»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
Part 13
Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom _Kuckuck_, unserm lieben Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen _Sperber_ verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte; der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes Rotkehlchen stürzte.
Schon zu des seligen _Äsops_ Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch _Aristoteles_ erwähnt den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit entgegentritt. _Plinius_ aber muß den großen Gelehrten mißverstanden haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk glaubt heute noch an das einfältige Märchen.
Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen.
Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht irregeführt.
Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume, besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten _Geßner_ heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters.
Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen _Winterschlaf_ hier in ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie -- namentlich die Wachteln -- von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär.
Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das Winterquartier von _Schwalbe_ und _Storch_. Diese Vögel sollten auf dem Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht in _Kleins_ »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf, wenn weit über zweihundert Jahre früher _Luther_ in seiner Erklärung zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte _Geßner_, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt ... »welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der auferstentnuß vnserer cörpeln.«
An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint, nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser, auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum Winterschlaf niedergelassen. Auch _Lenz_ ist überzeugt, daß diese Vögel in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten.
Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt, daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen -- sehr verhängnisvoll waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 -- nicht nur einzeln, sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub, unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste Hund findet nicht jede einzelne Beute.
Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu tun hat -- nur das ewige Leben teilt es mit ihm -- sei hier erwähnt. Dem _Sperling_, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß er elend umkommen müsse.
Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling; doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten, und -- nun kommt die Hauptsache -- so dumm ist unser Spatz, »der Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu wehren.
Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete Glaube, das Nest des grünen _Erlenzeisigs_, der so gern als Stubenvogel gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.
Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern, die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat. Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann.
Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne, so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu machen.
Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe, Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den »_Adebar_«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß, glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus eine nahe _Hochzeit_ oder _Kindersegen_ bedeuten, daran hält man in unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes, die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen -- natürlich nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht.
Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes Storchenpaar jede _Feuersgefahr_ abwende; namentlich wird der Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit; noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so wertvoller.
Fast ein _heiliges_ Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm ein Junges raubt -- Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja, der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen, daß selbst Forstbeamte -- es sei ihnen zur Ehre angerechnet -- davon abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind, daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet, indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken. Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht er zum Glück vereinzelt da.
Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die _Rauch-_ und die _Mehlschwalbe_, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund.
Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück, und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen; für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter, anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und beschmutzt die Moscheen.«
Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert. Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.
Schwalben erfreuen sich auch als _Wettervögel_ eines besonderen Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort: »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.«
In der _Volksmeteorologie_ spielen gerade die Vögel eine hervorragende Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die -- wenigstens teilweise -- mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören.
Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung, so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen, wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a. ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. _Wetterregeln_, aus Beobachtungen an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie beim Lotteriespiel ist's: der _eine_ Gewinn läßt die Unmasse der Nieten verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden.
Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden.
Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient. So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner prophezeien einen späten Winter.
Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig ruft.
Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet. Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon _Älian_, und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht behalte, den schönen Reim ersonnen:
»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, Ändert sich's Wetter oder -- 's bleibt, wie's ist.«
Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten. Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge.
Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter, der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große Brachvogel -- er wird geradezu »Gewittervogel« genannt -- Misteldrossel und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine, Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz, Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan, Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute Wetterpropheten sind.
Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen, handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere Zeit fortgesetzt worden wären.
Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November, meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's Schnee in Menge.
Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der _Volksmedizin_ früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben. Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem Tierreich entnommen wurden.
Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn, Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter.