Part 6
Ich hasse keine Seele. Denn mir weiht Den Erdensohn das allgemeine Leid. Doch, alles Schlechte, Falsche, was da baut An diesem Leid, ich hass' es tief und laut. Um eitel Liebe buhl' ich nicht, ist sie Durch fremden Schwächen huldigende List Zu wohlfeil mir auf jedem Markt zu haben. An heißem Haß der Schlechten mich zu laben Ist meine Lust. Es müssen alle, alle Die Schurken, Schleicher mich mit bittrer Galle, Die Wichte mich mit giftigem Hohn begeifern, Die Finsterlinge meiner fluchend eifern, Die Knechte fliehen mich, die frevlen Herren, Die hochmutswütigen, mir Krieg erklären. Denn was ich will: die Menschheit neu Verjüngt zu sehn, und sich getreu. Dem Menschen nicht, dem Laster künd' ich Krieg, Und sollt es selbst im eigenen Busen sein: Der ewige Herr im Himmel, der ist mein. Mein auch der Streit -- und sein der Sieg.
Wenn Gott mich fragt am Tage des Gerichts: Wo sind sie, die dich lieben? -- sag' ich nichts. Doch zeig' ich zum Ersatz ihm, die mich hassen. Und bitt' ihn um die Prüfung des Gewichts. Ich hoff', er wird es gelten lassen.
Gott und Volk gehört zusammen.
Eurer Flüche Blitzesstrahlen Schlendre ich zurück auf euch, Foder' Rechenschaft von allen, Die gefährden Gottes Reich. Pfaffen, die sich drängen zwischen Gott und Menschheit, sie zu trennen, Die hier fälschen und dort fischen, Ihnen will ich Wahrheit nennen: Gott und Volk gehört zusammen, Heut und alle Tage, Amen.
Und auch jene Pharisäer, Die mit ihrem flachen Wissen Spielen sich auf große Seher Und den Himmel wollen schließen, Die dem Volke frech vernichten Seinen Gott und seine Seele -- Weltgeschichte wird sie richten Und es zeigen grausig helle: Gott und Volk gehört zusammen, Heut und alle Tage, Amen.
An die Naturalisten.
Geister dieser Zeit, wer soll verstehen Euch nach menschlicher Vernunft Gesetzen? Pessimistisch haßt ihr dieses Leben, Will jedoch die Kunst ein schönres schaffen, Hei, wie ihr sie geifernd gleich verlästert! Das, was aus dem Leben ihr verwünscht, Möchtet in der Kunst ihr wiederfinden, Nur nichts Froheres, um Gotteswillen, Nichts, was unsre Seele könnt erfreuen, Denn die reine Freude soll verpönt sein; Nichts, was Lieb' und Hoffnung könnte wecken Zu der Menschheit. Und erst Ideale! Ideale hat nur der Philister. Sonst ist Kunst auf lichten Höhn geschritten, Heiter reigend um die ernstre Schwester Religion. Sonst hat sie in Erz und Marmor Mit des Lieds erhabnen Weiheklängen Unsere Helden zur Unsterblichkeit geleitet, Unseren ungezognen Leidenschaften Maßvoll edlere Gestalt gegeben, Und im Spiel ein Gottesreich gestiftet, Munter Schnippchen schlagend der Materie. Und dies lichte Reich wollt ihr vernichten? Just den göttlichsten der Sinne ihr verlöschen?
Phantasie! Wozu denn ward sie euch? Wollt ihr schon verstümmeln euer Wesen: Raubt das Aug', das Ohr, die Sprache euch, Nicht jedoch die Kraft, die aus dem Staub uns hebt. Frei nach allen Keimen soll entwickeln Sich der kleine Mensch. Schildert, Realisten, Genial den Kot, die feuchte Fäulnis, Wühlt und schwelgt darin, Naturalisten, Nach Belieben; auch nach dieser Seite Muß ausleben sich die Menschheit. Düngt den Baum, auf daß er wachse, grüne. Warum ihn verspotten, wenn er blüht?
