Part 13
Die Herren Banks und Dr. Solander waren so krank, daß der Arzt ihnen als einziges Rettungsmittel Luftveränderung vorschrieb. Wir mieteten ihnen ein Landhaus zwei Meilen von der Stadt entfernt und kauften ihnen auf ihren Wunsch zwei malaiische Sklavinnen als Pflegerinnen. Kurz nach der Übersiedelung der beiden Herren starb zu unser aller Leidwesen der arme Tupia, der sich von dem Verluste seines jungen Freundes nicht mehr erholen konnte. Zum Glück wirkten die Seeluft und der Landaufenthalt bei unsern andern Kranken; die Herren Banks und Dr. Solander erholten sich zusehends. Während sie genasen, erkrankten andre, so daß von der ganzen Besatzung kaum zehn Mann imstande waren Dienst zu tun. Auch ich konnte mich vor Fieber nicht mehr aufrecht halten. Desungeachtet fuhr ich fort, das Schiff auszurüsten und den nötigen Proviant einzuhandeln. Am 26. November stellte sich nach einem furchtbaren, wolkenbruchartigen Unwetter der Passatwind ein. Der Regen durchströmte unser Landhaus wie ein Sieb; und in den untern Zimmern wütete das Wasser wie ein Bach, der ein Mühlrad hätte treiben können. In der Stadt war es nicht anders. Alles war überschwemmt. Auf diese Weise stellte sich die Regenzeit ein; doch gab es noch schöne und heitere Tage. Die Frösche, die hier zehnmal lauter quaken als die europäischen, waren uns zu gute Wetterpropheten, und die Moskitos, die in der heißen Jahreszeit lästig genug waren, wurden zur Landplage; sie schwärmten aus ihren Pfützen und Tümpeln in solcher Unzahl, daß man sich ihrer kaum erwehren konnte. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles.
Am 8. Dezember war das Schiff ausgebessert, die Kranken waren an Bord, und wir liefen die Reede hinauf. Hier ankerten wir bis zum 24. Dezember, um das Schiff vollständig auszurüsten und zu verproviantieren. Wir wären früher fertig geworden, wenn uns nicht Krankheiten und Todesfälle heimgesucht hätten.
Am Nachmittag verabschiedete ich mich von dem Statthalter und den angesehensten Bürgern, die uns während unseres Aufenthalts in Batavia so gastfreundlich begegnet waren. Weihnachten feierten wir am Lande; am Abend des ersten Feiertags gingen wir alle an Bord, und am 26. Dezember früh 6 Uhr lichteten wir die Anker. Der englische Ostindienfahrer Elgin, Kapitän Cook, ein Namensvetter von mir, mit dem wir sehr frohe Stunden verlebt hatten, begrüßte uns mit dreimaligem Hurra und dreizehn Kanonenschüssen; das Fort brachte einen Salut von vierzehn Schüssen. Beide Grüße erwiderten wir mit Hilfe unsrer Drehbassen.
Wir waren aber kaum an den letzten Schiffen vorüber, als der Wind sich drehte und uns zwang, bis zum nächsten Tag vor Anker zu gehen. Zu dieser Zeit belief sich die Anzahl unsrer Kranken an Bord auf vierzig Mann, und der Rest war kaum genesen. Mit Ausnahme des Segelmachers, eines Jünglings von ungefähr 75 Jahren, waren wir alle mehr oder minder krank; der gute Knabe war aber während unseres ganzen Aufenthalts in Batavia niemals so nüchtern gewesen, daß er selbst hätte wissen können, ob er die Malaria hatte oder nicht; jedenfalls hat er sie weggeekelt, während wir im ganzen sieben Genossen ans Grab zu begleiten hatten. Von diesen fielen sechs dem Klima zum Opfer, während der arme Tupia mehr seiner veränderten Lebensweise unterlag.
