Part 6
Am nächsten Morgen sahen wir wiederum eine große Anzahl Eingeborener an ihrer Beratungsstelle; einige unter ihnen untersuchten eifrig unsre Landungsstelle. Da es mir darum zu tun war, mit ihnen in freundlichen Verkehr zu treten, so ließ ich drei Boote mit Seesoldaten und Matrosen bemannen und fuhr mit Banks, Dr. Solander, den andern Herren und Tupia ans Land. Ungefähr fünfzig Eingeborene taten so, als warteten sie auf uns. Im Glauben, daß sie sich vor uns fürchteten, ging ich ihnen mit Herrn Banks, Dr. Solander und Tupia entgegen. Wir waren nur einige Schritte weit, als sie alle miteinander aufsprangen und der eine seine Lanze, der andre ein Kriegsbeil hervorzog. Diese Waffe war einen Fuß lang, aber 4-5 Pfund schwer und aus ungemein kunstvoll geglättetem, grünem Talkstein geformt. Tupia rief sie in ihrer Sprache an und bot ihnen Frieden. Statt jeder Antwort schwenkten sie drohend ihre Waffen und machten uns Zeichen, uns zurückzuziehen. Wir feuerten eine Muskete ab, jedoch weit von ihnen, denn wir hatten noch den Fluß zwischen uns, so daß die Kugel über den Wasserspiegel strich. Als sie die Bewegungen und die Wirkung der Kugel sahen, ließen sie von ihren Drohungen ab. Trotzdem hielten wir es für das klügste, uns zurückzuziehen und die Seesoldaten landen zu lassen. Wir ließen die kleine Truppe mit ihrer Fahne eine Anhöhe besetzen. Hier wurde sie in Schlachtordnung aufgestellt. Ich rückte alsdann mit Herrn Banks, Dr. Solander, Green, Monkhouse und Tupia wieder vor. Tupia eröffnete das Palaver, und wir bemerkten mit großem Vergnügen, daß ihn die Eingeborenen verstanden. Er sagte ihnen, daß wir ihnen gegen Eisen und andre Tauschwaren Lebensmittel abkaufen wollten. Wir fanden sie zu diesem Handel scheinbar geneigt; sie verlangten aber, daß wir zu ihnen hinüberkommen sollten, was wir ablehnten, da uns Tupia dringend riet, auf unsrer Hut zu sein, und sie sich nicht verpflichten wollten, die Waffen abzulegen. Wir stellten ihnen dagegen anheim zu uns herüberzukommen. Endlich entkleidete sich einer und schwamm ohne seine Waffe zu uns herüber, zwei andre folgten seinem Beispiel, bald nachher kamen dreißig bewaffnet über den Fluß. Wir machten ihnen Geschenke von Glaskorallen und Nägeln, wogegen sie uns, da sie deren Gebrauch nicht kannten, nur einige Federn verehrten. Auf ihren dringenden, listigen Vorschlag, mit ihnen zum Zeichen der Freundschaft die Waffen zu tauschen, konnten wir natürlich nicht eingehen. Die Wilden versuchten alsdann mit Gewalt zu ihrem Ziele zu kommen. Wir waren aber darauf vorbereitet und ließen ihnen durch Tupia androhen, daß wir sie im Falle weiterer Gewalttätigkeiten unweigerlich töten würden. Trotzdem stahl wenige Augenblicke später ein kecker Wilder den Hirschfänger des Herrn Green und flüchtete, indem er triumphierend seinen Raub über dem Kopfe schwang. Das war für die übrigen das Signal zu bedrohlichen Unverschämtheiten. Wir mußten sie deshalb in ihre Schranken zurückweisen. Herr Banks feuerte sofort mit Schrot in einer Entfernung von 45 Fuß auf den Dieb und traf ihn. Trotzdem schwenkte dieser uns zum Hohn seinen Raub und suchte ihn auf dem Felsen, der in der Mitte des Flusses lag und wohin sich die Wilden nach dem Schusse geflüchtet hatten, in Sicherheit zu bringen. Herr Monkhouse kam dem mit einer gut gezielten Kugel zuvor. Als jener tot zu Boden stürzte, kamen die andern sofort herbei; zwei von ihnen rannten zu dem Toten hin, der eine ergriff sein Kriegsbeil und flüchtete damit, der andre versuchte den Hirschfänger zu erobern. Monkhouse war ihm aber zuvorgekommen. Jetzt rückten die Wilden zum Angriff gegen uns vor. Wir schossen drei mit Schrot geladene Büchsen gegen sie ab und schlugen sie dadurch gänzlich in die Flucht. Wir hatten drei von ihnen getroffen. Die Wilden zogen sich allmählich ins Land zurück; wir aber bestiegen unsre Boote.