Menschenbaum braucht Erdreich nicht allein, Auch Sonnenschein. Und ohne üppig Blühen Keine Frucht. Die Jugend sei gepriesen Mit ihrem heitern, hoffnungsfrischen Herzen! -- Gern sei euch der Würmer Reich gelassen, Achtet, wie sie kriechen, bohren, pissen, Schildert, bitten wir, nur recht dramatisch Und genau, man will ja alles wissen. Uns doch sei gegönnt, als Schmetterlinge Hoch die sonnigen Blüten zu umgaukeln, Dieses Sein mit Phantasie zu schmücken, Und mit freier Seel' die Totengräber, Die aus Knochen Kunstgebilde machen, Manchesmal ein wenig auszulachen.
Leute gibt es allerlei.
Leute gibt es allerlei Auf der weiten Gotteswelt. Wem die Sache nicht gefällt, Wer da ausmarschiert, um jeden, So nicht sein ist, zu befehden, Der wird nimmermehr auf Erden Mit der Fehde fertig werden. Juden, Slaven, Atheisten, Welsche, Philosophen, Christen, Japanesen, Deutsche, Heiden, Und wie noch die Massen scheiden, Kasten, Sekten, Nationen, Die in Gottes Licht sich sonnen, Alles rollet hin und her, Wie der Wellenschwall im Meer. Wie die Wässer und die Winde, Stürmisch hier, und da gelinde, Ewig um den Erdball kreisen, So in den Naturgeleisen Wogt die Menschheit hin und wieder; Schranken, die du heute aufstellst, Brechen morgen krachend nieder. Güter, die durch Krieg errungen, Frieden, so durch Krieg erzwungen, Reifen neuerdings die Saaten Aus zu neuen Schreckenstaten. Nicht einander jagen, schlagen, Sondern mit Geduld ertragen Nach dem Rate der Natur, Ist das Omega und Alpha Aller Bildung und Kultur. Wer da ausmarschiert, um jeden Fremdgesinnten zu befehden, Der wird nimmermehr auf Erden Mit der Fehde fertig werden. Wär' der letzte Feind zertreten, Müßte er sich selber töten Als den Rest in dem Planeten.
Der Schwindel an das Publikum.
Von allen Rädern unserer Zeit, In Werkstatt und auf Eisenbahn, Steht als Regiererin der Welt Das Glücksrad obenan.
Das braucht man nicht zu treten erst Das dreht sich selber um, Ich kann es dir empfehlen sehr, Verehrtes Publikum.
Pack an, pack an, ist morgen leicht Die halbe Welt schon dein, Und bist du klug, mein guter Freund, Wird's bald die ganze sein.
Ei, komm doch, ich verspreche dir Die stolzesten Paläste, Mit Viergespann, Lakaien d'ran, Und königliche Feste.
Der Bacchus wird als Portier Die Gäste nicht verscheuchen, Die Venus macht im Haus Honneurs, Ist huldvoll ohnegleichen.
Mit Aktien und Lotterie Mußt du dein Glück beginnen; Verdienen ist philisterhaft, Doch vornehm ist gewinnen.
Da ruht man auf dem Sofa aus Und schmaucht die feinsten Zigarren, Und läßt für sich den »Pöbel«, traun, Hübsch arbeiten und sparen.
Ei, was Gewissen, Ideal! Das Leben ist ein Spielchen, Und hochperzentige Wertcoupons Sind unser höchstes Zielchen.
Was Arbeit, Narr, das Glücksrad her, Das dreht sich selber um, Ich kann es dir empfehlen sehr, Verehrtes Publikum!
Der Besessene.
