Meine erste Weltreise

Part 2

Chapter 23,711 wordsPublic domain

Während der Tafel erzeigte eine von den Gemahlinnen des Häuptlings, die Tomio hieß, Herrn Banks die Ehre, sich dicht neben ihn zu setzen. Tomio war nicht mehr in der Blüte ihrer Jugend und Schönheit. Aus diesem Grunde bezeigte ihr auch Herr Banks keine besonderen Aufmerksamkeiten. Als ihm unter den Umstehenden ein sehr schönes Mädchen in die Augen fiel, winkte er sie heran. Die Schöne zierte sich anfänglich, folgte dann aber der Einladung. Nun beschenkte sie Banks mit Glaskorallen und anderen Kleinigkeiten. Tomio war zwar etwas beleidigt, aber sie blieb ebenso aufmerksam und höflich gegen ihren Gast wie zuvor. Diese Szene hätte wohl noch interessanter und rührender werden können, wäre sie nicht durch einen ernsten Zwischenfall gestört worden. Dr. Solander und Herr Monkhouse machten nämlich die unangenehme Entdeckung, daß sie bestohlen worden waren, und zwar war ersterer um ein kleines Taschenperspektiv und letzterer um seine Schnupftabaksdose bestohlen. Dieser Diebstahl verdarb allen die gute Laune. Die Herren beschwerten sich bei dem Häuptling. Und um der Beschwerde mehr Nachdruck zu geben, sprang Herr Banks auf und stieß mit drohender Gebärde den Kolben seiner Büchse auf den Boden, wodurch er der ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken einjagte, daß sie Hals über Kopf zum Hause hinauslief. Dem Häuptling gelang es binnen kurzem, die gestohlenen Gegenstände herbeizuschaffen und ihren rechtmäßigen Eigentümern auszuhändigen, worauf wir versöhnt nach dem Schiffe zurückkehrten.

[1] Cook wurde von dem ungebildeten Vizekönig, der sich den Durchgang der Venus als den »Durchgang des Nordsterns durch den Südpol« erklärte, aufs äußerste schikaniert, als Feind behandelt, scharf bewacht und in jeder Weise aufgehalten.

[2] Die »Weißen« galten den Mexikanern nicht als die Repräsentanten der guten Götter, sondern als die des Dämons. Als solche galten auch Cook und seine Leute den Feuerländern, deren primitive Religion in der Versöhnung des Bösen bestand, da ja das Gute nicht zu fürchten war.

Zweites Kapitel.

Die Bewohner von Tahiti. -- Ihre Stehlsucht. -- Wir bauen ein Fort. -- Lustbarkeiten. -- Oberea, die Königin, und ihr Günstling. -- Tootahah, der Regent. -- Ringkämpfe. -- Seltsame Besuchssitte. -- Freie Liebe.

Am nächsten Tage ging ich mit den Herren Banks, Dr. Solander und Green an Land, um dort einen Platz für ein kleines Fort und unsre Sternwarte aufzusuchen. Wir waren bald über den Platz schlüssig und steckten auf der nordöstlichen Spitze der Bai die Grenzen ab, wo wir auch ein Herrn Banks gehöriges Zelt aufschlugen. Wie bei allem, was wir taten, so versammelte sich auch diesmal eine große Menge Zuschauer um uns, die ohne Waffen gekommen waren. Unter ihnen befand sich auch Owhah, dem ich durch Zeichen verständlich zu machen suchte, daß wir den Platz, den wir abgesteckt hatten, nicht für immer, sondern nur für die Zeit unseres Aufenthalts beanspruchten. Ich kann nicht sagen, ob er mich verstanden hat. Die Eingeborenen betrugen sich zu meiner Freude gefällig und ehrerbietig; sie hockten ganz friedfertig außerhalb des abgesteckten Kreises nieder und schauten uns zu, solange wir arbeiteten.

