Meine erste Weltreise

Part 10

Chapter 103,530 wordsPublic domain

Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein Zeichen, daß die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere Feuer und sahen durch unsre Ferngläser vier Indianer, die diese Feuer anzündeten. Der Zweck der Feuer war uns natürlich ein Rätsel. Der Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte über Schmerzen im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu. Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne Mühe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir es an Seilen in den Hafen zogen und an der Südseite an einer Stelle, wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine Brücke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei Zelte aufgeschlagen. Das eine war für die Kranken, das andre war für die Schiffsvorräte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider kam es leer zurück. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon. Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, während Herr Green andauernd gefährlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos unfruchtbar und öde, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebäumen bedeckt.

Am folgenden Morgen ließ ich die vier Kanonen, die uns übriggeblieben waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den Überlauf pflanzen. Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans Land; am Nachmittag wurden die Vorräte der Offiziere und die unterste Reihe der Wasserfässer ausgeschifft, so daß im untersten Schiffsboden nichts als die Kohlen zurückblieben.

Herr Banks war inzwischen über das Revier hinaus auf die andre Seite des Hafens hinübergegangen; er traf hier große Flüge Tauben an, von denen er etliche schoß, die ungemein schön waren.

Am 20. wurden der Pulvervorrat und der Steinballast ans Land geschafft. Dadurch wurde das Schiff so erleichtert, daß es vorne nur noch 8 Fuß 10 Zoll und hinten 13 Fuß tief im Wasser lag. Ich ließ dann die Kohlen vom Vorderteil des Schiffes, um diesen zu heben, nach dem Hinterteil verbringen. Dabei zeigte sich, daß das Leck unter dem Kohlenraum war; wir konnten hören, daß das Wasser ein wenig hinter dem Fockmast, ungefähr drei Fuß vom Kiel entfernt, hereinschoß.

Ich mußte mich also dazu bequemen, den ganzen Schiffsraum leeren zu lassen. Am 21. nachmittags um 4 Uhr war diese Arbeit geschehen, worauf wir das Schiff an Seilen an eine Stelle hinzogen, wo es meines Erachtens am bequemsten ans Land gelegt und das Leck verstopft werden konnte. Vorne lag es nunmehr 7 Fuß 9 Zoll, hinten 13 Fuß 6 Zoll tief im Wasser. Um 8 Uhr während der Flut ließ ich das Vorderteil herumwenden und fest aufs Ufer ziehen. An verschiedenen Stellen des Schiffsbodens entdeckten wir glatte Löcher; das Hauptleck aber war merkwürdigerweise durch den Felsen, der es verursacht hatte, wieder verstopft worden, indem das betreffende Stück vom Felsen abgebrochen und zum Glück für uns in dem Loche steckengeblieben war.

Wir fanden bei dieser Untersuchung aber auch, daß die Fütterung diejenigen Ritzen des Lecks, die das Felsenstück offengelassen hatte, größtenteils verstopft hatte. Wir waren also wie durch ein Wunder gerettet worden, denn das Leck war so groß, daß uns ohne diese glücklichen Umstände alle Schiffspumpen der Welt nicht vor dem Untergang gerettet hätten. Bei der ferneren Besichtigung entdeckten wir noch, daß das Schiff auch sonst an seinem Boden beträchtlich Schaden genommen hatte; vom Afterkiel fehlte ein Teil, auch waren Vordersteven und Hauptkiel stark beschädigt. Das Hinterteil des Schiffes schien nicht viel gelitten zu haben.

Um 9 Uhr gingen die Zimmerleute und Schmiede an ihre Arbeit, während die Seesoldaten zur Taubenjagd abkommandiert wurden. Bei dieser Gelegenheit entdeckten sie das Känguruh und, was für uns momentan wichtiger war, einen Quellbach mit frischem Wasser. Mit dem großen Netze fingen wir, obschon die See im Hafen von Fischen wimmelte, nur drei Fische. Der Zimmermann war mit den Ausbesserungen an der Steuerbordseite fertig; wir neigten also das Schiff auf die andre Seite und zogen es aus Furcht, es möchte auf dem Grunde sitzen bleiben, 2 Fuß tiefer ins Wasser. Am Abend erzählte ein Matrose, er hätte den Teufel gesehen, und er beschrieb uns eine -- Riesenfledermaus.

Am 24. besserten die Schiffszimmerleute die Haut (d. i. die äußeren Bretter) unter dem Backbordbug aus, und da fand sich denn, daß auch zwei von den innern Planken durchgerieben waren. An diesem Tage sah ich zum ersten Mal ein Känguruh. Ich ließ während der Ebbe das Hinterteil des Schiffes untersuchen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Haut durchgescheuert und der innere Boden gefährdet war. Dem konnte aber nur durch eine gründliche Ausbesserung im Dock, wozu wir leider nicht in der Lage waren, abgeholfen werden; ich veranlaßte daher die möglichen Notausbesserungen. Der 25. wurde zum Wassereinnehmen, zur Besichtigung der Taue usw. bestimmt. Auch wurden die Schiffszimmerleute an diesem Tage mit ihren Arbeiten fertig.

Die Herren Banks und Dr. Solander benützten diesen Tag zu botanischen Exkursionen im Walde; sie entdeckten dort Kohlbäume, Kokos und einen Wildrenettenapfel, der nach Lagerung von einigen Tagen eßbar wurde und wie eine mittelmäßig gute Pflaume mundete. Am folgenden Morgen fingen wir an, das Hinterteil des Schiffes zu entlasten. Der Schmied fuhr unverdrossen in seiner Arbeit fort, während der Zimmermann das Schiff kalfaterte. Am Vormittag ruderte ich in der Pinasse den Hafen hinauf, um zu fischen; ich fing aber nur 20-30 Fische, die ich an die Kranken und Rekonvaleszenten austeilte. Die nächsten Tage war der Fischfang so ergiebig, daß auf jeden Mann etwa 5 Pfund Fische kamen. Die eingesammelten Gemüse ließ ich mit Erbsen kochen; dieses Gericht in Verbindung mit delikat zubereiteten Fischen war uns allen ein kulinarischer Genuß ersten Ranges.

Am 1. Juni gab ich dem ganzen Schiffsvolk Landurlaub. Die Ausflügler sahen wohl viele Tiere, konnten aber keines erlegen. Da ich bei einem Ausflug auf den an der südlichen Landspitze gelegenen Berg die Küste mit Bänken und Untiefen wie besät fand, so erteilte ich dem Steuermann den Auftrag, die Untiefen zu untersuchen und zu sondieren, ob es gegen Norden nicht einen Kanal gebe, in dem wir sicher auslaufen könnten. Auch an diesem Tage bekamen wir das Schiff trotz angestrengtester Versuche nicht flott. Der Steuermann dagegen brachte gute Nachricht zurück; er hatte tatsächlich einen Kanal zwischen den Untiefen entdeckt, der nach der hohen See führte. Die Bänke bestanden aus Korallenfelsen; viele davon waren, wie er mir erzählte, während der Ebbe außer Wasser. Er selbst war auf eine solche Klippe gestiegen und hatte dort eine Anzahl großer Muschel- und Schalentiere gesammelt, die so groß waren, daß von einem solchen Tiere zwei Mann mehr als satt wurden. Er erzählte, daß er in einer Bai im Norden, drei Seemeilen von uns entfernt, einige Eingeborene bei der Abendmahlzeit überrascht hätte, die bei seinem Erscheinen sofort geflohen wären.

Am nächsten Tag endlich gelang es uns, das Schiff flottzubekommen. Da jedoch gleichzeitig eine Planke zwischen den Verdecken losriß und dieser Schaden sofort ausgebessert werden mußte, so mußten wir das Schiff wieder ans Land legen. Am nächsten Morgen ließ ich den Ballast im Schiff wieder segelrecht verteilen, und am Nachmittag ließ ich das Schiff selbst mit Hilfe der Flut auf eine Sandbank legen und während der Ebbe ausbessern, worauf es zur Flutzeit wieder flottgemacht wurde. Wir machten es dann segelfertig. In dieser Zeit fand Herr Banks am Strand eine Menge angeschwemmter Früchte. Am 6. unternahm er mit Herrn Gore und drei Matrosen einen größern Ausflug, von dem er erst am 8. nachmittags zurückkehrte. Während der Nacht waren die Ausflügler derart von Moskitos geplagt worden, daß sie nicht schlafen konnten. Kurz nach Anbruch des Tages erblickten sie einige Känguruhs. Zu Mittag kehrten sie nach dem Boote zurück und ruderten darin weiter in das Revier hinauf. Als sie am Abend nach einem Lagerplatz Umschau hielten, sahen sie in der Nähe Rauch aufsteigen. Sie eilten sofort darauf zu, fanden aber niemand mehr an dem Feuer. Ärgerlich darüber, daß die Wilden, mit denen sie gerne zusammengetroffen wären, entflohen waren, kehrten sie zu der Sandbank zurück, auf der sie sich sorglos niederlegten, ohne im geringsten an die Möglichkeit zu denken, daß die Wilden sie beschleichen und im Schlafe ermorden könnten. Im Gegenteil, sie schliefen, todmüde wie sie waren, fest bis tief in den Morgen und kehrten dann, weil das Land dem Ansehen nach nicht viel versprach, nach dem Schiffe zurück. Kurz nach ihnen traf auch der Steuermann ein und brachte drei große Schildkröten mit, die zusammen fast acht Zentner wogen.

[6] Die Ostküste von Australien.

Elftes Kapitel.

Verkehr mit den Australiern. -- Ihre Lebensweise. -- Ein Streit und seine Folgen. -- Ausfahrt. -- Die Besitzergreifung von dem neuentdeckten Lande. -- Die Eingeborenen und ihre Lebensgewohnheiten.

Am Nachmittag des folgenden Tages ließen sich sieben Wilde an der Südseite unsres Reviers blicken; bei meiner Annäherung entflohen sie. Am nächsten Morgen tauchten vier Wilde in einem Kahne bei der nördlichen Landspitze auf, um dort mit der Fischgabel zu fischen. Gewitzigt, wie ich durch meine Erfahrung mit diesen scheuen Gesellen geworden war, ließ ich sie gewähren und nahm von ihrer Anwesenheit scheinbar keine Notiz.

Meine Kriegslist hatte den gewünschten Erfolg, denn es dauerte nicht lange, so kamen zwei von ihnen in ihrem Kahn auf Schußnähe an uns heran und riefen uns in ihrer Sprache laut einige Worte zu, die wir natürlich nicht verstanden. Ich machte ihnen beruhigende Zeichen und lud sie zu uns an Bord. Sie kamen auch wirklich näher und deuteten uns an, daß sie Waffen hätten, sich zu rächen, wenn wir ihnen ein Leid antun würden. Als sie dicht am Schiffe waren, warfen wir ihnen Nägel, Glaskorallen, kleine Stückchen Tuch zu, woraus sie sich anscheinend wenig machten. Als ihnen jedoch einer unsrer Leute einen Fisch zuwarf, äußerten sie ihre Freude und gaben uns gleichzeitig zu verstehen, daß sie auch ihre Kameraden herbeiholen würden. Mittlerweile war Tupia mit einigen Matrosen ans Land gegangen. Die Wilden kamen jetzt ganz dicht an uns heran. Wir teilten an die Neuangekommenen einige Geschenke aus. Die Gesellschaft ruderte dann ans Land, wo sie Tupia so weit brachte, daß sie ihre Lanzen niederlegten und sich ihm ohne diese näherten. Er lud sie durch Zeichen ein, neben ihm Platz zu nehmen, was sie auch taten. Ich ging mit einigen Begleitern ebenfalls ans Land und beschenkte die Wilden wiederum, um ihnen jedes Mißtrauen zu nehmen. Hierauf unterhielten wir uns mit ihnen bis zur Essenszeit durch Zeichen; wir luden sie dann ein, an Bord mit uns zu speisen, was sie ablehnten. Kaum waren wir im Boote, so stiegen sie in ihren Kahn und ruderten davon. Der eine der Wilden war ein älterer Mann, die drei andern hingegen waren junge Leute; alle waren von Durchschnittsgröße, fielen mir aber durch ihren zarten Gliederbau auf. Die Farbe ihrer Haut war schwarzbraun, das Haar pechschwarz, kurz geschnitten und straff. Der Leib war an verschiedenen Stellen mit einer roten Farbe angestrichen; einer von ihnen hatte sich die Oberlippe und die Brust mit weißen Streifen bemalt, die er »Carbanda« nannte. Die Gesichtsbildung der Wilden war sehr angenehm, ihre Augen waren lebhaft, ihre Zähne weiß und ihre Stimme wohlklingend und biegsam, so daß sie mühelos allerlei Worte nachsprechen konnten.