Batavia, die Hauptstadt der holländischen Kolonien in Java, ist, was die Kanäle betrifft, ein zweites Holland, ein zweites Venedig. In der heißen Jahreszeit aber verpesten diese Kanäle mit ihrem stagnierenden Wasser die Luft; in der Regenzeit überschwemmen sie die niedriger gelegenen Stadtteile mit ihrem Schlamm und ihrem Kot und sind beinahe stets mit Tierleichen gefüllt. Tote Hunde und Pferde bleiben so lange liegen, bis sie von einer zufälligen Überschwemmung abgetrieben werden. Ich sah hier einen toten Ochsen über acht Tage lang im Hauptkanal umhertreiben. Daher auch die ungesunden Verhältnisse von Batavia, die so mörderisch sind, daß, wie man uns sagte, von hundert Soldaten, die aus Europa hier anlangen, kaum fünfzig das erste Jahr überleben und kaum zehn dienstfähig sind. Dieser Bericht kann zwar übertrieben sein, allein die Gespenster, die wir hier mit einem Gewehr herumlaufen sahen, bestätigen die traurige Wahrheit des Gesagten. In ganz Batavia haben wir keinen wirklich gesunden Mann getroffen; auch die Frauen sahen alle blaß und krank aus. Man nimmt hier die Arzneien fast gewohnheitsmäßig ein und spricht vom Sterben wie von einer alltäglichen Sache. Die Eingeborenen verbrennen eine Unmasse von wohlriechendem Holz und Harzen und sind die üppigsten Blumenzüchter, die man sich denken kann; vermutlich sollen ihnen die Wohlgerüche als Gegengift gegen die mephitischen Ausdünstungen ihrer Gruben und Kanäle dienen.
Wir sahen zwar viele weiße Frauen, aber kaum zehn waren geborene Europäerinnen; doch stammten die meisten von Europäern ab. Merkwürdigerweise schadet das Klima den Frauen weniger als den Männern. Diese Kreolinnen ahmen jedoch die Gebräuche der Malaiinnen so sehr nach, kauen Betel wie sie und tragen Kleidung und Haar so sehr nach der Mode der Eingeborenen, daß man sie nur an der Hautfarbe erkennen kann. Die Bevölkerung selbst besteht aus Holländern, Portugiesen, Chinesen, Malaien und Negern. Die Chinesen treiben meist Handelsgeschäfte; sie sind in der Tat die rührigsten Kaufleute, die man sich denken kann, und ohne sie ist hier kein Geschäft möglich. Die Portugiesen, die Java bevölkern, haben sich mit den Javanern so sehr vermischt, daß man sie nur an der Hautfarbe von ihnen unterscheiden kann. Die Malaien sind meist als Sklaven von den benachbarten Inseln importiert und später freigelassen worden. Als Mohammedaner nennen sie sich die Rechtgläubigen, die Isalams, was sie aber nicht hindert, sich durch Opiumhandel zu bereichern, Betel und Areka zu pflanzen und die Laster ihrer alten Heimat getreulich beizubehalten. Die eigentlichen Javaner sind mit den Isalams verschmolzen. Männer wie Frauen verwenden trotz des Betelkauens auf die Pflege ihrer Zähne die größte Sorgfalt, indem sie die Zähne gleichlang abfeilen und eine Rinne in die obere Zahnreihe schneiden, die mit dem Zahnfleisch parallel läuft. Allgemein frönen sie dem Laster des Opiumrauchens so sehr, daß unter ihnen eine besondere Art von Wahnsinn herrscht, den man das Amoklaufen nennt. Wenn jemand Amok läuft, so ist er vogelfrei, man kann ihn niederschlagen wie einen tollen Hund, denn er ist nichts anders als ein Tobsüchtiger, der sich mit Opium zu einem Mord berauscht, rasend auf die Straße läuft und nun unterschiedslos jedermann anfällt, der ihm begegnet. Wir sahen einen wohlhabenden Mann Amok laufen aus Eifersucht auf seinen Bruder, den er in seinem Blutrausch tötete. Diese Mordmanie ist so verbreitet, daß die Gerichtsdiener eigene Fangapparate, große Gabelzangen, mit sich herumtragen, um die Amokläufer, die ihr Leben teuer genug verkaufen, unschädlich zu machen. Die gefangenen Amokläufer werden unmittelbar nach ihrer Verhaftung auf dem Schauplatz ihres ersten Mordes ohne Gnade lebendig gerädert.
Merkwürdig ist, daß die Javaner, obwohl sie meist Mohammedaner sind, den Teufel als den Urheber alles Übels anbeten und ihm in der Not sogenannte Versöhnungsopfer darbringen. Auch glauben sie, daß manche Menschen einen Sandura, d. h. ein Krokodil, als Zwillingsbruder hätten. Die Familie, in der sich eine solche Geburt ereignet haben soll, trägt ihrem Sandura im nahen Fluß so reichlich Nahrungsmittel zu, daß sie selbst oft darunter notleidet; denn eine Vernachlässigung dieser Pflicht wird unnachsichtlich mit einem Krankheits- oder Sterbefall in der Familie geahndet. Eine junge Sklavin, die unter Engländern erzogen worden war, erzählte Herrn Banks, ihr Vater habe ihr auf seinem Totenbett entdeckt, daß er ein Krokodil zu seinem Sandura hätte, und habe ihr aufgetragen, die Bestie zeit ihres Lebens zu füttern. Sie gehe daher jeden Tag an den Fluß, um ihren Oheim zu füttern. Gegen die Macht dieses Aberglaubens helfen keine Vernunftgründe. Die Leute glauben so fest an die Mythe vom Sandura, daß sie an gewissen Festtagen gemeinsam hinausrudern, um ihre gefräßigen Verwandten mit Fleisch, Betel und Tabak zu regalieren.