Wir beschlossen, obwohl uns Owhah durch Zeichen abriet, uns im Innern des Waldes umzusehen. Wir ließen unsere Seesoldaten unter dem Befehl eines Unteroffiziers zur Bewachung des Zeltes zurück und begaben uns in Begleitung einer großen Anzahl Eingeborener in den Wald. Als wir über einen kleinen Fluß setzten, flogen einige Enten auf. Banks schoß und erlegte drei Stück davon. Der Schuß jagte den Eingeborenen einen solchen Schrecken ein, daß die meisten wie vom Blitz getroffen zu Boden fielen; doch sie erholten sich bald von ihrer Furcht, und wir setzten unsere Reise fort. Plötzlich fielen zwei Schüsse in der Richtung des Zeltes. Wir brachen in großer Besorgnis so schnell als möglich dorthin auf und fanden den Platz um das Zelt von den Eingeborenen geräumt. Der wachhabende Unteroffizier meldete, daß einer der Indianer dem Posten das Gewehr entrissen habe und damit entflohen sei. Man habe ihn verfolgt und erschossen, sonst sei niemand getötet oder verwundet worden. Wir rechtfertigten Owhah und den Häuptlingen gegenüber das Vorgehen unserer Leute und bedeuteten ihnen, daß wir niemand ein Leid zufügen würden, der uns und unsere Leute in Frieden lasse. Wir brachen hierauf das Zelt ab und gingen ärgerlich über den Vorfall an Bord.

Am folgenden Morgen war der Strand ziemlich leer. Niemand von unsern indianischen Freunden, selbst unser treuer Owhah nicht, ließ sich blicken -- Beweis genug, daß man uns grollte. Unter diesen Umständen segelte ich näher an die Küste und legte das Schiff so vor Anker, daß unsere Kanonen den ganzen nordöstlichen Teil der Bai und insbesondere den Platz bestreichen konnten, den ich zur Erbauung des Forts abgesteckt hatte. Am 17. starb zu unserem größten Leidwesen Herr Buchan, ein begabter Maler, den Herr Banks mitgenommen hatte, an den Folgen des Abenteuers auf der Terra del Fuego. Aus Rücksicht auf die Eingeborenen begruben wir ihn nicht auf der Insel, sondern wir übergaben seinen Leichnam unter großen Feierlichkeiten der See. Am Vormittag desselben Tages statteten uns Tootahah und Tubourai Tamaide ihren Gegenbesuch ab. Auch brachten sie Geschenke mit, Brotfrucht und ein gebratenes Schwein. Ich machte jedem ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin Green und ich die Nacht zubrachten, um eine Finsternis des Jupitertrabanten zu beobachten; weil sich aber der Himmel bewölkte, wurde nichts daraus.

Nach Anbruch des Tages begannen wir mit dem Bau des Forts. Zu meiner Beruhigung machten sich die Eingeborenen dadurch nützlich, daß sie die im Walde gehauenen Pfosten und Faschinen herbeischleppten, die ich ihnen ehrlich bezahlt hatte. Kein Baum war ohne ihre Erlaubnis gefällt worden. Diese Rücksichtnahme auf ihre Eigentumsrechte machte so guten Eindruck, daß der Oberhäuptling Tamaide bei einem Besuch nicht nur seine Familie, sondern auch das Wetterdach eines Hauses und allerhand Baugeräte mitbrachte und erklärte, seine Residenz in unserer Nachbarschaft aufschlagen zu wollen. Am 22. veranstaltete Tootahah ein Konzert zu unseren Ehren. Das Orchester bestand aus vier Flötisten, die ihr Instrument mit der Nase bliesen, und vier Sängern, die immer eine und dieselbe Melodie spielten und sangen. An einem Abend lieh Dr. Solander einer von den Frauen Tamaides sein Messer, bekam es aber nicht wieder; am folgenden Morgen vermißte Herr Banks das seinige. Bei dieser Gelegenheit will ich betonen, daß unterschiedslos die Männer und die Frauen dieses Volkes die größten Diebe auf Erden sind. Bereits am Tage unserer Ankunft, als uns die Eingeborenen an Bord unseres Schiffes besuchten, waren die Häuptlinge ebenso beschäftigt unsere Kabinen zu bestehlen, wie ihre Leute die andern Teile des Schiffes. Banks beschuldigte Tamaide, ihm sein Messer gestohlen zu haben. Der Oberhäuptling leugnete feierlich. Banks erfuhr bald, daß sein eigener Bedienter das Messer verlegt hatte, und er beeilte sich, den Häuptling zu versöhnen.

