»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
Part 3
Im Gewänd kletternde _Hausziegen_ mögen, aus weiter Ferne gesehen, einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild, und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen _Haustieren_ eine große Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.
Wir brauchen nur an die buntscheckigen _Rinder_ zu denken, die auf dem grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume ruhen, an die blökende _Schafherde_, die langsam am Berghange hinzieht, an die munteren _Fohlen_, die sich in der Koppel nach Herzenslust tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße.
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Den kaltblütigen Wirbeltieren, also _Kriechtieren_, _Lurchen_ und _Fischen_, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.
Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz unwichtige Rolle. Ich meine gewisse _Froschlurche_, den Wasserfrosch, den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere, namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße ist hervorragend, man muß es ihm lassen.
[1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.
Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die _Frösche_, deren Chorgesang uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.
Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.
Auch der _Laubfrosch_, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes »äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.
Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der _Unken_, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll aus der Tiefe »ung, ung, ung ...«, feierlich, ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.
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Auch manche _Insekten_, namentlich wenn sie in größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir brauchen nur an die graziösen _Libellen_ zu denken, die jedem Gewässer, dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die _Bienen_ und die andern Hautflügler, die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der _Heupferde_ erinnern, die in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der _Grillen_, das so stimmungsvoll am Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.
Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der _Tagschmetterlinge_. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!
Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel, Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.
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Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie, die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum, die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten -- schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt ist die Heimat und mit ihr unser Leben.
Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.
Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln
Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte, da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen, wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier dicht an den Steilhang hinandrängt.
Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die _Tiere der Heimat_ waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber auch alle.
Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag schwimmend im Luftozean.
Aber auch _Haustiere_ fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.
Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich -- frage nicht weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein weises Geschöpf!
Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die _Tiere_.
Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn aufgebaut hatte -- die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte -- _so bringt auch heute noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren entgegen_. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:
»Solch blüend alter frisch, Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist, Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt, Da es, zu dem ein gfallen trägt.«
Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt wagen.
Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in _den_ Geschichten, in _den_ Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.
Als ich ein Kind war, da standen mir -- ich muß es gestehen -- die Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.
Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!« rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und unten der Kleine, der zu ihm aufschaut.
Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran hinweisen kann, daß _das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas Triebartiges an sich hat_ und sich am reinsten in der Kindheit offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es uns klar, warum die _Tiere_ eine so große Rolle in _Sage_ und _Märchen_ und _Fabel_ spielen und warum der _Aberglaube_ des Volks sie mit einem Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.