Part 9
Das Hauptnahrungsmittel der Neuseeländer sind Seefische. Der Hunger treibt die Stämme aus dem Innern des Landes an die Küste, deren Bewohner also gezwungen sind, fortwährend um ihre älteren Besitzrechte zu kämpfen. Daher die befestigten Dörfer an der Küste, daher der Kannibalismus. Der Hunger war es, der den Sieger zwang, den Leichnam des Erschlagenen zu verspeisen; und die Rachsucht ist es, die den Satten veranlaßt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auf diese Weise hat sich unter den Neuseeländern der Gebrauch eingebürgert Menschenfleisch zu essen. Der Hunger ist hier tatsächlich die Ursache aller Greuel, die Ursache, daß ein an sich sanftmütiges Volk nicht nur dem Kannibalismus huldigt, sondern auch dem Kriege ergeben und geneigt ist, jeden Fremden für seinen Feind anzusehen. So waren die Neuseeländer auch stets bereit uns anzugreifen, doch beugten sie sich fatalistisch unsrer Überlegenheit. Als sie aber erkannten, daß wir unsre Macht nicht mißbrauchten, da wurden sie unsre ergebenen Diener und Freunde.
Die Schamlosigkeit unserer Freunde auf Otahiti in ihrer ganzen naiven Verderbtheit ist den Neuseeländern fremd. Diese beobachten in ihren Gesprächen und Handlungen ebensoviel Wohlanstand, als man unter den gesitteten Völkern antreffen kann. Die ziemlich üppigen, buhlerischen und sehr koketten Neuseeländerinnen waren weder spröde noch unerbittlich, allein sie knüpften an ihre Gunst die Bedingung der Abschließung einer sogenannten Zeitehe. Dieser Vertrag war unerläßlich. Wenn irgendeiner von unsern Leuten einem jungen Mädchen einen Antrag machte, so machte sie ihn darauf aufmerksam, daß er die Einwilligung ihrer Eltern einholen müsse und ihnen das übliche Geschenk zu bringen habe. Diese Ehe auf ein paar Stunden oder Tage wurde von den jungen Frauen für so ernst und heilig genommen wie jede wirkliche Ehe. Einer von unsern Reisenden wandte sich an einen Häuptling wegen einer seiner Töchter und erhielt folgenden Bescheid: »Ein jedes von unsern jungen Mädchen wird es sich zur Ehre anrechnen, daß Sie sich die Mühe geben um sie anzuhalten. Sie müssen mir aber zuvor ein anständiges Geschenk machen und alsdann kommen und bei uns am Lande übernachten, denn das Sonnenlicht darf ja nicht Zeuge von dem sein, was zwischen Ihnen beiden vorgeht.«
Die Neuseeländer baden des viel kälteren Klimas wegen nicht so häufig wie die Tahitiindianer. Das Ekelhafteste an ihnen ist jedoch das ranzige Fischöl, mit dem sie ihr Haar einfetten. Dadurch riechen sie so übel wie die Hottentotten. Auch sind ihre Köpfe, obschon sie sich Kämme zu machen verstehen, nicht rein von Ungeziefer. Die Männer tragen den Bart kurz; das Haupthaar binden sie auf dem Kopfwirbel zusammen und verzieren es mit Federn. Die Frauen tragen meist das Haar lang und lassen es frei über die Schulter hängen. Auch verunstalten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen und einer greulichen Schminke, dem Bergrot, womit sie Gesicht und Körper reichlich bemalen.
Die Frauen sind weniger eitel auf ihre Kleider als die Männer; aber im Gegensatz zu den Frauen auf Otahiti legen sie ihre Kleider nur dann ab, wenn sie baden oder ins Wasser gehen, um Krebse zu fangen, wobei sie Sorge tragen, von keinem Manne überrascht zu werden. Einige von uns landeten eines Tages auf einer kleinen Insel in der Toloyabai und überraschten zufälligerweise verschiedene Frauen und Mädchen beim Krebsfang. Aber die keusche Diana war gewiß nicht verschämter, als sie den neugierigen Aktäon erblickte, als die braunen Nymphen bei unsrer Annäherung. Ein Teil der Gesellschaft versteckte sich zwischen den Klippen, die übrigen duckten sich so lange ins Wasser, bis sie sich aus Seetang eine Art Schürze gemacht hatten. Als sie mit dieser Hülle dem Walde zu flüchteten, geschah es mit allen Zeichen holder Verwirrung und Schamhaftigkeit.
