Part 12
Um 7 Uhr des Abends erreichten wir die Bai und gingen daselbst eine Meile weit vom Land in 38 Klaftern Wasser auf reinem Sandboden vor Anker. Als wir um die nördliche Landspitze segelten, erblickten wir eine Stadt, weshalb wir eine Flagge aufzogen. Es dauerte nicht lange, so wurden in der Stadt gleichfalls Flaggen aufgezogen, und zwar zu unsrer Verwunderung holländische; zur gleichen Zeit wurden drei Kanonenschüsse abgefeuert. Bei Anbruch des folgenden Tages bemerkte ich auf dem Strande uns gegenüber einige aufgezogene holländische Flaggen. Da ich nun annehmen mußte, daß die Holländer hier eine Kolonie hätten, so schickte ich Herrn Gore in großer Uniform ans Land, um dem Statthalter oder dem Residenten unsre Aufwartung zu machen und ihm zu melden, wer wir wären und was uns gezwungen hätte, diese Küste anzulaufen.
An der Stelle, wo Herr Gore landete, fand er eine Wache von dreißig Eingeborenen, die mit Musketen bewaffnet waren; der Befehlshaber der Wache meldete sich und geleitete ihn mit wehender Fahne nach der Stadt, wo er dem Rajah, d. i. dem Könige der Insel, vorgestellt wurde. Gore stattete mit Hilfe seines portugiesischen Dolmetschers seine Meldung ab: daß der Endeavour ein dem Könige von Großbritannien gehöriges Kriegsschiff sei, viele Kranke an Bord habe und für diese Kranken Erfrischungen aller Art einzukaufen wünsche. Der Rajah erwiderte höflich, daß er persönlich gerne bereit wäre, uns mit allem, was wir verlangten, zu versorgen; weil er aber mit der Holländisch-Indischen Kompanie ein Bündnis abgeschlossen hätte, so müsse er, ehe er mit uns in Handelsverbindung trete, dem Residenten der Kompanie, der der einzige weiße Mann auf der Insel sei, Kenntnis von unserm Anliegen geben. Er schickte sogleich einen Brief an den Residenten, der in der Nähe der Stadt wohnte, während Herr Gore einen Boten an mich abfertigte, um mir von dem Verlauf der Verhandlungen Kenntnis zu geben. Nach einigen Stunden beantwortete der Resident den Brief in Person, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß er ein geborener Sachse war und Johann Christoph Lange hieß. Er war der Reiter in europäischer Tracht, den wir vom Schiff aus beobachtet hatten. Der Resident kam Herrn Gore außerordentlich liebenswürdig entgegen und versicherte ihm, daß er seinerseits unsern Einkäufen in jeder Weise förderlich sein werde. Auch äußerte er den Wunsch, das Schiff zu besichtigen. Als der Rajah denselben Wunsch äußerte, erbot sich Herr Gore sofort, die Herrschaften an Bord zu geleiten. Um 2 Uhr erschien Gore mit seinen Gästen an Bord. Da unser Mittagsmahl gerade zubereitet war, so luden wir sie ein daran teilzunehmen. Der Rajah schien verlegen und meinte, er könne es nicht glauben, daß wir ihm erlauben wollten, sich neben uns zu setzen, da wir doch weiße Männer wären und er ein farbiger sei. Wir beruhigten ihn, und nun setzten wir uns heiter und fröhlich zu Tisch. Um Dolmetscher waren wir nicht verlegen. Dr. Solander verstand so viel Holländisch, sich mit dem Residenten unterhalten zu können; einige unsrer Matrosen konnten sich mit dem Rajah verständigen, der portugiesisch sprach. Unsre Mahlzeit bestand aus Hammelfleisch, was den Rajah veranlaßte, sich ein englisches Schaf auszubitten. Obwohl wir nur noch ein einziges Exemplar an Bord hatten, wurde ihm die Bitte bewilligt; auch seine Bitte um einen englischen Hund konnte erfüllt werden, indem ihm Herr Banks sein Windspiel verehrte. Der Resident erhielt auf seinen Wunsch ein Fernglas zum Andenken. Hierauf erzählten uns unsre Gäste von dem großen Reichtum der Insel an Ochsen, Schafen, Schweinen und Federvieh, von dem wir so viel erhalten könnten als wir gebrauchten. Der Becher kreiste öfter als der Rajah und der Resident vertragen konnten; doch hatten sie so viel Gewalt über sich, daß sie sich noch rechtzeitig entfernten. Unsre Seesoldaten machten die Honneurs. Der Rajah wollte einige militärische Übungen sehen. Man willfahrte ihm und ließ drei Salven abfeuern. Das erste Mal, als er die Präzision bemerkte, womit die Soldaten den Hahn spannten, anschlugen und feuerten, schrie er vor Bewunderung laut auf. Als die Gäste vom Schiff abfuhren, wobei ihnen Herr Banks und Dr. Solander das Geleite gaben, feuerten wir zu ihren Ehren neun Kanonenschüsse ab.
