Mein Weg zu Martin Luther

Part 3

Chapter 31,617 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Gotha. Da sah ich zum ersten Male die Wartburg niederschauen in das schöne Land, und geschichtliche Erinnerungen mancher Art erwachten. Da trat auch die Gestalt Martin Luthers lebhafter vor meinen Geist, und plötzlich entstand in mir der heftige Drang, meine Fahrt zu unterbrechen und das Burgjuwel Thüringens kennenzulernen. Bald sah ich aus der freundlichen Restaurationshalle hinab in das weite, waldgrüne Gelände, durchschritt Säle und Hallen, und stand endlich seltsam ergriffen in dem kleinen, schlichten Raume, in dem einst der glaubensstarke deutsche Mann als auf seinem Patmos gewohnt und die Bibel übersetzt hatte. An diesem Tische, auf dem meine Hand ruhte, hatte er gesessen, an dem Fenster, aus dem ich hinausblickte in das liebliche Land, hatte er gestanden -- -- es umwehte mich wie ein Hauch seines Geistes mächtig und ergreifend; hatte er doch unter ungleich schwierigeren Verhältnissen einen ähnlichen Kampf durchstritten, wie ich ihn kämpfte, war trotz Acht und Bann siegreich geblieben und hatte sogar eine Erneuerung gebracht im Glauben, die in Millionen Herzen weiterlebte. Ich habe nachmals aus verschiedenen interessanten Anlässen die Wartburg besucht, aber niemals jene Erhebung mitgenommen, wie damals aus der kleinen Lutherstube. Mit gehobener Seele, freudigen und zuversichtlichen Sinnes schritt ich talabwärts; mir war, als habe ich einen Helfer gewonnen in meinem Kampfe, der mich jetzt schon zu erlösen schien aus meinen Seelenängsten, und ich gab mich der schönen Erwartung hin, auch weiter den Weg zu ihm zu finden.

Wohl fand sich auch in Gotha zunächst keine Stellung für mich, und die Losung lautete: Abwarten -- aber eines vermochte ich nicht aufzuschieben: Mochte es kommen, wie es wolle -- es gab kein Zurück mehr für mich, und so schrieb ich an den Abt von Tepl und teilte ihm meinen Austritt aus der klösterlichen Kongregation mit. Ich tat es mit schwerem Herzen um des edlen, guten Mannes willen, den ich aufrichtig verehrte und dem wehe zu tun mir hart ankam; ich öffnete ihm meine ganze Seele und ließ ihn hineinschauen in die bangen schweren Kämpfe, die ich durchstritten, und die mich endlich zu dem Entschluß führten, lieber ein guter, ehrlicher Mensch, als ein schlechter, unehrlicher Mönch zu sein.

So war das Band mit der Vergangenheit zerrissen, und mit Mut und Vertrauen sah ich in die dunkle Zukunft, nur einigermaßen besorgt wegen der sehr bescheidenen Mittel, die mir zu Gebote standen. Ich hatte weder Meßstipendien unterschlagen noch mir einen Vorschuß zahlen lassen, wie das führende klerikale Blatt Oesterreichs, die Wiener »Reichspost« in einem verleumderischen Schmähartikel erzählte, sondern nur geringe Ersparnisse, so daß ich mein Mittagsmahl in der »Herberge zur Heimat« unter fahrenden Handwerksburschen zum Preise von 25 Pfennigen einnahm; aber ein gütiger Himmel half auch hier. Ich hatte mich u. a. dem Generalsuperintendenten Dr. Petersen vorgestellt, der mich mit zuvorkommender Höflichkeit empfing und selbst in das Haus des Hofpredigers Dr. _Gustav Schweitzer_ als einen »Protegé Seiner Hoheit« einführte. Dies Haus ist mir nachmals eine zweite Heimat geworden. Zum ersten Male lernte ich ein evangelisches geistliches Haus kennen, und es wehte mich wohlig daraus an. Dr. Schweitzer hatte vordem mit hundert anderen deutschen Jünglingen (wie Fritz Reuter) den Traum von deutscher Freiheit geträumt und dafür auch sein Martyrium gehabt. Er hatte sich jahrelang als unstäter Wanderer durch die Welt geschlagen, hatte in Deutschland keine Stätte gefunden, um seinen Herd zu bauen, hatte sogar die Gastfreundschaft Dänemarks suchen müssen, bis der edle Herrscher von Coburg-Gotha ihm ein Asyl gab. Und hier wirkte er in seiner menschenfreundlichen Art, von der sich manches berichten ließe. Er war ein Priester nach dem Herzen Gottes, der Gottes- und Menschenliebe vereinte und in seiner Gattin dabei die treue und gütige Gefährtin und Helferin fand. Lebhafter als je erkannte ich den Irrtum des katholischen Priesterzölibats, das, abgesehen von den gar oft geradezu unsittlichen Folgen, den Geistlichen in seiner Gemeinde vereinsamt, ihn für manches in derselben ganz ohne Verständnis läßt, ihn seinem Volke und Staate entfremdet und in tausend Fällen unglücklich macht. Hier war Glück und Frieden im Hause, hier herrschte edle Gastlichkeit, und manches junge Menschenkind hat dies gleich mir erfahren, der nachmals wie ein lieber Verwandter aufgenommen und gehalten wurde, und der in einem freundlichen kleinen Gemache des Hauses sein erstes Werk auf deutschem Boden, den Roman eines Wissenden »Der Klosterzögling« schrieb. (Jena, Costenoble.)

