Part 2
Auch das erzbischöfliche Seminar zeigte kein erhebendes Bild. Gleich Schulknaben wurden die Alumnen paarweise ausgeführt und hatten auch gemeinsame Speise-, Schlaf- und Studiersäle. In den letzteren sitzen die Schüler, jeder an seinem Pulte und studieren -- nein, _lernen_ -- auf Kommando. Nicht, wenn es den Einzelnen drängt, sich geistiger Arbeit hinzugeben, nein, zu festgesetzter Stunde, ob auch Neigung und Stimmung eben fehlen, muß er darangehen, den Lehrstoff dem Gedächtnis einzuprägen. Dann herrscht Stille in dem weiten Raum, und das spähende Auge des Vorstehers forscht überall und sucht eventuell Kontrebande. Hier wird leider Strebertum und Heuchelei großgezogen, denn nicht jedem ist es gegeben, auf Befehl geistig zu arbeiten, und während manche in aufdringlicher Weise ihre Pflicht zu erfüllen scheinen, um die Gunst der Vorgesetzten zu gewinnen, lassen andere, die Augen auf ihr Buch gerichtet, die Gedanken in die Weite schweifen, oder wissen auch geschickt dem theologischen Buch ein anderes unterzuschieben. Die Art überhaupt, wie die zukünftigen Seelsorger ausgebildet wurden, gefiel mir nicht, denn so wenig die theologischen Vorträge dem Geiste gaben, so wenig gab die Seminarerziehung für Herz, Gemüt und gesunde Moral. Wieviele Berufslosigkeit lebt in diesen Räumen, und wieviele Berufsfreudigkeit wird darin wohl geradezu vernichtet! Diese Erziehung nach der althergebrachten einseitigen Schablone bildet wohl nur selten tüchtige und würdige Priester -- sie müssen eben die Anlagen dazu mitbringen --, wohl aber oft Zeloten und Pharisäer. Jede Freiheit zu geistiger Betätigung, jede Entwicklung zur Selbständigkeit des Charakters wird unterbunden oder mindestens erschwert, ohne Welt- und Menschenkenntnis, ohne Umgangsformen, völlig einseitig gebildet, ohne Verständnis für die Forderungen einer geistig immer weiter schreitenden Zeit und für manches andere wird der junge Priester hinausgeschickt in das Leben, in dem er sich oft nicht zurecht zu finden weiß, und das mit seinen Versuchungen ihm um so verlockender erscheint, weil es ihm völlig neu ist.
Bei all diesen Eindrücken fühlte ich immer mehr das seit früher Jugend in mich Aufgenommene wankend werden, und die Erkenntnis rang sich immer mehr durch, daß im Laufe der Zeit die wahre Kirche Christi durch Menschenwerk verunstaltet worden sei, und ein stilles Sehnen nach ihrer Reinheit wollte mich erfassen. Oefter als vordem griff ich nach dem Neuen Testament, um mir daraus Trost zu gewinnen, aber mein Kämpfen und Ringen nahm eher zu. Doch wo sollte ich Hilfe finden in meinen stets neu aufsteigenden Gewissensnöten? Die Beichte konnte mir den Seelendruck nicht mindern, denn in den Beichtstühlen herrschte ein leerer Formalismus oder (wie bei Jesuiten) ein beunruhigender Fanatismus; mit Ordensbrüdern konnte ich mich nicht aussprechen, ohne mich nach einer oder anderen Hinsicht Mißverständnissen auszusetzen, und den Eltern gegenüber mußte ich erst recht schweigen, um die schlichten kirchengläubigen Menschen nicht im tiefsten Herzen zu beunruhigen.
So kam der bedeutsame, schwere Tag der feierlichen Profeß, an dem es galt, die bindenden Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams für das ganze Leben abzulegen. Wohl trat mir die Schwere dieses Schrittes ins Bewußtsein, aber über seine volle Bedeutung suchte ich nach bitterem Ringen mich selbst hinwegzutäuschen mit dem Gedanken an das Elternhaus, dem ich nun nicht mehr Freude und Hoffen, das auf mich gesetzt war, zerstören durfte, sowie mit der aus den Prager Verhältnissen geschöpften schwachen Beruhigung, daß mir der Trost der Musen und ein gewisses Maß geistiger Freiheit nicht fehlen werde, was vielleicht geeignet sein würde, schwere und bange Stunden zu erleichtern.
