Mein Weg als Deutscher und Jude

Chapter 8

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Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll, wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.

So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten, die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen, erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit; Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.

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Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten. Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent, der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener, Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst. Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm gewiß fühlbar wurde.

Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging. Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem »Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen« gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was? Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein. Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift- und Krankheitskeime aussäen kann.

Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines, ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht, ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender, fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel bestätigt.

Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich, als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich. Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge. Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.

Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.

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Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben, dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.

Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir uns wieder.

Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen, williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja, daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.

Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren. Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.

Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform, Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus, namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung, die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt, gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie, des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen Ende lenken konnte.

Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen. Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise, nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.

Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.

Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller, ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut. Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger, einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich, ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier konnte ich die Bogen wölben.

Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur, Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da, Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.

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Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig. Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren. Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst. Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das Blickfeld beengte.

Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur, die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere, Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten, Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern, Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist, für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.