»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
Part 4
In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen _Tieren_ eine Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der allgegenwärtigen Muse der Poesie« _Gemeingut der Menschheit_. Ja die Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen -- ich meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden -- kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a.
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Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen Volke am nächsten stehen, die _volkstümlichsten_ sind. Dabei schalte ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen dringend des _allgemeinen Schutzes_, sollen sie nicht in längerer oder kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden.
Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen, ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber ich meine, auch die _Volkstümlichkeit_ mancher Tiere -- ich denke z. B. an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, an alle Eulen -- sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten.
Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen Fabel ist entschieden der _Fuchs_. Schlauer und verschlagener als alle andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft im Museum? Das wäre doch traurig.
Oder der _Storch_. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich 'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre. Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten.
Freilich die _großen Raubtiere_ sind längst aus unserm Lande gewichen. Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der _Bär_, der grobe, aber gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt, in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit »Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels, Bärenhecke, Bärenburg u. a.
Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut, hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite, so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und -- »immer noch eins« tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen, den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre -- es steht mir die Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung -- noch immer 245 Bären erlegt.
Mit dem Bären ist vielleicht der _Dachs_ am nächsten verwandt. In Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle. Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat, muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.
Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist. Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das sich eines solchen Vorzugs erfreut.
Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen, auch nicht mit dem Bär, ist oder war der _Wolf_. Wir hören noch gern die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm, der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück.
Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J. 1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden, von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei; ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog. »Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.
Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.
Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe 6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist, so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte. Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, Bd. 9, S. 97 ff.
Auch der kleinere Vetter, der _Fuchs_, hat viel unter der Feindschaft des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.
In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen, gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im Eisen zu fangen -- ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein feiner »Silberfuchs« ist -- andererseits wird solch hoher Preis den Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen, die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze.
In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit einiger Zeit begonnen, die _Bedeutung der Raubtiere_ mehr und mehr einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten, keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt.
Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich die Jäger noch oft, wie _Löns_ schreibt, in einem mittelalterlichen Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.
Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den _Luchs_, der in Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre Hausmiez, nicht um die _Wildkatze_. Diese ist bis auf wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.
Und nun unser gemütlicher _Igel_. Wer kennt es nicht, das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:
»... welch schöne Augenweide! Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«
Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:
»Ja, also ist's! und schelten auch die einen Voll Hohn dich eine Borstenkreatur, Ein struppig Stacheltier -- so mußt du wandern: Als Seidenviehchen loben dich die andern.«
Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird -- man sollte es kaum glauben -- gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte Wohlwollen entgegenzubringen.
_Lampe, der Hase_, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.
Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind schon alle _Rothirsche_ abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall war.
Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der _Hirsch_, von dem die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche _Reh_, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd lebten -- im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer -- so war doch die Jagd von großer Bedeutung für sie.
[2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich gehoben zu haben.