»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser«

Part 10

Chapter 103,635 wordsPublic domain

Die nächsten Verwandten des Igels, die _Spitzmäuse_, sind Gnomengestalten, die kleinsten unter den Säugetieren; ja das winzigste Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, wird nur 9 ~cm~ lang, wobei das Schwänzchen sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 ~cm~, wovon reichlich 4 ~cm~ auf den Schwanz kommen; der kleine Finger des Menschen ist meist noch etwas größer. Alles ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das rüsselartig verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das Fell so weich, ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen gibt. Und gar erst die Zähnchen: köstlich diese winzigen Gebilde, 32 an Zahl, dolchspitz, scharfhöckerig; gleich den Schneiden der Schere passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen der harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, geschaffen und zum Zerschneiden von Haut und Muskeln der kleinen Beutetiere geeignet.

Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse verstehen sie auch zu führen, und eine Tapferkeit, ja Todesverachtung steckt in diesem Pygmäengeschlecht, daß kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie eben nicht zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn sich ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! Jede Maus wird angefallen und bald überwunden. Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben, das kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den Besiegten. Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht auch das Schwänzchen. Die Zähne vermögen selbst die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken. Erbitterte Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den nächsten Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind tot, das sie entwöhnt hat, wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, und frißt es mit Stumpf und Stiel -- nun wird's das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, die Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins fühlt sich sicher vor seinen Genossen; es kommt nur darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt geht vor Recht.

Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit Gewalt erobert, ein Mauseloch ist's. Der rechtmäßige Besitzer ist den Weg alles Fleisches gegangen und seine hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer Buche, einer Eiche oder eine kleine Bodenvertiefung zwischen allerlei Pflanzenwust zur Aufnahme ihres Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, nackt und unbeholfen, blind noch und zahnlos. Piepend und winselnd suchen sie nach dem Milchquell, wenn die Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen legt. Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das saugende Atmen vernimmt die glückliche Mutter, bis schließlich eins nach dem andern die Zitze freigibt. Nun sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter kann auf kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung zu sorgen.

Nach vier Wochen schon wird sie von der kleinen Gesellschaft begleitet, meist gegen Abend, wenn die Sonne zur Rüste gegangen ist. Fürs helle Licht taugen die Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie vollständig im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im Dunkel der Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem Auge, vielleicht auch nur selten dem Ohr; in dem Rüsselchen haben sie, was sie bedürfen, einen feinen Spürsinn und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des Bodens verrät, die solch' kleine Beute verursacht. Die Spitzmäuse sind ausschließlich Fleischfresser; sie verhungern lieber, als daß sie irgendwelche Pflanzenkost anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen zu den nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich groß ist. Hunger längere Zeit zu ertragen, wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer Spitzmaus unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem kleinen Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs nicht zu vergleichen!

Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter und guter Dinge; von einem regelrechten Winterschlaf wollen sie nichts wissen. Ja ich habe die kleine Gesellschaft nie so lebhaft gefunden, wie gerade in der kalten Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den Feldern und Waldrändern herein nach den Ställen und Schuppen der Landwirte, huschen nach Mäuseart überall herum und suchen, wie sie ihren Hunger stillen. Im verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so manche Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier zur langen Winterruhe zurückgezogen; Spinnen gibt's auch überall, und wenn man Glück hat, läuft einem auch ein Mäuschen über den Weg -- dann wehe dem kleinen Nager!

Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den Menschen. »Mäuse« sind's, denkt der Bauer und schlägt sie tot oder zertritt sie roh mit dem Stiefel. Da sind Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger, als ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und Mäuse können die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich der Kater läßt sich auch täuschen, doch nur im ersten Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie jedes Mäuslein und beißt sie tot -- ein kurzer Aufschrei, dann ist alles vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein Opfer unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als habe er etwas Unreines berührt. Und der Spitz? Er fährt wohl auch auf das samtige Tierchen los, aber er packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu gehört, um zu erkennen, um wen sich's hier handelt. Einem anständigen Hund ist nichts widerlicher, als solch mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret -- pfui Pudel! denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich sie selbst doch auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen duften. Nur die gefiederten Mäusejäger, die Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso die nächtlichen Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar Schnabelhieben wird die Beute getötet und zerteilt, oder sie schlucken das ganze Tierchen auf einmal hinunter, wie wir eine bittere Pille; da merkt man von dem Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig.