Der schwere Tag verlief, aber er sollte mir noch ungleich schwerere bringen. Keiner ist wohl an diesem sich völlig klar, was er auf sich genommen: Lebensunerfahrene, unreife Menschenkinder sind es, die wohl nur in seltensten Fällen von einem inneren höheren und reinen Drang geleitet werden, sondern meist getrieben sind von Gehorsam gegen die Wünsche der Eltern, von gedankenloser Erwartung einer guten Versorgung, ja wohl auch von dem leichtfertigen Vorsatz, das Leben nach Möglichkeit auch in diesen Verhältnissen zu genießen. Aber die fortschreitenden Jahre lassen innerlich reifen und manchen erkennen, in wieviel leeren Aeußerlichkeiten sich das Klosterleben bewegt, wie gar manchmal der blasse Schein an die Stelle des Wesentlichen tritt, wie Geist und Herz anfangen zu hungern, wie die berechtigte Sehnsucht erwacht nach freier Betätigung der Kräfte im Dienste der Menschheit und wohl auch nach friedlich schönem Familienglück. Die Ordensgelübde sollten nur von gereiften Männern, die über all das sich innerlich klar geworden und damit ins Reine gekommen sind, abgelegt werden, aber nicht von Unerfahrenen, die nicht als völlig moralisch gereift und frei gelten können für einen Schritt, der geeignet ist, Zufriedenheit und Glück eines Menschenlebens für immer zu vernichten, denn gar mancher -- ich habe Belege dafür in Briefen, die mir später von unglücklichen Ordenspriestern zugingen -- möchte wohl mit heißen Tränen seine Unterschrift auf dem entscheidenden Blatte auslöschen, aber der Orden kümmert sich nicht um die Beweggründe seines Eintritts, sondern hält sich an die Tatsache und vernichtet nicht, was er einmal besitzt. Dann lebt wohl mancher sich ein in Gleichgültigkeit, geht auf in materiellem Genuß, nimmt es mit den Ordensgelübden nicht peinlich genau und kommt allmählich zu einem weiten Gewissen, das ihm über vieles hinweghilft. Wer aber ein solches nicht besitzt noch es sich wünscht, und lieber die Fesseln zerreißt, die er in seiner Unerfahrenheit sich selbst angelegt, um ein ganzer Mensch anstatt eines halben, d. i. bloß äußerlichen Mönchs zu sein -- ist er darum schlecht und verworfen geworden? Hat er sich darum der Achtung unwert gemacht? Haben die mit dem weiten Gewissen, und darunter sind wohl die ärgsten Schreier, ein Recht, mit Steinen nach ihm zu werfen? -- Die Kirche aber, die die Religion der Liebe lehrt, stößt ihn aus ihrer Gemeinschaft und legt ihren Fluch auf sein Haupt. Wenn jene, die ihn aussprechen, im Namen Gottes redeten, es wäre entsetzlich, doch der Verfehmte hat den schönen Trost, daß er es nur mit seinem Gewissen und mit dem ewigen Richter zu tun hat, der voll Vaterliebe alle Menschen umfaßt und den Fluch nicht kennt, mit dem man seinen Namen entehrt.
Solche Erwägungen stellten sich erst später bei mir ein, und resigniert ließ ich nach Jahresfrist die Priesterweihe über mich ergehn, die mir im Grunde neben der Profeß bedeutungslos erschien. Ich bemühte mich eben, mich mit meinem Schicksal abzufinden, und suchte vor allem Vergessen in der Beschäftigung mit Wissenschaften, da ich, vom Abt zum Gymnasiallehrer bestimmt, neben der theologischen auch die philosophische Fakultät der Hochschule besuchte und hier die erwünschten wertvollen Anregungen durch treffliche Lehrer erhielt; auch widmete ich mich bereits schriftstellerischer Tätigkeit, und hatte die Freude, für meine erste als Buch erschienene Novelle »Der Dorfengel« von dem Schweizer Piusverein mit einem Preise ausgezeichnet zu werden.
