Mein Lied

Part 4

Chapter 43,582 wordsPublic domain

O lieber Gott, wo werden jene Stunden sein, In welchen mir der Lorbeer wird gewunden sein! »Ha, suche dir die Zweige!« spricht die kluge Welt, »Denn jedes Glück will mühevoll gefunden sein.« Ich darf es nicht, die strenge Pflicht hält mich zurück. Warum muß ich durch Sorg' und Not gebunden sein? Vielleicht, daß man mir einst die schweren Bande löst, Doch wird bishin schon Kraft und Will' verschwunden sein. Und bis man mir zu Lab den milden Balsam beut, Oh, können wohl vernarbt die heißen Wunden sein. Und wenn man jauchzend einst den vollen Becher reicht, Kann der Verschmachtete schon längst tief unten sein. Der späte Tropfen, der sein einsam Grab benetzt, Wird, traun, vom Schläfer nimmermehr empfunden sein.

Wilder Waldespsalm.

Ihr Häupter in goldiger Morgenglut, O blicket aus Himmelshöh' nieder Zum Sänger, der sinnend im Moose ruht, Euch feiernd durch harmlose Lieder. Wie lodert dort oben der Gletscherschein, Wie flüstert im Schatten die Quelle: O schenkt mir von eurer Herrlichkeit ein, Bis trunken die sehnende Seele.

Als einst ich verloren die ganze Welt, Den Glauben, die Hoffnung, die Liebe, Und als mir die glitzernden Freuden vergällt Im wüsten Weltgetriebe; Und als ich mein junges Leben verpraßt, Weil es ohne Reiz mir und Wert war, Und als ich den Mann auf der Straße gehaßt, Weil er wie ich auf der Erd' war.

Da zog ich hinaus wie ein dachloser Hund, Mich selbst und das Dasein verfluchend, Da schritt ich verloren, im Waldesgrund Einen luftigen Baumast mir suchend. Doch siehe, da war kein Ast mir recht, Der war mir zu hoch, der zu nieder, Ein dritter zu gut, ein vierter zu schlecht, Ein fünfter mir anders zuwider.

Und ein jeder tat so geheimnisvoll Und flüsterte leis mit dem Nachbar; Sie machten sich über mich lustig wohl, Daß ich so elend und schwach war? -- O nein, nur die Welt verspotteten sie Und schmiedeten eine Verschwörung; Der Wald und die Welt, die vertragen sich nie, Ob letzterer tiefen Betörung.

Drum sagten die Bäume: 's wär alles wohl recht, Die Vorzeit, die Zukunft, das Heute, Selbst der Himmel ist gut und die Erde nicht schlecht, Doch die Leute -- die argen Leute! Die Leute, die liegen sich alle im Haar Und raufen, daß es ein Skandal ist, Und spielen in Übermut mit der Gefahr So lange, bis jeder am Fall ist.

Und wenn sie zu Füßen den Abgrund sehn, Dann schwindeln sie fluchend und taumeln, Ja, dann erst will mancher zum Walde gehn, Und -- daß er nicht fallen kann -- baumeln. Oh, kämet ihr früher zu uns in den Wald Mit jugendlich heiteren Sinnen, Ihr wäret mit »Siebzig« noch immer nicht alt, Und wüßtet gar zärtlich zu minnen! --

So sagten die Bäume und flüsterten fort, Erzählten sich sondre Geschichten; Ich habe verstanden ein jegliches Wort Und weiß mich darnach nun zu richten. Und kriegt mir die Fröhlichkeit jäh einen Sprung, So kratze ich Waldharz und leime, Und sprudle und jauchze und bin wieder jung, Und schmied' ein paar hinkende Reime.

Das Geheimnis.

Im Walde Frieden. Zwei Hummeln läuten. Der Tag ist schon neigend. Da nahen Gestalten aus alten Zeiten, Die stille Reihe der alten Bekannten, Sie grüßen mich schweigend. Sie winken mir stumm ein Geheimnis zu Und schwanken vorbei. ... Ich hab' nichts verstanden.