Nächst den Chinesen, die in einem besondern Quartier wohnen und allen ihren Nationallastern, dem Opiumrauchen und dem Spiele frönen, sind in Batavia die Sklaven am zahlreichsten. Jedermann hält sich zu seiner Bedienung Sklaven, und wo man einen Holländer, einen Portugiesen oder einen Isalam sieht, er sei vornehmen oder geringen Standes, reich oder arm, so sieht man ihn in Begleitung seiner Sklaven. Man führt sie aus Sumatra und den östlichen Provinzen ein. Die Javaner selbst sind durch die Gesetze und schwere Strafen vor der Leibeigenschaft und dem Lose geschützt, als Sklaven in dem Lande zu leben, dessen Herren sie einst waren; eine gesetzgeberische Maßnahme, die ihrem trägen Sinne wenig zusagt, zumal da die Sklaven hier ein Leben wie in Arkadien führen und die faulste Menschensorte unter Gottes Himmel sind. Für einen Sklaven zahlt man in Batavia zehn bis zwanzig Pfund Sterling, für ein Mädchen, wenn es schön ist, bis zu hundert Pfund. Man hat Sklaven aus allen Völkerschaften. Berüchtigt sind die Negersklaven aus Afrika, die man hier Papuas nennt; sie sind Diebe und unverbesserliche Faulenzer. Nicht viel besser sind die Sklaven von der Insel Celebes, die sich nicht nur durch ihre Faulheit, sondern auch durch ihren rachsüchtigen Charakter auszeichnen. Die zuverlässigsten Sklaven kommen aus Bali, die schönsten Sklavinnen aus Bias, einer kleinen Insel bei Sumatra. Leider sind diese Mädchen körperlich so zart, daß sie dem mörderischen Klima von Batavia leicht erliegen. Die Sklaven stehen unter der Strafgewalt ihrer Herren; wer jedoch seinen Sklaven so mißhandelt, daß er daran stirbt, verfällt der Todesstrafe. Daher züchtigen die Sklavenhalter ihre Leute nicht selbst, sondern sie überlassen das dem Marineu, einer Gerichtsperson, der es obliegt, den Straßenfrieden zu wahren, die Amokläufer einzufangen und straffällige Sklaven zu züchtigen. Dies besorgt jedoch der Marineu nicht selbst, sondern er läßt es von seinen Sklaven ausführen. Die Sklaven werden öffentlich vor der Haustüre ihres Herrn, die Sklavinnen innerhalb des Hauses gezüchtigt. Als Strafinstrument dienen dünne Bambusrohre, die aber so kräftig wirken, daß auf jeden Hieb Blut fließt. Für jede gewöhnliche Exekution erhält der Marineu einen Taler, für eine besonders harte einen Dukaten.
Vierzehntes Kapitel.
Die Prinzeninsel. -- Besuch beim König. -- Die Eingeborenen. -- Das schwimmende Hospital. -- Wir begraben dreiundzwanzig Mann. -- Am Kap der Guten Hoffnung. -- Die Hottentotten und ihre Sitten.
Donnerstag, den 27. Dezember, liefen wir in See; am 29. kamen wir an Pulo Pare vorüber; am 1. Januar 1771 segelten wir wiederum der Küste von Java zu. Am 5. Januar befanden wir uns an der Prinzeninsel. Da sich der Zustand der Kranken seit unsrer Abreise von Batavia verschlimmert hatte, so beschloß ich hier beizulegen und ging um 3 Uhr des Nachmittags an der südöstlichen Seite der Insel in 18 Klaftern Wasser vor Anker, um Erfrischungen für die Kranken einzukaufen und unsre Vorräte an Holz und Wasser zu ergänzen.
