Meine erste Weltreise

Part 7

Chapter 73,465 wordsPublic domain

Ich schickte am nächsten Tag den Leutnant Gore mit seiner Mannschaft ans Land, um Wasser einzuholen. Die Herren Banks, Dr. Solander und Monkhouse folgten mit Tupia und Tayeto nach. Die Eingeborenen setzten sich zu unsern Leuten und schauten ihnen interessiert zu. Auch etablierten sie einen kleinen Tauschhandel. Die Herren Banks und Dr. Solander erforschten ohne Vorsichtsmaßregeln die Pflanzenwelt der Bai und erlegten einige hervorragend schöne Vögel. Unterwegs sprachen sie in verschiedenen Hütten der Eingeborenen ein und informierten sich über deren häusliches Leben. Man zeigte und erklärte ihnen alles, was sie wollten. Von Haustieren fanden sie den Hund in einer kleinen, häßlichen Abart vertreten. Die Felder waren wohlgepflegt und kunstgerecht angebaut. Gepflanzt wurden Kartoffeln, Kürbisse und Eddas. Merkwürdigerweise waren die Felder der einzelnen Besitzer mit Palisaden eingezäunt, deren einzelne Rohre so dicht beieinander standen, daß kaum eine Maus dazwischen durchkriechen konnte. Die Weiber waren eben nicht schön, aber sie machten sich dadurch noch häßlicher, daß sie ihr Gesicht mit rotem Ocker oder Bergrot und Öl schminkten. Diese Schminke war stets frisch und feucht auf ihren Wangen und pflegte die Nase desjenigen zu kennzeichnen, der sich zum Kuß dahin verirrt hatte. Es gab natürlich ein Hallo, als einige unsrer Schwerenöter mit diesem Steckbrief ihrer Sünde ahnungslos sich zeigten, denn sowenig schön diese Weiber auch waren, umso buhlerischer führten sie sich auf; und die Mädchen waren so üppig wie junge Füllen. Sie trugen einen kurzen Rock und unter diesem einen aus parfümierten Blättern geflochtenen Gürtel, an dem als intimster Schutz ein kleiner Büschel von Blättern einer starkriechenden Pflanze befestigt war. Die Männer pflegten sich weniger zu schminken. Doch sahen wir einen Gecken, der sich den ganzen Leib und sogar die Kleider mit Bergrot gefärbt hatte und fortwährend damit beschäftigt war, die schadhaften Stellen seines geschminkten Äußern zu reparieren. An Reinlichkeit kamen sie unsern Freunden in Otahiti nicht gleich, zum regelmäßigen Baden im Freien war der Himmelsstrich doch zu kalt. Hingegen hatte fast jedes Gehöft seinen Abort. Was das anbetrifft, so waren sie kultivierter als die Spanier, denn ich weiß, daß es bis zum Jahre 1760 in Madrid keine Aborte gab und daß bis dahin alles, was man sonst in die Aborte schüttet, dort einfach auf die Straßen geschüttet und dann von den Straßenreinigern auf Haufen zusammengeschaufelt wurde. Die Madrider Ärzte waren auch einmal der Meinung, daß Kothaufen die hygienische Eigenschaft hätten, alle schädlichen Luftkörper an sich zu ziehen.

Am Abend waren unsre Boote mit Wassereinholen beschäftigt. Die Herren Banks und seine Gesellschaft, etwa acht Europäer, versuchten es nun, um nicht zu stören, sich in einem Indianerkahn zum Schiff rudern zu lassen. Aber da es sich in einem solchen Kahn so schwer sitzen läßt wie in einem sogenannten Grönländer, so schlug das leichte Ding in der Brandung um. Man kam mit dem Schrecken davon, ließ sich dann aber in zwei Partien an Bord rudern.

