Meine erste Weltreise

Part 11

Chapter 113,715 wordsPublic domain

Am 1. August fand der Zimmermann, daß die Pumpen angefault waren; wir mußten uns daher in der Hauptsache auf die Dichtigkeit des Schiffes verlassen, das in der Tat so gut ausgebessert war, daß es in der Stunde nicht über einen Zoll Wasser einließ. Am 4. August gelang es uns das Schiff herauszuziehen; um 7 Uhr gingen wir unter Segel. Um 12 Uhr ließ ich eines drohenden Unwetters wegen die Anker wieder fallen; wir befanden uns fünf Seemeilen vom Hafen entfernt; wir blieben im Sturme so bis zum 10. August liegen. Um 7 Uhr konnten wir die Anker lichten. Ich hatte mich entschlossen, längs der Küste zu segeln und einen Durchgang nach Norden zu suchen. Nach vielen Mühen und unter den größten Gefahren gelang uns die Durchfahrt durch den engen, krummen Kanal, an dessen Ende wir in 7½ Klaftern auf einem sichern Grunde vor Anker gingen. Hier breitete sich der Kanal ziemlich aus; die Inseln, die zu beiden Seiten lagen, waren eine Meile von uns entfernt. Wir hofften endlich den Weg in das Indische Meer gefunden zu haben. Um mich darüber vergewissern zu können, beschloß ich, auf einer der Inseln zu landen. Als ich in Begleitung Banks' und Dr. Solanders vom Schiff abstieß, erblickten wir ein Dutzend Eingeborene auf dem Berge. Einer von ihnen war mit Bogen und Pfeil, die andern waren mit Lanzen bewaffnet; auch bemerkten wir solche, die eine Halskette von Perlmuttergegenständen um den Hals trugen. Drei der Wilden kamen zum Strande herab, entfernten sich aber, als wir landeten. Wir kletterten sogleich auf den Berg hinan, von dessen Gipfel ich mich davon überzeugen konnte, daß ich hier den Kanal gefunden hatte, der nach dem Indischen Meere führte.

Da ich der erste Europäer war, der an der östlichen Küste von Neuholland vom 38. Breitegrad an bis hierher gekommen war, so ließ ich die englische Flagge entfalten, taufte das Land mit allen Häfen und Inseln Neusüdwales und nahm es im Namen Georgs III., meines Königs, in Besitz. Wir feuerten drei Salven ab, die vom Schiff aus erwidert wurden. Daraufhin kehrten wir zum Schiffe zurück und blieben die ganze Nacht hindurch vor Anker liegen. Am Morgen sahen wir einige Eingeborene am Strande Muscheln suchen; mit Hilfe der Ferngläser erkannten wir in ihnen Weiber, die ganz nackt gingen. Um 10 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten südwestwärts und nach Westnordwest. Verschiedene Anzeichen bestärkten mich in dem Gedanken, daß wir bereits den Carpentariagolf im Norden Neuhollands durchquert hatten und die Indische See vor uns liegen haben mußten. Die Frage, ob Neuholland und Neuguinea zwei verschiedene Inseln wären, war gelöst. Die Straße, die beide trennt, habe ich nach meinem Schiffe die Endeavourstraße[7] genannt.