Am 26. stellte ich sechs Drehbassen im Fort auf, wodurch die Eingeborenen in Furcht gerieten; einige Fischer, die auf der Landspitze der Bai wohnten, verzogen deshalb nach dem Innern der Insel. Am nächsten Morgen langten zahlreiche Kähne an, und die Zelte im Fort wimmelten von Männern und Frauen, die aus allen Teilen der Insel hergekommen waren. Ich hatte an Bord zu tun; allein unser Steuermann Mollineux, der schon einmal mit Kapitän Wallis in Otahiti war, ging für mich an Land. Als er in das Zelt des Herrn Banks trat, fiel ihm sofort eine Frau auf, die mit mehreren andern dort saß. Kaum erblickte er sie, so erkannte er in ihr Oberea, die Königin der Insel, die nach dem Zeugnis des Kapitäns ihm so wertvolle Dienste geleistet hatte. Auch sie erkannte den Steuermann wieder. Oberea war sehr groß, ihre Haut war weiß und ihr Gesicht schien ungemein geistreich und empfindsam. Sie war ungefähr vierzig Jahre alt und mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein.

Als Banks hörte, wer sie war, erbot er sich, sie an Bord des Schiffes zu geleiten. Die Königin nahm den Vorschlag mit Freuden an und kam mit zwei Häuptlingen und ihren Frauen an Bord, wo ich sie feierlich empfing und mit Geschenken überhäufte. Am besten gefiel der erlauchten Dame eine Kinderpuppe. Alsdann begleitete ich sie an Land, wo wir Tootahah begegneten, der zwar nicht König als Regent, aber mit der höchsten Gewalt bekleidet war. Es schien ihm wenig zu gefallen, daß wir die Königin mit so großer Auszeichnung behandelten. Und als sie ihre Puppe zeigte, wurde er so eifersüchtig, daß ich ihm, um ihn zu versöhnen, auch eine Puppe schenken mußte, die er sogar einem schönen Beile vorzog. Kurz danach fielen die Puppen so im Kurs, daß sie niemand mehr wollte.

Die Männer, die uns besuchten, pflegten ohne das geringste Bedenken an unserm Tische zu speisen. Die Frauen und Mädchen hingegen waren nie dazu zu bewegen gewesen. Auch heute lehnten sie unsere Einladung ab, verfügten sich aber in das Speisezimmer der Bedienten, wo sie es sich gut schmecken ließen. Der Grund dieses Betragens blieb uns ein Rätsel. Am nächsten Morgen erwiderte Herr Banks den Besuch der Königin. Es war nicht mehr sehr früh, als er erschien. Trotzdem sagte man ihm, daß sie noch unter der Wetterdecke ihres Kahnes schlafe. Er begab sich dorthin in der Absicht sie zu wecken, weil er glaubte, daß er sie durch diese etwas familiäre Art schwerlich beleidigen würde. Als er aber in ihre Kajüte blickte, fand er sie mit Obadec, einem stattlichen jungen Manne von fünfundzwanzig Jahren, zusammen. Banks wich beschämt zurück. Man gab ihm aber zu verstehen, daß dergleichen Intimitäten landesüblich seien; außerdem wäre es kundig, daß Obadec der Günstling der Königin wäre. Zu höflich, Herrn Banks lange antichambrieren zu lassen, kleidete sich Oberea schnell an und ging dann in seiner Begleitung nach den Zelten.