Es lag nahe, ja es war mir ein Bedürfnis, daß ich in Gotha den evangelischen Gottesdienst besuchte, und er machte gleich beim ersten Male einen tiefen Eindruck auf mich. Die schlichte Einfachheit wirkte gegenüber dem äußeren Prunk des katholischen Gottesdienstes stimmungsvoll; die auch für den schlichten Mann verständliche Liturgie in deutscher Sprache war anheimelnd gegenüber den kalten lateinischen Lippengebeten, und der allgemeine Gesang der andächtigen Gemeinde hatte etwas Ergreifendes und Erhebendes. Immer mehr zog es mich zu dem evangelischen Bekenntnis, zumal ich ja aus der katholischen Kirche ausgeschlossen und infolge meines Austritts aus dem Kloster exkommuniziert, aber andererseits nicht geneigt war, als konfessionslos zu gelten. Ich unterhielt mich über die Angelegenheit mit Dr. Schweitzer, der, weit entfernt von Proselytenmacherei, wohl erkannte, daß ich ein Wahrheitsucher sei, den es fast unbewußt zu der Erkenntnis drängte, daß Luthers Werk dem christlichen Glauben wie dem deutschen Wesen entspreche. Auf Spaziergängen mit meinem wahrhaft väterlichen Freunde wurden in ruhiger Weise und frei von dem kleinsten gehässigen Hauche religiöse Fragen und konfessionelle Unterschiede erörtert, und endlich kam der Tag -- es war der 28. August 1872 --, an dem ich in der Schloßkirche den Uebertritt zum evangelischen Bekenntnis vollzog und das heilige Abendmahl empfing. Es war eine schlichte, stille Feier, der außer dem Ehepaar Schweitzer nur noch zwei Zeugen beiwohnten, aber das Herz schlug mir ruhig und glücklich, so ganz anders, als da ich in Tepl die bindenden Gelübde sprach.

Die klerikale Presse wußte in ihrer gehässig verläumderischen Art ihren Lesern später, bei Gelegenheit ihres ganz unwürdigen Kampfes gegen mein Schauspiel »Die Brüder von St. Bernhard«, dessen Tendenz auch nicht im mindesten »Los von Rom!« ist, zu berichten, daß ich meinen Austritt aus dem Kloster bereue und ganz unglücklich sei. Ich kann demgegenüber nur immer wiederholen, daß ich auch nicht eine Minute meinen Schritt bereut habe bzw. bereue, und daß ich an der Seite eines lieben, guten und treuen Weibes, das verständnislos im Beichtstuhl ausgeübter Fanatismus eines jungen Kaplans ebenfalls zur Lehre Luthers geführt hatte, ein wahres, schönes und ungetrübtes Glück genoß, bis sie der Himmel mir nahm, zwei Jahre vor unserem goldenen Ehejubiläum. Die Zuschriften aber von katholischen Priestern, die mich um Rat und Hilfe baten in ähnlichen Nöten, wie ich sie durchgekämpft, ließen mich stets aufs neue dem Himmel danken, daß er mich den Weg finden ließ zu Martin Luther.

Vom Verfasser dieser Schrift sind unter andern (die vergriffenen sind nicht aufgeführt) erschienen:

»=Der Klosterzögling.=« Roman 6. Aufl. (Jena, Costenoble.)

»=Marschall Vorwärts.=« Erzählung. 4. Aufl. (Stuttgart, Süddeutsches Verlags-Institut.)

»=Im Cölibat.=« Novellen. 2. Aufl. (Wien und Leipzig. Wiener Liter.-Anstalt.)

»=Der Ordensmeister.=« Epische Dichtung. (Berlin, G. Grote, Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller. Band 41.)

»=Lützow's wilde Jagd.=« Erzählung. 5. Aufl. (Leipzig, Abel & Müller.)

»=Deutsche Treue.=« Erzählung. (Ebenda.)

»=Los von Rom.=« Erzählung. 6. Aufl. (Stuttgart, Carl Müller & Cie.)

»=Die Brüder von St. Bernhard.=« Schauspiel. 10. Aufl. (Verlagshaus »Vita« in Charlottenburg.)

»=Der Abt von St. Bernhard.=« Schauspiel. 2. Aufl. (Verlagshaus »Vita« in Charlottenburg.)

»=Unlösbar.=« Schauspiel. (Verlagshaus »Vita« in Charlottenburg.)

»=Das Tagebuch des Mönchs.=« (Leipzig, C. F. Tiefenbach.)

»=Wenn die Schwalbe zieht.=« Novellen. (Leipzig. C. F. Tiefenbach.)

»=Die Siebenbürger.=« Schauspiel. (Leipzig, C. F. Tiefenbach.)