Am folgenden Morgen erschienen drei von ihnen wieder bei uns; sie hatten einen Vierten mitgebracht, den sie uns als Herrn Näpärico förmlich vorstellten. Dieser Herr zeichnete sich durch einen sehr in die Augen fallenden Schmuck aus; er hatte sich nämlich den Nasenknorpel durchbohrt und trug in dem Loch einen fingerdicken Vogelknochen als Zierat. Wir überzeugten uns, daß auch die Nasen seiner Genossen durchbohrt waren. Auch die Ohrläppchen unsrer Gäste waren durchlöchert; am Arme trugen sie als Schmuck ein Armband aus geflochtenen Haaren, und obwohl sie sonst völlig nackt gingen, waren sie auf ihr Armband besonders eitel. Ich schenkte einem von ihnen ein Stück von einem alten Hemd; er band es sich als Turban um den Kopf. Unsre Gäste hatten uns einen Fisch zum Gegengeschenk gebracht und schienen sich häuslich bei uns niederlassen zu wollen. Als aber einer der Forschungsreisenden ihren Kahn genauer untersuchen wollte, erschraken sie dermaßen, daß sie augenblicklich in den Kahn hinabsprangen und eilig als ginge es auf Leben und Tod davonruderten.

Am folgenden Morgen um 2 Uhr brachte Herr Gore in der Jolle drei gewaltige Schildkröten und eine große Sole mit. Nach dem Frühstück ruderte er wieder hinaus, um die Jagd auf Schildkröten fortzusetzen. Drei Wilde wagten sich jetzt an Tupias Zelt heran; einer von ihnen ruderte davon, um noch zwei andre zu holen, die er uns dann unter Nennung ihres Namens vorstellte. Die Gesellschaft blieb den ganzen Vormittag über bei uns; wir überzeugten uns bei dieser Gelegenheit, daß die natürliche Hautfarbe der Herrschaften durch eine Schicht von Ruß und Schmutz bedeckt war. Auf der gegenüberliegenden Landspitze ließ sich eine nackte Frau mit einem Knaben blicken; wir bemerkten durch unsre Ferngläser, daß ihre Arme und Beine ungemein zart und zierlich geformt waren. Als sie ihre Neugierde befriedigt hatte, eilte sie schnellfüßig davon. Einer von den Fremden trug ein Muschelhalsband, ein Armband aus Schnüren und vor der Stirn als Schmuck ein Stück Baumrinde. Die Sprache dieser Wilden klingt rauher als die der Südseeinsulaner; sie wiederholten sehr oft das Wort »Tscherkau«, auch pflegten sie, wenn ihnen etwas Neues in die Augen fiel, auszurufen: »Tscher tut, tut, tut!«, wohl beides Ausdrücke der Überraschung und Verwunderung. Der Kahn war nicht über 10 Fuß lang, aber mit einer Seitenrahme versehen und ähnelte dadurch den Südseekähnen, war jedoch viel primitiver gebaut. Ihre Lanzen glichen den Lanzen, die wir an der Botanybai erobert hatten, doch hatten sie nur eine einzige, mit Widerhaken versehene Spitze. In der Tat, eine fürchterliche Waffe!

Herr Gore erlegte am folgenden Tag ein »Känguruh«, wie es die Eingeborenen nannten. Wir fanden das Fleisch dieses merkwürdigen Wildes ungemein zart und wohlschmeckend. Damals lebten wir ziemlich lukullisch: Tag für Tag Schildkrötensuppe, Schildkrötenfleisch, ausgezeichnet mundende Fische, Känguruhfleisch in Hülle und Fülle. Meist fingen wir die köstliche grüne Schildkröte in Exemplaren von 2-3 Zentnern Lebendgewicht; sie waren ungleich besser von Geschmack als die, die wir in England zu essen bekommen hatten. Vermutlich rührt dies daher, daß wir sie hier frisch erhielten.