In der Stadt wurden die Herren Banks und Dr. Solander von dem Rajah mit süßem Palmwein bewirtet. Dieses Getränke ist nichts anders als der Saft, der aus der angebohrten Palmknospe träufelt; er schmeckt süß, aber nicht unangenehm. Dr. Solander verordnete ihn sofort unsern Skorbutkranken, nachdem er zu diesem Zweck einige Krüge davon gekauft hatte. Am nächsten Morgen stattete ich mit den Herren Banks und Dr. Solander sowie den ersten Offizieren dem Rajah einen Gegenbesuch ab, um gleichzeitig einige Ochsen, Schafe und Federvieh von ihm einzuhandeln. Darauf besuchten wir die von der Holländisch-Indischen Kompanie erbauten Gebäude. In dem größten trafen wir Herrn Lange und den Rajah, der Ae Mädocho Lomi Dära hieß und diesmal mit seinem ganzen Hofstaat erschienen war. Als wir dem Residenten vorschlugen, einen Tauschhandel zu etablieren, wies er uns an die Eingeborenen und empfahl sich unter irgendeinem Vorwand. Der Rajah lud uns zu Tisch ein, was wir annahmen. Den Wein stellten wir. Das Essen bestand aus Reis und Schweinefleisch, das auf verschiedene Weise zubereitet worden war und in 36 Schüsseln aufgetragen wurde. Nach der Landessitte nahm der Rajah nicht daran teil; ihn vertrat sein Premierminister. Auch der Resident erschien wieder und wohnte der Festlichkeit bei. Die verschiedenen Gerichte mundeten ausgezeichnet; auch die verschiedenen Suppen, die dazu gereicht wurden, waren vorzüglich. Die aus Blättern verfertigten Löffel, deren wir uns bedienen mußten, waren zu klein, so daß nur wenige die Geduld besaßen, sich ihrer zu bedienen. Nach Tisch begaben wir uns, um uns den Freuden des Weines zu ergeben, in einen andern Raum, während die Matrosen unsre Plätze einnahmen, um die Reste unsres Menüs zu verzehren, was ihnen unmöglich war, so reichlich wurde aufgetischt. Die Frauen und Mädchen, die die Speisen auftrugen, nötigten unsre Leute, das, was sie nicht verzehrten, mitzunehmen.
Wir aber saßen fröhlich beim Wein! Und da der Wein die Zunge löst und das Herz fröhlich macht, so brachten wir das Gespräch wieder auf unsre Angelegenheiten, den Einkauf von Ochsen usw. Unser sächsischer Holländer setzte jetzt eine Amtsmiene auf und erklärte, von seinen Vorgesetzten den Befehl erhalten zu haben, uns nur mit dem Nötigsten zu versehen und einen längeren Aufenthalt nicht zu gestatten. Wir hielten diesen Befehl für eine Fabel, ersonnen, uns zu brandschatzen, und beschlossen dem vorzubeugen. In der Tat war das für uns bestimmte Vieh vom Markte abgetrieben worden. Wir beschwerten uns sehr energisch bei dem verräterischen Residenten, der uns scheinheilig vertröstete. Der Rajah machte uns Hoffnung für den nächsten Tag, an dem wir wieder auf dem Markt erschienen, wo ein kleiner Ochse angetrieben war, für den fünf Guineen, zweimal soviel als das Tier wert war, verlangt wurden. Wir boten drei und erhielten den Zuschlag unter der Bedingung, daß der Rajah den Kauf gestatte. Dr. Solander war inzwischen zu dem Residenten gegangen, um dort vorstellig zu werden; er kam in Begleitung von etwa 100 Bewaffneten zurück und meldete mir, daß uns der Rajah den Kauf verbiete, weil wir seine Leute übervorteilten. Wir bezweifelten nicht, daß dieser Befehl auf den Residenten zurückzuführen war, der sich auf erpresserische Weise an uns bereichern wollte, was er am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß er die Eingeborenen vom Markt vertreiben ließ. In diesem Augenblick erkannte ich den alten Premierminister des Rajahs und sah ihm an, daß er das Verfahren des Vertreters des Residenten mißbilligte. Ich begrüßte ihn und schenkte ihm einen Soldatendegen; er nahm den Degen mit Entzücken, schwenkte ihn über dem Kopf des Portugiesen und befahl ihm und dem Offizier der Wache, sich hinter ihn zu setzen und ruhig zu sein. Ein Zeichen des alten Herrn, und der Markt war mit einem Male wieder belebt. Wir konnten einkaufen und eintauschen, was wir wollten; wir erhielten sogar im Tausch die größten Ochsen gegen alte Flinten.
