Part 7
Die Berge je höher, Dem Himmel je näher, Dem Herzen je weher, Weil's nicht kann hinein; Weil es an die schwere, Die träge Matere Wie an die Galeere Geschmiedet muß sein. Was löst unter Peinen Uns los vom Gemeinen? Die Sehnsucht nach Reinen, Die Sehnsucht allein.
Steigende Bahn.
Um aus der Wirrnis die Völker zu retten Hellet oft plötzlich der Blitz des Propheten Künftigen Helden die steigende Bahn. Was noch die Väter säumig beraten, Steigt in der Söhne mutigen Taten Fröhlich und siegreich zur Höhe hinan. Rufe den Menschen, Prophetenwort, rufe Ihn aus der Tierheit von Stufe zu Stufe, Bis er erwacht vor des Heiligsten Thron, Schauend die Wahrheit im Kranze der Sonnen, Trinkend die Liebe aus feurigen Bronnen -- Ewig des Ewigen seliger Sohn.
Zu Gastein am Wasserfall.
Wie du, o Mensch, mußt fallen Zu Schuld und Gram und Grab, So fallen wirbelnd und weinend Die heiligen Wasser hinab. -- Doch sieh, aus dunkelm Abgrund Steigen in stiller Ruh' Die lichten Nebel kreisend Dem Himmel zu -- Den Weg dir weisend.
Es war einmal ein Bettelmann.
Es war einmal ein Bettelmann, Der hatt' einen goldenen Ring, Sein einzig Eigen war dies Ding Noch von der Mutter her. Das Eigentum ward ihm zu schwer. Er wankte fort zur Morgenstund', Zu schleudern in den tiefen Grund Sein Kleinod, daß in Glück und Mai Die Gottheit ihm nicht neidisch sei. Ein Weiser siehet voll Erbarmen Den alten Mann, den siechen, armen, Und fragt: »Du guter Bruder mein, Um was soll sie dir neidisch sein, Die Gottheit? Sprich!« »Um was? Um was denn sonst? Um mich. Sonst hab' ich nichts, weil ich nichts brauch'; Was Glut ihr nennt, das ist bloß Rauch. Was Gut ihr nennt, erstickt die Lust; Doch unermeßlich ist der Reichtum Meiner Brust.« Der Weise blickt den Bettelmann Mit gut gespieltem Mitleid an. Der andre merkt's und lächelt so, Als wär' er seiner Armut froh: »Ich dauere euch, ihr dauert mich! Ihr sagt auch, ich sei lahm und siech. Ich weiß es nicht. Mein froher Sinn Fliegt selig durch die Himmel hin.« Der Weise spricht: »Dein Reichtum groß Kam nicht dir aus der Erde Schoß. Und was die Götter dir geschenkt, Das nehmen sie nicht mehr zurück, Und neidlos bleibt zu eigen dir Dein erdenfreies Glück. -- Nur wer, der rohen Triebe Knecht, Aus irdischer Hand sein Heil empfing, Der opfere bang und demutsvoll Den Göttern seinen Ring.«
Der Blinde.
Als Gott der Herr die Welt erschuf, Da war sein erster, heiliger Ruf: Es werde Licht! Das Gnadenmeer vom Himmel floß Und sich in alle Herzen goß, -- In meines nicht.
Und auf zum ewigen Sternenzelt Blickt jedes Aug', dem Herrn der Welt Ins Angesicht. Und jedes Blümlein auf dem Plan Lacht eure Augen freundlich an, -- Das meine nicht.
Der Mutterblick, der holde Stern, Er blieb mir unermeßlich fern. Dem Ärmsten flicht Der Herr aus goldnem Sonnenglanz Ums Haupt den bunten Farbenkranz, -- Um meines nicht.
Du treuer Engel Gottes, sag, Was hab' an diesem Erdentag Ich denn vollbracht, Daß mitten unter Strahl und Schein Verstoßen ich bin ganz allein In ewige Nacht?
Der Engel sprach: Der Strahl, das Licht Von außen ist das Höchste nicht Zur Menschen Lust. Statt Glanz die Glut, ein warm Gemüt, Das wie ein sonniger Frühling blüht In deiner Brust.