Am 17. schickte ich den Steuermann wieder aus, um eine bequemere als die bisher entdeckte Durchfahrt zu suchen. Ich selbst begab mich mit den Herren Banks und Dr. Solander in den Wald. Tupia war daselbst drei Indianern begegnet, die ihm dort einige wohlschmeckende Wurzeln gezeigt hätten. Wir erhofften ein ähnliches Abenteuer, das uns mit den Eingeborenen in nähere Beziehung bringen würde, dergestalt, daß sie uns mit ihrem Hauswesen und ihren Frauen bekannt machen würden. Es dauerte auch wirklich nicht lange, so bemerkten wir vier Wilde in einem Kahn. Als sie uns erblickten, kamen sie ans Land und ohne Furcht auch so dicht an uns heran, daß wir mit ihnen verhandeln konnten. Nachdem sie eine Weile bei uns geblieben waren, entfernten sie sich. Wir folgten ihnen in der Erwartung, daß sie uns in ihr Dorf führen und mit ihren Frauen bekanntmachen würden, allein sie gaben uns durch Zeichen zu verstehen, daß ihnen unsre Begleitung wenig zusage.

Am nächsten Tage kamen wieder einige der uns bereits bekannten Wilden zu uns. Wir baten einen von ihnen, er möge uns zeigen, auf welche Art sie ihre Lanzen zu schleudern pflegten; er war auch gleich dazu bereit und schleuderte seine etwa acht Fuß lange Lanze, die mit bewundernswerter Kraft und Schnelligkeit vier Fuß hoch über dem Boden hinsauste und in einen fünfzig Schritte von uns entfernten Baum fuhr. Hierauf lud ich die Gesellschaft an Bord, wo ich sie unter der Obhut meiner Leute ließ, weil ich von innerer Unruhe getrieben mich durch einen Blick auf die See davon überzeugen wollte, ob wir wirklich in einem Klippenlabyrinth gefangensäßen. Ich bestieg daher mit Herrn Banks einen hohen Berg, von wo wir uns davon überzeugen konnten, daß unsre Lage weit gefährlicher war, als wir bisher geglaubt hatten. Denn wohin der Blick auch fiel, überall zeigten sich drohende Klippen und Bänke. Wir überzeugten uns durch den Augenschein davon, daß es keine andre Ausfahrt nach der hohen See als die gab, die durch die krummen Kanäle zwischen den Klippen hindurch führte. In diese Kanäle konnte man sich aber ohne die größte Gefahr nicht wagen.

Wir kehrten in trüber Stimmung nach dem Schiffe zurück. Hier fanden wir noch einen Teil der Eingeborenen vor, die höchst begehrliche Blicke nach unsern Schildkröten warfen. Tags darauf kamen zehn Wilde von jener Seite des Reviers her, wo diesmal sieben Weiber, alte und junge, in ihrer paradiesischen Nacktheit so lange verweilten, als ihre Männer bei uns an Bord blieben. Unsre Gäste hatten eine größere Anzahl Lanzen als gewöhnlich mitgebracht; sie lehnten die Lanzen an einen Baum und stellten eine Wache dabei auf, ehe sie an Bord kamen. Hier zeigte es sich bald, daß sie es auf unsre Schildkröten abgesehen hatten, die sie genau so wie wir zu würdigen wußten. Anfänglich baten sie uns durch Zeichen, ihnen eine zu geben. Als man sich weigerte, gerieten sie in Wut. Einer von ihnen wandte sich an Herrn Banks; als aber auch dieser abwinkte, wurde der Wilde so zornig, daß er mit dem Fuße aufstampfend ihm einen kräftigen Stoß versetzte. So versuchten sie vergebens der Reihe nach bei jedem ihr Glück, der nach ihrer Meinung auf dem Schiffe von Bedeutung war. Als sie endlich einsahen, daß ihre Bitten vergeblich waren, versuchten sie mit Gewalt zwei Schildkröten über Bord in ihren Kahn zu werfen, was ihnen jedoch gleichfalls verwehrt wurde. Daraufhin verließen sie wütend das Schiff und ruderten dem Strande zu, wohin ich ihnen mit Herrn Banks und sechs Matrosen zum Schutz unsrer daselbst arbeitenden Leute folgte.