Im Verhältnis zur Größe von Neusüdwales scheint die Zahl seiner Einwohner sehr gering zu sein; die größte Anzahl, die wir je beisammen gesehen haben, beträgt nicht mehr als dreißig Personen. Dies war in der Botanybai, als sich Männer, Weiber und Kinder auf einem Felsen versammelten, um das Schiff im Vorbeisegeln zu betrachten. Selbst in den Fällen, wo sie uns angreifen wollten und also Leute nötig hatten, brachten sie nie mehr als 14 bis 15 streitbare Männer auf die Beine. Auch sahen wir nie mehr als ein paar Hütten beieinander. Es ist wahr, wir haben von dem ungeheuern Lande nicht mehr als die Küste gesehen, allein es ist doch mehr als unwahrscheinlich, daß das öde Innere des Landes reicher bevölkert ist als die der Ernährung günstigere Küste. Ohne Ackerbau würden sich die Bewohner des Festlandes schwerlich halten können; es ist aber nicht gut möglich, daß die Küstenbewohner von diesem Ackerbau nichts wissen sollten. Wir haben an der Küste nicht einen Fußbreit angebauten Landes gefunden; es läßt sich daher mit großer Sicherheit die Behauptung aufstellen, daß das Innere des Landes nur sehr spärlich bewohnt sein kann. Wir haben allerdings nur mit einem Stamme der wilden Völkerschaften, die Neuholland bewohnen, näheren Verkehr unterhalten. Das war in dem Hafen, wo wir unser Schiff ausbesserten. Es waren alles zusammengenommen nur 21 Personen: 12 Männer, 7 Weiber, 1 Knabe und 1 Mädchen. Die Frauen haben wir nie in der Nähe zu sehen bekommen, denn wenn die Männer über das Revier kamen, ließen sie die Weiber und Kinder zurück. Die Männer waren von mittlerer Größe, schön gebaut, gradgliederig, dabei stark, lebhaft und gelenkig; ihrer Gesichtsbildung fehlte es nicht an Ausdruck, und ihre Stimme war sanft, beinahe weiblich fein. Am ganzen Leibe waren sie jedoch mit Schmutz so überzogen, daß ihre natürliche Hautfarbe nicht mehr zu erkennen war. Wir tauchten den Finger in Wasser und rieben und kratzten die Haut an einzelnen Stellen ab, aber es war unmöglich, die Schmutzkruste, die sie so schwarz wie Neger machte, zu lösen; und alles, was wir ermitteln konnten, war, daß ihre Haut ursprünglich schokoladebraun gewesen sein mußte. Die Gesichtsbildung dieser Wilden war nicht unangenehm; sie hatten weder platte, eingedrückte Nasen noch dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne waren blendend weiß und klein, ihr Haar, das sie kurz trugen, war schwarz und straff, verschiedentlich war es leicht kraus, es war sehr klebrig, aber merkwürdigerweise frei von Ungeziefer. Die Bärte, die sie ebenfalls kurz geschnitten trugen, waren buschig und stark und pechschwarz wie die Haare. Wir sahen eines Tags einen Mann bei uns, der einen längeren Bart als seine Genossen trug; als er sich am nächsten Tage wieder einstellte, bemerkten wir, daß er seinen Bart gekürzt hatte. Bei näherer Untersuchung fand sich, daß die Spitzen des Barthaares abgesengt waren. Aus diesem Umstande, und weil wir niemals ein Messer bei ihnen sahen, schlossen wir, daß sie ihre Haare zu der von ihnen gewollten Kürze abzusengen pflegen.

Beide Geschlechter gehen ganz nackt, was ihnen sowenig unanständig vorkommt, wie uns die Entblößung des Gesichtes und der Hände. Ihr Hauptschmuck besteht in einem Vogelknochen, den sie durch den zu diesem Zweck durchbohrten Nasenknorpel stecken. Wie diese unbequeme, unschöne, schmerzhafte Mode unter ihnen entstehen konnte, konnten wir nicht ergründen. Diese Mode, die ihnen ein schreckliches Aussehen verleihen sollte, war ihnen selbst so lästig, daß sie den Knochen nur bei besonderen Gelegenheiten in der Nase trugen, denn er ist 5 bis 6 Zoll lang, reicht über das ganze Gesicht, verstopft beide Nasenlöcher, zwingt sie ständig den Mund offen zu halten und behindert sie sogar derart im Sprechen, daß sie sich selbst kaum verstehen können. Der Matrosenwitz taufte diesen Schmuckknochen »die blinde Rahe«, und wir hatten Mühe ernst zu bleiben, wenn sich die Herren Wilden mit der blinden Rahe in der Nase einstellten.