Savu ist von Osten nach Westen ungefähr acht Seemeilen lang und überaus fruchtbar. Die Einwohner sind im großen und ganzen eher klein als groß; besonders aber sind die Frauen klein und in einem gewissen Alter untersetzt. Die Vornehmen sind von lichter, hellbrauner Farbe; die Haut der gewöhnlichen Leute, die viel in der Sonne arbeiten, ist fast so dunkel wie die der Eingeborenen von Neuholland. Die Männer sind körperlich schön gebaut; ihre Gesichtsbildung ist verschieden. Die Frauen dagegen sehen einander so ziemlich ähnlich; sie binden ihr Haar nach hinten in einen dichten Busch zusammen, eine Mode, die sie nicht verschönt. Die Männer tragen ihr langes Haar mit einem Kamm auf dem Kopfwirbel zusammengesteckt; beide Geschlechter epilieren ihr Haar unter der Achsel, die Männer sogar den Bart. Zu diesem Zwecke tragen die Vornehmen eine kleine silberne Zange bei sich, die an einer Zierschnur um den Hals hängt. Die Stutzer tragen einen winzigen Schnurrbart, der die Hälfte der Oberlippe von der Nasenwurzel aus bedeckt. Männer wie Frauen kleiden sich in blauen, wolkenmäßig schattierten Kattun, den sie selbst weben. Zwei Stücke Kattun in Länge von 6 und Breite von 5½ Fuß reichen zur vollständigen Kleidung; das eine dient als Ober-, das andre als Unterkleid. Arme, Beine und Füße bleiben unbekleidet. Die Frauen tragen ihr Haar frei, während die Männer eine Art von Turban um den Kopf wickeln. Auffallend ist ihre Vorliebe für Schmuck, echten und unechten. Die Vornehmen tragen goldene oder vergoldete Ketten um den Hals, Ringe an den Fingern, Korallenschmuck, Armbänder und Ohrgehänge von überladenem, oft protzenhaftem Umfang. Die Söhne des Rajahs trugen als Zeichen ihrer Würde Schlangenarmbänder um den Oberarm. Außerdem schmückten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen an den Armen; bei den Frauen waren es meist Quadrate, bei den Männern Namenszüge. Die unverkennbare Ähnlichkeit dieser Zeichen mit denen, die sich die Südseeinsulaner einzutätowieren pflegen, war überraschend; über den Ursprung dieser gemeinsamen Unsitte vermochten wir natürlich Bestimmtes nicht zu erfahren; sie ist traditionell wie die Erbsünde.
