»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«

Part 15

Chapter 153,412 wordsPublic domain

Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach _Nutzen und Schaden_, so sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen, weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich, heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen. »Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da? Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes an ihr finden, und das sind -- erschrecken Sie nicht! -- ihre Augen.«

In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für das weibliche Wesen.

Doch zurück zur Frage nach _Nutzen_ und _Schaden_. Raubtiere sind sie alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden von allen _Lurchen_ die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken, Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser _Wasserfrosch_, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art, Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles würgt er hinunter. Der zierliche _Laubfrosch_ hat es auf Fliegen, Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen. Die _Kröten_ und _Unken_ leben gleichfalls von Insekten, Asseln, Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.

Auch unsre _Kriechtiere_ sind Räuber; sie erjagen lebende Beute. Die _Kreuzotter_ nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen, auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet; selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die _glatte Natter_, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen Jagd, während die _Ringelnatter_ mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen, etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind Schreckfarben -- natürlich nur in der Tierwelt. Die _Eidechsen_ sind hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere Artgenossen, während die _Blindschleichen_, schwerfälliger in ihren Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen angewiesen sind.

Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt bleiben.

Besonders groß erscheint mir der Nutzen der _Kröten_. In Gärten, besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden.

Unsre Kaltblüter haben eine große Menge _natürlicher Feinde_, infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet, und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die _Eidechsen_ werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen, Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der _Kreuzotter_ hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt, ebenso vom Igel.

Den _Lurchen_ geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen, Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen. Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer.

Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht, denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. _Den Menschen_ trifft die _Schuld an der Verödung_ der Heimat, an der Vernichtung ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die _Landwirtschaft_ heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt, daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt, Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder dem Untergange preisgegeben. Die _Forstwirtschaft_ begünstigt immer mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes, eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer zugeschüttet wird. Die _Industrie_ ist unsern Tieren auch feindlich gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer seltener werden, ja aussterben?

In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens« kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen. Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden: ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei!

Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche Rücksichtnahme auch führen?

So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen, eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es unbedingt nötig ist, gerade _den_ Graben zuzuschütten oder mit Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer fallen sollte.

Vielleicht ließe sich auch auf _gesetzlichem_ Wege etwas für unsre Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert. Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen so hart bedrängt werden, die Schlangen -- natürlich mit Ausnahme der giftigen Kreuzotter -- die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten, die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten, so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern. Warum soll nur _der_ zur Verantwortung gezogen werden, der sich an einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht?

Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir auch von einem _Reptilien- und Amphibienschutzgesetz_ manches Gute. Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden.

Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen _Belehrung_ und _vernünftige Erziehung_. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster Stelle von den Eltern. Die _Schule_ hat es bereits bewiesen, daß es ihr Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen. Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden, die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen, und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen, sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen wie für unser ganzes Volk zukommt.

Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten, die _lebenden_ Wesen: die Blume am Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende« Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien, von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es ist der richtige, und er muß zum Ziele führen.

Aber das _Elternhaus_ hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«

Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche, ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen Kinder!

Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte. In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir, sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne, totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte. Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst lerne man die drei Schlangenarten -- es handelt sich tatsächlich im wesentlichen nur um drei Arten -- sicher unterscheiden, und dann, meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.

Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde.

* * * * *

Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern. Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen.

Freilich nur die _Kreuzotter_ erfreut sich in unserm Vaterlande allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei, viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und die Aspisviper namentlich in Südtirol.

Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben; die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein.

Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die _Schlangenfurcht_ sei dem Menschen _angeboren_, ganz entschieden _widersprechen_. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen« herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen gegenüber verhält sich das Kind nicht anders.