Wohl muß in deinem Aug ich sehn Als einzigen Glanz die Träne stehn. Doch weine nicht! Noch leben treue Menschen hier, Und Gottes Ruf erschallt auch dir: Es werde Licht!
Den Armen.
Um Mitternacht, als alles schlief, Nur meine Zweifel wachten, Und Weltverdruß mir drohte tief Die Seele zu umnachten, Da schlug ich auf ein altes Buch, Zu spähn nach einem Labespruch, Um ganz nicht zu verschmachten.
Und sieh, da hat mich sanft ein Wort Befreit von bangen Banden: »O suche die Erlösung dort, Wo sie schon viele fanden; Nicht was du haschest, wird dein Teil, Aus Opferfreude kommt dein Heil.« -- Doch hab' ich's falsch verstanden.
Ich stieg in Sehnsucht himmelwärts, Den Heiland zu verehren. Der winkte mir, ich sollt' mein Herz Zurück zur Erde kehren: »Was du den Armen Gutes tust, Das dringt zu meiner Vaterbrust. Kannst du mir es verwehren?«
Die Botschaft war's. Und seitdem mag Es sonnen oder regnen, So kann mir doch an jedem Tag Der liebe Gott begegnen. Aus jedem Kind und armen Mann Blickt mich mein treuer Heiland an, Bereit, mein Werk zu segnen.
Wenn keines Kindes Aug' einst schwimmt In Dankesfreudenzähren, Wenn keines Bruders Hand mehr nimmt, Was du ihm willst bescheren, O, dann erst hat sich Gott vom Land Des Sündenfluches abgewandt, Und wird auch nimmer kehren.
Drum laßt, solang' noch Arme flehn, -- Uns lindern ihre Leiden, Die Hungernden bei Tische sehn, Die Frierenden bekleiden! Dann wird für Reich und Arm zumal Dies grabdurchfurchte Jammertal Zur Quelle reiner Freuden.
Drei himmlische Schreine.
Drei heilige Räume Unter himmlischen Sonnen Stehen hienieden: Eine Wiege voll Träume, Ein Bett voll Wonnen, Ein Sarg voll Frieden.
Letzter Wunsch.
Was wäre wohl mein letzter Wunsch, Wenn ich dereinst zur Grube fahr'? Auf lichter, kühler Bergeshöh' Eine traute, einsam stille Bahr'. Auf jener Höh', wo ich als Kind Gehört den ersten Lerchenschlag, Gesehn den reinen Sonnenstern An einem süßen Maientag. Doch jenes Kreuz, das ewig klagt Die Menschheit ihres Frevels an, Mir pflanzt es nicht, weil ich am Pfahl, An dem er litt, nicht rasten kann! Mir pflanzet einen jungen Baum, Der frisch und frei gen Himmel steigt, Und der, wenn einst die Menschheit reif, Zu ihr sein Haupt in Freude neigt. Vielleicht kommt noch ein Zimmermann, Der ihn zu einer Wiege schlägt, Vielleicht kommt eine Mutter, die Ihr Kindlein in die Wiege legt. Ihr Kind, das als des Menschen Sohn Die Welt erlöst ein zweites Mal, Und nicht dafür in Haß und Hohn Erhöhet wird zum Marterpfahl. Denn nicht, daß mein Erlöser starb, Ist meines dunkeln Grabes Licht, Doch daß er lebt und ewig lebt, Ist meiner Seele Zuversicht.
Ruhendes Sein.
Die Lust wie das Leiden, Sie quälen die Seele; Sie sind wie die Unrast Auf stürmischer Welle; Sie sind eine Botschaft Vom nahen Vergehen. Ein Eilen zum Ende Ist alles Geschehen. Nach Rast strebt der Pendel Und jegliche Regung. Und Sehnsucht nach Ruhe Ist alle Bewegung. Die Seele der Gottheit Ist ruhendes Sein, Ist wunschlos und streitlos, Ist raumlos und zeitlos, Ist Frieden allein.
Unfaßbar.
