»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«

Part 14

Chapter 143,411 wordsPublic domain

Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß der _Kreuzschnabel_, den die Gebirgsbewohner so gern im engen Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe. Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn übergegangen sind.

Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller, Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert _Elstern_ im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster, Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird, gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die Medizin bekommen sei.

Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die »hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil. Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.

Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens.

Bekannt ist das _Kuckucksorakel_: so viel mal der Vogel ruft, so viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat, wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.

Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen, die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert, auch wenn man sie als Dummheit erkennt.

Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde, gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So ward sein Bote, der Kuckuck, zum _Lebensvogel_, den man nach der Zahl der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen. Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch' vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.

Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« -- »Geh zum Kuckuck!« -- »In Kuckucks Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem -- unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit.

Rechte Hexentiere sind auch die _Eulen_, die einst als Sinnbild der Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher, wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn, die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören.

Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der niedliche Steinkauz.

In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -- es war in der Lausitz -- von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen: »Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben.

Eine mittelalterliche _Hexenküche_ ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte, Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.

Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest -- jahrtausendelang fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett.

Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!

Unter den Wirbeltieren sind die _Kriechtiere_ und _Lurche_ die einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«. Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern -- nur die _Kriechtiere und Lurche_ sind _rechtlos_, »_vogelfrei_«, der Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur Beute wird, bis auf den letzten Rest.

Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich die Vogelwelt allenthalben genießt?

Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht, von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe, wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.

Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise, vielen Menschen _Ekel und Abscheu_ ein. Die schwerfälligen Bewegungen der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen; aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem recht sein.

Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die falschen -- entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen, so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.«

Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die _Lebensweise_ der Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten, in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein Wunder daher, daß sich der _Aberglaube_ ihrer bemächtigt hat, mehr als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf jeden Fall aber ist's etwas Böses.

Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -- meine Leser rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu kennen -- die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind; aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt, liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und Lurche empfindet.

»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!« wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der Volksglaube.

Der _Haß_ gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein; jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt, findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm.

Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den Verachteten und Verfolgten, daß sie _Kinder der Natur_ sind, unsrer gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten, dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«, daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll! Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur, die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein _Heiligtum_ sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit.

Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser, sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten: das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein, die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur?

Von mancher Seite hat man der _Terrarien- und Aquarienliebhaberei_ den Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage. In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen. Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen, Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat. Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen Stubenvögel.

Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun _Fänger von Profession_ diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen, indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art. Der _Händler_ nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen. Wirkliche _Raubzüge_ werden gegen die heimatliche Natur unternommen. Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang, wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu erniedrigen, ist ein Unrecht.

Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher, der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter, den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst wieder Ersatz.

Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen, die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind. Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch »Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig.

Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag geben.