»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«

Part 6

Chapter 63,389 wordsPublic domain

Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt, daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden in der _Idee des Heimatschutzes_, der kein kleinliches Partei-, kein einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden -- unrettbar, unwiederbringbar!

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Die _Fischerei_ hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen: den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden verursachen.

Ein wirkliches Raubtier, der _Fischotter_, der Familie der Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen, diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig, als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern, der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen vielleicht -- mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter gewähren läßt oder ihn wegfängt.

Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf, vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl, erhalten bleibt.

Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen _Marderfamilie_, stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade die Vielseitigkeit ihres Speisezettels -- Eichkatzen, Wildtauben, Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw. -- beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind.

Auch die kleine _Wasserspitzmaus_ wird des Fischraubes beschuldigt, und gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch 'mal ein Fischchen gönnen.

Über die _Wasserratte_, die im Gegensatz zu den bisher genannten Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein, zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen Verlust wieder auszugleichen mag.

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Aber _gefiederte_ Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte -- leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig. Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein.

Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um _einzeln_ lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche Vögel, die _in größerer Menge_ auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt, ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.

Wer den _Eisvogel_ aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt, dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen. Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen begegnet. Ihn _überall_, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?

In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher. Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden, hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte, verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen.

Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom 3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg, Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren.

[3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein »Wasservogel« -- und als solcher nur wäre er jagdbar -- ist er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz nichts.

Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen sollte -- »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter! Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen und malen zu lassen -- wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben in freier Natur ersetzen! -- da war die Nachfrage nach Eisvögeln besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am Leben!««

Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung der Eisvögel hat _Liebe_ angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen _Ecksteins_ überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung.

Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde -- der Stadtrat bzw. die Amtshauptmannschaft -- ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.

Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der _Wasseramsel_. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht, aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer mit Vergnügen an sie denken.

Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend, all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten dich nicht!«

Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling. An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen, wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen Schutz nimmt.

Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe, namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.

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Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der _Schwarzstorch_. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.

Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von Fischen ist.

Unser gemütlicher Hausfreund, der _weiße Storch_ treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.

Auch für den _Fischadler_, der besonders das norddeutsche Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder verschwunden!

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Neben den bisher angeführten nur _einzeln_ auftretenden Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die _kolonienweise_ brüten. Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und _ein Kampf bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich_.