Als weitere Schmuckstücke tragen unsre Wilden noch Muschelhalsbänder, Armbänder aus Schnüren am Oberarm, sowie eine aus Menschenhaar geflochtene Schnur um den Leib. Die Gecken unter ihnen besitzen noch Muschelbrustbänder, die von den Schultern über die Brust getragen werden. Außerdem bemalen sie die Schmutzkruste ihres Körpers mit weißer und roter Farbe; mit der roten schmieren sie sich große Flecken auf die Schultern und die Brust; mit der weißen Farbe tragen sie schmale Streifen, die über Arme und Beine laufen, und breite Bruststreifen auf, die ziemlich genau gezeichnet sind. Auch legen sie sich weiße Schönheitspflästerchen auf und malen sich weiße Ringe um die Augen, was grotesk genug aussieht. Die rote Farbe war Bergrot, die körnigen Bestandteile der weißen Farbe konnten wir zu unserm Bedauern nicht analysieren.

So erpicht unsre Wilden auch auf ihren Schmuck waren, sowenig machten sie sich aus unsern bunten Bändern, unsern Glaskorallen und anderm europäischem Tand. Von Tausch und Handel hatten sie ebenfalls keine Ahnung. Was wir ihnen gaben, nahmen sie, aber sie konnten nicht begreifen, daß wir gegen unsre Geschenke auch etwas von ihnen im Tausch haben wollten. Übrigens hielten sie ihren Schmuck in so hohem Werte, daß sie ihn uns um alle Güter der Welt nicht überlassen hätten; wir konnten tatsächlich für unsre Sammlung nicht das geringste von ihnen erwerben. Die Gleichgültigkeit gegen unsre Schätze war auch die Ursache, daß sie nichts stahlen. Hätte sie danach gelüstet, so würden sie uns bestohlen haben, so aber warfen sie unsre Geschenke achtlos in den Wald, wo sie Herr Banks wieder auffand. Die tiefen Narben, die unsre Wilden, die sich einer kernigen Gesundheit erfreuten, an ihrem Körper trugen, waren, wie sie uns durch Zeichen verständlich machten, sogenannte Trauernarben, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Lieben selbst beibrachten.

Ihrem Charakter als Nomaden entsprechend bauen sich unsre Wilden so erbärmlich primitive, unzulängliche Hütten, daß die der Feuerländer wahre Paläste dagegen sind. Ihre Hütten sind kaum so hoch, daß ein Mann aufrecht darin sitzen kann, und so ungenügend lang, daß sich keiner darin lagern kann. In diesen elenden Löchern fanden wir sie oft zu vieren, in gekrümmter Lage, die Knie am Kopf; vor der offenen Seite ihrer Hütte, deren Wand stets gegen den Wind gerichtet war, brannte zum Schutz gegen die Moskitos ein qualmiges Feuer; sie blieben immer nur so lange an einem Orte, bis sie der Hunger vertrieb. In den wärmeren Gegenden und auf den Inseln bauten sie ihre Hütten mit der Öffnung gegen den Wind. Interessant ist, daß sie, obschon sie keinerlei Kochgeschirre haben, doch das von ihnen erjagte Fleisch nie roh verschlangen, und daß sie es mit frappanter Sicherheit verstanden, sich Feuer zum Rösten ihres Wildes und ihrer Fische zu verschaffen. Um Feuer zu erhalten, nehmen sie einen acht Zoll langen dürren Stock, den sie spitzen. Mit dieser Spitze quirlen sie ein flaches Stück Holz so emsig, daß das Holz in weniger als zwei Minuten glimmt. Den Funken wickeln sie in eine Handvoll dürren Grases, und damit rennen sie gegen den Wind. Dann geben sie das glimmende Büschel in die Streu; einige Sekunden darauf brennt sie lichterloh. Auf diese Weise sahen wir sie oft an verschiedenen Stellen Feuer anmachen; sie nennen das den Feuerlauf, der ihnen gleichzeitig zur Unterhaltung dient. Wir beobachteten einen solchen Feuerläufer und sahen, daß an jeder Stelle, wo er sich bückte, um den Funken niederzulegen, bald eine Flamme loderte. Es schien uns, daß die Wilden durch den Feuerlauf die Känguruhs, die sich vor dem Feuer außerordentlich fürchten, durch dieses einkreisen, um sie desto leichter zu erjagen; eine andre Erklärung des wegen der Dürre der Grasflächen so gefährlichen Sportes fanden wir nicht.