Da trat ein Ereignis ein, das mich wiederum mächtig erregte und alles wieder in mir weckte, was ich niedergekämpft zu haben meinte, so daß es gewaltiger als je in mir aufloderte. Das Jahr 1870 brachte in kirchliche Kreise eine bedeutende und nicht unberechtigte Erregung durch die Erklärung von der _Unfehlbarkeit des Papstes_. Seit 300 Jahren hatte die Welt nicht mehr das Schauspiel eines ökumenischen Konzils gehabt, und nun waren die Bischöfe der ganzen Welt zu einem solchen nach Rom eingeladen worden. Um was es sich dabei in der Hauptsache handelte, konnte nicht lange verborgen bleiben und schuf schwere Unruhe. Man bemühte sich, von zuständiger Seite sie zu beschwichtigen mit dem Hinweis, daß in kirchlichen Kreisen die Ueberzeugung herrsche, daß ein Glaubenssatz nur Geltung erlangen könne, wenn er von einer Kirchenversammlung einstimmig oder mindestens nahezu einstimmig beschlossen werde. In anderem Falle bleibe der beantragte Satz nur eine Lehrmeinung und könne kein Dogma werden, da das, was man bei Verlust der ewigen Seligkeit zu glauben habe, nicht einer bloßen und zufälligen Majorität seine Entstehung verdanken könne. Auch die in Fulda versammelten deutschen Kirchenfürsten veröffentlichten eine Kundgebung, deren Sinn war: Man solle ruhig sein und Gott vertrauen -- es werde in dem bevorstehenden Konzil keine neue Lehre aufgestellt werden. In gleicher Weise hatte sich der Prager Erzbischof geäußert, und auch der angesehene Lehrer des kanonischen Rechts an der juristischen Fakultät der Prager Hochschule, Professor Dr. Schulte, ein gutgläubiger Mann, hatte ein solches Dogma als unmöglich und unannehmbar erklärt. Ebenso hatte Professor Sales Meyer sich dahin geäußert, daß ein solcher Glaubenssatz aus historischen, dogmatischen und moralischen Gründen ganz undenkbar sei.
Und doch geschah, was unmöglich geschienen hatte. Wohl protestierten in der St. Peterskirche in stürmisch erregter Sitzung zahlreiche Kirchenfürsten gegen die aufgezwungene neue Geschäftsordnung, nach welcher eine einfache Majorität über die wichtigsten kirchlichen Fragen entscheiden sollte, vergebens wies der kroatische Bischof Stroßmair, der gewaltigste Redner des Konzils, ein geistvoller und gelehrter, ehrlicher und kluger Mann, der das Latein wie seine Muttersprache beherrschte, darauf hin, daß, wo es sich um das Seelenheil von Millionen handle, unmöglich der Zufall eventuell einer einzigen Stimme den Ausschlag geben dürfe, da man doch nicht annehmen könne, daß bei etwa 700 Bischöfen und Prälaten der Heilige Geist gerade 351 erleuchten und 349 die Erleuchtung versagen sollte; eine solche Annahme wäre Gotteslästerung. -- Der 13. Juli brachte die Entscheidung: Von etwa 600 Kirchenvätern hatten 70 gefehlt, 88 hatten mit »nein«, 62 mit »ja unter Vorbehalt« gestimmt, die anderen 386 aber hatten den neuen Glaubenssatz angenommen, und das genügte, ihn als Dogma zu verkünden. Fünfzig Redner waren noch eingeschrieben gewesen, als die Debatte einfach für beendet erklärt wurde; die Majorität der italienischen Bischöfe gab den Ausschlag, aber man durfte wohl fragen: Mit welchem Recht? -- Der ganze Kirchenstaat zählte nicht so viele Seelen, wie allein die Diözese des Prager Erzbischofs, war aber beim Konzil durch 143 Bischöfe vertreten; dazu kamen 100 Bischöfe ~in partibus infidelium~ und etwa 200 Titularbischöfe, die nicht einmal dem Namen nach eine Diözese besaßen. Ganz Deutschland aber hatte nur 14 Kirchenfürsten nach Rom schicken können, und obwohl dieselben viele Millionen von Gläubigen vertraten, galt ihre Stimme nicht mehr als die eines Titularbischofs, und selbst diese 14 hatten nicht den Mut und die Festigkeit, für das, was sie als recht erkannten, einzutreten und blieben lieber der zweiten und entscheidenden Abstimmung vom 18. Juli fern.