Die Häuser auf dieser Insel sind nach einem System und je nach dem Range und dem Vermögen ihrer Besitzer kleiner oder größer erbaut; sie sind auf Pfeilern und Pfosten ungefähr 4 Fuß hoch über dem Erdboden errichtet. Das schräge, mit Palmblättern gedeckte Dach reicht bis auf 2 Fuß gegen den Fußboden hinunter. In jedem Hause befindet sich ein von den übrigen Räumen abgesondertes Frauengemach. Der Haustrunk auf Savu und auf den übrigen Sundainseln ist der auf sinnreiche Weise von der Fächerpalme gezogene Palmwein, der Toddy. Um ihn zu gewinnen, schneiden die Eingeborenen die Knospen der geschlossenen Blüten auf, unter die man kleine, aus Blättern so dicht geflochtene Körbchen hängt, daß nichts hindurchtropfen und der aus den Knospen laufende Saft gesammelt werden kann. Zur Einsammlung dieses Saftes sind gewisse Leute bestellt, die morgens und abends auf die Bäume klettern und die Sammelkörbchen in einen großen Behälter leeren. So groß auch die Quantitäten dieses Weines sein mögen, die die Insel selbst verbraucht, so ist doch die Ernte immer noch größer, weshalb der überschüssige Saft zu Syrup, der Gula, eingekocht wird, deren heilende Wirkung wir an unsern Kranken beobachten konnten. Mit Reis gemischt dient die Gula zur Mästung der Schweine und des Geflügels. Die Blätter der Fächerpalme dienen zur Herstellung von Körben, Bechern, Sonnenschirmen und -- Tabakspfeifen; auch deckt man die Dächer damit.
Männer wie Frauen sind dem häßlichen und schädlichen Laster ergeben, fortwährend Betel und Areka zu kauen, woran sie von Jugend auf gewöhnt werden. Auch mischen sie Betel und Areka mit Muschelkalk und Tabak. Der Tabak verpestet den Atem, und der Betel mit der Kalkmischung greift die Zähne so an, daß sie bald einer ausgebrannten Kohle gleichen. Ich habe junge Männer gesehen, die fast keine Zähne, sondern nur noch ekle, schwarze Zahnstumpen im Munde hatten. Meines Wissens sind viele Schriftsteller der Ansicht, daß es die zähe, faserige Hülse der Arekanuß sei, was die Zähne so verdirbt, allein ich bin andrer Meinung. Ich glaube entschieden, daß der Kalk die Schuld an diesem Übel trägt, denn die Zähne sind nicht abgebrochen oder ausgebissen, wie es sein müßte, wenn das beständige Kauen harter Gegenstände allein in Betracht käme, sondern nach und nach abgefressen wie Metalle, die der Wirkung starker Säuren ausgesetzt sind; ich kann nur der zerfressenden Wirkung des ätzenden Muschelkalks die Schuld geben. Männer wie Frauen sind auch leidenschaftliche Raucher; sie rollen den Tabak und stecken ihn in ein 6 Zoll langes, aus einem Palmblatt verfertigtes Röhrchen. Da sich in ein solches Röhrchen nur sehr wenig Tabak einfüllen läßt, so schlucken sie, um seine Wirkung zu verstärken, den Rauch in die Lunge. Mit Vorliebe tun das wieder die Frauen.
Der Resident versicherte uns, daß das Volk sehr tapfer und kriegerisch sei, und daß die Rajahs der fünf miteinander verbündeten Fürstentümer der Insel 2300 Mann mit Musketen, Spießen, Lanzen, Kriegsbeilen und Schilden bewaffneter Krieger auf die Beine stellen könnten. Die Lanzen sollen sie, wie er uns erzählte, so geschickt zu schleudern wissen, daß sie auf 60 Fuß Entfernung das Herz des Feindes treffen. Inwieweit dieses Zeugnis berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Wir haben nie Leute mit Lanzen gesehen, und die Musketen waren in schlechtem Zustand, außen zwar rein, aber innen vom Rost zerfressen. Von Kriegszucht war bei den sogenannten Truppen keine Spur zu entdecken. Auf dem Marsche liefen sie wie ein Haufen zusammengerottetes Volk einher; der eine trug ein Huhn, der zweite Tabak, der dritte Waren, um sie zu Markt zu bringen; in den Patrontaschen fehlten die Patronen. Die große Kanone vor dem Pseudozeughaus lag auf einem Steinhaufen mit dem Zündloch nach unten. Kriegerisch sah das alles nicht aus.
Die Sklaven gehören hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne Vorwissen des Rajahs, d. h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezüchtigt werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr ausgeht, so trägt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff meist von Silber ist; ein zweiter trägt den Betel- und Tabaksbeutel. Der gewöhnliche Preis für einen Sklaven besteht in einem gemästeten Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte, eine ungereimte Art Heidentums. Jeder wählt sich seinen eigenen Gott. Es gibt beinahe so viel Götter und Götzen als es Eingeborene auf der Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter ist verpönt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden ausschließlich von dem Rajah gesühnt, dessen Urteil allein entscheidend ist.
Dreizehntes Kapitel.
