Mein Weg als Deutscher und Jude
Chapter 9
Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet; apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit, wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze; der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal, zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.
Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden, feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter, denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich durchzusetzen.
Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde, daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten, und ihre Welt war ein Kerker gewesen.
Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin, dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit, sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.
Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit. Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den Weg.
Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen, schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-, schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee, einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die Geschäfte eines jeden betreiben.
Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm, bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?
Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.
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Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.
Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle, dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die Karyatiden fast jeden großen Ruhms.
In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch; Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.
Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder Sehnsucht die Furcht bedingt.
In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden, verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort, jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein hysterisches Triumphgeschrei an.
Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch dort sind.
Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln, ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde Anglomane, und zwar von strengster Observanz.
Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.
Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt sozusagen agnoszierten.
Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich, wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und blauäugig war.
Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen; verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine sichtbare Wandlung, das Seltenste.
Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.
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Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen, Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung, baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.
Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.
Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber, wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die durstig daran hängen.
Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet. Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt, sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts. In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten Nachdenkens.
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Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung ausgeht.
Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.
Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand, der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem, tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt. Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der Katastrophe.
Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem. Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.
Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über diese zum Richter auf.
Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt. Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und der, den Gott verstoßen hat.
Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat er ja seine Logik und sein Wissen.
Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb oder herostratisches Gelüst?
Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.