Nun drängte sich von selbst die Frage auf: Würden sie sich ganz ruhig fügen und annehmen, was ihnen zuvor als unannehmbar galt? Wie würden sich Männer wie Sales Meyer verhalten, die vordem geradezu erklärt hatten, daß historische, dogmatische und moralische Gründe gegen das neue Dogma sprächen? -- -- -- Für sie alle galt zuletzt das Wort: Rom hat gesprochen, und sie unterwarfen sich bedingungslos, tausend Gemütern aber erwuchs innerer Zwiespalt und Qual, um so mehr, als es höchst ehrenwerte Männer gab, die ihre Ueberzeugung nicht preiszugeben vermochten und nicht mit einmal recht und billig finden konnten, was -- ohne daß sich an der Begründung etwas geändert hätte -- vordem unrecht und unbillig für einsichtsvolle und gut kirchliche Männer gewesen war: Professor Schulte, Propst Döllinger u. a. beugten sich nicht und wurden nachmals Führer der altkatholischen Bewegung. All das zerwühlte mir in jenen Tagen die junge Seele und drängte mich in einen schweren inneren Kampf. Eines war mir völlig klar: Daß der neue Glaubenssatz für mich niemals gelten könne nach den vorausgegangenen Erklärungen maßgebender Männer. Mir war, als sei mir etwas Wertvolles zerbrochen worden; wie in einem bösen Traum ging ich einher mit heißer Stirn und müdem Leib. Mein ganzes Empfinden lehnte sich auf gegen den von Rom geübten Zwang, und mir war, als müßte ich bei einer gläubig stummen Hingabe selbst mitverantwortlich werden für die Folgen der Neuerung, nach welcher die katholische Kirche und der Papst geradezu identisch wurden, so daß dessen alleinige Aussprüche Geltung haben sollten in allen Glaubenssachen, auch wenn sie dem Empfinden der Besten widersprechen und der Kirche nicht zum Segen sind. Ich mußte an den im Jahre 1864 veröffentlichten »Syllabus« denken; auch dort hat der Papst als Lehrer gesprochen, auch damals müßte er unfehlbar gewesen sein, und wieviel berechtigten Widerspruch hat er hervorgerufen! Es wäre mitunter mehr als bedenklich, wenn die Sätze des Syllabus wirklich göttliche Geltung hätten; sie müßten geradezu den Seelenfrieden Tausender vernichten und den Haß an Stelle der Liebe setzen.
In meiner Herzensangst griff ich nach der Kirchengeschichte. Ich wußte wohl, daß es sich nicht darum handelt, ob der Papst eine sittlich tadellose Persönlichkeit sei oder nicht; was er in Glaubenssachen bestimmt, soll damit nichts zu tun haben; aber muß nicht doch ein Bedenken kommen, daß ein sittenloses und geistig unbedeutendes Oberhaupt der Kirche seine Meinung diktatorisch über die der Besten, Frömmsten und Einsichtsvollsten setzen könne? Und die Geschichte kennt auch lasterhafte Päpste -- hier hilft kein Leugnen und Verheimlichen --, und auch sie müssen unfehlbar gewesen sein, wenn es überhaupt der jeweilige Inhaber des päpstlichen Stuhles ist. Wie erklären sich aber in solchen Fällen geschichtliche Widersprüche? Die Kirchenversammlung in Nicäa verurteilte die Lehre der Arianer als Ketzerei, und Papst Liberius bestätigte dies. Als man ihm einen Gegenpapst aufstellen wollte, den der Kaiser begünstigte, gab er eine Erklärung ab, die sich eigentlich mit der Arianischen »Ketzerei« deckte, nur um seinen Sitz nicht zu verlieren. Welcher Liberius war unfehlbar? -- Papst Vigilius, der Gegenpapst des heil. Silverius, tat vor einem Konzil Widerruf früher gemachter Aussprüche und bezeichnete sich selbst als Werkzeug des Satans. Mag sein, daß man behauptet, er habe die dreifache Krone nicht mit Recht getragen -- doch läßt sich das nicht von Papst Honorius sagen, der in Christus nicht zwei Willen, einen göttlichen und menschlichen, sondern nur einen göttlichen gelten ließ. Er wurde als Ketzer von einigen Konzilien und von seinem eigenen päpstlichen Nachfolger verflucht. War dieser unfehlbar, oder war es Honorius? Auf beiden sich widersprechenden Seiten kann die Unfehlbarkeit nicht stehen. Und wie häufig finden sich gleichzeitig zwei Päpste, die sich auf das ärgste befehden, und die Christenheit weiß nicht, wer recht hat, und die Gemüter der Gläubigen kommen in bitteren Zwiespalt, zumal wenn der von Staatsgewalten anerkannte und in Rom residierende der sittlich minder würdige ist. Wer darf sich dann von den Gegnern und Streitern um den heiligen Stuhl unfehlbar nennen? Und zuletzt: War es notwendig, dies Dogma aufzustellen, nachdem die Kirche mehr als 1800 Jahre ohne dasselbe bestanden hat, und eine tiefe Beunruhigung in gläubige Gemüter hineinzutragen -- und es sind wohl nicht die Schlechtesten, die beunruhigt werden.