Um wenigstens frisches Wasser zu erhalten und womöglich einige Eingeborene an Bord zu nehmen und sie durch gute Behandlung und Geschenke zu Freunden zu gewinnen, ruderte ich um die Spitze der Bai herum. Die Brandung war jedoch überall so stark, daß ich keinen Landungsversuch wagte. Ich erblickte aber zwei Kähne von der See hereinkommen, wovon der eine unter Segel war und der andere gerudert wurde. Das war eine günstige Gelegenheit, einige von den Eingeborenen aufzuheben und sie für unsre Zwecke zu verwenden. Ich verteilte daher meine Boote, um die beiden Kähne abzufangen. Der eine Kahn bemerkte uns, und es gelang ihm zu entwischen, der andre aber segelte in die ihm gestellte Falle. Sobald uns jedoch seine Besatzung erblickte, reffte sie das Segel ein und ruderte mit solcher Kraft, daß sie unsre Boote hinter sich ließ. Tupia schrie den Wilden aus vollem Halse zu, zu halten: wir seien Freunde. Aber die braunen Burschen verließen sich mehr auf ihre Ruder als auf unsre Freundschaft und versuchten zu entkommen. Ich ließ hierauf eine Muskete über ihre Köpfe abfeuern in der Hoffnung, das würde sie veranlassen, sich zu ergeben. Sie hielten auch mit Rudern ein und fingen an, sieben an der Zahl, sich zu entkleiden. Wir glaubten, sie täten das, um über Bord zu springen; die Sache war aber anders gemeint. Denn als wir nahe an sie herankamen, warfen sie ihre Lanzen, Beile, Steine gegen uns, so daß wir gezwungen waren, eine Salve auf sie abzufeuern, wodurch vier Mann fielen. Die andern drei, Knaben und Jünglinge von 11, 15 und 19 Jahren, sprangen sofort über Bord und suchten sich durch Schwimmen zu retten. Mit vieler Mühe gelang es uns, die drei jungen Leute, die wie Enten schwammen, ins Boot zu ziehen, wo sie zusammenkauerten. Da die Unglücklichen ohne Zweifel erwarteten, kurzweg hingerichtet zu werden, so ließen wir sie durch Tupia beruhigen, versorgten sie mit Kleidern und gaben uns die erdenklichste Mühe, sie von unserm Wohlwollen zu überzeugen. Die jungen Wilden, die befürchtet hatten, irgendeinem Dämon geopfert zu werden, tauten förmlich auf; sie waren mit ihrem Schicksal versöhnt und guter Dinge. An Bord des Schiffes entwickelten sie einen guten Appetit, auch gaben sie Tupia Auskunft auf seine Fragen und nahmen an allem, was sie sahen und was um sie herum vorging, den größten Anteil. Wir bestärkten sie in ihrer Frohlaune, so daß sie tanzten und einige ihrer Lieder zum besten gaben, deren Rhythmus und Wohlklang uns ebensosehr in Erstaunen setzte, wie der hohe Grad von Kunstfertigkeit der drei Sänger, von denen die zwei ältesten Brüder waren. Nach dem Frühstück, bei dem sie wie alle Wilden einen fabelhaften Appetit entwickelten, ließ ich sie von Kopf bis Fuß neu kleiden und stattete sie mit Armbändern und Fußringen sowie mit buntfarbigen Halstüchern aus. In dieser Kleiderpracht wollte ich sie ans Land setzen, in der Hoffnung, daß die Wilden, wenn sie auf diese Weise erführen, wie gütig wir unsre Gefangenen behandelten, ihr Mißtrauen gegen uns fallen lassen und in die dargebotene Freundeshand einschlagen würden. Ich ließ dann das Boot aussetzen und meinen Gefangenen sagen, daß wir sie ans Land bringen und ihnen die Freiheit schenken wollten. Diese Nachricht brachte sie vor Freude so außer sich, daß sie tanzten. Als sie aber bemerkten, daß wir nach unsrer ersten Landungsstelle am Flusse hinruderten, da baten sie flehentlich, man möge sie nicht an diesem Orte aussetzen, denn hier wohnten ihre Feinde, die sie töten und fressen würden. Auf diese Weise war es wieder nichts mit meiner Diplomatie. Weil ich aber schon die Seesoldaten unter dem Befehl eines Offiziers an Land geschickt hatte, so beschloß ich ebenfalls dort zu landen; den jungen Wilden ließ ich durch Tupia versichern, daß wir sie am Abend nach dem Teil der Küste bringen würden, den sie als ihre Heimat bezeichneten. Herr Banks und Dr. Solander waren bei mir. Als wir mit den jungen Wilden landeten und über den Fluß gingen, schienen sie sich die Sache anders überlegt zu haben, denn sie nahmen, wenn auch nicht ohne innern Kampf und Tränen, plötzlich Abschied von uns. Wir gingen dann nach einem Sumpfe hin, der außerordentlich reich an Enten war, um dort zu jagen, während uns vier Seesoldaten auf einer Anhöhe flankierten, von der aus man die ganze Gegend übersehen konnte. Wir waren etwa eine Meile weit vorgedrungen, als uns die Soldaten meldeten, daß ein starker Trupp Wilder zum Vorschein komme und eilfertig heranrücke. Auf diese Meldung hin zogen wir uns zusammen und eilten nach den Booten zurück. Kaum hatten wir den Rückmarsch angetreten, so kamen unsre jungen Wilden aus einem Busch, in dem sie sich verkrochen hatten, hervor und baten uns sie mitzunehmen. Wir eilten mit ihnen dem Strande zu. Die Wilden rückten indessen über die Anhöhe -- die die Seesoldaten verlassen hatten, um zu uns zu stoßen -- und um den Sumpf herum, aber in einem so ängstlichen, vorsichtigen Tempo heran, daß wir bequem in dem kleinen Boote zu den Seesoldaten, die mit Holzfällen beschäftigt waren, übersetzen und die Schlachtordnung bilden konnten. Die Wilden kamen nicht, wie wir erwartet hatten, in Trupps, sondern paarweise herab, jedoch wuchs ihre Anzahl in kurzem bis auf 200 Mann. Wir beschlossen einem zwecklosen Kampfe vorzubeugen und an Bord zurückzukehren. Als wir in die Pinasse einsteigen wollten, erkannte einer unsrer jungen Wilden unter den Indianern seinen Oheim, mit dem er sofort ein Gespräch anknüpfte, in das sich auch Tupia mischte. Der Mann kam denn auch zu uns herüber geschwommen und brachte einen grünen Zweig mit, den er uns durch Tupia überreichen ließ. Wir machten ihm einige Geschenke und luden ihn ein, mit uns an Bord des Schiffes zu gehen, was er ablehnte. Wir verabschiedeten uns von ihm und nahmen als selbstverständlich an, daß sein Neffe und dessen Kameraden bei ihm bleiben würden, allein zu unsrer größten Verwunderung wollten sie lieber mit uns gehen. Sobald wir weggerudert waren, pflückte der Wilde einen Zweig und legte ihn unter allerhand Zeremonien auf den Leichnam des von uns erschossenen Indianers, dann kehrte er, um zu berichten, zu seinen Gefährten zurück, die sich sofort um ihn gruppierten und, wie wir von Bord des Schiffes aus durch unsre Ferngläser beobachteten, fast eine Stunde lang berieten. Später holten sie die Leiche auf einem Floße ab und trugen sie dann auf einer Art von Bahre ins Innere des Landes; den zweiten Leichnam dagegen ließen sie an dem Orte liegen, wo er von Anfang an gelassen worden war.