Allseliges Leid.

Was glänzen doch dem die Augen so hell? Und birgt in der Brust eine dämmernde Seel', Und hüllet in staubige Spinnenweben Geheimnisvoll sein glosendes Leben. -- Weiß es einer, wie wohl sie tut, Die einsame Glut?

Was brennen doch dem die Wangen so rot? Er ist ja kalt, er ist ja tot! Er scherzt nicht mit Freunden, er kost nicht mit Frauen, Er kann keine lustigen Leute schauen. -- Weiß es einer, wie weh kann sein Die einsame Pein?

Und weiß es einer, wie wohl es tut, Wenn glühend das Herz in sich selber ruht, Und weiß es einer, wie hart es kann sein -- Der schleiche vorüber und laß' ihn allein, Den Mann in seinem allseligen Leid Der Einsamkeit.

Erprobter Rat.

Magst du wissen, wann du sollst gesellig Und wann einsam sein? Willst du =Freude=, suche Menschen, Willst du =Glück=, so bleib mit dir allein. Wisse, wann dein Werk am schönsten Und am reinsten mag gedeihn: In der =Arbeit= suche Menschen, Doch im =Schaffen= bleib mit dir allein. Wie's auch jeder hält nach seiner Weise, Lasse eins gesagt dir sein: Wenn du hassest, meide Menschen, Wenn du liebst, bleib =nicht= mit dir allein.

Dichters Wunsch.

Ach, wie gerne möcht' ich wissen Oft, zu wem mein Sprüchlein spricht! Hunderttausend Leser hab' ich, Aber =einen= hab' ich nicht.

Hunderttausend Leser heißen Publikum, und ihre Zahl Wird willkommen der Verleger Heißen hunderttausendmal.

Einen möcht' ich, =einen= haben, Den ich kenn', von dem ich weiß, Daß er jede meiner Zeilen Liest mit Liebe und mit Fleiß.

Einen einzigen ganzen Menschen, Einen ruft der Dichter an, Dem er all sein Denken, Dichten, Frohes Schaffen weihen kann.

Einmal hatt' ich einen solchen, Habe nur an =ihn= gedacht, Habe nur für =ihn= gedichtet Und mein Herz ihm aufgemacht.

Also sprach der Mensch zum Menschen Traut mit leiser, warmer Stimm', Und die hunderttausend Leser Fanden sich in mir und ihm.

Als ich redete für einen, Standen alle rings herum, Red' ich allen, hab' ich keinen Menschen -- lauter Publikum.

Welch ein Los!

Welch ein Los! Im bunten Lebensgarten Fröhlicher Genossen bin ich einsam. Hab' mit ihnen Ziel, Geschick und Leiden, Sprach' und Lied und Vaterland gemeinsam. Streuen scherzend Rosen unsren Pfaden, Lieben uns einander -- und bin einsam. Einsam, wenn das Blau der Fern' uns trennet Mitten unter ihnen bin ich einsam. Einsam, wie der Schiffbrüchig' im Meere, Einsam, wie der Aar im Himmelskreise, Einsam, wie der Mann, den sie begruben Unter Nordlichtschein im öden Eise. Brücken schuf Natur von Aug' zu Auge, Hängend auf des Lichtes goldnen Stäben; Schiffe auf dem Wellenmeer des Klanges Zwischen Mund und Ohren heiter schweben. Und des Blutes ehern ewige Bande Flechten aneinander unsre Sinne; Aber von der =Seelen= freier Zinne, Auseinander fern sich ungemessen, Hat Natur zu baun den Weg vergessen. Nicht so einsam ist das Alpenröslein An des starren Eises kalter Schwelle; Nicht so einsam ist der Stern am Himmel, Als in ihrem Leib die sehnende Seele. Einsam, wenn dem Schönen sie und Reinen, Mai im Herzen, grüne Kränze webet; Einsam, wenn sie selige Pfade suchet Nach dem Gottesreich, und ihnen lebet. -- Als in Tiefen mit Genossen kriechen Ist es besser, hoch zu schweben einsam. Größer, göttlicher gewiß -- doch glücklich? =Glücklich= ist der Erdsohn nur gemeinsam.

