Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 11

Chapter 113,442 wordsPublic domain

Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: »Laßt herunter!« er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten, die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: »Welche Gaukelei!« das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte wieder von vorn anfangen.

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[Sidenote: Die Theaterdirection.]

Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler, sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe. Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte, das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste, selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste, steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal -- darauf heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen waren, -- wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten -- und dann hielt er die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor er fertig war.

[Sidenote: Baggesen's »Erik der Gute«.]

Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costüme zu dem Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weiße Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte er auch für die Costüme zu dessen =Erik dem Guten=; die dänischen und julinischen Helden wurden in Harnische von unechtem Silberbrocat mit Goldtressen gezwängt. Von =Erik Eiegod= wurden viel Proben veranstaltet. Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter Componist war, wie er da zwischen all den Menschen saß, die sich nun vereinigten, um sein Werk aufzuführen. -- So jung ich war, so fühlte ich doch, daß das Stück nur wenig von nordischer Kraft und Färbung hatte; das konnte schon ein fleißiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen. Wenn die Julinerinnen sangen:

»Keine Ketten uns umschlingen. Kühl' den Haß im Blute! Selbst im Tode noch wir singen Erik hoch! der Gute!«

so konnte ich den im Blut gekühlten Haß nicht mit der Güte vereinen; und daß sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu ärgern in demselben Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht begreifen. -- Wenn der alte Uller -- der mir am meisten gefiel -- zum Schluße sang:

»Von hundert der Jahre gebleicht Dank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, --«

so schien mir dies ein des edlen Greises unwürdiges Selbstlob; -- aber wenn er sang:

»Vielleicht eh' die Sonne entweicht Begrüß' ich Dich jung in Walhalla! --«

so drängte sich eine Thräne in mein Auge, und ich fand den Gedanken schön. Daß Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt, noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen war, der überall, sowohl hier, wie früher in seinem Holger Danske und in Allem deutlich zeigte, daß er niemals altnordische Sitten oder nordische Geschichte studirt hatte.

[Sidenote: Singspiel-Repertoire.]

Kuntzen's herrliche »=Weinlese=« und sein kleines munteres Stück »=Das Geheimniß=« wurden auch aufgeführt. In beiden war Knudsen unübertrefflich als Küster und Landrichter. Ich sah noch Gjelstrup in seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in »Nicht mehr als sechs Schüsseln« und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's Singspiel u. s. w. In Païsiello's =Müllerin= zeigte Frydendahl schon, daß er mit Glück die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schönsten Stimmen, die ich gehört habe; aber sie war nicht genügend durch die Kunst ausgebildet. Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sängerinnen der Fall ist) ein schönes Organ, außerdem ein schönes Gesicht und eine muntere Gutmüthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner, untersetzter Gestalt.

Schwarz war ein vortrefflicher »würdiger Vater.« Er hatte ein schönes, beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In früheren Jahren hatte er gewiß eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefühl und Würde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem bürgerlichen ruhigen Vater unterscheidet.

Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt, ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages, wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.

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[Sidenote: Michael Rosing.]

Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als über die Kunst selbst -- war =Michael Rosing=. -- Rosing war ein echt poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl, Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeit die größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. -- Ich habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter, aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in rascher männlicher Würde und Gluth nach.

Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der alten Zeit der Sagen. -- Der später so bekannte Staatsrath =Treschow=, der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs Jahre älter, als sein Schüler. -- In den Wissenschaften zeichnete Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte das Theater, verliebte sich in Fräulein =Olsen=, seine spätere Frau, fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke, in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu machen war, eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst, sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber; aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.

Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte. Wenn Rosing sagte: »Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten? Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu gehorchen, -- um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;« -- so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen, dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. -- Und wie konnte er da rühren?

»Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,« sagt Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren, sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht sich selbst unbewußte Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen -- nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein -- und er ist es ja auch, wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen. Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch =Ryge= haben wir solche Gefühle in =Hakon Jarl= und anderen Stücken lebhaft erregen sehen.

[Sidenote: Rosing und Rahbek.]

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder, Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.

Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause, Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun, wie Alle, die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch, daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt; dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren. Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen Schauspieler =Rose=; und hatte durch =Schröder=, =Jünger= und =Iffland= Geschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte, hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's Sphäre.

Als man nun Dyveke aufführen sollte und ein guter Freund Rahbek fragte: »Wie glaubst Du, daß Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,« -- antwortete er in übler Laune: »»Wie ein rasender Jakobiner, den Christian der Zweite gleich hätte köpfen lassen, wenn er so vor ihm hingetreten wäre!«« Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek, als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins oder das Andere geändert wünsche. -- Rahbek folgte mit Freuden dieser Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte Rosing lächelnd: »Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne?« -- »»Vorzüglich!«« -- »Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner gespielt?« -- »»Wenn Du««, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden, »»nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!««

[Sidenote: Billardübungen.]

Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als täglicher Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte, mißfiel mir sehr. Indessen konnte ein Jüngling leicht nach und nach verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht über mich gewacht hätte. Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte, besonders beschäftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns selbst dieses Spiel auf eine eigenthümliche Weise gelehrt. Auf dem Friedrichsberger Schloß stand in unserer Kindheit ein Billard in der schönen Gemäldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so gut es eben ging, ohne daß uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir wußten nun -- und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles -- daß man den einen Ball durch den andern in ein Loch stoßen müsse. -- Nun nahmen wir Jeder unser Queue, und stießen dann auf die Bälle, -- natürlich mit dem dicken Ende -- so gut wir konnten. Auf diese Weise gewöhnten wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen, daran, alle Bälle _par tournée_ zu machen. Winckler, mit seinem scharfen Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen nach Wallnüssen, Vögeln -- und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste Billardspieler in der Stadt; später kam ihm seine Gewandtheit sehr als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch kürzeren Geduld.

Als eine Merkwürdigkeit muß ich anführen, daß Winckler's Rival im Billardspiel damals in Kopenhagen -- der aber nie um Geld spielte -- der später so berühmte Norweger =Christie= war, welcher das Grundgesetz für Norwegens freie Verfassung entwarf.

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[Sidenote: Umgang mit Schauspielern.]

Ich war zurückhaltend und blöde; daher machten die Schauspieler sich, ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald, ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man für einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein köstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; -- nach Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, daß der Bäcker den ihm gesandten Hasen nicht gebraten hätte. Alle, die eben noch lustig gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die Entschuldigung. Ich, der früher geschwiegen und die Aelteren hatte reden lassen, brach nun plötzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den nachlässigen Bäcker holen. »Wo wohnt denn der Pfuscher?« -- »»Ach!«« -- entgegnete der Wirth -- »»er wohnt sehr weit von hier! Außerdem ist es auch spät, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht braten.«« -- »Er hat uns zum Besten gehabt«, sagte ich. »Ich wecke ihn aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben.« -- Ohne weiter zu hören, lief ich in die Stadt zum Bäcker und holte ihn aus dem Bette. Er wußte von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. -- Mit dieser Nachricht kam ich vergnügt zurück. Alle schlugen ein lautes Gelächter auf; der Wirth mußte beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren, eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wäre.

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[Sidenote: Meine Debüts.]

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte, auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen. Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte: »Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!« -- »Ja!« -- entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in Berührung zu bringen. -- »Du bist ein Eulenspiegel!« rief er. -- Wir hatten King's Rolle in Tode's »Seeoffizieren« zu einem meiner Debüts gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das, meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig ist. Erst im Cederström in Kotzebue's »Armuth und Edelsinn« ließ ich mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen -- und erntete lauten Beifall.

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[Sidenote: Ewald's Fischer.]

Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe. Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfen hatte, genirte mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen, in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, -- kurz: Es drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald gekannt habe. Rosing hatte zuerst =Balder's Tod= und =die Fischer= auf die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. »Nun« -- fragte Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte -- »war es ungefähr so, wie Ihr es damals gemacht habt?« »»Ja««, -- antwortete Knud ernsthaft, -- »»grad' so war es; nur sangen wir nicht!««

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[Sidenote: Peter Heger.]