Mein Weg als Deutscher und Jude

Chapter 6

Chapter 63,290 wordsPublic domain

Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk, um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden, verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt, verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden, was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«

Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge, so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter, konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt, was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.

Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen, meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben; ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration, der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund, »Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück, Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben: Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft, mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht existieren und nie existiert haben.

Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus, so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen. Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert, krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein, unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im »Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«, Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten, poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter, Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß, als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für die Nation repräsentativ.

Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter (den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die Würde.

Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen? Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band. Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit.

13

Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf« schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.

Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.

Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung, und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.

Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer? wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf, Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre; vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben. Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß, Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören; ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich, gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit. Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.

Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung; daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen, hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger, ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir und nie weichende Sorge um die Existenz.

14

Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«. Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion, weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das andere nach der des deutschen Problems.

Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute, stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das noch Währende der Landschaft.

Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte, Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte, Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt, was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen. Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im Licht.

Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde, daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und -Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.

Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen, den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten, das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder, den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen.

Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege, glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber, was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen, daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte Schuld.