann man gerade nicht sagen; denn diese übrigens herzensgute alte Jungfer hatte unglücklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, daß die Speisen, übrigens reichlich eingekauft, zuweilen mißglückten. Ich habe sie in Tante Ursula, in den »Inseln im Südmeere« geschildert. Sie stand wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schräg über eine große Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterröcken, daß ich glaube, sie konnte ohne Füße, ebenso wie die bekannten Nürnberger Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr übrigens oft zu Nutzen gekommen und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein würde, da sie niemals verheirathet war.
Ein Krämer, der nicht weit von Madame Möller wohnte, besuchte uns oft. Er trug eine gepuderte Zopfperrücke, hatte einen dicken Leib und etwas, wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere Gedanken davon. Ich mußte oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig XV. denken, wenn ich ihn mit der Würde ankommen sah, die über seinem ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthümlichste Talent, jeden Augenblick etwas Einfältiges auf eine pikante und imponirende Weise zu sagen.
Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt. Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Perücken. Aber der Krämer war ein Herr »vom Leder,« wie man es in den deutschen Bergwerken nennt, der Andere »von der Feder.« Jener konnte mit gutem Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich für ewig prostituiren könne.
Ein fremder Färber, der Madame Möller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit mit dem Handwerk; er hörte Kratzenstein's Vorlesungen über die Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: »Wir wollen es in _centrum gravitatis_ setzen,« hob es dann auf und ließ etwas Docht auf die Decke fallen.
[Sidenote: Eine erfreuliche Bekanntschaft.]