Mir graut, ich bin besessen, Besessen von dem Gelde hier, Mein Schaffen, selbst mein Sinnen, Mein Träumen wird zu Gelde mir. Was meine Hand berühret, Wird märchenhaft zu Gelde mir, Die Sehnsucht meines Herzens Wird eingelöst mit Gelde mir. Ich dürst' nach Lieb' und Freundschaft, Nach Mut, nach Frohsinn, Ehr' und Ruhm, Mein heißer Drang nach Tugend, Er setzt sich schnöd in Gelde um, Vor meiner Türe wimmern, ach, Die Hungernden und Armen, Und ich bin nicht imstande, ach, Mich ihrer zu erbarmen. O Brüder, liebe Brüder, Wie teil' ich euch von Überfluß, Da ich doch selber mitten Im schnöden Gelde darben muß. Das Geld als Segen Gottes, Das habe nie besessen ich, Doch bin von schlechtem Mammon Seit Jahr und Tag besessen ich. Und weil vor dem Verlieren In Angst und Sorg' ich beben muß, So hab' ich Not und Elend Vom Geld, solang ich leben muß. Und wenn ich's einst verlassen soll, Wird doppelt hart das Sterben, Und schmähen einen Geizhals mich Die tief verhaßten Erben. -- O grauenhaftes Schicksal, du, Den Mammon zu verfluchen, Und ihn mit Hungers Hast und Gier Doch immer müssen suchen. Dem Armen das Verschmachten Für seine Seele frommen muß, Dieweil die meine jämmerlich Im goldnen Bann verkommen muß. O Gott, wie wird das enden noch, Was soll mich Ärmsten laben, Wenn ich den goldnen Becher leer In lahmer Hand werd' haben! Noch einmal möcht' für Göttliches Auf Erden ich erwarmen. Erlöse von den Banden mich, Erbarmen, Herr, Erbarmen!
Der Reiche.
Ach, wir armen Reichen werden Oft der Lästerzungen Beute! Und wir sind, bei Licht betrachtet, Doch die allerbesten Leute.
Was! ich nicht getreu der Pflicht? Hab' geschworen, reich zu werden; Schuft, der seinen Eidschwur bricht Und verachtet Gott auf Erden!
Was! ich hätt' nicht Religion? Gott ist auf die Welt gekommen, Glaub' ich fromm, und hat im Gold Irdisch Wesen angenommen.
Was! ich hielt' auf Ehre nicht? Darum brauch' ich Geld in Haufen, Daß ich, wo die Waare feil, Auf dem Markt kann Ehre kaufen.
Also ist es lustig leben! Meine Schäden zu verhüllen Eilt der eine, und der andre Meine Wünsche zu erfüllen.
Hei, wie ist's doch schön auf Erden! Wo man alles kann erwerben. -- Einer nur läßt lang sich suchen, Einer, der für mich will sterben.
Der Übermensch.
Da sitzt ein armer Sünder Auf einer harten Bank, Wie Rosen blühn die Wangen Des Jünglings, stark und schlank.
Ein freies Leben führte Der junge Nimmersatt, Er tat zwar nichts aus Liebe, Doch liebte er die Tat.
Er hat geraubt, gemordet, Sonst Unheil viel getan, Ein Berg von Missetaten Begräbt den jungen Mann.
Ein Meer von heißen Tränen Ist über ihn geflossen, Und wo sein Fuß gewandelt, Kann keine Blume sprossen.
Nun steht er vor den Richtern In aller Ruhe da. Man fragt: »Hast du's begangen?« Er sagt gelassen: »Ja.«
Er weint nicht und er lacht nicht. Und einer, der noch glaubt, Fragt: Ob er nicht bereue? Er schüttelt kühl das Haupt.
Man führt herein die Mutter, Der er den Sohn erschlagen, Sie stummt und starrt ins Leere, Kann nimmer weinen, klagen.
Man führt herbei die Schwestern, Die nach dem Bruder schrein; Man trägt den zarten Säugling, Den mutterlosen, herein.
Der Jüngling, kalten Auges Blickt er die Opfer an, Als fragte er: Was weiter? Ihr seht, ich hab's getan.