Nahe ist Werden und Leben und Sterben beisammen, Früher die endlose Zeit -- später die endlose Zeit, Kurz vor den Tagen, in welchen ich fühle und denke, War ich ein formloses Nichts, war es von Ewigkeit her. Kurz nach den Tagen, in welchen ich walte und webe, Bin ich ein formloses Nichts, werd' es in Ewigkeit sein. Wie er doch sein kann, der winzige Punkt, wo ich stehe, Wie es nur möglich, denselben zu fühlen just jetzt? War es nicht immer der gleiche, weltenumgaukelte Schwerpunkt? Wußt' ich's nicht ewig, fühl' ich's nicht ewig: Ich bin?
Ewiges Sein.
»Wer soll sich nicht heute Noch freuen des Lichts? Wir sinken schon morgen Ins ewige Nichts.«
Hat je sich der Galgenfrist Einer gefreut, Der unwendbar morgen Dem Henker geweiht?
Die Freude an heute Hat nur einen Wert, Wenn ewig und ewig Sie uns wiederkehrt.
Im Hasten des Tags Wird das Herze bald matt, Des inneren Glücks Wirst du nimmermehr satt.
Das Nichtige freut sie Am flüchtigen Schein, Das Echte an dir Verlangt ewiges Sein.
Auch der andre, der bist du.
Was die Erde mir geliehen, Fordert sie schon jetzt zurück. Naht sich, mir vom Leib zu ziehen Sanft entwindend Stück für Stück. Um so mehr, als ich gelitten, Um so schöner ward die Welt. Seltsam, daß, was ich erstritten, Sachte aus der Hand mir fällt. -- Um so leichter, als ich werde, Um so schwerer trag' ich mich. Kannst du mich, du reiche Erde, Nicht entbehren? frag' ich dich. -- »Nein, ich kann dich nicht entbehren, Muß aus dir ein' andern bauen, Muß mit dir ein' andern nähren, Soll sich auch die Welt anschauen. Doch getröste dich in Ruh'. Auch der andre, der bist du.«
An Gottes Herz.
Wir Eintagsfliegen spielen heut Gern mit dem Wörtlein: Ewigkeit. Man frägt: warum? wozu? was dann? Und manchen geht das Grausen an. --
O Menschenseele, leg dich du An Gottes Herz zur trauten Ruh' Und laß nicht kümmern deinen Sinn, Daß du nicht weißt, woher, wohin.
Wanderlied.
Mein Leib ist schon dem Tod geweiht, Die Seele noch voll Lebensfreud'. Mein Sterben ist ein Wandern Eine Reis' im Kreis, von Stern zu Stern, Von euch zu euch, vom Herrn zum Herrn, Von einem Himmel zum andern.
Die Stunde.
*
Tick-tack! Tick-tack! Die Stunde geht in Zickzack. In Zickzack geht die Stunde, Der Zeiger schreibt die Runde. Es nachtet und es tagt, Es wintert und es frühet, Die Zeit entfliehet Und ist doch immer da. Der Zahn der Zeit Nagt an der Zeit. Er nagt umsunst, Die Zeit, die Stund' um Stunde reiht, Ist ewige, ewige Ewigkeit.
Tick-tack! Tick-tack! Das Schicksal geht in Zickzack. Ein Vorwärts und ein Rückfall, In Zickzack geht das Schicksal. Der Zahn der Zeit, Man sagt, er nagt An meinem Sein. Er nagt schon lang, Mir ist nicht bang, Er nagt umsunst, Das Sein ist mein. Mein Sein war einst, mein Sein ist heut, Mein Sein ist ewige Ewigkeit.
Sei gegrüßt, du himmlischer Knabe!
Eine Weihnachtsandacht.
Christkind, bist da; bist endlich nach langen traurigen Tagen wiedergekommen zu uns herab.
Ich hab' dich ersehnt als wie ein Kind; denn ich bin ein Kind mit weißen Haaren.
Nun hör' ich dich rauschen in diesen Zweigen; vor deinem süßen, warmen Odem flackern die Lichter des heiligen Weihnachtsbaums.