Wie bin ich so reich an Ehr' und Ruhm!

Wie bin ich so reich an Ehr' und Ruhm! Wie bin ich so arm an Lieb und Lust! Ich fühle den Lorbeer ums Haupt herum, Und keine Rose an meiner Brust!

Wie bin ich so reich an Ehr' und Ruhm! Aus Erde, die andern nur Dornen beut, Entsproßten mir Lorbeern und flechten, traun, Ein Haus, wo kaum ich zu wohnen weiß. Mit Lorbeern umrankt ist mein schlichter Tisch, Mit Lorbeern das einsame Lager bekränzt, Zu kühlen die heiße, pochende Stirn, Und Lorbeern, zu stillen das sehnende Herz. Ich rief dich nicht, du prangender Zweig, Du hast dich ums Herz mir schmeichelnd gerankt, Und wirst du bald treulos verwelken mir, Dann steh' ich, Unseliger, grau vor Gram Auf schauerlich ödem Lebensplan.

Wie bin ich so arm an Lieb' und Lust! Ihr, die den Poeten beneiden scheel Um Früchte der Liebe, o hört mich an: Den grünen, duftenden Lorbeerhain, Ich gäb' ihn für eine Rose hin. Der rosenbekränzte Becher des Glücks, Er mied die durstige Lippe mein; Den heißen Schweiß auf der blassen Stirn, Ihn trocknet ermunternde Liebe nicht. Und Liebe nicht küßt auf dem Katafalk Die letzte Träne vom Antlitz mir.

Nimmer will ich weinen!

*

Ist das Glas des Fensterleins nicht helle, Ist das Aug' umflort von einer Träne, Schaut die Welt zu düster in die Seele.

Nimmer will ich weinen, nimmer klagen, Niemand wischt vom Auge mir die Zähren. Einsam will ich tragen und entsagen.

Nur dem Retter, wenn er wird erscheinen, Leis' mir winkend mit der Friedenspalme, Will ich eine Freudenträne weinen.

Ein Eselslied.

Willst du, Freundchen, doch einmal das hochgelobte Land erlangen, Wo es unserm alten Vater Adam einst so wohlergangen, Darfst du nicht gen Westen ziehn, wo aller Tage Sonnen fallen, Mußt du, wo sie auferstehen, hin ins Land des Ostens wallen. Darfst du nicht das Dampfroß, nicht das stolze Pferd des Ritters reiten, Selbst des Dichters Flügelhengste könnten leicht dich irreleiten. Nur das Eselein, das arme, das beharrlich voll Geduld Trägt auf seinem breiten Rücken eignes Kreuz und fremde Schuld, Nur das Eselein, das arme, kann ins Paradies dich tragen, Weißt du, Freund, wie ich das meine, brauch' ich weiter nichts zu sagen.

Einkehr.

Tausend Formen hast du, Menschheit, Durchgeprobt in deinem Leben. Hier in Freiheit, dort in Knechtschaft, Hier in Trägheit, dort im Streben.

Hier in stolzen Waffengängen, Dort mit weichen, frommen Sitten Bist du kühn zugleich und zagend Durch die Nacht der Zeit geschritten.

Doch, die Sterne, die da leuchten, Und die Blumen, die da sprossen, Und die Trauben, die da reifen, Hast du einst wie heut genossen.

Ganz wie Adam seine Eva Sich gemacht zur Herzensbeute, Ganz wie Kain erschlug den Bruder, Ganz so liebt und haßt man heute.

Eins ist ewig; was du tun magst, Menschheit, streiten oder zagen, Lust und Leid, soviel in deinem Busen Platz hat, mußt du tragen.

Auch der Mächtige und Freie Ist die Beute eines Drachen. Und den Sklaven an der Kette Kann nur =Liebe= selig machen.

