»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«
Part 11
Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus, ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird, während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull, den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst verwenden Buchfink und Goldhähnchen -- kurz, jeder Vogel hat eine ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.
Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet, eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind? Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den Vögeln geübten Baukunst entspreche.
Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen Baumstocks u. dgl.
Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen; ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume, wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein.
Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«, verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern. Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.
Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«, welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.; auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar, meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen, dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung eines zierlichen Napfes.
Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz, Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben, ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus. Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern, innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche schließlich das weiche Federpolster folgt.
Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt, wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr geschickt eingewebt waren -- sie standen auf weißstämmigen Birken --, ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt, daß es weithin erkennbar war.
Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß die Eier so leicht nicht herausfallen.
Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete.
Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren. In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum Besitz zu nehmen.
Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen, Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl. ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines, braungelbliches Gewebe herzustellen.
Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun, wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte.
Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen -- meist ist es Straßenkot -- eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt; dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt, daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern, sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten, Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren.
Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen, daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird.
Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen, belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird diese Verteilung der Arbeit bestätigen können.
Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen, meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester, indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen, ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache, und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin aufzufordern: nun ist es Zeit.
Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der meisten Nester -- »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den Freibrütern -- ich denke an Schwalben, Störche u. a. -- lernen es die Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den Nestrand befördert wird.
Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das lustige Sprüchlein:
Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei', Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!
Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz
Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen Jahre konnte ich mich -- genau wie 1911 -- wenigstens einigermaßen mit dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag« (18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.
Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten, von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür, welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger konnte ich natürlich noch nicht erwarten.
Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in meine »unblutige Schußliste« einzutragen.
Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit, während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen, schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und -- eine besondere Überraschung, daß er schon da ist -- ein Gartenammer oder, wie er gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum, ließ sich aber nicht hören.
Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens, umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht, hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse, die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher, taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften.
Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen. Da fesselt ein _grünfüßiges Teichhühnchen_ meine Aufmerksamkeit. In prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an der Stirnplatte ihr zukehrend -- aber plötzlich sind die beiden verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im Schilf unter dem Wasser festhaltend.
Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche. Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen.
Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden, tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften fliegenden Arten Ordnung zu bringen.
Die _Bläßhühner_ freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte. Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen, oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend, über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.
Unter den Enten sind die zierlichen _Tafelenten_ die häufigsten; mein Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«, was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin es den Weg nimmt.
Auch die kleinen _Krikenten_ sind in großen Scharen vertreten. Das Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht, aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt; denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.