Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 10

Chapter 103,656 wordsPublic domain

Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester des vor Kurzem gestorbenen sogenannten =tollen Busch=; eines Malers mit Talent und mit einem eingewurzelten Haß gegen den vornehmen Hochmuth, der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte er ihn zu demüthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, daß Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen zu weit geführt haben. Ich hörte verschiedene lustige Einfälle von ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Straße; Busch hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, daß er ihm Platz machen würde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. »Nun,« rief der Offizier heftig, »wie lange will Er da stehen bleiben?« -- Busch nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: »Ich habe bis drei Uhr Zeit.« Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg, wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden konnte. Er maß ihn häufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde zuletzt böse und fragte auffahrend: »Warum glotzt Er mich immer an, will Er mich kaufen?« -- »Warte Er nur,« antwortete Busch ruhig, »seine Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.«

Man erzählte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wäre so weit gegangen, daß er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewald in seinen »brutalen Klatschern« gegeißelt, weil dieser Herr, nach Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.

Aber es ging nicht allein über den Adel, sondern auch über die Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Höflichkeit bei Seite gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal ein Thürstück, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der die Arbeit des Künstlers beurtheilen sollte. »Guten Tag, mein guter Musjö Maler,« sagte der Pastor. -- Darein schickte sich Busch noch und sagte trocken wieder: »Guten Tag!« -- Nun betrachtete der Pastor die Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: »Ja, es ist ganz gut; aber weiß Er was, mein lieber Musjö Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth sein, versteht Er mich, Musjö Maler, roth sollte sie sein!« -- Nun wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete: »Und weiß Er was, mein lieber Musjö Pastor, die Lade, die da steht, soll, hol' mich der Teufel, grün bleiben, versteht Er mich, Musjö Pastor, grün soll sie bleiben!« --

[Sidenote: Bech's theatralische Versuche.]

Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein mittelmäßiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian in =Ulysses von Ithacien=. Es war lange eine Spannung zwischen den zukünftigen Schwagern gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren. Bech empfing ihn gravitätisch im Schlafrock, worüber Busch gleich ungeheuer lachen mußte, »Kilian im Schlafrocke« zu sehen! -- Und damit war gleich Visite und Liebe zu Ende. --

Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel größerer Dramendichter, als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komödie, »die Quarterne,« geschrieben. Darüber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek große Hoffnungen gebaut hatte, folgendes Epigramm:

Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehn Das glaub' ich gerne. Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn, Von der Quarterne. Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlauben Mit guten Mienen, Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben, Du trägst Pantinen. Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß' Dich nicht verlocken, Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaß In bloßen Socken.

Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das »dramatische Journal« herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. -- »Wissen Sie, was man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt?« fragte Bech einmal Rosenstand. -- »»Nun?«« -- »Man sagt, wenn man ihn einmal kämmen würde, so fiele seine ganze Action fort.« -- »»Und wissen Sie, was man von Bech sagt?«« -- »Nun?« -- »»Man sagt, daß wenn man ihm ein reines Hemde anzöge, so fiele seine ganze Action fort.«« Hansen hatte nämlich die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich unablässig, wenn er spielte.

Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminöse der Hefte. Ich schrieb damals auch Komödien aller Art, Iffland'sche, Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, ließ mir aber nicht die Zeit, so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stück im Wessel'schen Geschmacke, Gertrude, war für mein Alter gar nicht so schlecht, und ich habe es viele Jahre darauf als eine Curiosität in meiner Monatsschrift, Prometheus, abdrucken lassen.

Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:

»_Pour former une oeuvre parfaite Il faut droit se donner au diable._«

Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu ergänzen:

»_Et c'est ce que je n'ai pas fait._«

Das that er denn auch später immer zum Trotz und rächte sich an Rahbek, indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, »der junge Darby,« recensirte.

In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe Stunden zu. Mutter und Töchter waren lebensfrohe Menschen, und wir machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, daß Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen für Lebende zu machen, sondern sie schmückte auch die Todten! -- doch das machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der Anatomie beschäftigt.

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[Sidenote: Privattheater.]

Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schloß zusammenkamen, so spielten wir gern Komödie und Winckler war auch dabei. Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amüsiren; aber es war bei ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich Komödie zu spielen.

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[Sidenote: Leistungen in der Decorationsmalerei.]

Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich, als ich noch in die Schule ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Böttcher, dessen Vater Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater eingerichtet hatte. In der Abwesenheit des Vaters erlaubte die Mutter uns gern, in dem großen geräumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine kleine Truppe aus Böttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier zeigte sich nun recht mein Eifer für das Dramatische. Zuerst mußte ich an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige Düten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel. Neun Bogen Packpapier nähte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder Seite mit Thüren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig. In diesem Zimmer mußten wir nun Alles spielen. Das Erste war der politische Kannengießer, worin ich Hermann von Bremen, das Nächste Jeppe vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die Maschinerie nicht Stich hielt, so mußte die Phantasie zu Hülfe kommen. Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehängt werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thür nach dem Zimmer der Zuschauer; da diese geöffnet wurde und ich des Hängens müde war, sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als wenn gar nichts Wunderliches passirt wäre; und hierdurch rettete ich auch die Illusion für die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein; er spielte stets mit dem Spiele.

Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schöne Mädchen ihn ausschalt, weil er »unartig« sei -- das heißt: weil er sich nicht, wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.

Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so groß, daß sie wirklich Schauspielerin wurde. Sie debütirte in Hermann von Unna als Ida, erwarb sich außerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem darauf folgenden Entschlusse bei.

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[Sidenote: Studien bei Herrn Höisgaard.]

So bereitete ich mich also ein Jahr lang bei Herrn Höisgaard zum _examen artium_ vor, und ich sah voraus, daß, wenn ich auf =diese Weise= fortfahren würde (was sicher der Fall war, =wenn= ich fortfuhr) ich in einem Jahre nicht weiter kommen würde, als ich in diesem Jahre gekommen war. -- Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant bestanden und war öffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule für Bürgertugend hätte besuchen können, so hätte ich das Examen zu gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht die Mittel dazu, weil ich nicht -- wie Winckler -- ein Haus in der Stadt fand, wo ich frei wohnen konnte. So hängt das Schicksal eines Menschen oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrübt darüber, daß das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich ließ es mir nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein scherzendes Heldengedicht: »Otto,« auf Veranlassung seines Examens, und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit (doch fern von aller Mißgunst) hätte merken können, war die gezwungene Heiterkeit, die sich darin aussprach. -- Das Gedicht war in verrückten Hexametern geschrieben, die alle auf fünf Füßen einherhinkten, und fing so an:

»Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen. Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet. Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten, Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn. Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen, Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen. Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope, Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen. Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet, Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.«

Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner zu bemeistern suchten: das eine der =Fleiß=, das andere die =Furcht=. Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang auf und ging, und der Sänger folgte ihm:

»Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen. Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen, Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse In einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.«

Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der »Dickwanst« (einer der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: »_laudabilis prae ceteris._«

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[Sidenote: Veränderter Lebensplan.]

Dieses _laudabilis prae ceteris_ stand mir selbst in meiner damaligen Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu. Endlich eines Tages, -- ich entsinne mich dessen noch sehr gut, -- gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2. Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, -- legte ich das Buch entschlossen hin, -- ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen wollte, wenn er es erlaube, -- daß ich hoffe, dort mein Glück machen, und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich, sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich hatte ihr Nichts verschwiegen.

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[Sidenote: Eintritt in das Schauspielerleben.]

Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere, Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht. Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte: Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.

Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin, klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger. Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner; denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue Vergißmeinnichtfarbe sehen.

[Sidenote: Körperliche Ausbildung.]

Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren, alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns, wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.

Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen Gesanglehrer.

Der alte Fechtmeister =Ems= war ein langer, gutmüthiger Schlagetodt, ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben; Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte, wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.

Mein Tanzlehrer war Herr =Dahlén=, und später Herr =Berg=. So wie ich bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen, dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich, merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle getanzt.

[Sidenote: Musikalischer Unterricht.]

Der Gesanglehrer war Herr =Zinck=, ein ehrlicher, launiger Deutscher, guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte, und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte, hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois: »Ah, _Olanslagero magno ingenio_, aber Faullenzer!« Zuweilen wollte er mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: »Singe Sie! Solle Sie Geld kriege.« Einmal sprachen wir von der nordischen Mythologie: »Ah«, sagte er, »da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau, und weiter Nix.« Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen; aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum Examen bei ihm gewesen wäre: »_Bravo, Olenslagero!_« Er war ein sehr gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.

[Sidenote: Der neapolitanische Singemeister.]

Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom, und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: »Nun so gehe Sie, gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!« Vor dieser Zeit war Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln die kleine Wohnung. Drauf sagte er: »Für ein Bauer ist es zu viel, für ein Bürger ist es genug, für _il profossore del Feretti_ ist es zu wenig«, und damit ging er wieder. -- Er war übrigens, wie gesagt, ein sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.

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[Sidenote: Musikalische Zustände.]

Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog. Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und -- obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe das Idyllische und Ideale im »Erntefest« und »Peters Hochzeit.« Aber Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. -- Mozart kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben habe, wurde auch hier hergebracht und -- geglaubt! Ja es half nichts, daß man sein _Cosi fan tutte_ aufführte. Die Musik wurde mit anderer italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war, konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück -- wurde ausgepfiffen. --

[Sidenote: Mozart's _Cosi fan tutte_.]

Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik durch das kühne Unternehmen zu retten, daß ich ihr einen andern Text unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse von _Cosi fan tutte_ früherem Schicksal besitzen mochten, theils einen Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem Hause gegeben; -- und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern es begleiten und es in Worte kleiden.