Weil ich es der starken Brandung wegen schwer fand, an diesem Platze Wasser einzunehmen, so beschloß ich abzusegeln. Ich lichtete daher am folgenden Morgen früh um 5 Uhr die Anker und lief in See. Die Tegaduhbai liegt in der Südbreite von 38 Graden, 10 Minuten. Von hier wollte ich nordwärts steuern, allein der Wind war mir entgegen, so daß ich nicht von der Stelle kam. Während ich ärgerlich gegen den Wind lavierte, kamen mehrere Eingeborene an Bord und sagten mir, daß es in einer Bai, die südwärts nicht weit entfernt liege, vortreffliches Wasser an einem Orte gebe, wo die Boote bequem landen könnten. Ich segelte also dorthin und fand alles bestätigt. Um 1 Uhr kam ich vor Anker. Die Wasserstelle lag in einer kleinen Bucht. Kaum hatten wir beigelegt, als auch schon eine Unzahl von Kähnen von der Küste her auf uns zuschossen. Bald herrschte um uns das reinste Marktleben, wobei sich die Indianer, die an otahitischem Tuch und an gläsernen Flaschen einen Narren gefressen zu haben schienen, als grundehrlich erwiesen. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land, um die Wasserstelle in Augenschein zu nehmen. Das Boot konnte bequem landen. Das frische Quellwasser war von vortrefflichem Geschmack, auch war die Gegend zum Füllen und Transport der Fässer günstig. Auch Holz zum Fällen war hier im Überfluß vorhanden. Am nächsten Tage schickte ich Herrn Gore mit allen Seesoldaten zur Erledigung dieses Geschäftes ab, bei dem ich die Oberaufsicht führte, während die Herren Banks und Dr. Solander ihre botanischen Untersuchungen fortsetzten. Als sie am Abend nach der Wasserstelle zurückkehrten, begegneten sie einem alten Mann, der sie damit unterhielt, daß er ihnen den Gebrauch der Waffen dieses Landes, der Lanze und des Pätuh-Pätuh, zeigte. Die Lanze ist 10-14 Fuß lang und an beiden Enden gespitzt. Der Pätuh-Pätuh ist einen Fuß lang, aus Talkstein oder Walfischknochen gefertigt, mit zwei scharfen Schneiden versehen und wird als Streitaxt gebraucht. Der alte Wilde steckte einen Pfosten in die Erde, der seinen Feind vorstellen sollte. Auf diesen ging er dann mit wütendem Gesichte los, indem er seine Lanze wiederholt schwenkte und dann nach ihm stach. Hierauf ergriff er den Pätuh-Pätuh und schlug damit wütend auf den Pfosten ein. Aus diesem Umstande kann man darauf schließen, daß die Wilden in ihren Kämpfen ihre Feinde nicht nur unschädlich zu machen, sondern in der Hauptsache zu erschlagen bestrebt waren. Unter den Indianern, die uns an der Wasserstelle aufsuchten, befand sich auch ein Priester, mit dem Tupia einen tiefgründigen theologischen Disput hatte. Bei dieser Gelegenheit erkundigte er sich denn auch bei seinem Standesgenossen, ob der Kannibalismus hier landesüblich wäre. Er erhielt die Antwort, daß man die erschlagenen Feinde zu verzehren pflege. Am 26. regnete es unaufhörlich, so daß wir an Bord des Schiffes verblieben. Den nächsten Tag ließen wir uns an der Wasserstelle von den Indianern Kriegsspiele vorführen. Die Männer stimmten den Schlachtgesang an, in den alle unter den abscheulichsten Gesichtsverzerrungen einfielen. Dabei rollten sie die Augen wild umher, streckten die Zunge heraus und verrenkten die Glieder, aber dies alles unter genauer Beobachtung des Taktes. Am 28. landeten wir auf einer Insel, die links von der Einfahrt in die Bai lag. Hier fanden wir den größten Indianerkahn, den