Kaum waren die Wilden am Strand, als sie ihre Waffen ergriffen, einen Feuerbrand unter einem Pechkessel herausrissen und damit während ihrer Flucht das trockene Gras in Brand setzten. Ehe wir uns ihres Treibens und der uns drohenden Gefahr bewußt wurden, stand das dürre, fünf bis sechs Fuß hohe Gras in Flammen, die mit ungeheurer Schnelligkeit um sich griffen und Banks' Zelt sowie die Schmiede bedrohten. Es gelang uns noch, das Zelt zu retten; die Schmiede jedoch wurde ein Raub der Flammen. Auch versuchten die Wilden, unsre zum Trocknen aufgespannte Wäsche und das große Netz zu verbrennen, indem sie auch hier das Gras in Flammen setzten. Wir konnten jedoch die Gefahr abwehren und sandten den Brandstiftern einen Schrotschuß nach, der einen von ihnen verwundete. Unterdessen griff das Feuer den Wald an, in den sich die Wilden geflüchtet hatten. Ich feuerte ihnen eine Kugel nach, worauf sie sich zurückzogen. Kurze Zeit darauf vernahmen wir wieder Stimmen im Walde. Ich ging daher mit Banks und einigen Seesoldaten dem Schalle nach. Als wir die Wilden erblickten, hielten wir; sie sandten uns einen Greis entgegen, der uns durch eine Rede beschwichtigen wollte. Wir verstanden leider nicht, was er sagte. Nach dem Speech ging er zu seinen Leuten, mit denen er sich dann zurückzog. Wir folgten ihnen jedoch und bemächtigten uns bei dieser Gelegenheit einiger Wurfspieße. Auf diese Weise verfolgten wir sie eine Meile, worauf wir uns auf einem Felsen niederließen, von dem wir ihre Bewegungen aufs genaueste beobachten konnten; die Wilden lagerten sich 300 Fuß von uns entfernt. Nach einer Weile kam der Greis mit einer Lanze ohne Spitze wieder auf uns zu. Wir gaben ihm Zeichen, daß wir ihnen nicht zürnten, worauf er sich an seine Stammesgenossen wandte und sie veranlaßte, sich uns ohne Waffen zu nähern. Zum Zeichen der Versöhnung händigten wir ihnen ihre Lanzen wieder aus, worauf sie uns die Leute mit Namen vorstellten, die wir noch nicht kannten. Wir teilten einige Kleinigkeiten, die wir bei uns hatten, als Geschenke unter sie aus, worauf sie uns versöhnt zum Schiffe folgten. Unterwegs gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie das Gras nicht mehr anzünden wollten. Als sie sich dem Schiffe gegenüber befanden, setzten sie sich nieder und waren unter keinen Umständen zu bewegen, mit an Bord zu kommen. Wir schieden daher von ihnen. Nach Verlauf von zwei Stunden gingen sie zurück. Nicht lange nachher sahen wir den Wald in einer Entfernung von einigen Meilen in Flammen aufgehen. Wir ließen uns den Vorfall, der leicht zu einer Katastrophe für uns hätte werden können -- denn nur wenige Stunden zuvor hatten wir unser Schießpulver an Bord zurückgebracht -- zur Warnung dienen und nahmen uns vor, unsre Zelte künftig nur in feuersichrer Gegend aufzuschlagen. Am folgenden Tage ruderte ich zur Ebbe aus, um die Untiefen zu sondieren und Ankerwächter aufzustecken. An diesem wie an den folgenden Tagen ließen sich keine Eingeborenen blicken, aber die Gipfel aller Berge rings um den Hafen standen die Nacht in Flammen und gewährten ein Schauspiel voll schauriger Erhabenheit und Schönheit.

Da das stürmische Wetter, das uns bisher an der Abfahrt verhindert hatte, immer noch anhielt, so machten die Herren Banks und Dr. Solander täglich kleinere oder größere botanische Entdeckungsreisen. Bei dieser Gelegenheit fingen sie ein weibliches Opossum nebst zwei Jungen. Durch diese Entdeckung widerlegten sie die Meinung des Herrn von Büffon, der Amerika für die Heimat dieser Tiergattung erklärte. Unsre wilden Freunde ließen sich nicht mehr blicken. Nach ihren Feuern zu urteilen hielten sie sich wenigstens sechs Meilen weiter innen im Lande verborgen; wahrscheinlich fanden sie den Streich, den sie uns gespielt hatten, für so unverzeihlich, daß sie dem Landfrieden nicht mehr trauten.