Nach dem Mittagessen ließ ich meine drei jungen Wilden durch Tupia fragen, ob sie an dem Orte, wo wir mit ihrem Oheim zusammengewesen wären, nicht an Land gehen wollten, da ja der Friede durch die Wegnahme des Leichnams wiederhergestellt sei. Sie erklärten sich dazu bereit, sprangen munter ins Boot und ebenso munter ans Land, doch kaum stieß das Boot wieder ab, so wateten sie ins Wasser und baten, wieder an Bord genommen zu werden. Ich hatte aber zuvor streng verboten, sie wieder aufzunehmen. Wir konstatierten dann später durch unsre Ferngläser, daß ein Indianer die drei jungen Wilden auf einem Floß nach einer Stelle verbrachte, wo etwa 40 bis 50 Wilde weilten, die nach Untergang der Sonne nach jenem Küstenstrich hinzogen, den unsre Gefangenen vordem als ihre Heimat bezeichnet hatten. Wir waren daher über ihr Schicksal beruhigt. Nach Eintritt der Finsternis hörten wir wie gewöhnlich laute Stimmen vom Lande her, über deren Bedeutung wir uns aber nicht klar wurden.
Am folgenden Morgen um 6 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten aus dieser unwirtlichen Unglücksgegend, die von den Eingeborenen Taoneroa oder »langer Sand« genannt wird. Das feste Land erstreckte sich von Nord-Ost-Nord gegen Süden hin, und ich nahm mir vor, der Küste entlang bis zum 40. oder 41. Breitegrad zu fahren und dann eventuell nach Norden umzukehren. Nachmittags trat Windstille ein. Als die Eingeborenen bemerkten, daß das Schiff stilllag, stießen verschiedene Kähne von der Küste ab, die sich uns bis auf eine Viertelmeile näherten. Tupia gab sich zwar alle Mühe, die Indianer zutraulicher zu machen, allein er verschwendete nur die Kraft seiner Lunge und seine Beredsamkeit, die in solchen Fällen von klassischer Unerschöpflichkeit war. Unterdessen sahen wir einen Kahn von Taoneroa mit vier Leuten an Bord herankommen. Als sie näher kamen, erkannten wir einen unter ihnen als den Mann, mit dem wir auf dem Felsen unterhandelt hatten. Die vier ruderten direkt auf uns zu und legten, ohne sich im geringsten um die andern zu kümmern, hart an das Schiff; es dauerte nicht lange, so kamen sie auf unsre Einladung hin an Bord. Die übrigen Wilden folgten dem ihnen gegebenen Beispiele nach, und bald hatten wir etwa 50 Mann an Bord und 7 Kähne um uns herum. Wir bedachten sie freigebig mit Geschenken; sie waren überdies so handelseifrig, daß sie sogar die Kleider vom Leibe und die Ruder aus den Booten an uns vertauschen wollten. Von der ganzen Gesellschaft waren nur zwei mit Waffen versehen, dem Pätuh-Pätuh, einem Kriegsbeil aus grünem Talkstein, mit dem sie wohl imstande waren den härtesten Schädel zu spalten.