Die Waffen unsrer Wilden bestehen aus Lanzen von verschiedener Größe und Art. Wir sahen Lanzen mit vier Spitzen oder Zinken, die mit Widerhaken versehen waren. Die einzelnen Spitzen waren mit einem harten und glatten Harz überzogen, wodurch sie tiefer in den Gegenstand eindringen, den sie treffen. In den nördlichen Gegenden der Küste hat die Lanze, deren Schaft aus einem geraden Rohr besteht, nur eine Spitze. Der Schaft ist aus mehreren Stücken in der Gesamtlänge von 8-14 Fuß zusammengesetzt, die Spitzen bestehen entweder aus Fischgräten oder aus hartem Eisenholz. Wir sahen verschiedene Lanzen, die den Stachel des Stechrochens als Spitze hatten; die Widerhaken waren sehr sinnreich an den Stacheln befestigt. Die Widerhaken der Holzspitzen bestanden aus scharfen Muschelstücken, die in das Holz hineingebohrt und mit Harz befestigt waren. Erklärlicherweise ist diese Waffe außerordentlich gefährlich, denn entweder bleiben die Widerhaken im Fleische stecken oder die Wunde wird beim Herausnehmen des Geschosses furchtbar zerfetzt. Mit der Hand werfen die Wilden 30 bis 60 Fuß weit, mit ihrem Wurfstock dagegen bis auf 150 Fuß; sie treffen damit ihr Ziel ebenso sicher wie wir mit unsern Gewehren. Außer diesen Lanzen besitzen sie keine Offensivwaffen; wir sahen nur einmal in weiter Entfernung einen Mann, der mit Pfeil und Bogen bewaffnet schien, allein wir können uns auch geirrt haben; jedenfalls sind Pfeil und Bogen nicht allgemein im Gebrauch. Als Schutzwaffe dient ein Schild aus starker Baumrinde; wir fanden oft Bäume, an denen die Rinde genau in der Größe eines Schildes herausgeschält war.

Die Kähne dieses Volkes sind ebenso primitiv wie ihre Hütten. An der Botanybai bestehen sie aus Baumrinde, im Norden dagegen aus ausgehöhlten Baumstämmen. Hier waren sie 14 Fuß lang, sehr schmal und mit einem Seitenrahmen versehen, der das Umkippen verhinderte.

Auf welche Weise die Wilden, die keinerlei Werkzeuge besitzen, ihre Bäume fällen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen; daß ihnen das primitive, schlecht gearbeitete Steinbeil, in dessen Besitz wir sie fanden, dazu diente, schien uns unglaublich. Zum Glätten ihrer Ruder, Lanzen und Wurfstöcke bedienen sie sich der scharfen und rauhen Blätter einer Feigenart, mit denen sie das Holz ebenso scharf angreifen wie unsre Schreiner mit dem Schachtelrohr. Mit solchen Werkzeugen einen Kahn zu bauen ist eine Leistung, die wir nicht genug bewundern konnten; unser Schiffszimmermann hielt die Sache geradezu für unmöglich.

Durch welchen Umstand die Zahl der Eingeborenen, vorzüglich aber der Weiber, in diesem Lande so zurückgegangen ist, daß man beinahe von einem Aussterben sprechen kann, ist uns ein Rätsel geblieben. Ob sie Kannibalen sind wie die Neuseeländer, ob sie durch Seuchen oder durch Kriege so dezimiert wurden, wie sie es sind, konnten wir ebenfalls nicht erfahren. Mit Ausnahme der zwei tapfern Wilden, die uns in der Botanybai an der Landung verhindern wollten, betrugen sich uns gegenüber fast alle Eingeborenen so scheu und feige, daß wir sie mit dem besten Willen nicht für kriegerisch halten können. Auch fanden wir unter ihnen niemand, an dessen Körper wir die Zeichen seiner kriegerischen Tapferkeit entdeckt hätten. Jedenfalls schien uns der Krieg nicht die Ursache des auffallenden Mangels an Menschen in diesem Lande zu sein.