O, sei gegrüßt, du himmlischer Knabe, der du mit den sonnigen Äuglein die schweren Nebel durchleuchtest, die hier im Tale des Tränentaues nimmermehr wollen schwinden.
Ich möchte dich wärmen an meinem Herzen, und muß mich fürchten, der menschlichen Leidenschaft stürmische Gluten könnten versengen dein lockiges Haar. Denn du bist gewohnt des ewigen Frühlings milden Hauch; o Gotteskind, bei dir daheim muß es schön sein!
Oft hör' ich es leis in den Lüften klingen, als wie ein Läuten und Grüßen von oben.
Dann faßt mich das Heimweh, und wie ein verirrtes Kind in der Nacht ruf' ich und such' ich den Weg zu den Wohnungen Gottes.
Erzähl nun, erzähle, du holder Bote des Himmels, was waltet dein Vater, der ewige Herr?
Fast fürcht' ich, der Vater hätt' unser vergessen, denn wie den Sonnenstrahl vor Wetterstürmen, seh' ich auf Erden das Göttliche schwinden.
Gerechtigkeitsfreude ging uns verloren und reiner fröhlicher Sinn.
Die Kunst wühlt im Staube, die kindlichen Herzen verkümmern.
Wenn du, o mein süßer, heiliger Christ, von Zeit zu Zeit nicht kämest gesandt, es müßte der Pfad zwischen Himmel und Erden doch gänzlich verwildern.
Und mich verlangt es so heiß nach Kunde von oben, was all die Teueren, die uns verließen, denn machen im Lande der ewigen Liebe.
Mein Mütterlein treu; sie muß schon vor Zeiten angelangt sein auf mühevollen Krücken.
Zwar war sie fast blind, doch hat sie -- das weiß ich -- den Weg nicht verfehlt.
Wie geht's ihr? Singt sie noch immer die lustigen Lieder? Was werden die Engelein horchen und lachen! Was war das ein Spaß, wenn sie hat erzählt und gesungen! Und ernsthaft blieb sie dabei, denn taub war sie völlig und hat -- wie ich meine -- ihr fröhliches Singen und Sagen selbst nicht vernommen.
Und daß ich noch frage: Habt ihr ein Krankes im Himmel?
Wenn sie nicht Kranke kann warten, die Mutter, wachen die Nächte und sorgen und sich von dem Munde die Bissen abkargen, so ist sie nicht glücklich.
Sie wird es schon sein.
Denn sag ihr, sie hätte auf Erden jetzt Enkelein süß; dieselben, die heute, o Christkind, dein strahlendes Bäumchen umjauchzen. Und sag es der Mutter: wir lassen sie grüßen!
Dann wirst du, mein himmlischer Knabe, auch einem Frauenbild noch sein begegnet, jung wie der Mai, hold wie ein Engel; wirst es kaum glauben, daß sie auf Erden geboren.
Im Reigen der Reinsten und Seligsten, der treuen, opferfreudigen Seelen ist sie zu finden.
Du lächelst, mein Christkind, sahest sie schweben im weißen, myrtendurchwirkten Kleide.
Ein Antlitz, so zart, wie Kirschbaumblüh' -- sie ist's! -- und Augen, so sanft und seelentief -- es muß sich darin ja Gatte und Kind noch spiegeln?
So bist ihr begegnet im himmlischen Land, wie einsam vielleicht sie gewandelt in stillen Hainen, und wartend.
Denn dann erst, wenn Gatte und Kinder bei ihr sind, will freudig sie eingehn zur Seligkeit.
Diese Frau, mein göttliches Kind, wenn du heimkehrst, wird fragen dich mit weinendem Lächeln, wie es doch war, als du den Weihnachtsbaum stelltest in das verwaiste Haus den jubelnden Kindern?
O, sag ihr, wie frisch in den jungen Gemütern die früh uns verwelkte Lust dieser Welt wieder aufblüht.
Und sage, wie selig ich bin in den Kleinen, wie heiß ich ihr danke!
Und das, wie ich immer noch weinen muß -- Bote der Liebe -- das sag ihr nicht.
In einer Waldkapelle.
»Aus Todesbanden Ist der Sohn erstanden, Und sie, das heiligste Weib der Schmerzen, In der ewigen Jugend Strahl, Stieg empor auf Rosenwolken Zum himmlischen Königssaal.« -- O, Dank den Zungen, Die dies Lied gesungen Das erstemal in Glauben und Hoffen. Unser Leib sinkt der Erde zu, Doch dir, o Herz, steht im Lichte Heiliger Dichtung der Himmel offen! In Lebensstürmen verlischt der Schimmer, Der kindliche Glaube vergeht wie Tau. Und kommt wie Tau. Denn eins laß ich nimmer: Das glorreiche Anbild der göttlichen Frau.
Maria, Maria, Mit deinen Schmerzen, Mit deinen Freuden! In meinem Herzen Bist von allen Den Idealen, Den herrlichen, süßen, lieben, Mir du noch geblieben. Deines Gedächtnisses Segen Möge uns retten Aus der Verzweiflung finsteren Wegen, Aus der Leidenschaft ehernen Ketten. -- O, ewigen Preis Der Gebenedeiten, Der Gnadenreichen! Erd' und Himmel zu allen Zeiten Haben nichts, dir zu vergleichen. Die Könige ruhen zu deinen Füßen, Die Scharen der heiligen Engel küssen Den Saum deines leuchtenden Kleides; Und in den Kammern Des Elendes jammern Die lichtlosen Kinder des Leides; Die Gefallenen weinen Zu dir, der Reinen, Die gebrochenen Herzen, Die verlornen Seelen Dürsten nach deinen labenden Quellen. Auf Schutt und Trümmern Irdischer Freuden, Auf teuren Gräbern, Unter Trauerweiden Blicken Augen tränenumhüllt, Suchen, Maria, Du Mutter der Liebe, Dein himmlisches Bild. --
O, laß uns Kinder der Erde nimmer Verlieren ganz deiner Minne Schimmer. Maria, Maria, dies bitten wir! Und wenn Felsen stürzen Und die Himmel beben, Huldreiche Frau, Laß bestehen, laß leben Im Menschenherzen Das süße Bild von dir!
Ora pro nobis.
Gedanken in der Kirche zu Zell.
Bei Maria zu Zell an der heiligen Stätte, da kannst du Wunder schauen christliche Seele. Da kommen gezogen Völker aus vielen Ländern und lasten ab auf den Marmorstufen ihr schweres Herz, ihr vielfaches Leiden, und rufen in fremden Zungen des Heilands selige Mutter, und klagen und schreien mit wilden Gebärden, und führen zerrissen in Wehmut die Sprache, so alle Menschen verstehen: sie weinen.
Sie weinen, daß Trän' um Träne perlet über die Wangen -- der Perlenschnüre schönste, die sie der himmlischen Frau mögen weihen. Sie weinen und beten mit hochgefalteten Händen, wie so brünstig auf keiner Stätte im irdischen Tale sonst sie können beten. Eherner Bildsäule gleich knien sie da, oder wandeln, das flackernde Licht in der Hand, wohl leichenblaß in langen Reigen den Kreuzgang dahin, oder wallen kniend im Bußgewand um den Altar, oder liegen auf kaltem Stein hingestreckt wie leblos, die Arme zum Kreuze gebreitet. Unter solchen Gebärden bangend und hoffend, schreit das zitternde Herz: »Maria! Zuflucht der Sünder, Heil der Kranken, Trost der Betrübten, Licht der Sterbenden, bitte für uns: _Ora pro nobis_!«
Und siehe! Vom stillen, uralten Bildnis nieder träufelt die Gnade, der Beter Gemüt ist erleichtert, wie Berghauch frisch weht Hoffnung und Zuversicht durch das schwüle Herz. Aufrecht wieder steht der irdische Leib, im Aug' die Träne der Freude: Erhört! Erhört zu Zell von Maria!