wir bisher gesehen hatten; er war 68½ Fuß lang, 5 Fuß breit und 4½ Fuß hoch. Der Boden bestand aus drei ausgehöhlten Baumstämmen, von denen der mittlere am längsten war und die beiden Spitzen des Kahnes bildete. Die aus _einem_ Stück bestehenden 62 Fuß langen Seitenplanken waren mit halberhabener Schnitzarbeit verziert. Am Vorderteil war diese noch sorgfältiger ausgeführt. Auch die Holzarbeit an einem noch unfertigen Hause, das wir dort sahen, war auf meisterhafte Weise nach dem auf schneckenförmige Linien und verzerrte Gesichter ausgehenden Kunstgeschmack der Eingeborenen verfertigt. Weil ich meinen Holz- und Wasservorrat erneuert und auch eine Menge Sellerie geladen hatte, der ein gutes Mittel gegen den Skorbut ist, so lichtete ich, weil es sonst nichts einzuhandeln gab, am 29. die Anker. Wir haben hier tatsächlich nichts als Fische und Kartoffeln erhalten können. Von Tieren bekamen wir nichts als Hunde und Ratten zu sehen. Und selbst diese waren hier sehr selten. Am Eingang der Bai, die die Eingeborenen die Tolagabai nennen, liegen zwei charakteristische Felsen. Der eine ist rund wie ein Schober, der andre ist lang hingestreckt und an verschiedenen Stellen so durchlöchert, daß seine Öffnungen den Bogen einer Brücke ähnlich sind. Als wir Montag den 30. bei leichtem Winde zehn Stunden gesegelt waren, kamen wir an die nordöstliche Spitze des Landes, die ich das Ostkap nannte. Als wir es umsegelt hatten, erblickten wir eine große Anzahl Küstendörfer und viele angebaute Felder in fruchtbarer Gegend. Um 6 Uhr segelten wir an einer Bai vorbei, die ich nach ihrem Entdecker, meinem Leutnant Hicks, Hicksbai nannte. In der Nacht legte ich bei, segelte aber um 2 Uhr wieder weiter und erblickte um 8 Uhr Land, eine Insel, die ich die weiße Insel nannte. Hier wurden wir von einer Eingeborenen-Flottille überfallen, die nach ein paar Schreckschüssen Hals über Kopf Reißaus nahm. Am 1. November kamen etwa 45 Kähne mit Eingeborenen an unsre Seite, die anfangs ehrlich handelten, dann uns aber bestahlen. Einen der Diebe bedachte ich mit einer Schrotladung. Die übrige Gesellschaft verjagte ich mit einem Kanonenschuß. Um 2 Uhr des Mittags erblickten wir gen Westen einige Inseln. Um 7 Uhr hatten wir sie erreicht. Nach einigem Zögern legte ich bei. Die Eingeborenen nannten sie die Mowtohorainsel. Es war ein Glück, daß wir in der Nacht nicht weitergefahren waren, denn kaum segelten wir am nächsten Morgen weiter, so zeigten sich verschiedene gefährliche Klippen, die etwa anderthalb Seemeilen von der Insel entfernt sind. Auf dieser Fahrt wurden wir wiederholt von Eingeborenen, die sich erst friedlich zeigten, mit einem Steinhagel bombardiert. Um 11 Uhr segelten wir wieder der Küste entlang. Die Dörfer, die wir hier erblickten, waren sehr groß, lagen auf Höhen, die ans Meer stießen, und waren gegen die Landseite durch Schanzen und Gräben verteidigt, innerhalb deren Palisaden starrten. Auch waren einige dieser kleinen Dorffestungen noch durch Außenwerke flankiert. Tupia hielt diese Plätze für Morais, wir hielten sie mit größerm Rechte für Festungswerke. An einer Insel, nordnordöstlich von der Küste, übernachteten wir; ich taufte sie als die größte ihrer Gruppe den Major. Das Land, woran wir dann vorübersegelten, war außerordentlich volkreich. Wir sahen viele größere Städte, vor denen am Strande einige hundert Boote lagen.