[7] Die heutige Torresstraße.

Zwölftes Kapitel.

Fahrt durch die Endeavourstraße. -- Abenteuer während der Fahrt. -- Kranke an Bord. -- Savu. -- Kleinliche Schikanen. -- Sitten und Gebräuche.

Ich hatte anfänglich die Absicht, so lange nach Nordwest zu steuern, bis ich die südliche Küste von Neuguinea erreichte, wo ich einlaufen wollte. Da ich aber auf diesem Wege gefährliche Klippen und Bänke antraf, so änderte ich meinen Kurs, um tieferes Wasser zu finden, und dies gelang mir auch nach Wunsch. Schon am Mittag segelten wir in einer Tiefe von 17 Klaftern. Land war nirgends zu sehen; wir setzten unsern Kurs bis Sonnenuntergang fort und fanden eine Tiefe von 23-27 Klaftern. Als es Nacht wurde, kürzten wir die Segel und lavierten acht Stunden gegen den Wind. Bei Anbruch des Tages setzten wir alle Segel auf und steuerten erst gegen Westnordwest, dann gegen Nordwest, und zwar den ganzen Tag über. Bei Sonnenuntergang kürzten wir die Segel wieder und steuerten hart am Winde gegen Norden. Um 8 Uhr des Morgens wendeten wir und steuerten gegen Süden; um 12 Uhr richteten wir unsern Kurs wieder nach Norden; je weiter wir kamen, desto seichter wurde die See. Sobald es Tag wurde, setzten wir alle Segel auf und steuerten auf die Küste von Neuguinea hin. Die Wassertiefe war bis auf 12 Klafter gefallen. Am Abend flatterte ein kleiner Vogel um das Schiff; als es dunkel wurde, setzte er sich auf die Wand, wo wir ihn erhaschen konnten.