Das, was dich auf deiner Wander Manchmal will zu Boden drücken: Nicht der Weg ist's, der dich schwächet, Nur die Last auf deinem Rücken.

Ob der König, ob der Priester, Ob der Volksgewählte führet, Ob der Glaube, ob das Wissen, Ob die Kunst das Leben zieret,

Es ist eins. Aus andern Tiefen Keimen, Mensch, dir Heil und Schmerzen, =Dein Geschick steigt groß und ehern Einzig nur aus deinem Herzen=.

Mißratener Fluch.

Vor zwei Jahren, zu Sankt Marten, Habe ich in Nachbars Garten Einen schweren Fluch gesäet. Rachedürstend wollt' ich warten, Bis er in die Halme geht Und im sonnenfrohen Lenze Den verhaßten Hof umkränze Strüppedicht mit Dornenranken. Sieh, und als am Maienbronnen Alle Lebewesen tranken, Haben Blüten sich gesponnen Um das Haus des Nachbars Jocken, Der mir tat die Braut entlocken. Linde weiße, rote Blüten, An der Stirn des Hauses glühten; Rankten hold sich um die Dächer, Stiegen leis in die Gemächer, Alles zart in Blumen hüllend Und mit süßem Hauch erfüllend -- Graunerregend wonnesam! -- Als die Zeit der Reife kam, Welch ein seltsam Früchteprangen! An den grünberankten Zweigen, Die sich um die Fenster neigen, Schwere goldne Äpfel hangen ... Doch, was seh' ich auf der Erden Schlangenähnlich sich gebärden! Unheildeutend grause Zeichen! Wüste Dorngestrüppe schleichen Meinem, =meinem= Hause zu! -- Sachte wird es eingewoben Von dem Erdgeschoß bis oben, Wo der Fahne stolzer Prang Glück verkündet jahrelang. Wüst umstrickt das Haus zum Hohne Mit der kahlen Dornenkrone. -- Als sich so das Los gewendet, Klopft es leise an der Tür, Kommt der Nachbar Jock und spendet Tröstend eine Rose mir. Eine jener süßen, großen Rosen, die dem Fluch entsprossen. -- Ach, wie mir der Rose Gluten Meine arme Seele sengten! Und wie mir die milden, guten Worte weh das Herz bedrängten! -- Was dir, Mensch, auch mag begegnen, Nimmer sollst du Rache suchen. Bist ein Stümper doch im Segnen Und ein größerer noch im Fluchen.

Der Büßer.

Rosen hasch' ich, Dornen faß ich, knieend dieser Welt zu Füßen, Alle Sünden, die ich tue, muß ich auf der Stelle büßen.

Lüg' ich heute, daß nur kleine, enge Stiefelchen mir taugen, Kommt schon morgen so ein Wichtling, tritt mir auf die Hühneraugen.

Will ich heute träge träumend unter kühlem Flieder sitzen, Muß ich morgen voll von Sorgen unter Doppellasten schwitzen.

Schlürf' ich heute seliges Leben andachtsvoll aus goldnem Becher, Teil' ich morgen, ach, den Jammer wilder ausgelass'ner Zecher.

Tu' ich heute einer Schönen froh mein hüpfend Herzlein leihen, Kommt sie morgen schon, mich mahnend an die Pflichten, sie zu freien.

Klingen heute Hochzeitsglocken, schallt schon morgen Grabgebimmel, Doch ich hoffe, meine Seele kommt vom Mund auf in den Himmel.

Erbschaft.

Der Winter, der starre, Er liegt auf der Sterbe, O lächelnder Erbe. Wie üppig du erbst! Den blühenden Frühling, Den leuchtenden Sommer, Den Kastenfüller, Den goldenen Herbst.

Erwartung.

