Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1

Part 1

Chapter 13,580 wordsPublic domain

Meine Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger.

Deutsche Originalausgabe.

Erster Band.

Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.

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Vorwort.

Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen, das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, -- so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten, weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben. Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: »Kenne Dich selbst!« nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen, Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; -- so ist ja eine solche Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind; das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der einförmigen Menge unterscheiden.

Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen, begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.

Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft, Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte, weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem, zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane muß die Göthe'sche Form: »Wahrheit und Dichtung«, befolgt werden. Hier kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen. Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist. Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen, wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich, Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann wird es zur »Wahrheit und Dichtung«, und so hat der große Dichter gewiß auch -- bis auf einzelne Episoden -- sein Leben erzählt.

Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können, auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten: sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir mein Gedächtniß untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen; ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt, das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal mitzutheilen.

Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus. Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.

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[Sidenote: Aufzeichnungen meines Großvaters.]

Anno 1672 -- sagt er -- wurde mein seliger Vater Christoffer Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715 den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21. dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der 11. Vers des 84. Psalms: »Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.«

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter Hofemann, war auch Fischer. -- Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete, daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe »Wickenburg« gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin er meldete, daß er »op de Guarnisoncammer« angestellt sei, daß er die Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe, Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben: »Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter Christoffel Keulensläger«. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein Großvater: »Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht, führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu helfe uns der Herr Jesus! Amen!«

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748 den 31. Juli wurde mein Vater =Joachim Conrad= geboren. Der geheime Conferenzrath =Joachim Brockdorf= auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm ist mein Vater vermuthlich genannt worden.

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[Sidenote: Aufzeichnungen meines Vaters.]

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein Amt zehn Jahre lang »lobenswerth und als ein guter Christ« verrichtet hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit =Marquard Bolt=, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam mein Vater nach Rendsburg zum Organisten =Rosenbaum=, blieb bei ihm zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

[Sidenote: Meine Mutter.]

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab. Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen, und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam, so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten. Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein; gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah. -- Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater, ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen. Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter =Bruun= aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer Schule ging, und später der bekannte Dichter =Thomas Christopher Bruun= wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen. Auch =Klopstock= kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh, als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er war ihr zu überspannt; =Gellert= sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin =Moltke=; und das war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte, obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie nur mit grüner Seife. --

[Sidenote: Abstammung.]

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner Großmutter, von väterlicher Seite, =Tolstrup= war ein Jütländer, mein Großvater mütterlicherseits, =Hansen= ein Hochdeutscher, und der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits, =Severin=, ein Kopenhagener. Weiter weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der berühmte =Adam Olearius= oder Oehlenschläger, der die morgenländische Reise mit =Paul Flemming= machte und ein seiner Zeit klassisches Werk darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme, könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher, daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere, daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo Verwandte leben sollten.

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[Sidenote: Stellung meines Vaters.]

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt »Westerbrücke« im Hause Nr. 53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt. Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November geboren.

Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's V. angelegten Park »Söndermarken« (das Südfeld) nach neuestem Geschmack um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er mich stets »Master Adam!« Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.

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Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand geschrieben hat, -- in welchem er ihm zu seinen Kindern Glück wünscht, und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.

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[Sidenote: Meine Geburt.]

Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm, ihr entgegenhielt und ausrief: »Meiner Seel' ein großer Junge!« --

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Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln. Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum er so schnell zurückkomme: »Mutter! das Kind hat keine Arme.« Dies war der jetzige Herr Justizrath =Hvalsöe=. Ich hatte viel vornehme Pathen in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die Taufe. Als sie meine Mutter fragte: »Wie soll das Kind heißen,« und meine Mutter geantwortet hatte: »Adam Gottlob,« sagte sie: »Das will ich hoffen.«

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach, zu sagen: »Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als dieser Poet.«

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Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam, und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen, wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte, die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.

[Sidenote: Erste Jugendthat.]

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt, und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. -- Zu dieser Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe »Schulze's Kirche« sei. Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war, bekam ich den tollen Einfall, -- nicht um dem Hunde zu schaden, oder weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil; -- ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne. Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen war, und warf ihn hinab. »Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?« »Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.« -- »Folge mir!« -- ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich wieder lebendig küssen wollte.

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[Sidenote: Die Leibgarde.]

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect, denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem Duell bekommen hätte.

Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte, war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht da war, gefragt haben: »Aber wo bleibt denn Adam heute?« -- Wenn ich mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch, als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen, deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der Conditorei.

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[Sidenote: Wintervergnügen.]

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. -- Ein Mal wollte ein schlechter Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: »Adam, wie heißt Deine Schwester?« »Sie heißt Sophie,« antwortete ich. »Sie sollte Eva heißen,« meinte der Kronprinz.

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