Wir setzten unsern Lauf gegen Norden bis zum 3. September fort, und zwar hielten wir uns der Untiefen wegen der Küste von Neuguinea so fern, daß wir sie vom Schiffe aus nur undeutlich sehen konnten. Unsre wiederholten Landungsversuche schlugen fehl. Wir verloren so sechs Tage, und da wir den südöstlichen Passatwind, der uns nach Batavia führen sollte, nicht länger unbenützt lassen wollten, so beschlossen wir, in der Pinasse ans Land zu rudern. Der Wind, der vom Lande wehte, führte uns den Duft der Blumen und Baumblüten zu, so daß wir begierig waren, die Vegetation des Landes zu untersuchen. Um 9 Uhr legten wir in einer Entfernung von 3-4 Meilen von der Küste bei. Ich ließ sofort die Pinasse aussetzen, ging mit Banks und Dr. Solander an Bord und ruderte dann mit noch zwölf bewaffneten Leuten ans Land. Allein das Wasser wurde so seicht, daß wir ungefähr 600 Fuß von der Küste stecken blieben; wir ließen also das Boot unter der Obhut von zwei Matrosen zurück und wateten ans Land. Wir hatten vorher noch keine Anzeichen davon gefunden, daß das Land in dieser Gegend bewohnt wäre. Jetzt entdeckten wir im Sande hart am Ufer Fußspuren, die noch frisch waren. Da die Bewohner von Neuguinea von verschiedenen Reisenden als kriegerisch, grausam und hinterlistig geschildert waren und der Urwald ihnen die gefährlichsten Verstecke bot, so erforderte es die Klugheit, vorsichtig zu sein, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen und vom Boote abgeschnitten zu werden. Wir drangen daher nicht in den dichten Wald ein, sondern gingen dem Waldsaum entlang bis zu einem Haine von Kokosbäumen, die voller Früchte hingen. Unterhalb des Haines befand sich, in der Nähe eines Baches mit salzigem Wasser, eine verlassene Hütte; sosehr uns auch die Früchte locken mochten, sowenig schien es uns ratsam, sie zu brechen. Nicht weit davon fanden wir einige Bataten- und Brotfruchtbäume. Wir waren jetzt etwa eine englische Meile vom Boote entfernt. Plötzlich, ehe wir uns dessen versahen, kamen drei Indianer mit Kriegsgeheul aus dem Walde heraus auf uns zu. Der vorderste schleuderte etwas nach uns, das wie Schießpulver brannte, aber keinen Knall von sich gab; die beiden andern schleuderten ihre Lanzen. Wir feuerten sofort mit Schrot auf sie, trafen aber anscheinend niemand, denn wenn sie auch erschreckt stehenblieben, so warfen sie doch wieder ihre Lanzen nach uns. Wir luden unsre Gewehre mit Kugeln und feuerten zum zweitenmal. Wir mußten getroffen haben, denn sie ergriffen jetzt in aller Schnelligkeit die Flucht, worauf wir uns langsam nach dem Boote hin zurückzogen. Während wir der Küste entlang schritten, machten uns die Leute im Boote darauf aufmerksam, daß etwa 1500 Schritte von uns entfernt auf einer Landspitze die Indianer sich in großer Anzahl versammelten. Wir wateten sofort nach dem Boote, während sie untätig auf der Landspitze blieben, ohne uns zu belästigen. Als wir im Boote waren, ruderten wir auf sie zu; ihre Anzahl war etwa auf hundert angewachsen. Mit Muße beobachteten wir sie und fanden, daß sie viel Ähnlichkeit mit den Neuholländern hatten; sie waren von derselben Größe, trugen die Haare wie jene und gingen vollständig nackt. Die Hautfarbe schien etwas heller, ein Kaffeebraun zu sein. Wahrscheinlich waren sie reinlicher als die Wilden der Botanybai. Während wir vor ihnen hielten, forderten sie uns unter beständigem Geheul heraus, wobei sie ihr Feuer abbrannten. Was das für ein Feuer war, welchem Zweck es diente und wie es abgebrannt wurde, konnten wir nicht sehen. Wir sahen nur, daß sie ein kurzes Rohr in der Hand hielten und es ein paarmal im Kreise herumschwenkten, worauf aus dem Rohre Feuer und Rauch hervorkamen. Obwohl kein Knall zu vernehmen war, machte die Sache vom Schiff aus den Eindruck, als feuerten sie richtige Gewehre ab; unsre Leute glaubten in der Tat, die Wilden hätten Feuerwaffen. Nachdem wir sie in Muße betrachtet hatten, ohne uns durch ihr Blitzen und ihr Geheul stören zu lassen, schossen wir unsre Gewehre über ihre Köpfe ab. Als sie die Kugeln in den Bäumen rasseln hörten, zogen sie sich langsam zurück. Wir ruderten dann nach dem Schiffe. Die Lanzen, die sie nach uns geworfen hatten, bestanden aus Bambusrohr mit einer Spitze aus Eisenholz, die mit Widerhaken versehen war. Die Wilden schleuderten ihre Lanzen mit ungeheurer Kraft, denn obwohl sie fast 200 Fuß von uns entfernt waren, so flogen die Geschosse doch weit hinter uns. Wir nahmen daher an, daß sie Wurfstöcke verwenden.