Der Kriegstanz der Neuseeländer besteht aus vielen heftigen Bewegungen und aus abscheulichen Verdrehungen des Körpers und der Glieder. Auch das Gesicht, das scheußlich verzerrt wird, spielt eine abschreckende Rolle. Die Zunge wird oft unglaublich lang herausgestreckt; die Augenlider werden so verzogen, daß das Weiße im Auge sichtbar wird. Kurzum, sie machen alles, um schrecklich, wild und furchtbar auszusehen. Dabei schwenken sie die Lanze, schütteln die Wurfspieße und hauen mit dem Pätuh-Pätuh wie besessen in der Luft herum. Der Kriegsgesang, den sie bei diesem gräßlichen Tanz anstimmen, ist zwar wild, aber doch nicht unangenehm. Jeder Vers wird mit einem lauten, seufzerähnlichen Gestöhne beendet, dessen Wirkung auf die Nerven dem Zweck des Angstmachens entsprechend ist. So abscheulich aber auch bei diesem Tanze die Gliederverrenkungen und die scheußlichen Drehungen des Körpers sein mochten, so sehr begeisterte uns der Umstand, daß alles dabei klappte und daß keiner unter den Tänzern aus dem Takte fiel. Wenn sie den Kriegstanz mit dem Ruder begleiteten, d. h. wenn oft hundert Ruderer mit ihrem Ruder gegen die Bootswand schlugen, so klang es wie _ein_ Schlag. Ich habe nie gehört, daß irgendeiner vor- oder nachschlug. Genau so abgemessen waren auch die groteskesten Episoden des Tanzes selbst.
Die Lieder der Frauen, deren weiche, biegsame, melodische Stimmen uns auffielen, sind rührend sentimental und voll rhythmischer Schönheiten, aber unsagbar wehmütig und ergreifend innig. Wir waren in der Tat überrascht, unter den armen Wilden dieses öden Landes einen solchen Reichtum an Tönen, an Melodien zu finden, deren Gemütstiefe und Ausdrucksschönheit an die schönsten Volkslieder unsrer Heimat erinnert; sie atmen Schmerz und Trauer!...
Ich will noch erwähnen, daß die Neuseeländer die Schädel ihrer erschlagenen und aufgespeisten Gegner zu schauderhaften Schmuckgegenständen verzieren; sie setzen ihnen falsche Augen ein, präparieren den Haarboden derart, daß die Haare nicht ausfallen, und schmücken sie mit Ohrgehäng.
Es scheint, daß die Frauen auf Neuseeland weniger geachtet sind als die Frauen auf Otahiti. Wenigstens sagte es Tupia, und er äußerte sich darüber sehr mißbilligend. Näheres konnten wir nicht ermitteln. Wir sahen Männer und Frauen zusammen speisen, sahen die Frauen fischen, weben und kochen. Das war alles. Wie also Tupia zu seinem Urteil kam, wurde uns nicht recht verständlich. Auch über die Religion der Neuseeländer erfuhren wir nicht viel. Sie glauben an einen höchsten Gott und an Untergötter; von der Entstehung der Welt und der Schöpfung des ersten Menschen haben sie dieselbe Meinung wie die Eingeborenen von Otahiti. Doch schien Tupia in seiner Religion aufgeklärter und entwickelter zu sein. Er predigte den Neuseeländern wiederholt, und es fehlte ihm nie an Zuhörern, die ihm so ehrerbietig und aufmerksam zuhörten, daß wir ihnen herzlich gern einen bessern Lehrer gewünscht hätten. Sonst erfuhren wir nichts davon, wie sie ihre Götter ehrten; auch entdeckten wir keine Morais. Ebensowenig erfuhren wir Näheres über die Art der Bestattung ihrer Toten. Im Norden sagte man uns, man _begrabe_ die Toten; im Süden, man werfe sie ins Meer. So viel aber ist gewiß, daß wir nirgends ein Grab entdecken konnten, und daß die Neuseeländer alles, was ihre Toten betraf, mit dem größten Geheimnis umgaben. Nur die Körper der Überlebenden zeugten von einem Totenkult. Denn wir entdeckten fast an allen Männern und Frauen jene tiefen Narben, die von den Wunden herrührten, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Verwandten beigebracht hatten. Wir fanden diese Trauerwunden noch frisch, waren sogar Zeugen davon, wie sich eine Trauernde Arme, Beine und Busen verwundete; ein Leichenbegängnis indessen bekamen wir merkwürdigerweise nicht zu sehen.
Gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sprache von Neuseeland und der von Otahiti lassen darauf schließen, daß beide Völker von ein und demselben Urvolk abstammen. Beide Völker haben auch eine gemeinsame Sage, nach der ihre Ahnen vor langen Jahren aus einem Lande, das beide Hiwije nennen, eingewandert sind. Auch konnte sich Tupia überall verständlich machen. Die Verwandtschaft wird noch größer, wenn wir die Ähnlichkeit der Sprache berücksichtigen; so haben die Neuseeländer und die Otahiti-Insulaner dasselbe Wort für die meisten Begriffe. Bei beiden heißt z. B. Taata: Mann; Eupo: der Kopf; Erai: die Stirn; Mata: die Augen, usw. usw. Uns schien jedoch aus verschiedenen Ursachen die Annahme, daß die gemeinsamen Stammeltern der beiden Inselvölker etwa aus Amerika gekommen wären, nicht berechtigt zu sein.
Unsre Entdeckungsfahrt hat den Beweis dafür erbracht, daß sich im Süden von Ozeanien kein festes Land befindet. Es kann keinen großen südlichen Weltteil geben. Hingegen gibt es noch eine Menge unbekannter Inseln, die bisher von keinem europäischen Schiffe besucht worden sind...
Zehntes Kapitel.
Entdeckung der australischen Ostküste. -- Die Macht der Feuerwaffen. -- In der Botanybai. -- Gefährliche Havarie. -- Wir retten das Schiff.
Am 28. März erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Küste entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da sie gegen Winde geschützt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten wir die südliche Landspitze der Bai im Südosten und die nördliche im Osten. Während der Einfahrt hatten wir daselbst einige Hütten und eine Anzahl Eingeborene gesehen; unter der südlichen Landspitze bemerkten wir vier kleine Kähne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der Fischjagd beschäftigt und so eifrig bei der Arbeit, daß sie uns nicht bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen Viertelmeile an ihnen vorübersegelten.
Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefähr aus acht Hütten bestehenden Dorfe gegenüber. Als wir das Boot freimachten, sahen wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehölze kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei Kinder entgegen. Während sie im Freien Feuer anmachte und mit den Vorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschäftigt war, blickte sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber völlig unbesorgt zu sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Kähnen zurück, landeten, zogen ihre Kähne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Männer gingen wie die Kinder völlig nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein -- Feigenblatt. Um die Mittagszeit ließ ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach dem Dorfe hin, überzeugt, daß uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so gleichgültig ließ, die Landung nicht streitig machen würden. In dieser Erwartung sahen wir uns getäuscht; denn kaum waren wir in der Nähe der Felsen, als zwei von den Männern, die mit langen Lanzen und Keulen bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, übeltönenden Sprache die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung ihrer Küste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.
Die Wilden hoben zwar die Nägel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf, mit Vergnügen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer Landung. Ich feuerte einen Schreckschuß gegen sie ab. Allein sie begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann einen Schrotschuß ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er rannte sofort nach einer der Hütten. Wir stiegen unterdessen ans Land. Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde zurückkam und mit seinem jüngern Gefährten ein paar Lanzen gegen uns schleuderte, die zum Glück niemand verwundeten. Ich ließ einen zweiten Schrotschuß gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie dann flüchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt ich es nicht für ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen. Wir gingen aber nach den Hütten hin und fanden in einer von ihnen die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begnügten uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als hätten wir sie nicht bemerkt. Beim Weggehen legten wir Bänder, Glaskorallen, kleine Stücke Tuch und andre Geschenke hin, nahmen aber sämtliche Lanzen, etwa fünfzig an der Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fünfzehn Fuß lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Kähne untersuchten, fanden wir, daß sie von allen, die wir bisher untersucht hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der Mitte durch hineingeklemmte Knüppel auseinandergehalten wurde, an den beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nördlichen Landspitze der Bai hinüber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir einen kleinen Bach und ergänzten hier unsern Wasservorrat.
Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagen unberührt da. Als jedoch die Holzfäller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord zurückkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fässer anstaunten und dann ihre Kähne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nähe der Wasserstelle, war aber nicht zum Näherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren Banks und Dr. Solander mit dem großen Netz in wenigen Zügen drei Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hörten sie laut rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre Wälder zurück, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzündeten.
An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nächsten Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken taufte ich die südliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf trat ich mit den Herren Banks und Dr. Solander und sieben Leuten der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Hütten und Lagerplätze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Kühnheit, womit uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht, mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flüchten und sich zu verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklärten diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schußwaffen, die sie von ihren Verstecken aus aufmerksam beobachteten.