Nur einmal strahlt sein Auge, Das kalte Auge, licht, Als die Gerichtsverhandlung Der Abend unterbricht.
Wohlan, jetzt kommt das Süpplein Und dann der gute Schlummer, Er schläft die sieben Stunden, Ohn allen Gram und Kummer.
Die Qualen unsrer Seele, Dir sind sie nicht bewußt, Beneidenswertes Untier Mit deiner hohlen Brust.
Der Erde heiße Herzglut, Sie kann dich nicht erreichen, Des Lebens wilde Schmerzflut Dich nimmermehr erweichen.
Das wilde G'jaid der Not, Das um den Erdball hetzet, An dem sich jedes Herz Langsam zum Tod verletzet,
Du bist davor gefeit. Das Stöhnen in der Brust Des Nächsten ist dir, traun, Ergötzlichkeit und Lust.
Dich bindet keine Sitte Und keine Menschlichkeit. Immun bist gegen Liebe, Immun auch gegen Leid.
Dein Sittensprüchlein lautet: 's gibt weder Gut noch Schlecht. Wer siegt, das ist der Herrscher, Wer stark ist, der hat recht. --
Des andern Tags die Richter Erörtern das Gesetz; Dich langweilt »dieses öde Und müßige Geschwätz«.
Von Gut und Böse jenseits Bist du durch nichts beenget, Kein Mitleid, kein Gewissen Je dein Gemüt bedränget.
Die Macht war deine Gottheit. -- Nun hat sie sich gewandt, Der Stärkre hat den Schwächern Vor das Gericht gebannt.
Wirst du es auch nicht spüren, Du eisenharter Mann, Wenn sie an dir vollführen, Was andern du getan?
Vielleicht kommt doch zum Vorschein Bei dir ein bißchen Herz, Wenn du dich hebst das erstemal Im Leben -- himmelwärts.
Im Saale auf die Richter Das Volk mit Bangen harrt. Der Knab' schaut in die Runde Und streicht den jungen Bart.
Es will ihn fast befremden, Daß jetzt die Frauen weinen Und bangen, als die Richter Zum Urteilsspruch erscheinen.
Nun wird es dumpf und schwül Als wie in einem Grab. Der Richter hebt sich hoch -- Tritt vor -- und bricht den Stab.
»Zum Tod!« haucht es, »zum Tode!« Dann alles stumpf und stumm. -- Der Mörder blickt mit Staunen: »Zum Tode? -- Wen? -- Warum?
Zum Tode mich?!« er ruft's, »Zum Tode durch das Strängen? Der einzige starke Mensch -- Und wollen ihn jetzt hängen!«
Die Dichter und die Leute.
Wir säen Samen, Es wachst nix. Wir schreiben Dramen, Es wirkt nix. Wir erzählen Geschichten, Es tut nix.
Wir dichten Gedichten, Es hilft nix. Wir sprechen Sprüche, Es nutzt nix. Wir fluchen Flüche, Es schad't nix.
Unterricht für moderne Poeten.
Dichter, wenn du für die Leute Dichten willst, so sei gescheute, Baue, sollst du etwas gelten, Ihnen pappendeckne Welten, Helden, die mit Spagatschnüren Hübsch sind durch den Plan zu führen. Dichte Gärten, wo die Grillen Statt zu zirpen Flöten spielen. Und zur schönen Augenweide Dichte Rosen fein aus Seide, Daß sie duften, Herr Verfasser, Dichte Tau aus Kölnerwasser. Mit Magie und Zauberstücken Magst du ihren Kopf berücken. Lorbeerkranz wird zwar nicht echt sein, Doch aus Gold wird er dir recht sein. -- Eins nur, laß die Leute schauen Nie in deines Herzens Auen. Deines Gartens schönste Blüte, Holde Rosen im Gemüte Würden sie auf Graswert messen Und mit plumpen Schnauzen fressen.
Des Sängers Verzweiflung.
Während eines blutigen Krieges.
Am erstbesten Eichbaum zerschlag' ich die Leier! -- Zerberste, zerschelle in schnöde Scherben, Stöhne, schrille im Sterben zum letztenmal falschen Gesang! --
Da sangen die Saiten Von grünender Erde! -- Rot muß sie sein, von Menschenblut rot sein! Schießt und stecht und schlaget sie nieder Die Menschen, die elenden, wo ihr sie findet! Auf furchigen Feldern, Bei goldenen Garben, Heiteren Herzens im Schäferhaine; In brausender Werkstatt voll regen Fleißes, Auf rollenden Rädern, Auf wogenden Wellen in Handel und Wandel; Auch zwischen den Wänden der Schule, des Wissens, Im Tempel der göttlichen Kunst, erglühend Im Schönen und Wahren. Wo ihr sie findet, trotzig sich freuend, die Menschen, Schießt und stecht und schlaget sie nieder!
Was soll sie, die flackernde Flamme Am häuslichen Herde? Befreit sie und pflanzt die lebendigen Fahnen Auf Türme und Dächer, Auf prangende Zinnen stolzer Paläste! Was lohet und leuchtet entfachet zu Lunten, Gebilde der Menschen schmelzt ein in den Gluttopf.
Da sangen die Saiten Von blauem Himmel voll Sonnen und Sterne! Rot muß er sein, der herrliche Himmel muß rot sein! Tauchet die Pinsel in brennende Städte Malet mit lohen Gluten den Himmel; Wölbet mit Wolken des wogenden Rauches Den Flammenofen über der Erde, Daß keine der sengenden Sonnen, der stechenden Sterne Keiner uns trübe das Schauspiel!
Da sangen die Saiten Von rosigem Antlitz der Jugend. Sie sangen von Liebe im Herzen, von Lust in der Brust wohl, Von trautester Treue, bis einstmals der Tod trennt. -- Fehde den lugvollen, trugvollen, gleißenden Saiten! Im Herzen ist Haß. In der Brust brausen Brände! O reißt auseinander die liebeträumenden Leben.
Das Weib mag weinen und welken, Der Mann muß erbleichen -- und brechen die Liebe. Reißet den Sohn vom sehnenden Herzen der Mutter, Einsam sollen sie sterben und starrenden Auges verwesen!
Haß dem Guten, dem göttlich Gerechten, Haß dem Hohen und Holden! Im Herzen ist Haß, Entfachet zur flammenden Tat ihn: Die Lebenden tötet, die Toten rächet, Daß ewige Rache die Menschheit richte! --
Da sangen die Saiten Von Leben und Liebe, Von Friede und Freude, Von wahrer, erhabener Menschenvollendung!
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Am erstbesten Eichbaum zerschlag' ich die Leier!
Eine Stimme in der Wüste.
Es mußt' ein wildes Schlachten kommen, Du, Welt, verträgst den Frieden nicht, Du schreist nach ihm, und naht er schüchtern, So schlägst du ihm ins Angesicht.
Ich sah noch keinen Tag erstehen, Der nicht entfacht vom Reinen war, Und keine Sonne sah ich sinken, Die trüb nicht vom Gemeinen war.
O dummes, bettelhaftes Prahlen Mit deines Fortschritts großen Siegen, Wenn unter den brutalen Füßen Zermalmt der Seele Schätze liegen.
Zermalmt ist mit den Götzenbildern Auch Jovis hehre Lichtgestalt, Und deine neuen Lichter leuchten, So wie der Fäulnis Phosphor strahlt.
Du weißt so viel und bist nicht weise, O sage, Welt, ob dir denn wohl ist Bei deiner krausen Hochkultur, die Außen bunt und innen hohl ist?
Den Hexentanz des Lebens tanzt Die Kunst getreulich mit; die Taube Entsank den reinen Himmelshöhen Und flattert halbbetäubt im Staube.
Die Güte und die Menschenwürde, In heißen Kämpfen dir errungen, Ist fremd geworden deinem Herzen, Ein Schmuck nur wortelustiger Zungen.
O, nichts vom vorigen Jahrhundert Hast du dir, Welt, gemacht zu Nutzen, Als bloß die Kunst, mit frechem Flunker All deine Torheit aufzuputzen.
Die graugelockte Weisheit schweiget, Die unerfahrne Jugend spricht; Besiegt, ruft sie, sind Elemente! -- Die Leidenschaften sind es nicht.
Von Hohn und Geifer der Parteien Seh' ich mein Vaterland beflecket, Die Führer blind und taumelnd, bis sie Ein grauses Menetekel wecket.
Dann mitten in der wilden Drangsal Wird männiglich die Welt verfluchen, Doch ringend mit den Nachtdämonen Den Flug in lichtere Höhn versuchen.
Das stete Glück macht Sünder, Toren, Und kleines Unheil Weltverhöhner. Die maßlos schwere Not allein ist Der große Sühner und Versöhner.
Ständchen.
In einer Winternacht Hab' ich dies Lied erdacht, Es sei als Minnesang Der Mitwelt dargebracht. -- Ihr Menschen seid nicht wert, Daß man euch liebt und ehrt, Daß man sein Herzblut gibt Für das, was ihr begehrt, Denn euer Wunsch ist Wahn, Und schief ist eure Bahn, Und jeden steinigt ihr, Der euch ein Gut gewann. Der euch ein Gut gewann, Und euch ein Heil ersann; Und es geschieht ihm recht, Denn er hat schlecht getan. Wer eure Laster schürt Und euch zum Abgrund führt, Dem euer schändendes Und falsches Lob gebührt. Für dies Geschlecht des Kain Kann Abscheu nur allein, Statt Lieb' und Opferlust, Die rechte Gabe sein.
Kräftigung.
Was ich suchte, konnt' ich lang' nicht finden, Was ich liebte, tat zu schnell entschwinden, Was ich haßte, wollt' mich überwinden.
Doch, was linde Lieb' nicht mochte wagen, Daß hat droher Trotz zurückgeschlagen, Und der Kampf hat mich zur Kraft getragen.
Gen Himmel hinauf.
Die Menschen bauen, die Menschen zerstören, Sie lieben, umarmen und schlagen sich tot; Sie schwärmen von Schönheit, Tugend und Ehren, Sie klimmen hinan mit großer Not. Doch sind sie oben nahe dem Ziele, So stirbt der Drang, es kehrt sich der Wille -- Sie stürzen sich wieder hinab in den Kot. Das ist der Geschichte ewiger Lauf, Wir können's nicht wenden, Nicht ändern und enden, Unsre Bestimmung ist ewiges Ringen Gen Himmel hinauf.
Anklage.
Wenn die wilden Wetter schlagen Und die giftigen Seuchen toben, Welch ein grauses Heulen, Klagen, An den hohen Himmel oben!
Großer Gott, für solche Armen Hätt' ich wahrlich kein Erbarmen. Hemmest du die bösen Wetter Und die giftgeschwellten Seuchen, Machen sie mit Kriegsgeschmetter Aus sich selber tausend Leichen.
Fürsprache.
Doch, was auf Erden keimt, O laß es reifen, Und was im Menschen ruht, Das laß erstehn. O Gott, laß dieses irrende, Nach deinen Höhen ringende, Dies arme, herrliche Geschlecht Nicht untergehn!
Dem Dichter.
Mein Sänger, laß' den Widerpart Und sing' ein lustig Liedel, Und lade sie zur Himmelfahrt Mit einer hellen Fiedel.
Es ruft den einen zwar der Herr Mit dumpfem Donnerkrachen, Den andern lockt er noch vielmehr Mit heiterem Sonnenlachen.
Der eine folgt den Elegie'n, Der andre frohen Stanzen; Man kann wohl in den Himmel knien Man kann auch hinein tanzen.