Als wir an Bord des Schiffes waren, ließ ich sofort westwärts steuern, denn ich hatte keine Lust, meine kostbare Zeit noch länger an dieser Küste zu verlieren. Das Schiffsvolk jubelte über diesen Befehl. Zu meinem Leidwesen rieten mir meine Offiziere, eine Abteilung Matrosen ans Land zu schicken und die Kokosbäume fällen zu lassen. Das wäre nicht ohne Blutvergießen abgegangen; und wegen einiger Nüsse setze ich kein Menschenleben aufs Spiel. Dergleichen blutige Auftritte sind mir zuwider, und selbst wenn ich Mangel an allem gelitten hätte, so wäre es mein letztes gewesen, Gewalt anzuwenden und Menschen zu töten, um sie ihres Eigentums zu berauben. Auch fehlte es mir an der Zeit, denn das Schiff war so leck, daß es noch fraglich war, ob wir es nicht in Batavia gründlich ausbessern lassen müßten. Und dies war der Hauptgrund, weshalb wir Eile nötig hatten. Außerdem hatten wir in einer Meeresgegend, wo es nichts mehr zu entdecken gab, keine Zeit zu verlieren.

Am 17. September erblickten wir morgens um 6 Uhr eine Insel in Westsüdwest. Anfangs glaubte ich eine neue Entdeckung gemacht zu haben; als wir aber um 10 Uhr an der Nordseite waren, sahen wir Häuser und Schafherden auf der Insel, die von den Eingeborenen Savu genannt wird und zu den Kleinen Sundainseln zählt -- für Leute in unsern Umständen Grund genug einzulaufen. Und so beschloß ich denn, der Kranken wegen, die mir nicht verzeihen konnten, daß ich vor Timor nicht beilegen wollte, hier vor Anker zu gehen und mit den Bewohnern dieser Insel, die mit allem, was wir so dringend nötig hatten, reichlich versehen waren, in Verbindung zu treten. Die Pinasse wurde also ausgehoben, und der zweite Schiffsoffizier Gore wurde abgeschickt, um einen Ankerplatz für das Schiff ausfindig zu machen. Kaum war er fort, so erblickten wir zwei Reiter, die das Schiff mit großem Interesse betrachteten. Aus diesem Umstand schlossen wir, daß sich auf der Insel Europäer befänden, wodurch wir uns aller Weitläufigkeiten enthoben wähnten. Unterdessen landete Gore in einer kleinen, sandigen Bucht, an der etliche Häuser standen. Wir beobachteten, daß ihm ein Dutzend Eingeborener entgegenging. An Gestalt und Kleidung waren sie den Malaien ähnlich. Auch trugen sie wie diese ein Messer im Gürtel. Einer von ihnen führte einen Esel bei sich. Wir sahen, daß sie Herrn Gore freundlich einluden ans Land zu kommen, und daß sie sich mit Zeichen verständlich zu machen suchten. Kurz darauf kam er an Bord und teilte uns mit, daß es in dieser Gegend keinen Ankerplatz für das Schiff gebe. Ich sandte ihn wieder ans Land und gab ihm Geld und Waren mit, um einige Erfrischungen für die Kranken einzukaufen. Dr. Solander ging zur Begleitung mit. Inzwischen lavierte ich mit dem Schiffe hin und her; ich mochte ungefähr eine Meile vom Land entfernt sein. Das Boot war noch nicht am Lande, da erblickten wir zwei Reiter, von denen der eine ganz nach europäischer Art gekleidet war; sie schienen ihre ganze Aufmerksamkeit dem Schiffe zu schenken. Sobald Herr Gore und Dr. Solander aus dem Boote stiegen, versammelten sich um sie einige Leute zu Pferd und eine große Menge Fußgänger. Wir sahen, daß man ihnen einige Kokosnüsse ins Boot trug, ein Anblick, der uns das Beste hoffen ließ.

Nach 1½ Stunden signalisierte uns Herr Gore, daß sich leewärts eine Bai befinde, in der wir ankern könnten. Wir steuerten sofort dahin; das Boot folgte uns, und die beiden Herren kamen an Bord. Gore berichtete, daß er einige der Vornehmen des Landes gesprochen, und daß man ihm die Kokosnüsse als Geschenk überreicht habe. Auch erzählte er, auf welch umständliche Weise er von dem Hafen Nachricht erhalten hätte.