Als das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land. Am Strande begegneten uns einige Eingeborene, die sich erboten, uns zu ihrem Könige zu geleiten, ein Vorschlag, den wir sofort annahmen. Seine Majestät empfing uns mit großer Auszeichnung. Was aber den Einkauf von Lebensmitteln, Schildkröten und andern Erfrischungen betraf, so wurden wir über den Preis nicht einig. Seine Majestät war ein großer Halsabschneider und forderte haarsträubende Preise. Dies machte uns weiter keine Sorge, denn wir wußten im voraus, daß er am andern Tage seine Leute auf unsre Preise stimmen würde. In dieser Erwartung empfahlen wir uns von dem König und der Versammlung von Indianern, die er zu unsern Ehren zusammengetrommelt hatte, und nahmen unsern Rückweg längs der Küste, um eine Wasserstelle ausfindig zu machen, was uns auch gelang. Wir fanden nämlich in der für unsre Zwecke günstigsten Lage Wasser. Als wir uns einschiffen wollten, boten uns einige Indianer drei Schildkröten zum Kauf an. Wir wurden handelseinig, mußten aber an Eides Statt versichern, Seiner Majestät diesen Kauf zu verschweigen.
Am andern Morgen kommandierte ich einen Teil der Mannschaft ab, um Wasser einzuholen. Wir gingen des Proviantes wegen ans Land, fanden jedoch, daß die Eingeborenen auf Allerhöchsten Befehl auf ihren hohen Preisen bestanden. Allein als sie sahen, daß auch wir unsre Preise hatten und nicht zu bewegen waren, mehr zu geben, als wir von Anfang an geboten hatten, so bequemten sie sich nach ein paar Stunden des Feilschens zu unsern Preisen. Wir hatten bald sämtliche Schildkröten und ausgestellten Früchte an Bord. Die vorher gekauften Schildkröten teilte ich der Mannschaft zu, die seit vier Monaten nur von frischen Lebensmitteln lebte, sich also in bezug auf die Verpflegung über eine Vernachlässigung von meiner Seite nicht beklagen konnte. Vier Monate auf hoher See und nicht ein einziges Mal Pökelfleisch! -- unser Schiffskoch hielt das für ein Wunder. Am Abend stattete Herr Banks dem König, der gerade sein Abendessen kochte, in dem Königlichen Palais, das aus einer Hütte im Reisfeld bestand, seinen Besuch ab und wurde ungemein gnädig empfangen. Am folgenden Tag war der Markt mit Fischen, Geflügel, jungen Rehen, Früchten und kleinen Affen überfüllt. Schildkröten gab es nicht; wir hatten sie aufgekauft. Aber die Tage darauf entsprach das Angebot an Schildkröten wieder der Nachfrage; doch bekamen wir nie soviel wie am ersten Tag.
Herr Banks erinnerte sich, daß ihm sein malaiischer Bedienter in Batavia von einer Stadt auf der Prinzeninsel erzählt hatte, die im Westen liege. In der Absicht sie aufzusuchen reiste er, weil er gehört hatte, daß die Eingeborenen Fremde nur höchst ungern in diese Stadt geleiteten, unter dem Vorwand ab, daß er Pflanzen suchen wollte. Nachdem er mit seinen Begleitern zwei Stunden lang unterwegs gewesen war, begegneten sie einem alten Manne, bei dem sie sich nach der kleinen Stadt erkundigten. Der Alte gab ihnen zuerst eine falsche Auskunft und suchte sie in die Irre zu führen; als er aber sah, daß ihm das nicht gelang, führte er sie auf dem nächsten Wege nach Samadang, wie die Hauptstadt der Insel heißt.
Samadang ist eine Stadt von vierhundert Häusern und wird von einem Flusse durchzogen; die beiden Stadtteile werden durch eine Fähre verbunden. Banks erkannte unter den Einwohnern, die sich bei seinem Erscheinen neugierig ansammelten, mehrere, mit denen wir an der Küste gehandelt hatten. Er bat sie, ihn und seine Begleiter nach der Neustadt zu führen, was die Angesprochenen gegen eine kleine Vergütung denn auch taten. Das Volk empfing sie hier sehr freundlich und zeigte ihnen die Häuser des Königs und der vornehmsten Häuptlinge. Leider befanden sich die Herrschaften in ihren Hütten in den Reisfeldern, wo sie sich damit beschäftigten, die Vögel und die Affen, die die Ernte bedrohten, zu verscheuchen. Von einer Besichtigung des Innern der sehr ansehnlichen Häuser mußte daher abgesehen werden. Zur Rückkehr nach der Küste mietete Herr Banks ein Segelboot, wofür er dessen Besitzer vier Schilling zahlte.