Nun wandle übers Morgensonnenfeld. In Ehrfurcht tritt zurück von deinem Weg Die Alltagswelt. Auf allen Auen heilige Ruh, Über deinem Haupte hoch Ein Falter fliegt im Kreise, Die Perlen auf den Halmen zittern leise, Und Blumen neigen ihren Kelch dir zu. -- O bebe, junge Brust, O bete, banges Herz, in ahnungsvoller Lust, Und laß dich weihen, laß dich segnen. -- Heute wird dein Schicksal dir begegnen.

Gedenken.

Auf Bergeshöh' im Sonnenschein, Wo Alpenrosen, rot und rein, An Lust und Liebe mahnen; Auf Bergeshöh' im Sonnenschein Bin ich mit meinem Leid allein Bei Rosen und Gentianen.

Die Erde, die mir das Liebste nahm, Sie schaut mich, ach, so kindlich an Mit ihren Blumenaugen: »Und hab' ich dir gleich weh getan, So denk, wie muß nach Qual und Wahn Die kühle Erde taugen!«

Stimmungen.

1.

Freier Hand seit Tausenden von Jahren Hat Natur an diesem Knochenkarren =Menschenleib= voll Fleiß und Kraft gebaut. Mit der Schöpfung Künsten wohl vertraut Standen alle Stoffe ihr zur Wahl Und ein Riesenarsenal. Nimmermüde schuf sie durch Äonen, Probte alle Formen, alle Zonen, Brach entzwei, was etwa doch mißlungen, Bis das Werk vollbracht, der Sieg errungen. Und in dieser herrlichen Gestalt Nahm die =Menschenseele= Aufenthalt. Jauchzend brachte sie das Werk in Gang, Und das heiße Herz in Wonne sprang! -- -- Ach, wie balde hörte man im feinen Blutdurchwogten Tempel -- =leise weinen= ....

2.

Der teure Kranke Ruht auf weichen Kissen, Und seine Lieben Hegen und pflegen Die müden Glieder In nimmer rastender, Zarter Sorgfalt, Und scheuchen bangend Trübe Schatten Emsig davon, Und haben milde, Schmeichelnde Worte Und frohen Trost Für sich und ihn.

Und plötzlich rollt Zwischen Kirchhofskreuzen Von kundigen Armen Stummer Männer Rasch gesenkt Der Sarg zur Tiefe. Und hüllenlos In furchtbarer Wahrheit, Die Herzen erdrückend, Wie Steine den Toten, Steht die kalte, unerbittliche, Dämonische Herrlichkeit Natur.

3.

Das Leben ist ein böser Traum, Doch willst du baß erschrecken, Wenn jener mit der Hippe kommt, Dich plötzlich aufzuwecken.

Und wenn der mit der Hippe kommt, Und mäht die Nesseln nieder, Gleich bittest ihn um so viel Frist, Um sie zu säen wieder.

Und wenn der mit der Sanduhr kommt, Dich mahnend, nicht zu säumen, So flehst: 's ist zwar ein böser Traum, Doch laß mich weiter träumen.

4.

Wie wird unser Himmel sich gestalten? Was wird unsre Seligkeit enthalten? Nichts von allem, was wir heute lieben, Das ist endlos weit zurückgeblieben. Heiße Lust bringt immer heißes Leid. -- =Schmerzlos Sein allein ist Seligkeit=.

Der Verbitterte.

Ach, wie ist mir wüst und weh Auf der dummen Welt! Dort, wo ich am liebsten geh', Das, was ich am liebsten seh', Ist mir längst vergällt.

Nicht vom Feinde stammt mein Leid, Der macht mich nur stark. Solche, denen war geweiht Treu mein Herz zu aller Zeit, Trafen mich ins Mark.

Was sie falsch mir angetan, Stumm sei's wie das Grab. Und des Grams geheimer Bann, Den mir niemand lösen kann, Drückt mich bald hinab.

Sonst ein Jauchzen -- jetzt ein Schrei: O du dumme Welt! Wär' ich dieses Wahnes frei, Hätt' ich nie auf Menschentreu' Herz und Glück gestellt!

Hätt' ich nie auf Weibessinn Nest und Not gebaut, Flög' ich vogelfröhlich hin, Freiheit wäre mein Gewinn, Freude meine Braut.