»=Die Einödpfarre.=« Schauspiel. (Leipzig, C. F. Tiefenbach.)

»=In gerechter Fehde.=« Gedichte. (Leipzig, C. F. Tiefenbach.)

»=Aus Tagen deutscher Not.=« Erzählung. 3. Aufl. (München, Georg W. Dietrich.)

»=Kaiser Rotbart.=« Erzählung. 2. Aufl. (München, Georg W. Dietrich.)

»=Mit der großen Armee.=« Erzählung. (München, Georg W. Dietrich.)

»=Unser Schiller.=« (München, Georg W. Dietrich.)

»=Komm den Frauen zart entgegen!=« Lustspiel. (Leipzig, Reclams Universalbibliothek.)

»=Vorwärts mit Gott!=« Dramatisches Zeitbild. (Leipzig, Reclams Universalbibliothek.)

»=Der fliegende Holländer.=« Epische Dichtung. 3. Aufl. (Wien, Allgem. Nationalbibliothek, Verlag Th. Daberkow.)

»=Ein Märchen.=« Lustspiel. (Wien, Allgem. Nationalbibliothek, Verlag Th. Daberkow.)

»=Der Kommandant vom Königstein.=« Lustspiel. (Wien, Allgemeine Nationalbibliothek, Verlag Th. Daberkow.)

»=Kotzebue's Rache.=« Schauspiel. (Wien, Allgem. Nationalbibliothek, Verlag Th. Daberkow.)

»=Ruhland.=« Gedichte. (Leipzig, Theodor Leibing.)

»=Aus Kloster und Welt.=« (Dresden-Heidenau, Mitteld. Verl.-Anst.)

»=Christian Günther.=« Roman. (Dresden-Heidenau, Mitteld. Verl.-Anstalt.)

»=Der Geist des Hus'.=« Roman. (Dresden-Heidenau, Mitteld. Verl.-Anst.)

»=Das Blutmal.=« Novelle. 2. Aufl. (Annaberg i. S., Pöhlberg-Verlag.)

»=Im Bann der Berge.=« Roman. (Annaberg i. S., Pöhlberg-Verlag.)

»=Das goldene Buch von deutscher Treue.=« (Phönix-Verlag, Kattowitz.)

Im Verlag des =Evangelischen Bundes, Berlin W 35=,

Postscheckkonto Berlin Nr. 18124,

erscheinen:

Herausgegeben von Professor Dr. _Friedrich Ulmer_ in Erlangen:

~A.~ Warum evangelisch?

(Konvertitenbilder.)

1. Pfarrer ~D.~ _Leonhard Fendt_ in Magdeburg: »=Erfüllung.=« Ein Büchlein von wohlgemutem Luthertum. 24 Seiten. 1923. 30 Pf.

2. Hofrat Dr. _Anton Ohorn_ in Chemnitz: »=Mein Weg zu Martin Luther.=« 20 Seiten. 25 Pf.

In Vorbereitung:

3. Geheimrat Univ.-Prof. ~D.~ Dr. _Friedrich Wiegand_ in Greifswald: »=Fürstbischof Graf Leopold von Sedlnitzki.=«

4. Hofrat Univ.-Prof. ~D. D.~ Dr. _Loesche_ in Königssee (Oberbayern): »=Elisabeth von Dänemark. Die erste evangelische Habsburgerin.=«

5. Pfarrer ~D.~ _Leonhard Fendt_ in Magdeburg: »=Johannes Mathesius.=«

6. Oberkirchenrat _Adolf Hermann_ in Ansbach: »=Johannes Goßner.=«

~B.~ Treu dem Evangelium.

(Märtyrerbilder aus der evangelischen Kirche.)

1. Pastor ~D.~ _Oskar Schabert_ in Riga: »=Probst ~Dr.~ Schlau.=« 16 Seiten. 20 Pf.

2. Hofrat Univ.-Prof. ~D. D.~ Dr. _Loesche_ in Königssee (Oberbayern): »=Kaspar Tauber. Der erste Märtyrer der Reformation in Oesterreich im Rahmen der Märtyrergeschichte seines Heimatlandes.=« 20 S. 25 Pf.

3. Pfarrer _Wilhelm Sebastian Schmerl_ in Gollhofen: »=Leonhard Kaiser, ein Blutzeuge für Gottes Wort und Luthers Lehre.=« 18 Seiten. 25 Pf.

4. Dekan _Otto Erhard_ in Kempten: »=Heinrich von Zütphen.=«

In Vorbereitung:

5. Dekan _Otto Erhard_ in Kempten: »=Matthias Weibel.=«

6. Stadtpfarrer _Christoph Fikenscher_ in Nürnberg: »=Auf den Galeeren.=«

Montanus-Druckerei GmbH., Berlin W 35, Kurfürstenstraße 146/47.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Korrekturen:

S. 5: Klinkowström → Klinckowström der zweite, ein Graf {Klinckowström}

S. 5: Klingkowström → Klinckowström ~P.~ {Klinckowström} zu hören war ein Genuß

S. 8: durch → und durch im Meer liegt {und durch} und durch