»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«

Part 16

Chapter 163,367 wordsPublic domain

Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten. An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten.

Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil, oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht -- die Schlangen nämlich. Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte, machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff. Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach, mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. _Anerzogen_ ist diese Furcht, _nicht angeboren_, das behaupte ich aus vollster Überzeugung.

Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die _Zuneigung zu allen Geschöpfen_, eine Tatsache, die in wirklich rührend naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt, wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter beherrscht.

Die _Kreuzotter_ -- es kann nicht oft genug wiederholt werden -- ist die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis 60 ~cm~; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 ~m~ mißt, nie eine Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie, die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz, der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren _Ringelnatter_ kann man die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe.

Wenn behauptet wird, auch die _Kröten_ seien giftig und sie schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht, im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt, wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben. Ähnlich verhält es sich mit dem _Feuersalamander_, der ja auch als giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann, je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!« so heißt es ganz allgemein.

Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten, so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen den _Aquarien-_ und _Terrarienvereinen_ manche dankbaren Aufgaben. Wie man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten, vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben, ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten.

Namentlich wenn es sich um besondere _Seltenheiten_ handelt, sollte man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte, die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse, die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen. Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden, wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen.

_Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt_ muß das gemeinsame Ziel aller Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine ideale Aufgabe, um

_Schutz den Schutzlosen_!

Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine

Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem »Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab -- unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat -- während die Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren, natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier, auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen, etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn der Dichterworte:

»Aber du Frühlingswürmchen, Das grünlichgolden neben mir spielt, Du lebst und bist vielleicht Ach, nicht unsterblich?«

eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke, den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen. Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui, die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre Entstehung.

Unter den Käfern spielt natürlich der »_Sohn des Mai's_« bei unsrer Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen. Habe es auch nicht anders getrieben -- selige Kinderzeit, wo man sich reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte!

Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«. Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor.

In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten, zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat.

Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der goldig-grün glänzende _Rosenkäfer_, wie er mitten in der duftenden Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie den verschiedenen _Marienkäferchen_ oder Sonnenkälbchen, die uns für heilige Tiere galten.

Auch der seltene _Puppenräuber_ war unser Stolz, nicht weniger so mancher _Bockkäfer_ -- der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen riesigen Fühlern -- alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz, an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß, die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in den Sinn.

Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen Käferwelt, die _Hirschschröter_, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei _Schwimmkäfer_, den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer. Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß, verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit.

Das höchste Entzücken haben mir aber die _Leuchtkäfer_ bereitet, die »Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen, gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle, dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen, ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles Wunder, das mich immer wieder beglückt.

Mit den Jahren erwachte natürlich der _Sammeltrieb_ in mir; wir Jungen spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die _lebenden_ Insekten beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.

Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen. Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum Selbstzweck werden; die _Beobachtung des lebenden Insekts in freier Natur_ muß immer die Hauptsache bleiben.

Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben, wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer -- »Schmiede« sagten wir Kinder -- wie sie, lebendige Stehaufchen, so lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen, die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken eine so seltsam piepende Musik erzeugen, -- und du hast mehr erlebt, als dir die Sammlung zu geben vermag.

Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer, »Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen, daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen! Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen, ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb, als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als -- die Kindesseele.

Auch _Schmetterlinge_ habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum, einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden, namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten, bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben -- ewig schade, daß wir heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!

Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster- oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu erbeuten, so waren wir glücklich.

Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen. Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst nachteilig.

Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts Ersprießliches entspringt -- in den meisten Fällen wenigstens. Nicht übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch kaum pädagogische Gründe -- wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln, wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten -- nein, Schutz der Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann.

Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen, so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung soll kein Museum sein.

Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge entschwinden.

Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.