Mein Weg als Deutscher und Jude
Chapter 7
Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages, überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit Staub.
Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s mir heilig und schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es im Sinnen und Meinen lag: der Jude.
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Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.
Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden. Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der Clara von Kannawurf.
Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste, und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den Erweckten.
Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich, als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben, ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine: es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.
Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr- und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.) Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu brechen.
Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes, Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt und gewonnen.
Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben vermag.
Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.
So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen, wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.
Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge, so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll, keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?
Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen, höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.
Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat, hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten wird.
Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?
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Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren, die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den »Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das »Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues, wohltuendes Gefühl für mich.
Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung, sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste, genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte, wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil, mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.
Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges, Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.
Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte, bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen. Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei, daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt, die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.
Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen; er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben. Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien, es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.
Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches, immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen, daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte, aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn geschrieben.
Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen. Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein, als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen, wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung, der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut, jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit. Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist, und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.