Die große Menge verschiedenartiger Pflanzen, die die Herren Banks und Dr. Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die Botanybai zu nennen; sie liegt in der südlichen Breite von 34 Grad und in der westlichen Länge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist geräumig, sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen, gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln, Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren, da sie sich uns fernhielten.
Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Süden drehte, nach Nordnordost längs der Küste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen gegenüber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hügel und Ebenen, die ziemlich waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne Unfall an einer gefährlichen, klippenreichen Gegend zurückgelegt. An einem Kap, das in der südlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in der westlichen Länge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das Verhängnis erreichen. Es war am späten Abend, als wir fast plötzlich in 12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter; alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr nahm die Tiefe plötzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff saß kurz danach fest und senkte und hob sich knirschend mit den Wellen. Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Größe der Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wußte, daß wir fern von der Küste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein Wunder gerettet werden konnten. Ich ließ sogleich die Segel reffen, die Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt genug: die Wellen hatten das Schiff über den Rand der Klippe gehoben und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen. Dabei schlug es unaufhörlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein jämmerlicher Anblick, der uns so erschütterte, daß wir die See bereits als unser Grab betrachteten.
Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhängen. Wir ließen das Wasser aus den Fässern laufen und heraufpumpen. Sechs Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und Steinen, Fässer, Krüge usw. warfen wir über Bord. Jedermann arbeitete unermüdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrüßten wir den jungen Tag. Wir sahen jetzt, daß wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt waren. Zum Glück trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wäre das Schiff in Stücke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, führten wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls es durch die Flut flott würde, über die Klippe zu heben. Allein zu unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir mußten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag über mit zwei Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.
Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, daß die Flut sich einstellte, wir machten aber auch gleichzeitig die fürchterliche Entdeckung, daß das Leck sich immer mehr vergrößerte. Wir mußten unsre letzte Pumpe in Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf. Das Leck hatte sich aber so vergrößert, daß wir befürchten mußten, nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu sein. Wir wußten wohl, daß weder die Anzahl noch die Größe unsrer Boote ausreichte, uns alle ans Land zu führen. Wir wußten, daß, wenn jener fürchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote entstehen würde. Wir wußten aber auch, daß das Los der Unglücklichen, die mit dem Schiffe ihren Untergang finden mußten, im Vergleich mit dem Schicksal, das die Schiffbrüchigen in diesem wilden Lande erwartete, beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen, daß er den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt kennengelernt hat. Als der Augenblick sich näherte, der über unser Schicksal entscheiden sollte, konnte jeder das, was er selber fühlte, auf dem Gesichte seiner Leidensgefährten ausgedrückt finden.
Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren, an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefähr 20 Minuten nach 10 Uhr wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel mit der äußersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der Klippe glücklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden wir, daß das Schiff hier nicht mehr Wasser einließ als auf der Klippe. Und mit neuem Mut kämpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstündigem Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die Mutigsten verzweifelten an der Rettung.
Die Leute waren so übermüdet, daß sie es kaum länger als fünf Minuten an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablösung rütteln mußte. Als sich am Morgen herausstellte, daß das Wasser im Schiffsraum nachgelassen hatte, schöpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit frischen Kräften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbüßten. Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um die sich niemand bekümmerte.
Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glücklich wieder unter Segel und steuerten dem Lande zu.
Durch beständiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar über Wasser, aber auf die Dauer war diese schwere Arbeit unmöglich. Einer meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu »füttern«, ein Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff möglich war, von Virginien nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese Weise zu füttern. Ich gab ihm dazu die nötigen Mittel und Gehilfen, und er ging nun in der Weise vor, daß er einen Brei aus Wolle und den Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dünger bedeckte und dann das Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte und füllte, daß eine Pumpe genügte, um das Wasser zu bewältigen. Wir faßten jetzt neuen Mut.
Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, daß das Schiff in einer Stunde ungefähr 15 Zoll Wasser einließ. Das bedeutete keine unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht, daß ungefähr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege, der so beschaffen sei, daß dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder auf die Seite gelegt werden könne.
Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frühe den Anker. Zwei Boote mußten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer stärker zu wehen.
Es war ein Glück für uns, daß der Hafen so nahe war, denn das Schiff parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht ganz überwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich ließ daher Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwächter aus, um mich beim Einlaufen danach richten zu können. Ich fand die Einfahrt sehr schmal und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst aber wie geschaffen für unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht über stürmte es so heftig, daß wir nicht wagen durften in den Hafen einzulaufen; bei all unsrer Freude über unsre Errettung durften wir doch nicht vergessen, daß eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag über an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den Anker zu lichten.