Um 2 Uhr erblickten wir eine große Einfahrt; um 7 Uhr des Abends kamen wir im südlichen Eingang der Bai, die ich Merkuriusbai nannte, in 7 Klaftern vor Anker. Bis hierher wurden wir von Kähnen begleitet, ziemlich primitiv ausgehöhlten Baumstämmen, deren Insassen sich anfangs sehr bescheiden und friedlich zeigten, bald nachher jedoch unsern Ankerboy zu kapern versuchten. Wir feuerten darauf einige Schreckschüsse ab, worauf sie in höchster Wut erklärten, morgen wiederzukommen und uns alle zu ermorden. Tatsächlich versuchten sie in der Nacht ihr Heil, fanden uns aber immer auf dem Posten, so daß sie vorzogen, sich ebenso leise zu entfernen, wie sie gekommen waren. Am Morgen erschienen zwölf Kähne mit 150 Kriegern, die mit Lanzen, Keulen und Steinen bewaffnet waren. Tupia gelang es, ihnen das Unsinnige ihres Vorhabens begreiflich zu machen und sie zu einem Tauschhandel mit uns zu bewegen. Wir erboten uns, ihnen ihre Waffen abzukaufen. Bei den ersten Geschäften ging es ehrlich zu, nachher betrogen sie uns auf das frechste. Weil ich mir aber vorgenommen hatte, fünf bis sechs Tage hierzubleiben, um den Durchgang des Merkurs zu beobachten, so zog ich, um ihren Unverschämtheiten ein für allemal die Spitze abzubrechen, schärfere Saiten auf. Ein Dieb erhielt einige Schrotschüsse und sein Boot eine Kugel als Denkzettel, worauf er sich davonmachte. Obwohl er stark blutete, so kümmerte sich doch niemand von den andern um sein Schicksal. Einem Tuchdieb zerschoß ich seinen Kahn, und zum Schluß ließ ich eine Kanonenkugel abfeuern, die uns von der Gesellschaft befreite. Um 3 Uhr lichtete ich den Anker und lief näher an die Küste heran, wo ich das Schiff in günstigerer Lage sicherte. In dieser Lage hatten wir die südliche Spitze der Bai eine Meile weit ostwärts und einen Fluß, in den die Boote bei niedrigem Wasser einlaufen konnten, anderthalb Meilen weit in Süd-Süd-Osten. Am nächsten Morgen kamen die Eingeborenen wieder, aber wir bemerkten zu unserm Vergnügen, daß sie sich sehr bescheiden aufführten. Unter ihnen war ein alter Häuptling Toiava, dessen Klugheit und Ehrlichkeit uns schon letzthin imponiert hatte. Wir forderten ihn auf an Bord zu kommen, was er auch in Begleitung eines andern tat. In der Kajüte machte ich jedem von ihnen ein Stück Tuch und einige große Nägel zum Geschenk. Die beiden erzählten uns, daß ihre Landsleute in großer Furcht vor uns lebten, worauf wir ihnen durch Tupia verständlich machten, daß wir nur denen Schaden zuzufügen pflegten, die uns feindlich gegenübertreten oder uns bestehlen. Nachdem uns die Indianer verlassen hatten, fuhren wir mit den Booten den Fluß hinauf, um dort zu fischen, waren aber nicht besonders glücklich. Indessen konnten wir einige Vögel schießen. Am Morgen wurde das lange Boot wiederum ausgeschickt, um mit dem Strichnetz in der Bai zu fischen; gleichzeitig wurde Mannschaft unter dem Kommando eines Offiziers zum Holzfällen ans Land gesandt. Am 7. war schlechtes Wetter. Am 8. gingen die Herren Banks und Dr. Solander ans Land, um Pflanzen zu sammeln. Da sie erst spät am Abend zurückkehrten, so hatten sie Gelegenheit, sich das Nachtlager der Eingeborenen anzusehen. Ihre Decke bestand aus Strauchwerk. Die Weiber und Kinder legten sich am weitesten vom Meer landeinwärts auf den Boden nieder; die Männer aber lagerten sich im Halbkreise um sie, wobei sie ihre Waffen an die nächsten Bäume so angelehnt hatten, daß sie sie jederzeit zur Hand hatten. Man erfuhr auch, daß sie weder dem Oberkönig Teratu noch sonst jemand untertan waren, und wir nahmen deshalb an, daß sie eine nomadisierende Bande rechtlos gewordener Geächteter seien. Kurz nach Anbruch des folgenden Tages kam eine große Menge Kähne mit ausgezeichneten Makrelen ans Schiff, die wir sofort einhandelten. Um 8 Uhr hatten wir bereits Fische für Tage und Wochen an Bord. Wir frühstückten sofort von den delikaten Fischen. Alsdann begab ich mich mit den Herren Green, Banks und Dr. Solander in der besten Laune ans Land, um den Durchgang des Merkur bei klarem Himmel zu beobachten. Der Eintritt des Merkur in die Sonnenscheibe ereignete sich um 7 Uhr 20 Min. 58 Sek., die innere Berührung um 12 Uhr 8 Min. 58 Sek., die äußere um 12 Uhr 9 Min. 55 Sek. Kurz darauf wurden wir durch einen Schuß vom Schiffe aus erschreckt. Leutnant Gore war im Tauschhandel von einem Eingeborenen bestohlen und insultiert worden und hatte in seiner Aufregung den Mann, statt ihm eine Ladung Schrot aufzubrennen, erschossen, worauf er den übrigen Schwarm der Wilden mit einem Kanonenschuß verscheuchte. Als die Nachricht von diesem Vorfall ans Land gelangte, erschraken die Indianer, die sich in unserer Nähe befanden; sie vereinigten sich sofort und zogen sich zur Beratung zurück. Als wir ihnen aber genauen Bericht erstatten ließen, kamen sie zurück und billigten das Geschehene, da der Erschossene seine Strafe verdient hätte. Kurz vor Sonnenuntergang brachen unsre Indianer auf, um ihre Abendmahlzeit zu bereiten. Weil uns dies interessierte, begleiteten wir sie. Ihre Gerichte bestanden aus Fischen, Krebsen und Vögeln, die sie teils gebraten teils gebacken verspeisten. Das Backen geschah mit heißen Steinen auf dieselbe Weise wie in Otahiti, das Braten dadurch, daß sie die Fische oder Vögel an Stecken banden und über Feuer hielten. In der Gesellschaft der Indianer sahen wir eine Frau in Trauer. Sie saß einsam, die Tränen liefen ihr beständig die Wangen herab, dabei wiederholte sie in leisem, klagendem Ton gewisse Worte, deren Sinn selbst Tupia nicht enträtseln konnte. Am Schluß eines jeden Satzes zerfetzte sie sich mit einer Muschelschale Gesicht, Brust und Arme so sehr, daß sie ganz mit Blut bedeckt war. Doch schienen die Verletzungen, die sie sich beibrachte, nicht so schwer zu sein wie nach den Narben zu urteilen die, die sich einige ihrer Leidensgefährtinnen beigebracht hatten.