Was ich in jenen Tagen durchstritten und durchlitten habe, vermag nur der zu verstehen, der es an sich selbst erfahren, und daß es noch manchen solchen im Priesterkleide gab, ist wohl außer Zweifel. Immer lastender aber lag die Erkenntnis auf mir, daß ich mit dieser geistigen Unfreiheit und dem schweren Zwiespalt in der Seele für das ganze Leben unglücklich werden müsse. Wollte ich vor mir selbst als ehrlicher Mensch bestehen, so mußte ich die Fesseln lösen, ehe ihr Druck mich erwürgte oder mich in jene Gleichgültigkeit zwang, die mich bei anderen abstieß. Damals habe ich in manch schlafloser Nacht mich gequält mit Zukunftsbildern und nach einem Rettungswege ausgeschaut aus banger Seelennot, habe wohl auch vor dem Kreuz auf dem Betschemel gekniet und den Himmel selbst um ein Zeichen angefleht, das wie ein Stern in meine Nacht hineinleuchten sollte.
Damals aber stieg auch immer lebhafter in mir der Gedanke auf von der Notwendigkeit einer Erneuerung der Kirche Christi im Sinn des einzig wahren Evangeliums, einer Erneuerung, die mit allem aufräumte, was im Lauf der Zeit geradezu Unchristliches hineingetragen ward, was der Heiland niemals gelehrt hatte und nie gewollt haben konnte. Und da ging mir durch den Sinn, daß schon vor Jahrhunderten eine solche Erneuerung erfolgt war -- die Reformation des Augustinermönchs _Martin Luther_. Wenig genug war mir davon bekannt, und auch das nur in der einseitigen Beleuchtung katholischer Lehrer, für die Luther ein verwerflicher Ketzer war, dessen Namen man nur mit Verachtung, ja Gehässigkeit nannte. Zum ersten Male erschien mir dieser Mann wie in anderem Lichte, und mich erfaßte das lebhafte Verlangen, näheres von ihm und seiner Lehre kennenzulernen. Ich las mit Eifer, was immer ich über ihn und sein Werk in Prager Bibliotheken finden konnte, und sein Bild begann sich für mich immer mehr zu klären und seine Lehre mich wie mit gesundem Hauche anzuwehen. Aber noch sah ich keinen Weg, um zu ihm zu gelangen, nur das Eine wurde mir immer mehr klar, daß ich im Ordensleben für immer unglücklich werden müßte, da ich meine Pflichten nicht ohne Sünde zu üben vermöchte, und daß der Glaube, in dem ich aufgewachsen, für immer auf das Tiefste erschüttert war.
Da starb meine Mutter, deren Wunsch und Drängen zumeist mich in das Kloster geführt, und mir war es, als würde ich damit von einer widerwillig übernommenen Verpflichtung befreit. In meiner verzweiflungsvollen Verlassenheit schaute ich immer sehnender nach einer Erlösung aus meiner Seelennot aus. Angesehene Persönlichkeiten hatten sich der neuen kirchlichen Bewegung des Altkatholizismus angeschlossen, und auch ich erwog den Gedanken, dem altkatholischen Bekenntnis beizutreten, aber nähere Erwägung ließ mich erkennen, daß dies im Grunde nur eine Halbheit wäre, die mich nicht zu befriedigen vermöchte. Vor allem aber galt es die Bande zu lösen, die mich an Ordensleben und Ordenssatzungen fesselten, doch wie sollte das geschehen? Ich hatte nicht die mindesten Beziehungen, die mir hätten helfen können, war völlig unerfahren der Welt gegenüber und auch ohne alle materiellen Mittel, um mich selbst nur für kurze Zeit über Wasser halten zu können.
Da erfuhr ich, als ich eben meine Ferien in Stift Tepl verlebte, daß sich in Marienbad Herzog Ernst II. von Coburg-Gotha aufhalte. Ich weiß nicht, weshalb mir bei diesem Namen das Herz aufging. Ich hatte mich wenig um Politik gekümmert, kannte auch nur wenig von den Verdiensten des volkstümlichen deutschen Fürsten um die Förderung und Erneuerung deutschen Wesens und Strebens, aber bekannt war doch sogar mir der gesunde Idealismus seiner Persönlichkeit, sein lebhaftes Interesse an Kunst und Wissenschaft und das Wohlwollen, mit dem er bedrängten Geistern ein Asyl in seinem Lande gab, und da faßte ich den Vorsatz, mich an ihn zu wenden, ihm offen und ehrlich mein Kämpfen und Ringen, mein Leben und Streben vorzutragen und mein Geschick in seine Hand zu legen. Und der Vorsatz wurde zur Tat. Unbekannt mit den höfischen Bräuchen und der Ausdrucksweise hoher Kreise schrieb ich, wie es mir um's Herz war, schlicht und voll Naivität und bat, mir, wenn möglich, in seinem Lande und seinem Dienste eine meinen Fähigkeiten entsprechende bescheidene Stellung zu geben, die mich Mensch unter Menschen sein und meine Kräfte mit Freudigkeit für eine zusagende Tätigkeit einsetzen ließe.