Kapitän Wallis hatte eines der Steinbeile der Insulaner nach England gebracht, nach dessen Muster die Admiralität ein eisernes Beil verfertigen ließ, das ich mitnehmen mußte, um den braunen Herrschaften mit unserer Industrie zu imponieren. Als ich Tootahah dieses Beil zum Geschenke machte, um ihn wegen des Forts, das ich mit zwei Vierpfündern und sechs Drehbassen bewehrt harte, zu beruhigen, war er von dem Geschenke derart entzückt, daß er in der Furcht, das Geschenk würde mich reuen, sofort davonlief, um es in Sicherheit zu bringen. Leider wurde uns nebst mehreren andern Gegenständen ein Quadrant gestohlen, den wir unter jeder Bedingung haben mußten. Meine Leute setzten daher den guten Tootahah als Geisel gefangen. Zum Glück kam ich rechtzeitig zurück, um ihn zu befreien. Wir erhielten die gestohlenen Sachen ausgeliefert. Die Insulaner grollten mehrere Tage, allein es gelang uns, sie wieder vollständig zu versöhnen. Wir statteten Tootahah einen feierlichen Besuch ab.

Das Volk erwartete uns in so großer Menge am Strand, daß wir kaum hindurch gekommen wären, wenn nicht ein großer, mit einem Turban bekleideter Mann dagewesen wäre, eine Art von Zeremonienmeister, der mit einem weißen Stock um sich hieb und Platz schuf. Dieser seltsame Herr geleitete uns zum Oberhaupt, indes das Volk uns zujauchzte: »Tai Tootahah!«, Tootahah ist euer Freund! Wir fanden ihn gleich einem biblischen Erzvater, umgeben von den Ältesten seines Staates, unter einem Baume thronend. Ich überreichte ihm zu den bedungenen Versöhnungsgeschenken noch ein Oberkleid von englischem Tuche, das er mit großer Freude empfing und sofort anlegte, und ein Hemd, das er seinem Zeremonienmeister übergab. Dann lud er uns zu einem Wettkampf, einem Ringkampf ein, den er uns zu Ehren veranstaltet hatte. Wir wurden nach einem großen Platze geführt, der von einem etwa drei Fuß hohen Rohrgitter umgeben und an die Residenz des Oberhäuptlings angebaut war. Tootahah saß in der Mitte der Preisrichter; wir zogen es vor, uns frei umherzubewegen. Als alles bereit war, traten die Kämpfer in den Kreis. Sie waren bis auf ein Hüfttuch nackt. Die Anfangszeremonien des Ringkampfes bestanden darin, daß die Ringer in gebückter Haltung langsam rund im Kreise herumgingen und dabei die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, während sie mit der rechten Hand den Takt auf ihrem linken Arm schlugen, eine Herausforderung an alle, die mit ihnen ringen wollten. Die direkte Herausforderung bestand noch darin, daß der einzelne Ringkämpfer seinen Gegner zum Kampfe einlud, indem er die Hände auf die Brust legte und mit den Ellenbogen wippte. Hatte der Gegner dasselbe getan, so fuhren beide aufeinander los, wobei jeder seinen Gegner regellos zu packen suchte, an den Beinen, an den Armen, um den Leib und selbst an den Haaren, wobei nur die rohe Kraft entschied. Doch mußte der Sieger den Besiegten auf den Rücken legen. Während des Ringens tanzten Tänzer einen der charakteristischen monotonen Tänze. Mit Erbitterung wurde nirgends gerungen. Wir konstatierten sogar, daß die Besiegten über ihr Pech lachten und scherzten. Das Wettringen dauerte etwa zwei Stunden. Tootahah lud sich alsdann bei uns im Fort zu Gaste, wozu er ein gebratenes Schwein lieferte. Unsere Aussöhnung mit diesem mächtigen Manne wirkte wie ein Zauber auf das Volk, das sofort mit vielem Eifer den unterbrochenen Tauschhandel mit uns wieder aufnahm. Doch hielt es nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu erhalten. Die Herren Green und Mollineux hörten bei einem Ausflug, daß die meisten Schweine unserem Tootahah gehörten. Nunmehr fingen wir an, unsern Freund für einen mächtigen Fürsten zu halten, denn anders wären ein solcher Reichtum und eine so unumschränkte Gewalt nicht möglich. Bis jetzt hatten wir Kokosnüsse und Brotfrüchte immer noch mit Glaskorallen eingehandelt. Nun aber begann der Wert dieses Tauschartikels so bedeutend zu fallen, daß wir Nägel auf den Markt brachten. Für einen vierzölligen Nagel erhielten wir zwanzig Kokosnüsse und Brotfrucht in demselben Quantum.

