Part 25
Wie dieser Kirchgang vom irdischen Druck befreit, so will ich durch meine Erzählungen das Innere meiner Leser vom äußeren Druck befreien. Sie sollen Glocken klingen hören. Sie sollen empfinden und erleben, wie es einem Gefangenen zumute ist, vor dem die Schlösser klirren, weil der Tag gekommen ist, an dem man ihn entläßt. So leicht es ist, diese Gefangenschaft bildlich zu nehmen, so leicht ist es auch, meine Bücher zu verstehen und ihren Inhalt zu begreifen. Ich will, daß meine Leser das Leben nicht länger als ein nur materielles Dasein betrachten. Diese Anschauung ist für sie ein Gefängnis, über dessen Mauern sie nicht hinaus in das von der Sonne beschienene freie, weite Land zu schauen vermögen. Sie sind Gefangene, ich aber will sie befreien. Und indem ich sie zu befreien trachte, befreie ich mich selbst, denn auch ich bin nicht frei, sondern gefangen, seit langer, langer Zeit. Damals, als ich mich im Gefängnisse befand, da war ich frei. Da lebte ich im Schutze der Mauern. Da meinte es ein Jeder gut und ehrlich, der zu mir in die Zelle trat. Da durfte mich niemand berühren. Da war es keinem erlaubt, den Werdegang meines inneren Menschen zu stören. Kein Schurke hatte Macht über mich. Was ich besaß und was ich erwarb, das war mein sicheres, unantastbares Eigentum, bis ich -- -- entlassen wurde, länger nicht! Denn mit dieser Entlassung verlor ich meine Freiheit und meine Menschenrechte. Was andere, die nur materiell zu reden wissen, als Freiheit bezeichnen, das ist für mich ein Gefängnis, ein Arbeitshaus, ein Zuchthaus gewesen, in dem ich nun schon sechsunddreißig Jahre lang geschmachtet habe, ohne, außer meiner jetzigen Frau, einen einzigen Menschen zu finden, mit dem ich hätte sprechen können wie damals mit dem unvergeßlichen katholischen Katecheten. Ich lebte und arbeitete nicht für mich, sondern nur für Andere. Was ich erwarb, um das wurde ich betrogen. Was ich mir sparte, das stahl man mir. Ein Jeder durfte mit mir machen, was ihm beliebte, denn überall fand er einen Anwalt, der seine Sache führte. Ein Jeder durfte mich verdächtigen, mich beleidigen, auf mich einschlagen, denn überall gab es einen Paragraphen, der ihn schützte. Ich mußte um meines Eigentums willen sechs Jahre lang prozessieren, und als ich den Prozeß gewonnen hatte, bekam ich noch lange nichts und wurde wegen Meineides zweiundzwanzig Monate lang in Voruntersuchung genommen. Nun prozessiere ich schon fast zehn Jahre lang und habe noch immer kein Resultat. Das Gesetz will es nicht anders. Inzwischen aber bin ich wie ein Züchtling gewesen, den Jeder stäupen, quälen und martern darf, wie es ihm beliebt, wenn es ihm nur gelingt, sich mit einem jener Paragraphen zu bewaffnen, welche die Ideale aller "schneidigen" Anwälte sind. Jawohl, ich bin Gefangener, Zuchthäusler, noch immer! Ein Dutzend Prozesse haben mich festgehalten, damit ich ja nicht entweichen könne, und Jeder, der Geld von mir wollte, aber keines bekam, hat sich als Zuchtmeister gebärdet und auf mich eingeschlagen. Ich habe das Beste aller derer, für die ich schreibe, gewollt, ihr inneres und äußeres Heil, ihr gegenwärtiges und ihr zukünftiges Glück. Was gab man mir für diesen meinen guten Willen? Verachtung, Spott und Hohn! Als ich Zuchthäusler war, da war ich keiner. Und nun ich aber keiner bin, da bin ich einer. Warum?
Und Ihr lacht darüber, daß ich bildlich schreibe? Ist für uns, die wir die Allerärmsten sind, nicht selbst die Hölle und das Fegefeuer bildlich? Wo gibt es die Hölle, wenn nicht bei Euch? Und wo gibt es das Fegefeuer, wenn nicht bei uns? Dieses Fegefeuer meine ich, wenn ich symbolisch von meiner "Geisterschmiede" erzähle, deren fürchterliche Zeit ich heut oder morgen überwunden haben werde. Ich zürne Euch nicht, denn ich weiß, es mußte so sein. Es war meine Aufgabe, alles Schwere zu tragen und alles Bittere durchzukosten, was es hier zu tragen und durchzukosten gibt; ich habe das nun in meiner Arbeit zu verwenden. Ich bin nicht verbittert, denn ich kenne meine Schuld. Und was andere gezwungen an mir taten, das trage ich nicht nach. Ich bitte nur um das Eine: Laßt mir endlich, endlich Zeit, mit dieser Arbeit zu beginnen!
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Nach meines Lebens schwerem Arbeitstag Soll Feierabend sein im heil'gen Alter. Und was ich hier vielleicht noch schauen mag, Das sing ich Euch zur Harfe und zum Psalter. Ich habe nicht für mich bei Euch gelebt; Ich gab Euch alles, was mir Gott beschieden, Und wenn Ihr nun mir Haß für Liebe gebt, So bin ich auch mit solchem Dank zufrieden.
Nach meines Lebens schwerem Leidenstag Leg allen Gram ich nun in Gottes Hände. Und was mich hier vielleicht noch treffen mag, Das führe er in mir zum frohen Ende. Ich hab' die Schuld, die Ihr auf mich gelegt, Gewißlich nicht allein für mich getragen, Doch was dafür sich irdisch in mir regt, Das will ich gern nur noch dem Himmel sagen.
Nach meines Lebens schwerem Prüfungstag Wird nun wohl bald des Meisters Spruch erklingen, Doch, wie auch die Entscheidung fallen mag, Sie kann mir nichts als nur Erlösung bringen. Ich juble auf. Des Kerkers Schloß erklirrt; Ich werde endlich, endlich nun entlassen. Ade! Und wer sich weiter in mir irrt, Der mag getrost mich auch noch weiter hassen!
E n d e.
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