Am Morgen darauf ging ich mit Herrn Banks und den andern Forschern in beiden Booten nach dem Lande hin, um einen großen Fluß zu erforschen, der sich in den obern Teil der Bai ergießt. Wir ruderten ungefähr 4-5 Meilen weit; hier war der Fluß breiter als an der Mündung und durch angeschwemmte Inseln gespalten, auf denen die Mangroven, harzreiche Bäume, wuchsen. Auf einer der Inseln schossen wir uns ein Gericht Vögel, die wir auf dem Roste brieten und zu Mittag verspeisten. An der Mündung des Stromes entdeckten wir ein kleines indianisches Dorf, wo wir sehr gastfreundlich aufgenommen und mit Schaltieren von ausgezeichnetem Geschmack bewirtet wurden; wir aßen sie so heiß wie sie vom Feuer kamen. In der Nähe dieses Dorfes befanden sich auf einer Landspitze die Überreste einer Festung, die von den Eingeborenen Ippäh oder Hippäh genannt wurde. Der beste Festungsbaukünstler hätte keine vorteilhaftere Lage für diesen Zweck wählen können als der indianische Erbauer dieser Festung, die, auf drei Seiten von Wasser und steilen Klippen umgeben, von hierher unzugänglich gemacht war. Die Landseite war durch Schanzen, einen 22 Fuß breiten, 14 Fuß tiefen Graben und durch Palisaden geschützt. Das Ganze könnte mit leichter Mühe so befestigt werden, daß die Mannschaft eines europäischen Schiffes sich gegen den Angriff des ganzen Volkes verteidigen könnte.