In Batavia. -- Todesfälle. -- Ungesundes Klima. -- Tupia stirbt. -- Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. -- Nationallaster. -- Sklaverei. -- Abreise.
Am 21. September 1770 gingen wir am frühen Morgen unter Segel und steuerten längs der Küste von Savu westwärts. Am 26. um 7 Uhr abends befanden wir uns in der Breite, in der das Vorgebirge von Java liegt. Trotzdem sah ich kein Land; ich richtete daher meinen Lauf nach Ostnordost. In der Nacht zum 1. Oktober bekamen wir ein Gewitter mit heftigem Donner und Blitz. Mitternacht, als ein fürchterlicher Blitzstrahl Himmel und Meer erhellte, sahen wir Land im Osten. Um 6 Uhr morgens lag das westliche Ende von Java nur noch fünf Seemeilen im Südosten. Am 2. Oktober früh 4 Uhr liefen wir hart an die Küste von Java hinein, sodann steuerten wir längs des Landes hin. Am Morgen schickte ich ein Boot ab, um einige Früchte für den schwer erkrankten Tupia und Heu für das Vieh einzuhandeln. Nach zwei Stunden kam es mit dem Verlangten zurück. Die Küste war so mit Bäumen bewachsen, daß es wie ein einziger Wald aussah und einen herrlichen, zauberhaft schönen Anblick gewährte. Um 11 Uhr sahen wir zwei holländische Schiffe auf der Höhe der Angerspitze liegen. Ich schickte meinen ersten Offizier Hicks aus, um Neuigkeiten aus unserm Vaterland einzuholen, von dem wir so lange nichts gehört hatten. Es war nicht viel, was er zu hören bekam.
Endlich kamen wir nach einigen Kreuzfahrten glücklich auf der Reede von Batavia vor Anker. Hier fanden wir den englischen Ostindienfahrer »Harcourt« und zwei englische Kauffahrteischiffe, dreizehn große und viele kleinere holländische Schiffe vor Anker liegen. Kaum waren wir angelangt, so wurde von einem Schiffe her, das einen Kommandowimpel führte, ein Boot an uns abgefertigt. Der Offizier, der es befehligte, befragte uns, wer wir seien und woher wir kämen, und kehrte dann mit der Antwort sofort an Bord seines Schiffes zurück; er und seine Leute sahen so blaß aus wie Gespenster: eine traurige Vorbedeutung von den Leiden, die wir in einem so ungesunden Lande ausstehen sollten! Kurz darauf sandte ich einen Leutnant an den Statthalter ab, um ihm unsre Ankunft mit dem Ausdruck des Bedauerns zu melden, daß wir ihn nicht wie üblich mit neun Kanonenschüssen begrüßt hätten. Hierauf überreichte mir der Schiffszimmermann den offiziellen Bericht über die Havarien des Schiffes, den ich einem Gesuch an den Statthalter beilegte, das Schiff in der Reede kielholen und reparieren zu dürfen; sodann gingen wir alle ans Land.
Wir begaben uns sofort zu Herrn Leith, einem angesehenen Engländer, um ihn um Rat zu fragen. Herr Leith empfing uns sehr höflich und behielt uns zu Tisch bei sich. Wir fragten ihn, wo wir am besten in der Stadt wohnen könnten. Er teilte uns mit, daß es einen Gasthof in Batavia gebe, in dem alle fremden Kaufleute wohnen müßten; da wir jedoch einem königlichen Schiffe angehörten, so bezweifle er nicht, daß uns der Statthalter erlauben würde nach freier Wahl zu wohnen. Herr Leith meinte, wir könnten uns besser und billiger einrichten, wenn wir in der Stadt ein Haus mieteten und uns zur Bedienung einige Leute vom Schiff aussuchten. Da wir aber niemand an Bord hatten, der sich mit den Eingeborenen wegen des Einkaufs von Lebensmitteln hätte verständigen können, so zogen es unsre Freunde vor, im Hotel zu wohnen. Um 5 Uhr des Nachmittags wurde ich dem Statthalter vorgestellt und mit Auszeichnung empfangen. Er sagte mir, daß ich alles erhalten würde, dessen ich bedürfte; die Petition aber werde er dem Staatsrat unterbreiten, dem er mich vorstellen würde. Um 9 Uhr des Abends brach ein fürchterliches Gewitter mit Sturm, Donner und Blitz über uns herein. Der Blitz spaltete den großen Mast eines holländischen Schiffes, das in unsrer Nähe lag, und schleuderte ihn über Verdeck. Wir würden das nämliche Schicksal erlitten haben, wenn wir nicht kurz vorher eine elektrische Kette aufgehängt hätten, in die der Strahl schlug. Der Blitz fuhr jedoch die Kette entlang ins Wasser, ohne das Schiff zu beschädigen. Wir empfanden nur einen gewaltigen Stoß. Die Kette sprühte Funken, und einer Schildwache, die in diesem Augenblick ihr Gewehr lud, wurde dieses aus der Hand geschleudert und der Ladestock zerschmettert. Von dem Staatsrat erhielt ich am nächsten Morgen persönlich die Zusicherung, daß ich alles, was ich nötig hätte, erhalten sollte.