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Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher Gesell; er lebt unter der Erde, und nur in der Nacht erscheint er bisweilen an der Oberfläche: der _Maulwurf_. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein und so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen ist in dichten Pelz eingehüllt, an dem weder Nässe noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten, die Spitze des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens schauen aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen versteckt und ebenso die winzigen Äuglein. Der Plüschanzug kommt nie aus der Ordnung, mag sich sein Träger vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; denn es fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich ein »Wirbel«, wie sonst im Fell glatthaariger Tiere. Und wie schön ist die Färbung des Kleids, oft tiefschwarz mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd, oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder gelblich; selbst weiße Maulwürfe finden sich, regelrechte Albinos, wenn auch nur selten. Und weiter, die Unterseite ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht behaart wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt.

Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin mit zu den Pelztieren, eine Ehre, die Tausende schon mit dem Leben bezahlt haben. Aber wie klein sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für den Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es die Mode gebietet. Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk war, wenigstens in den Jahren 1919 und 20, so stark, daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden -- 20, ja 25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias vom Rittergut sehen mögen, wenn er das gehört hätte; die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde entfallen, und wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen Maulwurf bezahlt hat. Der Alte verstand seine Kunst. In die Laufröhre, gleich neben dem aufgestoßenen Erdhaufen, senkte er die Drahtschlinge, befestigte ganz lose das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief in die Erde und zog ihn mit einem Strick zu der klug ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans Leben, du unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden nur ein wenig an den hinterlistigen Haken, gleich wippt die Schlinge empor und erwürgt bist du, noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist.

Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk gepfuscht und manche Falle zerstört; denn ich hatte es gelesen, was Bechstein und Lenz von dem Maulwurf erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei, da er Regenwürmer und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit sei's, wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich vor ein paar Jahren zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe lauerten auf Feldern und Wiesen dem unterirdischen Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu als Jagdrevier gegen ein schönes Sümmchen verpachteten. Glaubt der Bauer wirklich, daß dieser Judaslohn hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört ihr Handwerk treiben können, der jungen Saat zufügt! In mancher Gegend hat dieser Unfug schon dazu geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, über die du dich oft so geärgert hast, bist du los, dummer Bauer, aber ebenso deine besten Bundesgenossen im Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt. Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht es ist, den Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat man ein Gesetz zum Schutze dieses Insektenfressers geschaffen; in Sachsen freilich ist eine gleiche Gesetzesvorlage unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk wieder abgewandt hat, die Fellchen infolgedessen im Preise außerordentlich gefallen sind und so der Anreiz zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht.

Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher Seite stark angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; Regenwürmer aber sind nützliche Tiere, die den Boden düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber diese Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch recht merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die jungen Pflänzchen massenhaft hinab in ihr unterirdisches Reich ziehen und dann von den verwesenden Stoffen leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur Regenwürmer, sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen schlimmen Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre tiefer gelegenen Schlupfwinkel, wohin sie sich in der kalten Jahreszeit zurückziehen. Denn zu den Winterschläfern gehört der Maulwurf ebensowenig wie die Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost die oberste Schicht der Erde in Bann hält und der Bauer denkt, es ist draußen alles Leben erstorben, arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum Nutzen des Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit nur allzuoft mit Undank vergilt. Auch bei lang anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die Engerlinge und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde eingraben, verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe dahin. Es wird behauptet, daß er für die Zeit der Not auch Nahrungsspeicher einrichte, wie weiland Joseph in Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen seiner unterirdischen Gänge. Weil er aber tote Tiere nicht gern frißt, sondern allezeit frisches Fleisch haben will, so bringe er den Würmern nur einen Biß bei, der die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen können. Man will Hunderte von Würmern in ganzen Haufen beieinander gefunden haben, denen ihr Feind die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog. »Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es weniger der Biß selbst, als der Speichel des Maulwurfs, der die Lähmung der Würmer verursache.

Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, wie das aller kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, und deshalb kann sein Nutzen nach dieser Richtung hin nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem durchlüften seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum Vorteil gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen aufwirft, wird man ihm leicht verzeihen können; mit dem Rechen läßt sich alles schnell in Ordnung bringen. Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien ein paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras der Wiese über dem einen oder andern Reviergang des Insektenjägers nicht recht gedeihen will, weil die Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel bedeuten. Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht dulden; aber nach Falle und Galgen braucht man nicht gleich zu greifen. Es gibt andre Mittel, durch die er sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum getränkte Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert man seine Gänge damit, so vergrämt man den Maulwurf. Noch sicherer ist es, um kleine Blumenbeete Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß tief einzugraben; sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als daß er ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ.

Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige Höhlung, liegt etwa einen halben bis dreiviertel Meter unter der Erde, an einer Stelle zumeist, die schwer zugänglich ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, Moos, Stroh ist die Höhle gepolstert; denn sie dient nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur Schlaf- und bisweilen zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere Gänge, die meistens wieder untereinander durch einen Rundgang verbunden sind. Diese Gänge vereinigen sich in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach dem Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt sich ein Gang in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen und gleichfalls jene Laufröhre zu erreichen. Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber geglättet; denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch gewonnen, daß der Maulwurf Erde auf die Oberfläche befördert, sondern dadurch, daß er mit seinem walzenförmigen Körper den lockeren Boden zusammendrückt.

Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf das Jagdgebiet beschränkt, das oftmals 60 oder 80 ~m~ vom Wohnkessel entfernt liegt. Dieses Revier durchwühlt der Maulwurf nach allen Richtungen hin gründlich. Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen mit Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. Wenn er »aufstößt«, bleibt er aber in weiser Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind überrascht und gepackt, vom Fox, der schnell seine Schnauze in die lockere Erde stößt, oder vom Storch, der mit dem Bajonettschnabel tief in den aufgeworfenen Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, was dreimal am Tage, früh, mittags und abends, mit genauer Zeiteinteilung geschehen soll. Schnell das Grabscheit in die Erde stoßen und herauswerfen, was es gefaßt hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft und ist dann verloren.

Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen. Sie sind, eben geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne, nackt, ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen zu vergleichen. Dabei sind sie dick und wohlgenährt, rundlich, und die fein gefaltete Haut ist trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet. Nach zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum überzogen, durch den die rosige Haut aber noch immer durchschimmert, bis sich die Haare zu dem weichsten Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen vergehen, dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei und verfüttert sie stückweise an ihre Kinder. Droht eine Gefahr, so gräbt sie in Eile eine andere Höhle und trägt ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich Hochwassergefahr, aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, den Vater nicht ausgenommen, veranlassen die Mutter zu solcher Fürsorge. Nach vieler Mühe sind die Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf ihren Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach dem andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges Leben beginnt. Noch ein zweites Mal wirft die Mutter vier oder fünf Junge, die aber erst im kommenden Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen.

Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau sich den Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen angepaßt hat, wie der Maulwurf. Oder richtiger: beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so deutlich erkennen, wie wohl bei keinem andern Säugetier. Zur unterirdischen Wühlarbeit hat die Natur den Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die Vorderfüße sind zu wirklichen Händen umgebildet worden mit fünf Fingern, an denen krallenartige Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper, die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben gerichtet. Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, daß der walzenförmige Leib des Tieres in dem gegrabenen Tunnel gerade Platz findet. Kräftig sind jene Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und Unterarm darstellend, ist ganz im Körper verborgen. Starke Muskeln treten von dem gekielten Brustbein an die Knochenwülste der Arme heran und vermitteln diesen die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die Hintergliedmaßen sind viel schwächer; sie haben den Körper nur vorwärts zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche Füße mit Zehen und Sohlen, wie sie auch Igel und Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig gebildet sind Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen Bohrmaschine zu erleichtern.

Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein Stecknadelkopf, zu dem unterirdischen Leben passen, liegt auf der Hand. Im Dunkel der Erde sind sie ganz überflüssig, und wenn auch der Maulwurf in der Nacht aus seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell und dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er nicht; das Geruchsorgan und der feine Tastsinn seines Rüssels verraten ihm, was er zu wissen bedarf. Die Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter für Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der Boden die Schallwellen weit besser als Luft. Noch manche andere Anpassungen lassen sich auffinden: die Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf eine gewisse Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit an; die Hautfalte der Oberlippe, die sich an die Unterlippe fest anlegt und den Mund vollkommen abschließt, daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die demselben Zweck dient usw.

Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte.

Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! _Igel_, _Spitzmaus_, _Maulwurf_, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat verdrängt sein sollte!

Vogelnester

Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art baut bisweilen ganz abweichend -- bald frei in luftige Höhe, bald auf den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle -- immer aber versteht er es, sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte.

In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden; die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten, in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte, einer Holzklafter usw.

Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer es wüßte!