Wir erkundigten uns sofort nach unsern jungen Wilden und erfuhren, daß sie daheim in Sicherheit wären. Der Erzähler fügte hinzu, daß er und seine Freunde sich nur deshalb an Bord gewagt hätten, weil die drei jungen Indianer unsre Gastfreundschaft so sehr gerühmt hätten. Die Zeit über, wo sie bei uns an Bord weilten, versicherten sie uns ihrer Ergebenheit; auch luden sie uns dringend ein, in die verlassene Bai zurückzukehren. Ich wollte aber lieber meine Entdeckungen fortsetzen; auch hoffte ich nicht ohne Grund, bald einen guten Hafen zu finden. Kurz vor Sonnenuntergang ruderten unsre Gäste weg, wobei sie im Durcheinander drei der Ihrigen im Schiffe zurückließen. Wir machten sie zwar sofort aufmerksam, aber es fiel niemand ein, umzukehren; noch mehr wunderten wir uns über die Verlassenen selbst, die uns ihre Tänze vorführten und ihre Reigen sangen und so ruhig zu Bette gingen, als gehörten sie zum Schiff. Bald nach Einbruch der Nacht begann eine leichte Brise zu wehen. Wir steuerten längs der Küste hin und legten bei, als neue Windstille eintrat. Trotzdem waren wir einige Seemeilen weitergekommen. Als am nächsten Morgen die Indianer dies bemerkten, jammerten sie gottserbärmlich über ihr Schicksal. Tupia beruhigte sie mit Mühe. Um 7 Uhr kamen zwei Kähne von Land in Sicht, und es gelang Tupia und den drei Wilden, den Führer eines der Kähne, einen alten Häuptling, zu bewegen, an Bord zu kommen und die drei aus ihrer fatalen Lage zu befreien. Was den alten Herrn zu diesem Abenteuer bewog, war die eidesstattliche Versicherung seiner Landsleute, daß wir keine Menschenfresser wären, was uns ein indirekter Beweis dafür war, daß auf der Insel der Kannibalismus herrschen müsse, worauf ja auch die wiederholte Äußerung der jungen Wilden schließen ließ.
Wir befanden uns, als wir absegelten, einer Landspitze gegenüber, die ich wegen ihrer Gestalt das Tafelvorgebirge nannte; sie ist ziemlich hoch, bildet einen scharfen Winkel und ist eben. Um die Mittagszeit stießen wir ungefähr vier Seemeilen weiter auf ein kleines Eiland, das Teahorvray der Wilden, das ich wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem Portland der Themse die Insel Portland nannte. Während wir unsern Lauf längs der Küste nahmen, versammelte sich hier und auf der Insel eine große Menge Eingeborener, denen unser Erscheinen gewiß viel zu denken gab. Mittags ließ sich ein Kahn blicken mit vier Insassen; einer von ihnen schien durch seine Gebärden bald Frieden bald Krieg zu künden, tanzte mitunter und grölte ein heiseres Lied. Tupia redete lang auf ihn ein, konnte ihn aber nicht bewegen, an Bord zu kommen. Wir segelten weiter, gerieten aber in seichtes Wasser. Doch vermochten wir uns wiederloszuwinden und legten dann bei. Als wir vor Anker lagen, kamen zwei Kähne so nahe an uns heran, daß Tupia mit den Insassen sprechen und wir ihnen Geschenke zuwerfen konnten, mit denen sie sich dann seelenvergnügt trollten.
Siebtes Kapitel.
Neue Feindseligkeiten. -- Das Kap der Kinderdiebe. -- Gastfreundliche Wilde. -- Abenteuer in der Tegaduhbai.
Am folgenden Morgen, den 13. September, erhob sich um 5 Uhr ein Nordwind. Wir lichteten sofort die Anker und steuerten gegen das Land hin. Gegen Abend versuchten wir in eine Einfahrt hineinzufahren, machten aber wieder kehrt, als wir entdeckten, daß es sich nicht um die Einfahrt eines Hafens handelte. Dabei verfolgte uns ein großes Kriegskanu. Es war mit ungefähr zwanzig Bewaffneten besetzt, die uns mit höhnischen Worten zum Kampf herausforderten. Wir ließen die Möpse ruhig den Mond anbellen. Am nächsten Tage bekamen wir das im Lande liegende Gebirge zu sehen, dessen höchste Gipfel mit Schnee und Eis bedeckt waren. An der Küste war das Land niedrig und unfruchtbar. In einer kleinen Entfernung sahen wir Haine von Bäumen, die hochstämmig und oben spitzig waren. Ich ließ die Pinasse und das lange Boot aussetzen, um frisches Wasser aufzusuchen. In diesem Augenblick bemerkten wir verschiedene stark bemannte Kähne aus dem Land herauskommen. Um 10 Uhr wurden fünf von diesen Kähnen zusammengezogen. Sie hielten eine Art von Kriegsrat, der für den Krieg ausgefallen sein mußte, denn sie rückten gegen das Schiff vor. Diese fünf Kähne hatten 80-90 Mann an Bord; in einer kurzen Entfernung folgten ihnen noch vier Boote nach, jedenfalls als Reserve. Kaum hatten sie sich uns auf dreihundert Schritte genähert, als die Wilden ihren Kriegsgesang anstimmten, ihre Lanzen schwenkten und sich zum Angriff formierten. Tupia rief ihnen zu, daß wir den Donner in der Gewalt hätten und sie alle vernichten würden, wenn sie uns nicht in Ruhe ließen. Zur Bekräftigung dieser Worte ließ ich eine Kanone abfeuern. Der Knall, der Blitz und die Kugeln des Traubenschusses, die sich fächerartig im Wasser ausbreiteten, erschreckten die Indianer in solchem Maße, daß sie sich eiligst zurückzogen. Tupia aber rief ihnen nach, daß wir sie, wenn sie ohne Waffen kommen wollten, als Freunde aufnehmen würden. Die Besatzung eines der Boote ließ sich wirklich dazu bewegen, unbewaffnet zu uns ans Hinterteil des Schiffes zu kommen. Wir machten ihnen verschiedene Geschenke und würden sie auch bewogen haben an Bord zu kommen, wären nicht die übrigen Kähne in feindlicher Absicht herangekommen, worüber die andern sehr empört waren. Nach kurzer Auseinandersetzung ruderten sie alle ans Land.
Am nächsten Tage früh 8 Uhr befanden wir uns endlich der Landspitze gegenüber. Hier kamen einige Fischer zu uns, die uns einige sehr verdächtig riechende Fische verkauften, aber bereit waren, uns in jeder Weise zu unterstützen. Leider wurden sie durch die Besatzung eines Kriegskahns verscheucht, der sich frech an uns heranmachte. Obgleich die Bewaffneten nichts zu verkaufen hatten, so schenkte ich ihnen doch einige Stücke Tuch. Einer von ihnen vertauschte mir sein Bärenfell für ein Stück rotes Tuch, nahm dieses in Empfang, gab aber das Fell nicht heraus. Bei dem sich deshalb entspinnenden Streit bemächtigten sich die Fischer des Dieners Tupias, Tayeto, der an die Seite des Schiffes gestellt worden war, um die eingetauschten Sachen heraufzureichen. Zwei hielten ihn im Vorderteil des Kahnes fest, während die andern eiligst wegruderten, welchem Beispiel die übrigen Kähne folgten. Hierauf gab ich den Seesoldaten, die auf Verdeck unter Gewehr standen, Befehl zu feuern. Ein Mann fiel. Tayeto benützte die Verwirrung, um sich loszureißen und ins Wasser zu springen. Der große Kahn wendete, um ihn zu verfolgen; ich vertrieb ihm die Lust dazu durch ein paar gutgezielte Gewehr- und Kanonenschüsse. Wir konnten den armen Burschen unverletzt auffangen, aber er war so erschrocken, daß er lange nicht zu sich kam. Die Herren Banks und Solander konstatierten durch das Fernrohr, daß die Wilden drei Männer tot oder doch schwerverletzt den Strand hinaufgetragen hätten. Als Tayeto sich von seinem Schrecken erholt hatte, brachte er seinem Herrn einen Fisch, um ihn seinem Eatua, seinem Gotte, zu opfern. Tupia lobte den frommen Sinn des Knaben und befahl ihm, den Fisch als Dankopfer ins Meer zu werfen. Das Vorgebirge, an dem dieser freche Raub stattfand, nannte ich Kap Kidnappers, das Kap der Kinderdiebe.