Lieb' und Treue, blöder Wicht, Hast du dir gewählt. Liebe stirbt, Vertrauen bricht, Was du meinst, das gibt es nicht Auf der dummen Welt.

Einst war ich so froh und rein, Wie ein Maientag, Jetzt, o Nebel, hüll mich ein, Weil ich Lust und Sonnenschein Nimmer sehen mag.

Wie ein blätterloser Baum Steh' ich auf der Heid', Dürres Laub vom Waldessaum, Starres Eis und Flockenflaum Ist mein Hochzeitskleid.

Sterben ist ein' harte Buß', Wem es nicht gefällt. Mir ist's redlich zum Verdruß, Daß ich heut noch =leben= muß Auf der dummen Welt.

Der Glückliche.

Seit vielen Jahren genieß' ich die Welt, Teils geistig und teils leiblich. Daß so viel Glück ins Herz mir fliegt, Ich kann's und kann's nicht finden, wo's liegt, Es ist ganz unbeschreiblich.

Wir lieben die Lieb', wir nennen die Lieb', Ob männlich oder weiblich. Wir fühlen die Seligkeit, fühlen die Pein, Und wissen nicht ja, und wissen nicht nein, Es ist ganz unbeschreiblich.

Seit vierzig Jahren sann ich und schrieb -- Es war ganz unausbleiblich. Und als ich geschrieben der vierzig Jahr', Da stockt' mir das Herz, da seh' ich es klar -- 's ist alles unbeschreiblich.

Wo wird es sein?

Was hab' ich dich gesucht, du Unbekanntes, Auf Erden dich gesucht und nicht gefunden. Du mir Unfaßbares und doch Verwandtes. Ich habe dich gesucht.

Im Gartenzelt und in der Felsenkrone, Im engen Wald und auf den Meeresrunden. In dunklen Nächten, in des Himmels Sonne, Wie hab' ich dich gesucht!

In Einsamkeit, im prunkenden Gemenge, Bei Freunden und bei Frauen tat ich fragen, In stiller Lust, in rauschendem Gedränge Wie hab' ich dich gesucht!

Wie grünte, blühte es in vielen Zweigen, Doch keiner hat die heilige Frucht getragen. Hier mußt' ich sinken, dort zur Höhe steigen, Ich hab' es nicht erreicht!

Was war's, das ich gesucht? Ich kann's nicht sagen. Für solche Größe ist das Wort zu klein, Das Allergrößte kann die Welt nicht tragen. Wo wird es sein!

Ich find' es doch, denn nichts ist =halb= gegeben. Wenn Sehnsucht ist, ist auch der Sehnsucht Stillung, Der demutsvollen Ahnung wird Erfüllung. Und lebe ich, so muß auch =jenes= leben. Ich find' es doch.

Der unbegreifliche Muskel.

In Gluten und Fiebern lag ich dahin, Der Doktor kam jeden Tag, Befühlte den Puls und verschrieb mir Chinin, Behorchte des Herzens Schlag.

Er horchte durchs Röhrchen, er legte das Ohr Zur Stelle, wo's seltsamlich schlug, Es zitterte leis, und es wogte so heiß, Er wurde durchaus nicht klug.

Der Muskel, er hämmert mit bräutlicher Kraft, Und doch ist's ein Todesringen! Wie läßt sich nur mit der Wissenschaft Das Ding in Einklang bringen?

-- Und wenn ich dich soll belehren, Freund, Ich sag' es nicht zum Scherze, Was dir nur als ein Muskel erscheint: Das ist -- ein Dichterherze!

Es mahnt.

Der Wind vom Kirschbaum Blütenblätter streut, Der Frühling macht's dem Winter nach, es schneit, So mahnt in Wonnetagen leis das Leid. -- Der Buchenwald in roten Feuern glüht. Der Spätherbst tut's dem Frühling nach, er blüht, So weht der Traum von Glück in herber Zeit.