Am 9. Mai besuchte uns, zum ersten Male seit dem Streit mit Tootahah, die Königin wieder. Oberea kam in Begleitung des Häuptlings Tupia und ihres Günstlings Obadec, die uns ein Schwein und Brotfrüchte brachten, ein Geschenk, das wir mit einem Beil auslösten. Wir hatten inzwischen eine Schmiede im Fort aufgestellt. Der Schmied hatte beständig Arbeit, denn die Eingeborenen brachten altes Eisen, woraus ich ihnen neue Werkzeuge schmieden ließ. Die Königin hatte eine zerbrochene Axt mitgebracht, die ich ihr zu ihrer Zufriedenheit reparieren ließ. Alsdann verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, nach drei Tagen wiederkommen zu wollen. Unsere Namen richtig aussprechen zu lernen war den Insulanern ein Ding der Unmöglichkeit. Mich nannten sie Tuti, Herrn Hicks Hiti, Mollineux nach seinem Vornamen Bob Boba, Herrn Gore Toora, Dr. Solander Torano, Herrn Banks Tapane, Herrn Green Eteri, den Maler Parkinson Patini und den Unteroffizier Monkhouse, der den Dieb der Muskete erschossen hatte, Matte, was soviel wie Tod bedeutet. Der letztere Umstand ließ uns darauf schließen, daß die Namen, die sie uns gegeben hatten, Worte ihrer eigenen Sprache bedeuteten.

Am 12. Mai, an einem Freitag, statteten uns einige fremde Frauen von Rang einen Besuch ab. Herr Banks saß am Tore des Forts in seinem Boote neben Tootahah und andern vornehmen Eingeborenen, um die Marktgeschäfte zu erledigen. Zwischen 9 und 10 Uhr landete ein großer Kahn, unter dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saßen. Tootahah bedeutete Herrn Banks, den vornehmen Fremden entgegen zu gehen. Bis er jedoch aus dem Boote kam, waren ihm jene schon bis auf dreißig Fuß nahe gekommen. In dieser Entfernung hielten sie still und winkten ihm ein Gleiches zu tun. Hierauf legten sie ein halbes Dutzend Bäumchen und andere Pflanzen auf die Erde nieder. Das Volk hatte inzwischen von den Fremden bis zu Banks eine Gasse gebildet. Alsdann brachte der Mann, der ein Diener der vornehmen Frauen zu sein schien, die Bäumchen nacheinander Herrn Banks und sprach dazu einige Worte. Der Häuptling Tupia versah das Amt eines Zeremonienmeisters des Herrn Banks; er nahm die Zweige ebenso feierlich an und legte sie ins Boot. Nach dieser Feierlichkeit schleppte der Mann einen großen Ballen Tücher herbei, öffnete ihn und breitete den Inhalt stückweise zwischen Banks und seinen Gästen aus, wobei er jedesmal drei Tücher aufeinander legte. Hierauf stieg eine der beiden Frauen, die Ooratooa hieß und die vornehmere war, auf die Tücher, hob ihre Kleider ringsum bis an die Hüften auf und drehte sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt feierlich und bedächtig dreimal im Kreise herum. Alsdann ließ sie den Vorhang fallen und trat wieder herunter. Jetzt legte man sechs Tücher und dann neun übereinander. Ooratooa wiederholte jedesmal die Zeremonie, der das Volk mit dem feierlichsten Ernste anwohnte. Danach wurde das Tuch sofort aufgerollt und Herrn Banks als Geschenk von der Dame überreicht, die mit ihrer Freundin an ihn herantrat und ihn küßte. Er machte den beiden die auserlesensten Geschenke; die beiden vornehmen Insulanerinnen blieben etwa eine Stunde, dann fuhren sie heimwärts. Am Abend bekamen die Herren im Fort den Besuch der Königin und ihrer Freundin Oteothea, eines sehr schönen jungen Mädchens.