Wir fuhren noch einige Zeitlang südwärts. Da ich aber nirgends einen guten Hafen fand, so machte ich an einem Vorgebirge mit gelben Steinklippen in einer südlichen Breite von 40 Graden, 34 Minuten, 18 Seemeilen Süd-Süd-West von Kap Kidnappers, kehrt. Am 18. des Morgens um 4 Uhr lag Kap Kidnappers 2 Seemeilen weit nordwärts und 3 westwärts. Die Nacht über legte ich am Tafelvorgebirge bei, am Morgen segelte ich gegen Land, um in einer Bai 2 Seemeilen weit vom Kap vor Anker zu gehen. Die Eingeborenen, die uns mit ihren Kähnen beständig umschwirrten, hatten uns auf diesen Ankerplatz aufmerksam gemacht und dabei beständig auf eine Gegend hingewiesen, wo es Überfluß an frischem Wasser gab. In der Bai selbst fand ich nicht so viel Schutz vor der See, wie ich erwartet hatte. Da uns aber die Eingeborenen freundlich gesinnt schienen, so wollten wir länger hier verweilen. In einem der Kähne, die uns besuchten, kamen auch zwei Häuptlinge. Ich lud sie ein an Bord zu kommen und schenkte jedem von ihnen 12 Fuß Leinwand und einen großen Nagel, den sie nicht sehr wertschätzten. Wir hörten von ihnen, daß sie über die Vorfälle in der Taoneroabai unterrichtet waren, und ließen ihnen daher durch Tupia sagen, daß wir freundschaftliche Absichten hegten und uns nur wehrten, wenn man uns angriffe. Unterdessen trieben die Indianer im Kahne einen regen Tauschhandel mit unsern Leuten. Ich lud die Häuptlinge zu Tisch. Nachher begleiteten sie mich in meinen eigenen Booten, um mir eine günstige Wasserstelle zu zeigen. Da es jedoch stürmisch und regnerisch war und die Brandung hoch lief, so daß wir keine Landungsstelle finden konnten, so ließen sie sich in ihren eigenen Kähnen an Land bringen, versprachen aber wiederzukommen und Lebensmittel mitzubringen. Gegen Abend heiterte sich das Wetter wieder auf. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land. Die Eingeborenen empfingen uns überall mit den Zeichen der Ergebenheit und vermieden es sogar, uns durch unmäßige Neugierde und Ansammlung großer Menschenmengen lästig zu fallen. Auch in den Häusern, die wir besuchten, kamen höchstens die Nachbarn zusammen, so daß wir nie mehr als zwanzig Personen, die Weiber und Kinder inbegriffen, antrafen. Wir machten ihnen kleine Geschenke. Der Umstand, daß wir auf unserm Spaziergange zwei kleine Bäche mit gutem Süßwasser fanden, bewog mich, dort einen Tag zu verweilen, um Herrn Banks Gelegenheit für seine Untersuchungen zu geben und gleichzeitig unsern Wasservorrat zu erneuern.