Himmel
Die Gottsucher.
Unendlich der Raum, Unendlich die Zeit, Kein Ziel und Halt In Ewigkeit. Die Kinder des Leides, sie sehnen und rufen, Sie irren und zweifeln in Nacht und Not Und suchen nach Gott.
Sie suchen im Buchstaben, Sie suchen im Bild, Sie beten und bluten, Sie streiten wild, Entzünden die Scheiter zur lodernden Fackel, Sie suchen im Kelch und suchen im Brot: »Wo bist du, Gott?«
Sie suchen im Leben, Sie suchen in Kunst, Sie suchen in Grübeln Und Liebesbrunst, Sie suchen im düsteren Schatten der Tempel, Sie rufen in der Freiheit Morgenrot: »Wo bist du, Gott?«
Die Armen, sie wandern Am Pilgerstab, Die Weisen, sie suchen Die Himmel ab, Sie suchen im schuldlosen Kindesherzen, Und fragen mit Grauen den starren Tod: »Wo bist du, Gott?«
Und sieh, im Suchen Und heißen Streit Steht immer der Herr An ihrer Seit', Und klopft ihnen lächelnd wohl auf die Achsel: »Ihr Kinder, schaut euch doch einmal um! Seid nicht so dumm.«
Willst du jene Höh' erreichen ...
Willst du jene Höh' erreichen, Wo im Schatten kühler Eichen Sündenlos die Helden stehn: Laß dich nicht von Lust berücken, Laß dich nicht vom Weib umstricken, Oder du mußt untergehn. Wähne nicht, das Blut zu dämmen, Blut entströmt gleich andern Strömen Von der Höh' ins tiefe Tal. Willst du aufwärts, mußt dich klammen An des Geistes reine Flammen, Streben nach dem Ideal.
Wie keimt dein Geschick.
Wie keimt dein Geschick Dir, Mensch, in der Brust? Aus dem Lichte das Glück, Aus dem Dunkel die Lust.
Wenn plötzlich ein Blitz Das Dunkel erhellt, Bist du in Besitz Von Gott und Welt.
Stimmung.
Das Schönste, was im Innern ich empfunden, Das ist so rein und zart, läßt sich kaum denken, Und will ich mich im Sinnen, traun, versenken, So ist mir das Gefühlte schnöd verschwunden.
Und was es ist, das mir so zart entsprossen? Ich weiß es nicht und kann es nicht enthüllen; Der Seele reinster Teil nur kann es fühlen, Und tief in meinem Herzen liegt's verschlossen.
Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe?
*
Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe? -- Mit dem Lenze fliegt er an Und verjubelt einen Frühling; -- Heißer Sommer quält den Mann. Wie die Schwalbe an dem Neste, Baut er flink an seinem Glück, Muß um seine Reiser, Blätter Ringen mit dem Mißgeschick. -- Leise kommt der Herbst geschlichen; Von des Lebens reifem Baum Reißt der Sturm die Frucht des Schaffens, Und der Mensch erwacht vom Traum. Sieh, am Scheitel seines Hauptes Wird es weiß -- der erste Schnee; Matt und düster blickt das Auge, Ach, es friert der klare See. -- Und er fühlt ein eigen Heimweh, Fremd wird ihm die Bruderhand; -- Wie im Herbst die Schwalbe, zieht er Heim ins ewige Frühlingsland.
Mir graut vor dem Gemeinen.
Ach, mir graut vor dem Gemeinen, Das mich stets durch neue Peinen Und durch alte Sünden schleift. Heimweh, Heimweh nach dem Reinen, Nach den kühlen Friedenshainen, Wo die Seele göttlich reift.
Ach, wo soll sie göttlich reifen! Nur im Schwalle wüster Träufen Lernst du das Gemeine fliehn. Nur mit Kämpfen kannst du siegen, Und im Fallen lernst du fliegen Zu den seligen Göttern hin.
Die Sehnsucht.