Herbst.

Jugendsonne kehrt nicht wieder. Legst dich abends müde nieder, Stehst du morgens trübe auf. Teilnahmslos für all dein Walten Nimmt die Sonne durch den kalten Himmel ihren trägen Lauf.

Der Tag, der wird schon spat.

Der Tag, der wird schon spat, Mein Aug', das wird schon matt, All Menschentreiben ist ein Traum, Die Herrlichkeit, ich seh' sie kaum. Mein Aug', das wird schon matt.

Mein Haar, das wird schon grau, Und welche Zier ich schau, Ob Lorbeerkranz, ob Dornenkron', 's ist beides wohlverdienter Lohn. Mein Haar, das wird schon grau.

Mein Herz, das wird schon alt, Es wird schon hart und kalt, Es fühlt nicht Nadel, fühlt nicht Speer, Fühlt eure Bosheit nimmermehr. Mein Herz, das wird schon kalt.

Wandlung.

Ich bin ein sündiger Adam, Und habe vom Apfel gegessen, Und über den üppigen Apfelbaum Des Kreuzes fast vergessen.

Doch als die Früchte fielen, Die Blätter sacht verschwanden, Da sind die Äste des Apfelbaums Als kahles Kreuz gestanden.

Ich bereue nichts.

»Ich bereue nicht die Sünden, die ich je begangen, Ich bereue nur die Sünden, die nicht begangen.« Wohl, der Weltmann spricht's.

Ich bereue nicht die Sünden, die ich je begangen, Ich bereue nicht die Sünden, die ich nicht begangen. Ich bereue nichts.

Nur das =Muß= ist Herr, und sein die Schuld am Irren. Erst die Reue würde mich zur Mitschuld führen. Ich bereue nichts.

Erwägung.

Mein Herz wollt' sein ein Edelstein Und sich im Feuer härten. Der Edelstein kann schneiden ein, Doch nie geschnitten werden.

Ins =harte= Bett wird trotzdem sich Der schlimmste Teufel legen, Ins harte Herz wird niemals sich Der Gottheit Bildnis prägen.

Ich bin Mensch geworden ...

Ich bin Mensch geworden in der weiten Welt, Keiner steht von allen, die da leben, Keiner über mir, keiner unter mir, Ich bin jedem beigegeben.

Ich bin frei geworden in der weiten Welt. Fesseln, die mich an das Leiden banden Oder an der Freude, an der Hoffnung Trug, Alle schlug ich sie zuschanden.

Ich bin klug geworden in der weiten Welt, Legte meine Kräfte und Gebresten Zu der Menschheit ewigem Kapital -- und schwieg, So fährt sich's am allerbesten.

Des Weltkindes Besinnen.

Ein Traum? -- Vielleicht. Was wär' sonst das? Da träume ich nun schon seit sechzig Jahren Von Torheit, Bosheit, Lug und Haß, So lebhaft schauend grell und kraß, Als hätt' ich's am eigenen Leib erfahren. --

Ach, bist du =wirklich=, du wahnvolle Welt, Dann hast du mir das Leben scheußlich vergällt. -- Wie kam ich zu dir voll Lust und Vertrauen, Wollte nur Schönes und Braves bauen. Da heucheltest du: desselben beflissen, Und hast mir all Freud' beschmutzt und zerrissen. Nun hab' ich mich reichlich matt geritten, Satt gestritten, satt gelitten. -- Müd bin ich ....

Vor kurzem war ich bei Göttern zu Tische. Dort läßt man schweigend von allem decken; Das Faule schiebt man beiseit', das Frische Läßt man sich schmecken. Man kann dabei gar viel profitieren, Wie man mit feinen, noblen Manieren Sich schicklich mag zu Ende führen. Kein schrilles Schreien mehr, kein grelles Lachen. Ich will es von jetzt ab besser machen, Ein Leben führen, wie es genehmer ist. Will sogar die Verse ohne Normen, Ganz nach eignen Launen formen. Weil es mir so bequemer ist.