Da es Herrn Banks im Gasthof zu unruhig war, so mietete er nebenan für sich und seine Freunde ein Privathaus; sobald er sich darin eingerichtet hatte, ließ er den kranken Tupia von Bord holen, dem er nebst Tayeto hier ein Zimmer anwies. Als Tupia die Stadt sah, lebte er wieder auf; er promenierte gern und viel in den Straßen und sah sich alles mit dem größten Interesse an. Als er wahrnahm, daß hier jedermann in seiner Landestracht erscheint, so ging er nur noch in der seinigen aus und wurde deshalb vielfach für Otourou gehalten, den Insulaner, den Herr von Bougainville seinerzeit aus Otahiti mit sich nach Frankreich nahm.
Die Kosten, die die Ausbesserung und die Ausrüstung des Schiffes erforderten, nötigten mich Gelder aufzunehmen. Der Generalstatthalter streckte mir die Summe, die ich brauchte, aus der Kasse der Kompanie vor, worauf ich das Schiff auf die Werft brachte. Unterdessen machte sich das mörderische Klima über uns her. Der erste, der schwer erkrankte, war Tupia; Tayeto bekam eine Lungenentzündung; zwei Bediente des Herrn Banks wurden bettlägerig, und bei den Herren Banks und Dr. Solander stellten sich schwere Fiebererscheinungen ein. Nach wenigen Tagen war fast jedermann von uns krank. Dies rührte ohne Zweifel von der niedrigen, sumpfigen Lage des Ortes und von den unzähligen, unreinen Kanälen her, die die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen. Tupia war der erste, der sich wieder nach der reineren Seeluft sehnte. Herr Banks ging mit ihm nach dem Kuyporeiland und errichtete ihm bei der Schiffswerft ein Zelt. Auch pflegte er ihn so lange, bis er selbst so schwach wurde, daß er kaum mehr gehen konnte. Dr. Solander brach ebenfalls zusammen, und unser Schiffsarzt Monkhouse konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 5. November, an dem Tage, wo das Schiff umgelegt wurde, starb der arme Monkhouse, ein einsichtsvoller Arzt und uns allen ein treuer Freund. Ein furchtbarer Schlag für uns. Herr Banks war so schwach, daß er nicht einmal dem Leichenbegängnis beiwohnen konnte. Der Tod kam uns allen sichtbar näher, und wir konnten ihm nicht entfliehen. Am 9. November starb Tayeto, dessen Tod unsern armen Tupia so furchtbar hart traf, daß wir an seinem Aufkommen zu zweifeln begannen.
Der Boden des Schiffes war unterdessen genau untersucht worden. Der Afterkiel fehlte bis auf eine Kleinigkeit; der Hauptkiel war schwer beschädigt; ein großer Teil der Schiffshaut fehlte, und viele von den inneren Planken waren derart abgescheuert, daß sie kaum mehr einen achtel Zoll dick waren. Auch die Würmer hatten ihr Zerstörungswerk begonnen und die Rippen angefressen. In diesem trostlosen Zustand war das Schiff viele Hunderte von Seemeilen über den Teil des Weltmeers gesegelt, der für die Schiffahrt als der gefährlichste gilt. Welches Glück, daß wir nicht wußten, daß unser Schiffsboden noch dünner als eine Schuhsohle war, daß zwischen uns und dem bodenlosen Abgrund des Korallenmeers nur diese dünne Scheidewand war! Und allen diesen Gefahren waren wir entgangen, um hier am Lande eines elenden Todes zu sterben!