Am 13., als der Markt schon um 10 Uhr vorüber war, erging sich Herr Banks, der seine Kugelbüchse bei sich trug, im kühlenden Schatten des Waldes. Auf dem Rückwege traf er Tubourai Tamaide vor seinem provisorischen Wetterhaus und verweilte bei ihm. Dieser nahm die Gelegenheit wahr, nahm Herrn Banks die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn und versuchte einen Schuß in die Luft abzufeuern. Zum Glück für ihn versagte der Schuß. Banks entriß ihm augenblicklich die Büchse. Da es von höchster Wichtigkeit war, die Insulaner in der Behandlung des Feuergewehrs in gänzlicher Unwissenheit zu erhalten, so erging sich Banks dem Häuptling gegenüber in den fürchterlichsten Drohungen. Tamaide hörte den Verweis mit großer Demut an, allein kaum hatte ihm Banks den Rücken gewendet, so enteilte er mit seiner ganzen Familie in sein Haus zu Eparre. Wir wurden sofort benachrichtigt, und da wir diesen einflußreichen Mann nicht zum Feinde haben wollten, so reisten die Herren Banks und Mollineux noch an demselben Abend nach Eparre ab. Hier fanden sie den Oberhäuptling betrübt im Kreise seiner Leute sitzen; seine Lieblingsfrau hatte in ihrer Trauer über den Vorfall ihren Kopf mit einem Seehundszahn blutig gestoßen. In gleicher Weise hatte die Terapo schon vorher ihrem Schmerze Ausdruck gegeben. Banks beeilte sich also, den Häuptling zu beruhigen und ihm zu versichern, daß er weit davon entfernt sei, ihm zu zürnen. Tamaide war so froh darüber, daß er sofort zurückkehrte und zum Zeichen der vollständigen Aussöhnung mit seinen Frauen im Zelte des Herrn Banks übernachtete.

Am 4. Juni, an einem Sonntage, hielten wir im Fort Gottesdienst ab, wozu wir den Tamaide und andere vornehme Insulaner einluden. Herr Banks setzte sich mitten zwischen sie, und sie ahmten alles nach, was er tat; sie erhoben sich, setzten sich, knieten nieder, ganz wie er. Als jedoch der Gottesdienst vorüber war, bezeigten sie kein Interesse dafür, von uns zu erfahren, um was es sich hier gehandelt habe. Die Insulaner hielten dagegen eine Vesper von besonderer Art ab. Ein junger, sechs Fuß großer Mensch weihte nämlich ein junges, etwa zwölfjähriges Mädchen in Gegenwart einiger von unseren Leuten und einer großen Menge Volkes feierlich in die Mysterien des Venuskultes ein. Die ungenierte Art, womit er hiebei zu Werke ging, bewies ganz klar, daß er seine Handlungsweise nicht im geringsten für unschicklich und unanständig, sondern für eine im Gebrauch des Landes erlaubte und moralische hielt. Unter den Zuschauern befanden sich die Königin und viele Frauen von Stand, die sich nicht damit begnügten, bei dieser Zeremonie die Zuschauerinnen zu spielen, sondern im Gegenteil eifrig bemüht waren, der Novize Anleitungen zu geben, wie sie sich zu verhalten habe, obschon das Mädchen trotz seiner Jugend der Anleitungen eben nicht sehr zu bedürfen schien. Ich erzähle diesen Vorfall, weil er ein nicht unbedeutender Beitrag zur Lösung einer Frage ist, über die die Philosophen schon lange stritten, die Frage nämlich: »ob die Scham, die gewisse natürliche Handlungen begleitet, ihren Grund in der Natur selbst hat, oder ob sie aus Gebräuchen entstanden ist«. Es dürfte sehr schwer werden zu erklären, wie es kam, daß der Schambegriff bezüglich gewisser Naturakte gerade diesem paradiesisch harmlosen Volke vollständig fehlt.