Am 11. war das Wetter so windig und regnerisch, daß sich kein Kahn vom Lande in See wagte. Da wir aber tags zuvor mehrere reichbesetzte Austernbänke entdeckt hatten, so sandten wir das lange Boot ab, um die delikate Ernte einzuheimsen. Es kam nach einer Weile vollbeladen zurück, und nun begann an Bord ein Wettausternessen bis in die sinkende Nacht. Wir konnten uns das leisten, denn unsre Austernbänke waren unerschöpflich und die Austern so gut wie die besten Colchesteraustern, weshalb ich dem Strome den Namen Austernstrom gab.

Achtes Kapitel.

Forschungen. -- Eine Naturfestung. -- Kunstvolle Bauten. -- Ein diebischer Geselle. -- Seltsame Tätowierungen. -- Eine Lektion und ihre Folgen. -- Kannibalismus.

Am 12., an einem Sonntag, ruderte ich in Begleitung der Herren Banks und Dr. Solander mit der Pinasse und der Jolle nach der nördlichen Baiseite hinüber, um das Land und zwei befestigte Dörfer in Augenschein zu nehmen, die wir in einer gewissen Entfernung entdeckt hatten. Wir landeten unterhalb des kleineren Dorfes, das in höchst romantischer und anmutiger Lage auf einem kleinen Felsen aufgebaut war, der vom festen Lande abgetrennt und zur Zeit der Flut mit Wasser umgeben war. Den einzigen Zugang zu dieser Naturfestung bildete ein steiler, schmaler Saumpfad, auf dem uns die Einwohner entgegenkamen, um uns zur Besichtigung ihres Hippäh einzuladen. Wir lehnten diese Einladung jedoch ab, da wir die größere Festung, die eine Meile entfernt lag, besichtigen wollten. Jedoch verteilten wir an die Frauen und Mädchen kleine Geschenke. In diesem Augenblick sahen wir auch die Bewohner des kleinen Städtchens, das wir besichtigen wollten, uns zur Begrüßung entgegenkommen, Männer, Weiber, Kinder, über hundert an der Zahl. Als sie sich so weit genähert hatten, daß wir einander verstehen konnten, winkten sie uns unter Horomairufen grüßend mit den Händen und setzten sich dann zwischen den Gebüschen am Strande nieder. Wie uns Tupia sagte, war diese Zeremonie bei ihnen das Zeichen freundschaftlicher Ergebenheit. Wir eilten also zu ihnen hin, begrüßten sie, machten ihnen einige Geschenke und baten sie um die Erlaubnis, ihr Hippäh zu besuchen. Mit Jubel bewilligten sie unsre Bitte, indem sie gleich als Führer vorausgingen. Wharretouwa, so hieß das Städtchen, liegt auf einem hohen Vorgebirge, das in die See hinausläuft und an der nördlichen Seite der Bai liegt. Von zwei Seiten wird das Hippäh von der See bespült, hier ist es ganz unzugänglich. Die beiden Landseiten sind großartig befestigt. Die eine, die nach dem Strande zu liegt, ist außerordentlich steil, die schwächere wird durch zwei starke Gräben beschützt. Außerdem ist das ganze Hippäh mit starken Palisaden von 10 Fuß Höhe umgeben. Auch das Innere der eigenartigen Festung ist durch Palisaden und durch Wehrtürme befestigt, von denen aus die Belagerten ihre Feinde mit Lanzen und durch ein Steinbombardement zurücktreiben können. Das Ganze ist in der Tat uneinnehmbar und gegen jeden Sturmangriff gefeit. Auf der schwächeren Seite, der Bergseite, gibt es einige kleine Außenwerke, und verschiedene Hütten als Wohnungen für Leute, die wegen Platzmangels nicht in der Festung wohnen können, aber doch unter deren Schutze leben wollen. Das Innere der Festung war ursprünglich ein spitzer Hügel, der zu Ansiedlungszwecken abgetragen, d. h. amphitheatralisch derart abgegraben wurde, daß das Städtchen eigentlich aus bebauten Stufen besteht, die unter sich wieder durch enge Gäßchen verknüpft sind, so daß der Feind, wenn er die äußern Palisaden erobert hat, sich gezwungen sieht, die einzelnen Stufen zu erstürmen, was vielleicht noch schwerer ist als die Ersteigung der äußeren Palisaden selbst.

Wir fanden viele derartige Burg- und Festungsbauten längs der Küste, auf Felsen, Inseln, ja selbst auf Klippen, die eher zu Vogelnestern als für menschliche Wohnungen geeignet waren. Und doch ist es etwas sehr Sonderbares, daß der Erfindungsgeist, der diesen wilden Menschen den Plan zu ihren bewundernswerten Festungsbauten eingab, sie nicht auch auf den naheliegenden Gedanken gebracht hat, Wurfgeschosse zu deren Niederzwingung zu erfinden. Denn außer ihren Wurfspießen kennen sie nur den Naturstein als Waffe, und zwar als Handwaffe. Denn sie haben keine Art von Bogen, um einen Pfeil abzuschießen, keine Steinschleuder, nichts, um auf größere Entfernungen hin zu wirken! Allerdings sind die Spitzen ihrer langen Lanzen mit Widerhaken versehen, und sie bedienen sich deren mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß ich es mit keiner andern Waffe als mit einer gut geladenen Muskete gegen sie aufnehmen wollte. Wir besichtigten die Festung sehr eingehend mit dem größten Interesse und kehrten hochbefriedigt gegen Abend an Bord zurück.

Am 15. segelte ich in Begleitung vieler Kähne aus der Bai hinaus. Der gute Toiava klagte mir noch zum Abschied, daß er jetzt nach unsrer Abreise in sein Hippäh flüchten müsse, denn die Verwandten des von Gore Erschossenen wollten dessen Tod an ihm rächen, weil er unser Freund sei. Wir trösteten den alten Herrn mit einigen Geschenken. Ich will noch bemerken, daß unsre Geologen an verschiedenen Stellen dieser Bai Eisen- und Erzsand fanden, der von den verschiedenen Bächen aus dem Innern des Landes herabgeschwemmt worden war -- ein deutliches Kennzeichen dafür, daß die Berge um die Bai herum eisenerzhaltig sein mußten.