Im Schatten des Pfeilers dort steht finster und blaß ein Fremdling. Seine Zunge ist kundig der Sprachen des Erdballs -- Maria hört ihn in keiner. Der Bitterkeit voll ist sein Herz, und schweres Weh schleppt er mit sich seit vielen Tagen, es fällt nicht ab an den Stufen der Gnade, es klammert sich würgend an seinen wogenden Busen, er flucht dem dunkeln Geschick, er dürstet nach Freude und Trost, verzehrt sich in lahmem Neid, daß sie dort, die Beter, vor einem geschnitzten Stück Holz erlangen, was ihm in der weiten lebendigen Welt versagt ist.
Mit starkem Mute gehen die Pilger dem Heim zu, sei es zu ferneren Widerwärtigkeiten des Lebens, sei es zur Bahre -- sie gehen getrost, Maria geht ihnen zur Seite und führt sie durch Jammer und Grab als treue Mutter zum ewigen Leben.
Auch dort dem Fremdling pocht schon der Tod ans liebehaschende Weltherz. Sein Wesen schauert im Anblick der Grauen des ewigen Grabes. Einen Ruf nach Rettung erpreßt der Verzweiflung Gewalt ihm, der Schrei gellt hohl in den Hallen des Tempels, daß flattert erschreckt aus dem Nest die Schwalbe. Das uralte Holz in der Zelle ist taub.
O armes, geliebtes, von allen Himmeln verlassenes Weltkind! Das uralte Holz in der Zelle hilft niemand. Maria, des Heilands süße, barmherzige Mutter, die jene wallenden Beter =lebendig= im Herzen tragen, des Glaubens innere Wirklichkeit -- sie wirket Wunder. Es ist keine Mär, Maria wirkt jeden Tag Wunder im Menschengemüte und übt eine göttliche Kraft, die irdischer Macht nicht vergleichbar.
O Fremdling im Schatten des Pfeilers! Wenn dir ein ernstes Geschick den kindlichen Glauben genommen und nicht mehr zurückgibt -- es ist des Weltkindes Märtyrtum, trage es männlich. Doch wehe dir, wenn du ans Heiligtum tastest, das andere hegen im blutenden Herzen! Laß brennen im Menschengemüte die Ampel, die ihnen erleuchtet des Erdenlebens finstere Pfade, des Grabes Schatten mit Morgenrot hellet, und schweig in Ehrfurcht, wenn auf wildem Meere weint und schreit und betet der Menschen gläubiges: _Ora pro nobis_!
Ans Menschenherz.
Lebensgenosse, verbirg mir dein Herz nicht. Ich weiß es, ich kenn' es, ich seh's an dem meinen.
Du hast dich =gefürchtet=. Dir graute vor Schatten; an Körpern, die sie geworfen, gingst du sorglos vorüber. Der Kindheit süßes Blut haben gesogen Vampyre der Angst in stillen Nächten. Schaudernd vor Geistern nahmst du den stärksten nicht wahr -- den im eigenen Haupte. Nun ruhn die Gespenster, doch inne bist du des Weltalls Mächte, die dich im Augenblick können vernichten. Solange du nur für dich wolltest sein, war Angst dein Teil; seit du willig der Schöpfung lebst in gemeinsamer Sache, stehst du in Demut, doch furchtlos den Mächten, mit offener Stirn.
Du hast =gehofft=. Das Hoffen ist das beste Haben des Sterblichen. Doch der tröstenden Mutter Hoffnung boshaftes Kind heißt: Enttäuschung. Wohl dir, wenn die Hoffnung dich treu zum Grab trägt; wehe dir, wenn unterwegs sie dich fallen läßt auf sandigen Boden, wo unter Disteln und Dornen Verzweiflung wächst! Ich spotte der Hoffnung nicht, sie ist das Gedicht meiner Seele, des kindischen Herzens liebliches Spielzeug.
Du hast =gehascht=. Von Sinnen gestachelt wie toll gejagt nach Genüssen -- nach Geld, nach Ruhm und anderen Dingen, die das Leben zieren, aber nicht erfüllen. Wie leicht ist dir manches geworden, zur Wirklichkeit wuchs der Gedanke, bevor er noch Wunsch war. Mit Schmerz und Entbehrung verglichen nur waren es Güter, nur mit dem Maßstab des Leides gemessene Freuden. Von andern beneidet, fragst du befremdet das Schicksal: Ist denn das alles? Mehr als erwartet und doch nicht befriedigt! Es muß in den prunkenden, allumworbenen Gütern der Welt etwas faul sein.