Wir kauften außer Geflügel und Früchten täglich drei Zentner Schildkröten. Am 13. abends war unser Proviant ergänzt, und wir dachten an die Abreise. Herr Banks ging noch einmal ans Land, um sich von dem Könige zu verabschieden, bei welcher Gelegenheit er ihm zwei Buch Papier zum Geschenk machte. Am 14. waren wir segelfertig; am 15. früh stachen wir bei leichtem Nordostwind in See.
Wir hatten an der Küste der Prinzeninsel, die von den Eingeborenen Pulo Paneitan genannt wird, zehn Tage verweilt. Die Einwohner sind Javaner; ihr Rajah, der König, steht unter der Oberhoheit des Sultans von Bantam. Die Javaner der Prinzeninsel ähneln in ihrer Tracht, ihren Sitten und Gewohnheiten denen von Batavia. Nur scheinen sie in bezug auf ihre Frauen, die sie vor uns versteckten, eifersüchtiger als die Bataver zu sein. Wir sahen während unseres Aufenthalts zufällig im Walde eine einzige Frau; als sie uns erblickte, lief sie schreiend davon und verbarg sich. Die Paneitanjavaner sind strenggläubige Mohammedaner, die ihren Ramadan so streng hielten und fasteten, daß sie an diesem hohen Festtage nicht einmal dem heißgeliebten Betel huldigten.
Die Häuser in der Stadt, die Herr Banks besichtigte, sind auf Pfählen erbaut, die 4 bis 5 Fuß hoch sind und auf denen der aus Bambusrohr verfertigte Fußboden ruht. Auch die Seitenwände sind aus Bambusrohr, das die Fachwerke dicht ausfüllt. Die schrägen, steilen Dächer sind mit Palmenblättern so dicht gedeckt, daß weder Sonne noch Regen hindurchdringt. Das Haus des Königs und das des reichsten Mannes auf der Insel hatten Bretterwände. Die Häuser in den Reisfeldern sind als Landhäuser bedeutend kleiner gebaut, nur sind die Pfosten, worauf sie ruhen, etwa 10 Fuß hoch. Die Vorfahren der Paneitanjavaner wohnten ursprünglich an der neuen Bai von Java; sie wanderten der vielen Tiger wegen, die dort die Dschungeln und Wälder unsicher machen, aus und ließen sich auf der in dieser Hinsicht mehr geschützten, außerordentlich fruchtbaren Prinzeninsel nieder.
Wir beschleunigten unsre Reise nach dem Kap der Guten Hoffnung, denn wir waren in einer fürchterlichen Lage. Das schlechte Wasser von der Prinzeninsel hatte unsern Kranken sehr geschadet. Zu der Malaria, dem Skorbut und dem Wechselfieber war noch eine gefährliche Dysenterie gekommen, die uns zwang, das ganze Schiff mit Essig zu desinfizieren, um die bösartige Wirkung der ansteckenden Ausdünstungen unsrer Kranken zu bekämpfen. Herr Banks erlitt einen so bedenklichen Rückfall, daß wir eine Zeitlang an seinem Aufkommen zweifelten. Das Schiff selbst war ein schwimmendes Hospital, worin es den Kranken an der nötigsten Pflege fehlte, so daß wir jeden Morgen eine neue Leiche hatten. Nicht ganz in sechs Wochen mußten wir auf dieser Todesfahrt der See dreiundzwanzig Tote übergeben, darunter den Astronomen Green, Parkinson den Maler, den Reisenden Sporing, den freiwilligen Unteroffizier Monkhouse, den Oberbootsmann, den Schiffszimmermann, den alten Segelmacher und seinen Gehilfen, den Schiffskoch, den Korporal der Seesoldaten, einen zweiten Unteroffizier, die beiden Zimmermannsgehilfen und neun Matrosen. Im ganzen hatten wir seit unsrer Ankunft in Batavia dreißig Tote zu beklagen. Eine furchtbare Meerfahrt war es, die wir im Totenschiff zurücklegten; wir atmeten erst auf, als wir die Höhe des Vorgebirges der Guten Hoffnung erblickten, wo wir am 15. März in 7 Klaftern auf schlammigem Boden vor Anker gingen.