Die Antwort kam; sie war gütig und verständnisvoll, aber sie kam meinem Hoffen und Wünschen nicht entgegen und bereitete mir mit dem Hinweis, daß keine geeignete Stelle offen sei, eine herbe Enttäuschung. Doch die Spannkraft der Jugend, die drängende Stunde halfen darüber hinweg, und das Schreiben selbst brachte mir einen neuen Hoffnungsschimmer. Es kam aus dem Geheimkabinett des Herzogs und war unterzeichnet von dem Kabinettsrat Dr. Tempeltey. Eduard Tempeltey! Bei diesem Namen trat mir die poetisch schöne Tragödie »Klytemnestra« vor den Geist, die Gestalten seines packenden Werks: »Hie Welf -- hie Waiblingen!« schienen vor mir lebendig zu werden -- hatte ich doch vor nicht langer Zeit gerade diese Schöpfungen eines echten Dichters gelesen --, und der Dichtername erschien mir wie eine Verheißung. Wenn ich Eduard Tempeltey persönlich nahetreten, wenn ich mich ihm vertrauensvoll offenbaren dürfte, sollte der Dichter nicht Verständnis haben für das Ringen eines jungen vertrauenden Herzens, sollte nicht durch sein wohlwollendes Entgegenkommen dennoch der Weg zu seinem erlauchten edlen Herrn gefunden werden können? -- Es gab für mich kein langes Zaudern und Erwägen mehr; mein Erstlingswerk »Der Dorfengel«, um dessen Annahme ich, wenn möglich, Herzog Ernst persönlich ersuchen wollte, sowie mein bereits erworbener philosophischer Doktortitel hoben mir Selbstvertrauen und Mut, und so trat ich meine Ferienreise an nach Deutschland, von der ich nicht mehr in das Kloster zurückkehren sollte.
Gottes Sonne lachte über dem freundlichen Coburg, als ich hier ankam, und ich nahm es als gute Vorbedeutung. Mein Hoffen auf Dr. Tempeltey wurde nicht enttäuscht; er vermittelte in liebenswürdiger Weise eine Audienz bei dem Herzog, die mir unvergeßlich bleibt, wie auch der hohe Herr noch nach Jahren nach seiner Versicherung mit Vergnügen daran dachte, da eine solche Begegnung auch ihm wohl selten vorgekommen war. Unbekannt mit den Bräuchen des Hofes, ja selbst an meinem Aeußeren nicht hofmäßig, trat ich vor ihn, und ohne seine Anrede abzuwarten, ließ ich mein Herz auf die Lippen treten, und als ob ich ihn schon längst gekannt, berichtete ich eifrig und lebhaft, warum ich käme, welche Seelenkämpfe ich in meinen jungen Jahren durchstritten, wie verlassen ich sei und nichts weiter suche, als eine Scholle, auf der ich als Mensch menschlich leben, fühlen, schaffen und frei von geistigem Zwange sein dürfe. Warm und herzlich entgegnete er, und ich vergaß beinahe, daß ich mit einem regierenden Fürsten rede und vermeinte, es sei ein älterer Freund voll schöner Teilnahme. Als er mich nach längerer Zwiesprache huldvoll entließ, geschah es mit dem Hinweis, mich nach Gotha zu begeben und mich bei dem Ministerium vorzustellen, das von meinem Kommen unterrichtet werden würde. Hatte ich auch nichts Bestimmtes erreicht, so blieb doch gleichsam ein leuchtender Schimmer in meiner Seele, denn in der Tat war ich in jener Stunde eigentlich am Wendepunkt meines Lebens angelangt, und was ich erreicht habe und geworden bin, führe ich auf sie zurück mit dem Gefühl heißen Dankes für den gütigen Fürsten, der mir sein Wohlwollen bis an seinen Tod bewahrte.