Du hast =gehaßt=. O nichts vergiftet das Herz mehr, als leidiges Hassen. Die Gier, sich zu rächen, verzehrt das eigene Leben. Nie geht der Herzschlag so wild, als wenn er Waffen schmiedet gegen den Feind; die lohende Esse der Brust versengt den heiteren Frieden. Ich habe die Lust zu hassen dem Teufel zurückgegeben, sie mag der Verdammten Seligkeit sein. Der Erdsohn wandelt auf Gräbern, sein Haupt reifet hehrer Vollendung entgegen im Lichte des Himmels.
Du hast dich, Lebensgenosse, der =Liebe= ergeben. Die Lieb' zu dir selbst, mit der fing es an, und bald kam die Liebe zu zweien; diese gebar dir schmerzlich und vielfach die Lieb' zu den Kindern. Die selige, zitternde Liebe voll Glück und voll Bangen. Armes gepeinigtes Herz! Heute trotzend in Panzern von Eis, morgen fiebernd in Gluten, an solcher Liebe Glück sachte verblutend. Und das nennt man Leben! Wie du, so wir alle -- lächeln nach außen und schluchzen im Innern. -- Nun kommt das Erbarmen. Die selbstlose Liebe, die am Kreuz ihre Hände noch ausstreckt, die Welt zu umarmen. Liebreich und gut sein mit jedem. Gibt man dir Liebe, gib Liebe zurück. Fügt man dir Leid zu, so gib dafür Liebe. Lähme die Feinde mit Liebe, größer, gewaltiger rächt sich auch Gott nicht.
O milde Liebe! Wer anderen wohlwill und wohltut, erlöset sich selber. Der Unfried in dir geht zur Ruh, wenn du Fried' hast mit anderen. Die tiefste Wunde des eigenen Herzens vernarbt, wenn du sie anderen heilest. In deines Gemütes üppigem Garten, tief unter Unkraut keimet ein Pflänzlein; heute noch zart mit tauender Blüte, kann es bei treuer Pflege morgen ein herrlicher Baum sein. Ein Baum der wahren Erkenntnis, an welchem die Früchte reifen, nach denen wir lechzen. O haltloser Mensch, von Furcht und von Hoffnung betört, von Gier und von Haß gehetzt, müßtest du stürzen, vergehn, wie der Hirsch, das Blei in der Brust, verblutet im Moorgrund. Zur Urkraft steh! Gesell dich im Streite der göttlichen Siegerin zu. Dich rettet die Liebe.
Hymne eines Glücklichen.
Heiliger Gott, ich möchte beten, preisen dich in göttlicher Sprache, und jauchzen, singen, wie Engel jubeln im Schauen deiner Schönheit.
Ich möchte weinen, wie Selige schluchzen, die du aus der finsteren Drangsal der Erde in deine ewigen Himmel aufnimmst.
Nur das ist mein Schmerz, mein wonnig Verzagen, daß ich nicht kann sagen, wie glücklich ich bin. --
Ich hab' dich gefühlt am Busen der Mutter, im Auge des Freundes dein Lächeln gesehn; und als ich die einzige fand, die Geliebte, da warst du es ganz, der niederstieg und mich, den Schwachen, in Wonneschauer Bebenden, mit heißem Kuß an seine Brust gedrückt hat.
Und als ich mein Ebenbild, nein, das deine, in meinem Arm hielt, das süße Kind, da warst es du, der mit erneuter Huld im jungen Auge mich angeblickt. --
Die heißen Freuden haben mein Herz erschüttert; der Frost der Gräber hat mein Haar gebleicht.
Einsam nennen sie mich und wollen mich trösten mit ihren kleinen Gaben, die Guten, die Armen, die nicht wissen, wie reich, nicht ahnen, wie glücklich ich bin.
Denn seit die heiligen Bilder deiner persönlichen Gottheit mir verweht sind, stehst du aufgedeckt vor mir in Alleinheit deiner unendlichen Schöpfung.