Ich begab mich sogleich ans Land, um dem Statthalter meine Aufwartung zu machen und ihn um Hilfe für meine armen Kranken zu bitten, die mir auch zugesagt und in jeder Weise zuteil wurde. Ich mietete für sie in herrlicher, gesunder Lage ein Haus, wo man sie, den Mann täglich für zwei Schilling, mit Kost und Pflege versah. Auf der ganzen traurigen Fahrt hierher fiel sonst nichts Besonderes vor, was den Seefahrer interessieren könnte. In der Windstille war die Luft schwül und ungesund. Wenigstens konstatierte ich, daß an solchen Tagen die Dysenterie sich so verschlimmerte, daß sich jeder für verloren gab, umsomehr als die gereichte Medizin nicht im geringsten anschlug. Kaum hatten wir aber den Passatwind erreicht, als wir sofort an uns und unsern Kranken dessen heilsame Wirkung verspürten. Wir verloren allerdings noch zwei der Kranken, allein diese waren schon in Batavia hoffnungslos erkrankt. Wir glaubten zuerst, daß die Schildkröten, die wir auf der Prinzeninsel gekauft hatten, die fürchterlichen, verheerenden Wirkungen der Dysenterie verursacht hätten, allein wir hörten in Kapstadt, daß alle die Schiffe, die mit uns von Batavia abgesegelt waren, ebensosehr von Krankheit mitgenommen worden waren wie wir; auch hier war der Keim zu der todbringenden Dysenterie in Batavia gelegt worden, denn keines dieser Schiffe, die fast ebensoviel Tote hatten wie wir, hatte an der Prinzeninsel geankert. Als wir am Vorgebirge der Guten Hoffnung vor Anker lagen, segelte der Ostindienfahrer »Hougthon« nach England ab. Der »Hougthon« hatte während seines Aufenthalts in Ostindien 30-40 Mann durch Krankheiten eingebüßt, und als er das Kap verließ, lagen noch viele von seinen Leuten so sehr am Skorbut danieder, daß man stündlich ihr Ableben erwartete. Andre Schiffe, die nicht viel über ein Jahr von England fern waren, hatten nicht weniger gelitten. Wenn wir bedachten, daß wir dreimal so lange Zeit von Hause fort waren wie sie, so konnten wir mit unserm Schicksal nicht so sehr grollen; im Verhältnis waren wir weniger heimgesucht worden als unsre Leidensgefährten.
Teils um die Genesung der Kranken abzuwarten, teils um Proviant einzunehmen und Schiff wie Takelwerk auszubessern, blieb ich bis zum 13. April hier vor Anker. An diesem Tage nahm ich die Kranken, von denen sich noch verschiedene in sehr gefährlichem Zustand befanden, wieder an Bord, verabschiedete mich von dem Gouverneur und lichtete am 14. die Anker, um mit dem ersten Wind auszulaufen.
Das Vorgebirge der Guten Hoffnung ist so oft beschrieben worden, daß ich nur weniges berichtigend zu sagen habe. Sehr berichtigungsbedürftig sind in erster Linie die übertriebenen Schilderungen von der Schönheit und Fruchtbarkeit dieses Landes, die mit der Wahrheit wenig übereinstimmen, denn auf unsrer ganzen Reise haben wir kein Land gefunden, das so sehr einer unfruchtbaren Wüste geglichen hätte. Die Halbinsel, die von der Tafelbai und von der falschen Bai umgeben ist, besteht aus hohen, kahlen und trostlosen Bergen. Hinter diesen liegt nach Osten hin eine Landenge, die aus Sandboden besteht, worauf nichts als Heidekraut gedeiht. Die wenigen fruchtbaren Stellen, die mit Wein, Obst und Gemüse angepflanzt sind, verhalten sich zu den unfruchtbaren wie eins zu tausend. Auch im Innern des Landes ist es nicht viel anders. Die Holländer sagten uns, daß viele von ihren Landsleuten sich etwa 900 englische Meilen entfernt im Innern des Landes niedergelassen hätten und aus dieser großen Entfernung den Ertrag ihrer Felder per Achse zu Markt ans Kap brächten. Während unsres Aufenthaltes kam ein Bur fünfzehn Tagereisen weit aus dem Landesinnern und brachte seine jungen Kinder mit. Wir verwunderten uns und meinten, ob es nicht bequemer gewesen wäre, die Kleinen bei dem Nachbar unterzubringen. »Nachbar!« lachte der Mann, »mein nächster Nachbar wohnt fünf Tagereisen von mir entfernt!« Muß das Land nicht schrecklich öde sein, wenn die Bauern, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, der Unfruchtbarkeit des Landes wegen so weit voneinander wohnen müssen?