Ebenso verhielt es sich mit dem Begriff des Diebstahls und seiner Verwerflichkeit. Wir hatten wiederholt bemerkt, daß, sobald uns etwas gestohlen wurde, alle Insulaner schon vor uns davon Kenntnis hatten. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni wurde uns eines von den am Fort aufgestellten Wasserfässern gestohlen; am andern Morgen war kein Insulaner, der nicht von diesem Diebstahl gewußt hätte.

Drittes Kapitel.

Ein Besuch beim Regenten. -- Der Durchgang der Venus. -- Folgen ihres Kults. -- Ein tahitisches Begräbnis. -- Ein Hundebraten. -- Hoher Besuch. -- Eine Reise um die Insel. -- Lockungen.

Am 27. Juni beschlossen wir, dem Oberhäuptling Tootahah einen Besuch abzustatten, um ihn zur Lieferung einiger Schweine zu veranlassen. Ich ruderte daher frühmorgens mit Banks, Dr. Solander und drei andern Herren in der Pinasse ab. Da wir den Weg nach Atahourou, der neuen Residenz Tootahahs, nur zur Hälfte im Boote zurücklegen konnten, so langten wir erst gegen Abend bei ihm an. Wir fanden ihn in seinem gewöhnlichen Staatsgewand unter einem großen Baum inmitten seines Volkes thronend und überreichten ihm unser Geschenk, das aus einem gelben Frauenunterrock und andern Kleinigkeiten bestand und das er in Gnaden anzunehmen geruhte.

Die Menge des Volkes und der angesehensten Häuptlinge war so groß -- auch die Königin war mit ihrem Gefolge erschienen -- daß die Häuser nicht alle beherbergen konnten. Wir waren also gezwungen jeder woanders zu logieren. Oberea bot Herrn Banks höflich einen Platz in ihrem Quartier an. Banks war froh, so gut versorgt zu sein, wünschte uns gute Nacht und ging mit der Königin weg. Nach dem Landesgebrauch legte er sich frühzeitig schlafen, und da die Nacht sehr heiß war, so entkleidete er sich. Oberea bestand darauf, die Kleider in ihre eigene Verwahrung zu nehmen, damit sie nicht gestohlen würden. Unter dem so mächtigen Schutze der Königin schlief Banks sorglos wie in Abrahams Schoß. Als er um 11 Uhr aufstehen wollte, waren seine Kleider verschwunden. Er weckte also die Königin, die sofort Licht machen ließ und ihm schwur, ihm die Kleider zu verschaffen. Auch Tootahah, der nebenan schlief und von dem Lärm erwachte, entfernte sich mit der Königin, um den Dieb zu suchen, der dem guten Banks nichts weiter zurückgelassen hatte als seine Beinkleider und seine Kugelbüchse, die nicht geladen war. Pulverhorn, Pistolen, Rock, Weste usw. waren verschwunden. Nach einer halben Stunde kamen Oberea und Tootahah mit der Nachricht zurück, daß sie von dem Diebe keine Spur entdeckt hätten. Banks, der keine Ahnung von unserem Quartier hatte, machte gute Miene zum bösen Spiel. Gegen Morgen suchte er uns halb nackt auf. Uns war es nicht viel besser ergangen; mir waren die Strümpfe gestohlen, einem andern das Wams. Oberea brachte ihrem Gastfreund einen Eingeborenenrock, und in diesem halb englischen, halb indianischen Kostüm ging Herr Banks einher. Nur Dr. Solander, der bei ehrlichen Leuten übernachtet hatte, war mit heiler Haut davongekommen. Unsere Kleider waren und blieben verschwunden. Wir hegten deshalb den ziemlich begründeten Verdacht, daß der Diebstahl mit Wissen und Willen der Königin und Tootahahs begangen worden war. Wir traten sobald als möglich den Rückmarsch zum Boote an und kamen des Abends spät nach dem Fort zurück.